Rolf Vogt (* 30. Januar 1939 in Nikopol; † 4. Oktober 2025 in Heidelberghttps://trauer.rnz.de/traueranzeige/rolf-vogt) war ein deutscher Psychoanalytiker und Hochschullehrer für Psychoanalyse. Er hat die Lehrbarkeit der Psychoanalyse an den Universitäten vertreten. Auf dem Hintergrund des Ödipusmythos hat er den Ödipuskomplex in seiner Vielschichtigkeit aktualisiert. Die Nachwirkungen von Nationalsozialismus und Shoa in Deutschland wies er unter anderem in den Debatten mit Rainer Werner Fassbinder und Daniel Goldhagen nach.

Leben Rolf Vogt wurde in Nikopol, damals UdSSR, heute Ukraine, als Sohn wolgadeutscher Eltern geboren. Mit seiner Mutter floh er 1943–1945 nach Deutschland. Am humanistischen Gymnasium Ingolstadt machte er 1959 das Abitur und studierte danach bis 1964 Psychologie in Freiburg. Er arbeitete als klinischer Psychologe an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Neurologie unter Walter von Baeyer (1965–1969) und danach 1969–1977 an der Psychosomatischen Klinik Heidelberg unter Walter Bräutigam. 1970–1975 absolvierte er die Ausbildung zum Psychoanalytiker am DGPT-Institut Heidelberg. Von 1977 bis 1980 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter des Sigmund-Freud-Instituts der Universität Frankfurt unter Hermann Argelander. 1978–1982 bildete er sich zum Psychoanalytiker der DPV/IPA weiter. Von 1980 bis 2006 war er Professor für psychoanalytische Theorie, Therapie und Krankheitslehre am Psychologischen Institut der Universität Bremen. Vogt praktizierte in Heidelberg als Psychoanalytiker, Lehranalytiker, Supervisor und Dozent. Er war von 1992 bis 1996 Vorsitzender des psychoanalytischen Instituts Heidelberg der DPV. Von 1996 bis 2002 war Rolf Vogt Mitherausgeber der Zeitschrift Psyche.

Wirken Vogts psychoanalytischer Boden war die objektbeziehungstheoretisch Objektbeziehungstheorie verstandene und weitergedachte Triebtheorie Freuds mit dem Ödipuskomplex im Zentrum, er war ein Freudianer im Sinne eines Mit-Freud-über-Freud-hinaus. Die Freud-Nähe ist kein Zufall: Freud wie Vogt waren tief durch ihre klassische humanistische Bildung geprägt, und der Mythos war für sie nicht etwas zur erbaulichen Narration Heruntergekommenes, sondern die Darstellung realer Wirkmächte im Leben der Menschen. Beide sind Aufklärer mit der Hoffnung darauf, dass die „leise Stimme des Intellekts“ sich schließlich durchsetzen werde, wie Freud sagteSigmund Freud: Die Zukunft einer Illusion. In: Gesammelte Werke. Band XIV. Fischer, Frankfurt am Main 1948, ISBN 3-596-50300-0, S. 117.. Beide wissen aber auch um die Macht der gegen den Intellekt und die Kultur gerichteten sexuellen und destruktiven inneren Kräfte, die uns der Mythos vor Augen stellt. So versteht sich die Bedeutung der Trieblehre Triebtheorie: Sie ist die Repräsentanz des Mythos in der Psychoanalyse ‒ in Freuds Worten: „Die Trieblehre ist sozusagen unsere Mythologie. Die Triebe sind mythische Wesen, großartig in ihrer Unbestimmtheit“Sigmund Freud: Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. In: Gesammelte Werke. Band XV, Fischer, Frankfurt am Main 1948, ISBN 3-596-50300-0, S. 101.. Vogts Denken ist in diesem Spannungsfeld von Intellekt und Mythos situiert, wie es schon der Titel seines Buchs zum Ausdruck bringt: Psychoanalyse zwischen Mythos und Aufklärung oder Das Rätsel der SphinxPsychoanalyse zwischen Mythos und Aufklärung oder Das Rätsel der Sphinx. Frankfurt, New York 1986, Fischer Taschenbuch, 1989.. Das Buch ist ein wichtiger psychoanalytischer Beitrag. Es zeigt die Entwicklung der analytischen Selbstreflexion, der Selbstanalyse und stellt ihre Bedrohung durch die zugleich notwendige Institutionalisierung der Psychoanalyse vor Augen.

