Eigenfetttransplantation (auch Lipofilling, Eigenfetttransfer oder autologe Fetttransplantation) bezeichnet ein chirurgisches Verfahren, bei dem körpereigenes Fettgewebe entnommen, aufbereitet und in ein anderes Areal des Körpers transplantiert wird. Häufige Zielsetzungen sind der Volumenaufbau und die Konturkorrektur; das Verfahren wird in der plastischen, rekonstruktiven und ästhetischen Chirurgie eingesetzt.Francesco Simonacci, Nicolò Bertozzi, Michele Pio Grieco, Eugenio Grignaffini, Edoardo Raposio: Procedure, applications, and outcomes of autologous fat grafting. In: Annals of Medicine and Surgery (Lond). 2017;20:49–60. doi:10.1016/j.amsu.2017.06.059. PMID 28702187.Karol A. Gutowski: Current applications and safety of autologous fat grafts: a report of the ASPS fat graft task force. In: Plastic and Reconstructive Surgery. 2009;124(1):272–280. doi:10.1097/PRS.0b013e3181a09506. PMID 19346997.
Geschichte Die Transplantation von Fettgewebe ist seit dem späten 19. Jahrhundert beschrieben. Als frühe Anwendung wird die Transplantation von Fett unter atrophische Narben durch den deutschen Chirurgen Gustav Neuber (1893) genannt; kurz danach wird Vincent Czerny als Pionier der Verwendung autologen Fettgewebes in der Brustchirurgie beschrieben (u. a. im Kontext postoperativer Defekte).Elizabeth R. Zielins, Elizabeth A. Brett, Michael T. Longaker, Derrick C. Wan: Autologous Fat Grafting: The Science Behind the Surgery. In: Aesthetic Surgery Journal. 2016;36(4):488–496. doi:10.1093/asj/sjw004. PMID 26961989. Mit der Verbreitung liposuktiver Techniken stieg die Verfügbarkeit von Fettgewebe als Transplantat und standardisierte Protokolle zur Aufbereitung wurden entwickelt.Sydney R. Coleman: Structural fat grafting: more than a permanent filler. In: Plastic and Reconstructive Surgery. 2006;118(3 Suppl):108–120. doi:10.1097/01.prs.0000234610.81672.e7. PMID 16936550.
Biologische und klinische Grundlagen Transplantiertes Fettgewebe besteht aus Adipozyten sowie weiteren Zellpopulationen (u. a. stromal-vaskuläre Zellen). Neben dem reinen Auffülleffekt werden auch mögliche indirekte Wirkungen auf das umliegende Gewebe beschrieben, zum Beispiel auf die Bildung neuer Blutgefäße oder die Gewebequalität. Ob und in welchem Ausmaß diese Effekte tatsächlich auftreten, ist wissenschaftlich nicht eindeutig geklärt und hängt von der jeweiligen Anwendung und den zugrunde liegenden Studien ab.
Verfahrensprinzip Das Verfahren umfasst typischerweise drei Prozessschritte: Entnahme, Aufbereitung und Re-Injektion/Implantation.L. Prantl, H. O. Rennekampff, R. E. Giunta, u. a.: Aktuelle Erkenntnisse zur Eigenfetttransplantation anhand der neuen Leitlinie „Autologe Fetttransplantation“ (engl. Titel in PubMed: Current Perceptions of Lipofilling on the Basis of the New Guideline on "Autologous Fat Grafting"). In: Handchirurgie · Mikrochirurgie · Plastische Chirurgie. 2016;48(6):330–336. doi:10.1055/s-0042-117635. PMID 27832668.
Entnahme: Häufig wird Fettgewebe mittels Liposuktion (oft unter Tumeszenztechnik) gewonnen; dabei werden in Leitlinien und Übersichtsarbeiten v. a. Aspekte der Gewebeschonung und Standardisierung diskutiert.G. F. Broelsch, S. Könneker, R. Ipaktchi, P. M. Vogt: Current German and American guidelines for autologous fat grafting – a transatlantic comparison. In: Handchirurgie · Mikrochirurgie · Plastische Chirurgie. 2017;49(6):408–414. doi:10.1055/s-0043-118595. PMID 29260893. Aufbereitung: Ziel ist die Abtrennung von Blut-/Tumeszenzanteilen und Öl aus lysierten Zellen. In wissenschaftlichen Veröffentlichungen werden verschiedene Verfahren beschrieben, etwa das Dekantieren, das Filtern oder das Zentrifugieren. Ein allgemein anerkanntes Standardverfahren existiert bislang nicht, da die Studienlage uneinheitlich ist und verbindliche Standards fehlen. Transplantation: Damit das Fett anwächst, ist zunächst die Versorgung durch Nährstoffaustausch und anschließend die Neubildung von Blutgefäßen entscheidend. Es wird daher beschrieben, das Fett in kleinen Mengen und auf mehrere Gewebeschichten verteilt einzubringen. Größere Fettansammlungen gelten als problematisch, da sie das Risiko für Gewebsuntergang, Ölzysten und spätere Verkalkungen erhöhen können.
