Abaza Siyâvuş Paşa (Spitzname: Köprülü Damadı, dt. Schwiegersohn des Köprülü; gest. 2. März 1688 in Istanbul) war ein osmanischer Großwesir (23. September 1687–2. März 1688).

Leben und Wirken Si̇yavuş war abchasischer Abstammung und gehörte als miftâh‑SklaveEin miftâh‑Sklave ist wörtlich ein „Schlüssel‑Sklave“ (von arab. miftâḥ = Schlüssel) und bezeichnet einen Haussklaven, der durch seine Nähe zum Herrn eine Schlüsselrolle im Zugang zu dessen Person und Haushalt spielt. Er ist also kein Sklave für grobe Arbeit, sondern ein besonders vertrauenswürdiger Diener im unmittelbaren persönlichen Dienst eines hohen Amtsträgers, der im Haushalt bzw. in der Entourage so etwas wie „Türöffner“ und Vertrauter ist. zum Haushalt des Großwesirs Köprülü Mehmed Pascha und heiratete dessen Tochter Ayşe Hatun, daher sein Beiname Köprülü Damadı, Schwiegersohn des Köprülü.

Nach dem Tod des Großwesirs im Jahr 1661 wurde er unter dessen ältestem Sohn, dem Großwesir Köprülü Fâzıl Ahmed Pascha, zum Kapıcılar‑KethüdasıEin Kapıcılar‑Kethüdası war der ranghöchste Offizier bzw. Aufseher der kaiserlichen Torwächter (kapıcılar) am Hof. Er fungierte als eine Art Haus‑ und Stabschef: zuständig für Organisation, Disziplin und Dienstgänge der Torwächter sowie als bevollmächtigter Vertreter seines Herrn in Hof‑ und Militärangelegenheiten. ernannt. Während der Amtszeit (Sadâret) Fâzıl Ahmed Paschas nahm er ab 1663 an den Feldzügen gegen Uyvar, Kreta und Kamaniçe teil. Aus dieser Zeit haben sich einige Dokumente über Aufgaben wie den Ankauf von Zelten und ähnlicher Ausrüstung für Scheich Vanî Efendi erhalten. Nach dem Tod des Großwesirs Ahmed Pascha im Jahr 1676 wurde Si̇yavuş Stellvertreter des auf Pilgerfahrt gegangenen Rikâb‑ı hümâyun‑Kapıcılar‑KethüdasıRikâb-ı hümâyun bedeutet „kaiserliche Sänfte/Equipage“ oder „kaiserliche Eskorte“ und bezeichnet die persönliche Gefolgschaft des Sultans bei Reisen oder Zeremonien (vom arab. rikâb = Steigbügel).

Der Rikâb-ı hümâyun-Kapıcılar-Kethüdası war somit der Kämmerer bzw. Hauptverwalter der Torwächtertruppe in der persönlichen Eskorte des Sultans. Er gehörte zur Elite der Kapıcılar (Palasttorwächter) und übernahm außerhalb der Divan-Sitzungen speziell die Begleitung des Sultans auf Reisen, bei Aufzügen oder Audienzen – quasi der „persönliche Stabschef“ für den Sultan unterwegs.. Im folgenden Jahr machte er selbst die Pilgerreise nach Mekka.

1678 war er zweiter Stallmeister des Sultans (mîrâhûr‑ı sânî), legte aber sein Amt auf Bitten des Großwesirs Merzifonlu Kara Mustafa Paschas nieder und nahm am Çehrin‑Feldzug mit seinen Lehnsleuten teil.

1681 wurde er Silâhdar‑Ağa des Heeres. Als während der Belagerung Wiens der CebecibaşıCebecibaşı ist der osmanisch-türkische Titel für den Oberbefehlshaber („başı“ = Kopf, Anführer) des Cebeci-Ocağı, einer elite Kapıkulu-Einheit im Osmanischen Heer. Die Cebecis stellten Waffen, Munition und Ausrüstung her, warteten sie und verteilten sie an Janitscharen sowie andere Truppen, insbesondere auf Feldzügen; sie verwalteten Arsenale und sicherten die Belieferung von Festungen. verwundet wurde (10. August 1683) erhielt Hacı Si̇yavuş Aga dessen Posten. Als nach der Niederlage vor Wien und der Hinrichtung Kara Mustafas eine Säuberungsaktionen gegen die Köprülü‑Familie begann, wurde er am 4. Januar 1684 in Edirne seines Postens enthoben, sein ZeâmetEin Zeâmet war im Osmanischen Reich ein mittelgroßes Lehen, das als Belohnung für militärische Dienste an höhere Offiziere oder Sipahis vergeben wurde. durfte er allerdings behalten.

