mini|Streckenverlauf der Bahnstrecke Bremen-Farge–Bremen-Vegesack mit der Endstation Bremen-FargeFarge ist seit 1. April 1940 ein Ortsteil des Bremer Stadtteils Blumenthal im Stadtbezirk Nord. 1939 wurde es aus dem Land Preußen (Provinz Hannover) aus- und nach Bremen eingegliedert. Vorher war Farge ein Teil des Landkreises Osterholz bzw. des Kreises Blumenthal.

Von 1923 bis ca. 1960 umfasste Farge auch die Nachbargemeinde Rekum; seither werden Farge und Rekum von der bremischen Stadtverwaltung als getrennte Ortsteile aufgeführt. 2014 hatte das 539 ha große Farge 2820 Einwohner.

Bedeutung erhielt Farge durch die besonderen militärischen Bauten, die das NS-Regime im Ort und der näheren Umgebung durchführen ließ (Wifo-Tanklager, U-Boot-Bunker Valentin, Kriegsmarinetanklager), und die zugehörigen Arbeitslager (KZ-Farge, Arbeitserziehungslager Farge).

Geschichte mini|Dienstsiegel der Gemeinde Farge im Kreis Osterholz 1939, mit Unterschrift des Bürgermeisters Kühlke mini|Gebäude der ehemaligen Stuhlrohrfabrik von 1893, im heutigen Gewerbegebiet Bernhardt-Ring in Farge mini|Stuhlrohrfabrik, Seitenansicht (2017) Von 1500 bis 1933 Der Ortsname Farge deutet auf die Nähe zur Weser und die Existenz einer Fähre, die auch noch heute existiert (Schwerlastfähre Farge-Berne). Der Name Farge ist erstmals 1586 belegt.

Nach dem Ersten Bremisch-Schwedischen Krieg 1654 kam das Gebiet als Herzogtum Bremen unter schwedische Hoheit, 1715 wurde es Teil des Kurfürstentums Braunschweig-Lüneburg (später als Kurfürstentum Hannover bezeichnet). Die von den 1850er Jahren bis um 1914 rasch wachsende eigenständige Gemeinde Farge gehörte zum Landkreis Blumenthal und damit bis 1866 zum Königreich Hannover, danach bis 1939 zur preußischen Provinz Hannover. 1932 wurde Farge mitsamt dem aufgelösten Kreis Blumenthal dem Landkreis Osterholz zugeordnet. Am 1. November 1939 wurde die Gemeinde Farge aufgrund der Vierten Verordnung über den Neuaufbau des Reichs aus dem Regierungsbezirk Stade aus- und in die Freie Hansestadt Bremen eingegliedert.

Ausgehend von vier Bauernhöfen entwickelte sich das Dorf vorwiegend längs des Weserufers. Um 1853 bestand es aus 39 Strohdach-Häusern von Bauern und Kahnschiffern.

1852 hielt die Industrie ihren Einzug. 1853 wurde in Farge mit englischem Kapital, englischen Arbeitern und unter einem englischen Direktor die Steingutfabrik Witteburg am Weserufer errichtet, in der englischer weißer Ton verarbeitet wurde. Für die englischen Arbeiter wurden in der heutigen Koloniestraße Werkswohnungen gebaut, zehn Doppelhäuser mit Ziegeldächern, ähnlich den damaligen englischen Arbeitersiedlungen. Sie existieren heute (2018) noch. Die Fabrikation wurde 1953 eingestellt, die Fabrik-Gebäude wurden bis 1965 spurlos beseitigt.

1884 bis 1888 wurde die private Farge-Vegesacker Eisenbahn gebaut, hauptsächlich für den Güterverkehr zur Steingutfabrik Witteborg in Farge und zur 1883 gegründeten Bremer Wollkämmerei in Blumenthal. 1893 wurde hinter dem Bahnhof ein Fabrikgebäude der Firma Vereinigte Holzindustrie Frankenthal zur Verarbeitung von Erlen- und Pappelstämmen zu Kisten-, Sperr- und Furnierholz errichtet. Die Gebäude stehen aktuell (2018) teilweise leer. Von 1907 bis 1940 wurde dort Rattanrohr aus Indonesien mit maximal 500 Beschäftigten der Hanseatischen Stuhlrohrfabrik Rümcker & Ude/Bergedorf verarbeitet. Die Farger Straße entwickelte sich zur wichtigsten Verbindungsstraße.

1904 wurde die evangelische Farger Kapelle gebaut, 1908 ein Friedhof angelegt und 1910 ein Kirchengemeindehaus errichtet. 1916 wurde der Bau des Kohle-Kraftwerks Unterweser unter Einsatz von russischen Kriegsgefangenen des Ersten Weltkriegs begonnen. Das Kraftwerk ging 1924 mit 12 Megawatt Turbinenleistung ans Netz. Die Leistung wurde in den 1950er Jahren auf etwa 150 Megawatt erweitert.