Rolf Vogt hat sich insbesondere in vielen Beiträgen mit den Nachwirkungen des Nationalsozialismus und der Shoa auf die gesellschaftspolitische Diskussion im Nachkriegsdeutschland auseinandergesetzt. Zusammen mit seiner Frau hat er sich in die Debatte um das Buch Daniel Goldhagens Hitlers willig Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust mit psychoanalytischen Argumenten eingebracht. Er fand bei den zahlreichen Kritikern Goldhagens, dass sie Abwehrmechanismen unterliegen wie Verleugnung des Antisemitismus in Deutschland, projektive Abwehr unbewusster entlehnter Schuldgefühle der Deutschen, Rationalisierung von Betroffenheit und Verkehrung der Täter in Opfer.Typische Abwehrformen bei Deutschen gegen die Erinnerung an die Ermordung der Juden. Sozialpsychologische und individuell-klinische Aspekte. In: Bohleber, W., Drews, S. (Hrsg.): Die Gegenwart der Psychoanalyse – die Psychoanalyse der Gegenwart. Klett-Cotta, Stuttgart 2000, ISBN 3-608-94349-8, S. 107–119.

Rolf Vogt war einer der wenigen deutschen Hochschullehrer im Bereich der klinischen Psychologie mit Expertise für Psychoanalyse. Er plädierte auf dem Hintergrund seiner Erfahrungen an der Universität Bremen für die Lehrbarkeit der Psychoanalyse an der Hochschule.Fritz Lackinger, Hemma Rössler-Schülein: Psychoanalyse und Universität – Zur Verbindung von akademischer Lehre und analytischer Praxis. Psychosozial-Verlag Gießen, 2017. ISBN 978-3-8379-2727-6

Schriften Zu Rolf Vogts Veröffentlichungen gehören:

Klinische Psychoanalyse als Ausbildungsinhalt. Bremer Beiträge zur Psychologie 1981; Nr. 6: Reihe B, Beitr. zur Studienreform. Uni Bremen, https://d-nb.info/840200862. Psychoanalyse zwischen Mythos und Aufklärung oder Das Rätsel der Sphinx. Frankfurt, New York 1986 https://d-nb.info/860042669, Fischer Taschenbuch, 1989. Der Ödipusmythos und der Ödipuskomplex. In: Religion. Mythos. Illusion Die Visionen der Erlösung und der Entzug der Bilder. Fragmente, Schriftenreihe zu Psychoanalyse Gesamthochschulbibliothek Kassel, ISSN 0720-5813,1989. Innere und äußere Realität in Psychoanalysen. Psyche-ZPsychoanal 1988, S. 657–688. Aktuelle Bemerkungen zu Freuds Abhandlung »Die Frage der Laienanalyse«. Psyche-ZPsychoanal 1992, S. 145–177 Psychoanalyse an der Universität. In: Kasseler Universitätsreden 12, ISBN 3-88122-759-8, S. 24–37. Rainer Werner Fassbinders »Der Müll, die Stadt und der Tod« – eine deutsche Seelenlandschaft. Psyche-ZPsychoanal 1995, S. 309–372 Die Beziehung in der psychoanalytischen Beratung. In: Ermann, M. (Hrsg.): Die hilfreiche Beziehung in der Psychoanalyse. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, ISBN 978-3-525-45753-5, 1996. Goldhagen und die Deutschen. Psychoanalytische Reflexionen über die Resonanz auf ein Buch und seinen Autor in der deutschen Öffentlichkeit. Zusammen mit Barbara Vogt. Psyche-ZPsychoanal, 1997, S. 494–569. Zur »Wiederkehr des Dritten Reiches in der Psychotherapie«. Eine Auseinandersetzung mit Tilman Moser über psychoanalytische Behandlungstechnik. Psyche-ZPsychoanal 1997, S. 996–1015. Der Tod von Paul Celan. Psyche-ZPsychoanal 2000, S. 1038–1063. ›Frankfurt, September‹. Die kulturpsychoanalytische Interpretation eines Gedichts von Paul Celan. Psyche-ZPsychoanal 2000, S. 426–453. Typische Abwehrformen bei Deutschen gegen die Erinnerung an die Ermordung der Juden. Sozialpsychologische und individuell-klinische Aspekte. In: Bohleber, W., Drews, S. (Hrsg.): Die Gegenwart der Psychoanalyse – die Psychoanalyse der Gegenwart. Klett-Cotta, Stuttgart 2000, ISBN 3-608-94349-8, S. 107–119. Psychoanalyse und Psychotherapie – zwei feindliche Schwestern? Psychoanalyse im Widerspruch, 27/2002, ISSN 0941-5378, S. 19–28 Der »Todestrieb«, ein notwendiger, möglicher oder unmöglicher Begriff? Psyche-ZPsychoanal 2001, S. 878–905. Psychoanalyse als gleichberechtigtes Lehrfach im Studiengang Psychologie der Universität Bremen von 1980–2004. Psychoanalyse im Widerspruch, 46/2011, ISSN 0941-5378, S. 19–34 Ein psychoanalytischer Blick auf die Flüchtlingskrise und den Brexit als Ausdruckformen der politischen Utopie „Europa“. Psychoanalyse im Widerspruch, 2017, ISSN 0941-5378, S. 9–32

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