Bereits am 31. Mai 1684 wurde er zum Ağa der Sipahis und am 31. Juli mit Wesirsrang zum Gouverneur von Diyarbakır ernannt. Die Sandschaks Malatya und Antep wurden ihm als persönlicher Besitz (has) zugewiesen; außerdem erhielt er aus dem Schatz 100.000 Kuruş als „Taschengeld“. Er erhielt Befehl, sich mit seinen Truppen nach Ungarn zu begeben und unter dem Bekrî Mustafa Pascha am Entsatz Ofens teilzunehmen. Dabei gelang es ihm, nahezu 1000 Soldaten in die eingeschlossene Festung Ofen hineinzubringen.

Als Nächstes folgte die Ernennung zum Beylerbeyi von Bosnien (wahrscheinlich im Dezember 1685). 1686 nahm er wieder am Feldzug in Ungarn teil und wurde am 13. Dezember 1686 zum Gouverneur von Aleppo ernannt; ihm wurde befohlen, mit seinen Truppen in Mitrovica und Banja Luka zu überwintern, im Frühjahr mit den ihm unterstellten Kontingenten aus Sivas und Diyarbakır sich den österreichischen Kräften als „Haupt und Horn“ entgegenzustellen und insbesondere eilig zum Schutz der Festung Esseg aufzubrechen.

Nach der Schlacht am Berg Harsan (12. August 1687), machten die osmanischen Truppen den Großwesir Sarı Süleyman Pascha für die Niederlage verantwortlich. Sarı Süleyman Pascha floh zusammen mit mehreren hohem Beamten (1. September) nach Belgrad. Am nächsten Tag ernannte das Heer Siyavuş Pascha zum Stellvertreter des Heeres (ordu kaymakamı). Sultan Mehmed IV., der von den Ereignissen unterrichtet wurde, ernannte Siyavuş Pascha umgehend zum Serasker und ließ seine Ernennung zum Kaymakam in die Sefer‑Mühimme‑Register eintragen

Inzwischen erließ Süleyman Pascha den Befehl, die Anführer der Revolte zu verhaften. Die Rebellen verständigten sich mit Siyavuş Pascha, verfassten eine von allen unterzeichnete Denkschrift, in der die Ereignisse ausführlich geschildert wurden, und sandten sie an die Hauptstadt. Zusammen mit der Weisung, das in Belgrad angelangte Heer dort überwintern zu lassen, erhielt Siyavuş Pascha am 23. September 1687 das Amt des Großwesirs, wobei ihm zugesichert wurde, all seine Forderungen zu erfüllen. Als erste Maßnahme entsandte der neue Großwesir den früheren Turnacıbaşı von Gallipoli als Sekbanbaşı nach Istanbul und ließ, noch in Varadin weilend, im Namen der rebellischen Korps‑Ağas einen geheimen Brief an den Şeyhülislâm Ankaravî Mehmed Emin Efendi überbringen, in dem er mitteilte, dass das Heer zur Absetzung des Sultans im Anmarsch sei. Der Şeyhülislâm versammelte daraufhin im Geheimen die Gelehrten und legte ihnen das Schreiben vor; das dort gefasste Votum sah die Absetzung Mehmeds IV. als rechtens an, und es wurde mit den Aufständischen unter der Bedingung ein Einvernehmen erzielt, die Hauptstadtbevölkerung nicht anzugreifen. Die Rebellen, die wiederholt betonten, ihnen stünden fünf ausstehende Ulûfe‑RatenUlûfe (osmanisch-türkisch: „Gehalt“, „Zulage“) war eine jährliche oder monatliche Zahlung in bar oder Naturalien, die ab dem 15. Jahrhundert standardisiert wurde. Es diente der Versorgung des Kapıkulu-Kavalleri (Haustruppen) und später der gesamten Ilmiye- und Kalemiye-Hierarchie. zu, säuberten das Heer von ihren Gegnern; kurze Zeit später wurden der ehemalige Großwesir und Kaymakam hingerichtet, und anstelle des verstorbenen Şeyhülislâm wurde Debbağzâde Mehmed Efendi eingesetzt. In der Absicht, eine Gegenmaßnahme gegen die Aufständischen zu schaffen, ernannte Mehmed IV. den Schwager des Großwesirs, Köprülüzâde Fâzıl Mustafa Pascha, am 7. Oktober 1687 zum zweiten Wesir und Stellvertreter am Hof (rikâb‑kaymakamı) und berief ihn eilig nach Istanbul.

Trotz der Spannungen in ihren Reihen setzte das Heer seinen Marsch auf Istanbul fort und beharrte schriftlich wie mündlich auf der Forderung, den Sultan abzusetzen. Der Großwesir, der zögernd der Einquartierung des Heeres in Edirne zugestimmt hatte, wurde schließlich zum Aufbruch gedrängt, und das Heer erreichte Silivri. Es wird angenommen, dass Siyavuş Pascha in dieser letzten Phase versuchte, beide Seiten zugleich zu beschwichtigen. In der anschließenden Beratung in der Ayasofya‑Moschee, an der neben Kaymakam Köprülüzâde Mustafa auch führende Vertreter der Gelehrten teilnahmen (7. November 1687), wurde noch am selben Tag Mehmed IV. abgesetzt und Sultan Süleyman II. bestieg den Thron (8. November 1687). Am 11. November zog der Großwesir Siyavuş Pascha in Istanbul ein.