Anwendungsgebiete Rekonstruktive Chirurgie Brustrekonstruktion: Einsatz u. a. zur Korrektur von Konturunregelmäßigkeiten/Asymmetrien nach brusterhaltender Therapie oder Mastektomie sowie als Ergänzung rekonstruktiver Verfahren. Narben- und Gewebequalität: Anwendung bei Narben und in der Literatur auch bei strahlengeschädigtem Gewebe beschrieben; die Evidenz ist abhängig von Indikation und Studiendesign. Angeborene oder erworbene Weichteildefekte: Verwendung zur Volumen- und Konturkorrektur in verschiedenen anatomischen Regionen.
Ästhetische Chirurgie Gesichts-/Weichteilaugmentation und -verjüngung: z. B. bei altersbedingten Volumenverlusten; Ergebnisse und Messmethoden sind in Studien teils heterogen.Sahra Nasim, Henna Nasim, Martin Kauke, Ali-Farid Safi: Autologous fat grafting for cosmetic temporal augmentation: a systematic review. In: Frontiers in Surgery. 2024;11:1410162. doi:10.3389/fsurg.2024.1410162. PMID 39371685. Brustvergrößerung: Als Option zur Vergrößerung der Brust. Anstelle von Brustimplantaten oder auch in Kombination mit Implantaten als Hybrid-Brustvergrößerung. Gesäßaugmentation (Brazilian Butt Lift): Eigenfetttransplantation wird auch zur Gesäßvergrößerung eingesetzt; Beschrieben sind speziell in dieser Körperregion spezifische lebensbedrohliche Risiken.A. Elsaftawy, M. Bonczar, M. Jagosz, u. a.: Gluteal Augmentation with Fat Grafting: A Systematic Review and Meta-Analysis of Complications and Procedural Factors. In: Plastic and Reconstructive Surgery. 2025 Oct 6. doi:10.1097/PRS.0000000000012437. PMID 41051287. Körperkonturierung (Body-Contouring) / Hüftkontur („Hip dips“, Trochanterdepression): Eigenfetttransfer wird auch zur Konturierung angrenzender Regionen des Gesäßes eingesetzt, insbesondere zur Auffüllung lateraler Einsenkungen über dem Trochanter major („Trochanterdepression“, umgangssprachlich „Hip-Dips“).
Ergebnisse und Evidenzlage Ein zentrales Merkmal der Eigenfetttransplantation ist die variable Volumenpersistenz. Systematische Übersichten berichten breite Spannen der Resorption bzw. Retention; Vergleichbarkeit wird durch unterschiedliche Techniken, Patientenkollektive und Messmethoden eingeschränkt. In Leitlinien- und Übersichtsarbeiten wird daher wiederholt die Bedeutung standardisierter Dokumentation und definierter Outcome-Parameter hervorgehoben.
Risiken und Komplikationen Beschriebene Komplikationen sind unter anderem Hämatome, Infektionen, Konturunregelmäßigkeiten, Fettnekrosen, Ölzysten und Verkalkungen. Die berichteten Häufigkeiten unterscheiden sich deutlich je nach Indikation und Studiendesign.
Im Vergleich zu Eigenfetttransplantationen in anderen Körperregionen ist das Risiko beim Brazilian Butt Lift deutlich erhöht. Internationale Fachgesellschaften für plastische Chirurgie haben daher Sicherheitswarnungen veröffentlicht. In der Literatur wird zwischen oberflächlichen Fettinjektionen in das Unterhautfettgewebe, etwa zur Brustrekonstruktion oder zur Korrektur von Hip Dips, und der Gesäßvergrößerung mittels Brazilian Butt Lift unterschieden. Letztere ist insbesondere bei intramuskulärer Injektion mit einem deutlich erhöhten Risiko schwerer, potenziell lebensbedrohlicher Komplikationen verbunden, vor allem von Fettembolien.A. Elsaftawy, M. Bonczar, M. Jagosz, u. a.: Gluteal Augmentation with Fat Grafting: A Systematic Review and Meta-Analysis of Complications and Procedural Factors. In: Plastic and Reconstructive Surgery. 2025 Oct 6. doi:10.1097/PRS.0000000000012437. PMID 41051287.
Onkologische Sicherheit und Bildgebung bei Brustanwendungen Die onkologische Sicherheit der Eigenfetttransplantation im Kontext nach Brustkrebs-Therapie wurde in der Literatur lange kontrovers diskutiert. Systematische Reviews/Meta-Analysen fanden insgesamt keine signifikante Erhöhung der Rezidivrate im Vergleich zu Kontrollgruppen.R. Goncalves, B. Salani Mota, B. Sobreira-Lima, u. a.: The oncological safety of autologous fat grafting: a systematic review and meta-analysis. In: BMC Cancer. 2022;22:391. doi:10.1186/s12885-022-09485-5. PMID 35393037.T. K. Krastev, S. J. Schop, J. Hommes, u. a.: Meta-analysis of the oncological safety of autologous fat transfer after breast cancer. In: British Journal of Surgery. 2018;105(9):1082–1097. doi:10.1002/bjs.10887. PMID 29873061.
Nach Fetttransplantation können im Empfängerareal bildgebende Veränderungen (z. B. Fettnekrosen und Verkalkungen) auftreten, die in der Mammographie bzw. anderen Verfahren differenzialdiagnostisch abgeklärt werden müssen. Das Risiko von auffälligen Verkalkungen ist jedoch laut Studienlage geringer als bei z. B. Brustverkleinerungen.
Einzelnachweise
Kategorie:Plastische Chirurgie Kategorie:Therapeutisches Verfahren in der plastischen Chirurgie