KoliBri (steht für Komponentenbibliothek für die Barrierefreiheit) ist eine freie Programmbibliothek mit über 50 Web Components, fertigen Bausteinen für Websites und Webanwendungen. Sie wird vom Informationstechnikzentrum Bund (ITZBund) entwickelt und wurde im Oktober 2022 als Open Source veröffentlicht. Die Komponenten bringen nach Angaben der Entwickler die Strukturen für Barrierefreiheit mit: Sie geben den Elementen eine Bedeutung, die Screenreader erfassen. Für Frameworks wie React oder Angular gibt es Adapter, die die Einbindung übernehmen.
Geschichte Die Entwicklung begann 2020 im ITZBund mit einem Prototyp, der interne Projektstart folgte Anfang 2021. Auslöser war unter anderem die Pflicht öffentlicher Stellen des Bundes, ihre Websites und mobilen Anwendungen nach dem Behindertengleichstellungsgesetz barrierefrei zu gestalten. Am 13. Oktober 2022 erschien mit 1.1.7 die erste öffentliche Version, veröffentlicht unter der European Union Public Licence (EUPL), einer freien Lizenz der Europäischen Union. Die Hauptversionen 2.0, 3.0 und 4.0 erschienen im Dezember 2023, im Juni 2025 und im Januar 2026. Parallel zur neuesten Hauptversion pflegt das Projekt nach seiner Roadmap eine ausgewählte LTS-Version mit Fehlerkorrekturen.
Aufbau und Funktionsweise Ausgangspunkt des Projekts ist die Beobachtung, dass ein HTML-Button nicht ohne Weiteres barrierefrei ist. KoliBri setzt hierfür auf den Web-Components-Standard: Die Komponenten sind Custom Elements, also selbst definierte HTML-Elemente, und erweitern HTML, ohne den Standard selbst zu verändern. Das Manifest bringt das Ziel auf einen Satz: „We make the HTML accessible and themeable for reuse“ (deutsch: „Wir machen HTML barrierefrei und themenfähig für die Wiederverwendung“). KoliBri ist kein JavaScript-Framework und tritt nicht an die Stelle von React, Vue.js oder Angular. Die Bibliothek liefert die Oberflächenbausteine, die Anwendungslogik bleibt im jeweiligen Framework. Adapter für Angular, React, Vue.js, Solid, Preact und Svelte verbinden beides. Die Dokumentation erscheint auf Deutsch und Englisch.
Komponenten KoliBri enthält Komponenten für Oberflächenelemente wie Schaltflächen, Formulare, Tabellen und Navigationen. Select oder InputText ummanteln zum Beispiel native HTML-Elemente und nutzen deren Semantik. Laut Dokumentation sind zusätzliche ARIA-Rollen dabei nicht erforderlich. Das Innere der Komponenten ist gekapselt, technisch über den Shadow DOM gelöst: Von außen nutzt man das fertige Element, nicht seinen Innenaufbau. Nach dem Manifest bleibt der Zugriff darauf restriktiv, Anwendungen arbeiten mit den definierten APIs. Komponenten werden wie native Elemente im Markup eingesetzt. Ihre Eigenschaften tragen zur Vermeidung von Konflikten mit Standard-HTML-Attributen einen Unterstrich als Präfix, zum Beispiel _label:
<kol-button _label="Klick mich"></kol-button>
Funktionsfähig wird das Element erst, nachdem die Komponenten über eine register-Funktion registriert wurden. Das übergebene Theme bestimmt ihr Erscheinungsbild.
Barrierefreiheit Nach Darstellung des ITZBund orientieren sich die Komponenten an den Web Content Accessibility Guidelines (WCAG), der europäischen Norm EN 301 549 und der Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV 2.0). Die Norm verweist in der Fassung von 2021 auf die WCAG 2.1; die 2026 veröffentlichte Neufassung übernimmt die WCAG 2.2. Die Projektdokumentation gibt an, dass die Komponenten die Anforderungen der BITV 2.0 und der WCAG 2.2 erfüllen. Zudem ordnet sie die Bibliothek dem Servicestandard für digitale Verwaltungsleistungen (DIN SPEC 66336) zu. Mit ARIA (Accessible Rich Internet Applications) teilen Websites Hilfsmitteln wie Screenreadern mit, wozu ein Element dient.
Die Projektdokumentation listet zugleich bekannte Probleme auf. Screenreader-Ausgaben variieren demnach je nach Browser. In Firefox wirken ARIA-Beschriftungen auf manchen Komponenten nicht, und bei Mehrfachauswahl in Select wird oft nur die zuletzt gewählte Option vorgelesen.
Themes Die Gestaltung ist von der Komponentenstruktur getrennt. Sie wird über Themes aus CSS Custom Properties und SCSS beschrieben. Themes werden als eigene Pakete ausgeliefert, zum Beispiel @public-ui/theme-default. Bestehende Designvorgaben lassen sich laut Dokumentation über eigene Themes umsetzen, ohne die Komponenten anzupassen. Komponenten und die vom ITZBund gepflegten Themes werden mit dem BITV-Test geprüft, dem Prüfverfahren des BIK-Verbunds, das von externen Prüfstellen durchgeführt wird. Die Ergebnisse veröffentlicht das Projekt auf seiner Dokumentationsseite.
Verbreitung und Rezeption Für die FOSSGIS-Konferenz 2025 hat Christian Weidner vom Fraunhofer-Institut FOKUS eine Fallstudie zur Open-Source-Governance im öffentlichen Sektor geschrieben. KoliBri ist darin eines von drei Fallbeispielen. An der Entwicklung sind demnach mehrere weitere öffentliche Einrichtungen beteiligt. Als Schwäche bewertet die Studie eine überschaubare Community. Weniger Organisationen nähmen am Projekt teil als erwartet, und viele Nachnutzende entwickelten die Komponenten eher selbst weiter.
Ein nachnutzendes Projekt ist der UX-Standard KERN, ein offener Gestaltungsstandard für die deutsche Verwaltung. KERN wird unter anderem von den Ländern Hamburg und Schleswig-Holstein entwickelt und seit Dezember 2024 als Basis für die Digitale Dachmarke des Bundes eingesetzt. Das KERN Developer-Kit baut laut Projektangaben auf KoliBri auf. Die Föderale IT-Kooperation (FITKO), die IT-Zusammenarbeit von Bund und Ländern, führt KoliBri in ihrer Ressourcenliste mit dem Status „Produktiv“.
In einer Blogreihe des Kompetenzzentrums Öffentliche IT (ÖFIT) über Open Source in der öffentlichen Verwaltung wird KoliBri 2023 als Beispiel für eine barrierefreie Komponentenbibliothek vorgestellt. Im Portal AccessibleEU der Europäischen Kommission ist KoliBri in der Rubrik „Good Practices“ eingetragen. Der Eintrag beschreibt die Bibliothek als generische Referenzimplementierung der WCAG-Standards und der BITV.
Weblinks KoliBri – Public UI Dokumentation Quellcode auf GitHub (englisch)
Einzelnachweise
Kategorie:Freie Software Kategorie:JavaScript-Bibliothek Kategorie:Barrierefreiheit