Am 18. November wurden den Janitscharen fünf, den übrigen Truppen drei ausstehende Ulûfe‑Raten ausgezahlt. Dass das Throngeld (cülûs bahşişi) nicht ausbezahlt werden konnte, löste jedoch vielfältigen Unmut unter Janitscharen und Sipahis aus. Aus der Veräußerung von Silbergerät aus dem Palast wurde Bargeld beschafft; den Anführern der Janitscharen und Sipahis wurde die Erhebung der Sondersteuer imdâdiyye gestattet, um wenigstens teilweise den Forderungen nach Ulûfe, Throngeld und Beförderungen nachzukommen. Wegen der Unruhen konnte die erste Sitzung des Divans erst am 22. Dezember 1687 abgehalten werden. In den Monaten von seiner Ernennung zum Serasker an bis zum Ende seiner Großwesirschaft setzten sich die militärischen Misserfolge gegen Österreich, Polen und Venedig fort und wichtige Festungen wie Esseg, Eğri, Varadin, Lipova, Szigetvár und Stuhlweißenburg gingen verloren.

Da Siyavuş Pascha unter dem Einfluss des zweiten Wesirs Köprülüzâde Fâzıl Mustafa Pascha stand, wurde ihm zunehmend nahegelegt, einen Weg zu finden, die Aufrührer in der Armee zu beseitigen. Daraufhin ergriff er gemeinsam mit Süleyman Ağa aus Harput, den er zum Janitscharen‑Ağa gemacht hatte, die Initiative. Doch erzwangen die Aufständischen die Absetzung Mustafa Paschas (13. Februar 1688) und wenige Tage später auch die Entlassung des Şeyhülislâm Debbağzâde. Unter dem Druck des als Zorbabaşı agierenden Janitscharen Fetvacı Ahmed Çavuş wurde gefordert, Großwesir Siyavuş Pascha zum Feldzug nach Ungarn zu schicken, und am 21. Februar wurden die Fahnen des Großwesirs hinausgetragen. Als der Janitscharen‑Ağa Süleyman ohne Vorwissen des Großwesirs den Zorbabaşı Fetvacı Ahmed Çavuş töten ließ, löste dies einen Gegenschlag der übrigen Aufrührer aus, die erkannten, dass sie als Nächste an der Reihe waren. Am selben Tag beseitigten die Janitscharen Süleyman Ağa, erzwangen vom Sultan die Absetzung des Großwesirs, und der neue Janitscharen‑Ağa Hacı Ali rückte an der Spitze einer großen Menge mit fünfzehn bis zwanzig Geschützen gegen den Siyavuş‑Pascha‑Palast vor und forderte die Herausgabe des Sadâret‑Siegels. Siyavuş Pascha, der das Siegel dem bei ihm anwesenden Şeyhülislâm übergab und die hohen Staatsbeamten nach draußen schickte, verteidigte den Palast mit etwa fünfzig Mann. In den bis zur Zeit des Morgengebets andauernden Kämpfen wurde er jedoch getötet (2. März 1688). Sein Sohn Hüseyin Pascha fiel ebenfalls. Zeitgenössische Chronisten berichten von den Misshandlungen, denen der Leichnam des früheren Großwesirs, seine Gemahlin – eine Tochter Köprülü Mehmed Paschas – und die Frauen seines Harems ausgesetzt waren, und von der bis zum Mittag währenden Plünderung des Palastes.

Siyavuş Paschas Grab befindet sich in Üsküdar, rechterhand an der Straße von Tunusbağı nach Çiçekçi, inmitten eines Friedhofs. Die Inschrift bezeichnet ihn als „Märtyrer Hacı Siyavuş Pascha“, das auf dem Grabstein eingravierte Gedicht stammt von Nakşî İbrâhim Efendi, einem der Şeyhs des Sünbüliyye‑Ordens (gest. 1114/1702). Als einer seiner Lehrer wird Seyyid Nesîb Yusuf Dede, Şeyh des Yenikapı‑Mevlevîhane, genannt. Über Siyavuş Pascha herrscht Einigkeit hinsichtlich seiner Meisterschaft in Reitkunst und Bogenschießen, seiner Frömmigkeit und Tapferkeit im Krieg; zugleich wird betont, dass er von der hohen Staatspolitik wenig verstand und politisch wenig Weitsicht besaß.

Literatur Fi̇kret Saricaoğl, Si̇yavuş Paşa, Köprülü Damadı in TDVIA Siyavuş Paşa in Biyografya

Einzelnachweise

Kategorie:Großwesir des Osmanischen Reiches Kategorie:Geboren im 16. oder 17. Jahrhundert Kategorie:Gestorben 1688 Kategorie:Mann