1919 wurde der Gemeinderat erstmals in freier, allgemeiner und gleicher Wahl gewählt. 1923 wurde die stark verschuldete Gemeinde Rekum an die finanziell besser gestellte Gemeinde Farge angeschlossen. Richard Taylor (1868–1953), Ortsvorsteher von Farge seit 1917, missbilligte dieses Vorgehen: „Die Idee der Zusammenlegung von Rekum und Farge kann keine glückliche genannt werden, da die Einwohner der beiden Gemeinden grundverschieden sind. Rekum hat alte sesshafte Familien und gehört zur Kirchengemeinde Neuenkirchen. Die Einwohner von Farge dagegen sind in der Mehrzahl durch die Industrie von ganz Deutschland zugezogen und gehören kirchlich zu Blumenthal.“ Taylor blieb bis 1937 Ortsbürgermeister der vergrößerten Gemeinde Farge.

Die NSDAP in Farge mini|Jugend-Freizeitheim Farge 2012 Erste Versammlungen der NSDAP fanden vor 1931 in der Gastwirtschaft von Olaf Lübsen (heute: Rekumer Straße 116) in Rekum statt. Die NSDAP-Ortsgruppe Farge wurde 1931 in Rekum in der Gaststätte von Theodor Brandhorst (heute: Rekumer Str. 12) gegründet. Erster Ortsgruppenleiter wurde Hans Kühlke (1904–1959)Staatsarchiv Bremen Sign. 4,66-I.-6167 bis 1939, gefolgt von Johann Dietrich Trüper von 1940 bis 1941 und Kurt Martin von 1941 bis 1945. Am Haus von J.H. Chantelau (heute Rekumer Straße 52) befand sich während der NS-Zeit eine offizielle NSDAP-Informationstafel Hier spricht die NSDAP.

Bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 erhielt die NSDAP nur 674 von 1797 Stimmen.Staatsarchiv Bremen Sign. 4,64/6 – 379 Am 12. März 1933 fand in Farge die letzte Gemeinderatswahl statt. Die NSDAP erhielt 4 Sitze, die Liste Bürgerliche Einheit 4, die SPD 5 und die KPD 2 Sitze. Die KPD-Vertreter wurden infolge der reichsweiten Kommunistenverfolgungen mittels der Reichstagsbrandverordnung sofort ausgeschlossen. Bürgermeister Taylor (parteilos) blieb im Amt, Gemeindesekretär Johann Kroog (SPD) wurde am 30. Juni 1933 entlassen. Das Eigentum des Arbeiterturnvereins Frei Heil wurde von der Gemeinde beschlagnahmt. Die Ebert-, Liebknecht- und Bebelstraße wurden umbenannt in Tannenstraße (heute Heinrich-Steffens-Str.), Kapellenstraße und Wasserweg. 1937 ersetzte der NSDAP-Landrat von Osterholz Richard Taylor als Bürgermeister durch den NSDAP-Ortsgruppenleiter Hans Kühlke. Mit der Eingliederung von Farge in die Freie Hansestadt Bremen am 1. November 1939 endete Kühlkes Amtszeit und die kommunale Selbstverwaltung in Farge. Seit dem 1. April 1940 wurde Farge durch die neu gebildete Dienststelle Blumenthal der Hansestadt BremenGesetzblatt der Freien Hansestadt Bremen, März 1940, zitiert nach Nordwestdeutsche Landeszeitung vom 1. April 1940 verwaltet.

1939 wurde Jugendheim Farge für die Hitler-Jugend nach Plänen von Eduard Scotland gebaut. Es wurde im Zweiten Weltkrieg zur Unterbringung von Flak-Soldaten genutzt, danach als Wohngebäude und nach 1960 als städtisches Jugend-Freizeitheim.

Anhänger und Gegner des NS-Regimes in Farge

Die SA wurde 1932 gegründet, ihr Führer war Wilhelm Leopold. Die Farger SA-Männer gehörten zunächst zur SA-Standarte 411 Wesermünde. Nach 1939 bildeten sie den Sturm Nr. 5 der SA-Standarte Nr. 29.Weitere „Stürme“ der SA-Standarte 29 bestanden in Lesum, Vegesack, Grambke und Blumenthal Chef der SA-Standarte 29, um 1940 aus der Standarte 411-Wesermünde hervorgegangen, war der SA-Hauptsturmführer und Bürgermeister von Lesum, Fritz Köster. Siehe auch Martha Goldberg, Adolph Goldberg Das Regime organisierte Jugendliche von 14- 18 Jahren quasi zwangsweise in der Hitlerjugend (HJ) einschließlich Bund Deutscher Mädel (BDM). Schulkinder von 10–14 Jahren wurden als Jungvolk (Jungen) und Jungmädel organisiert. HJ und Jungvolk waren in Farge aktiv.

Wohl der ranghöchste aus Farge stammende NS-Funktionär war Johann-Martin Segelken (1914–1991), Mitbegründer der NSDAP-Ortsgruppe FargeStaatsarchiv Bremen Sign. 4,66-I.-10.390 und seit 1944 Chef der Hitlerjugend von Bremen (siehe Hauptartikel Bremen zur Zeit des Nationalsozialismus).

Erklärte Gegner des NS-Regimes waren überwiegend Kommunisten. Wilhelm Faust (* 1891) wurde als Funktionär der verbotenen KPD von März bis August 1933 in Schutzhaft verschleppt.Staatsarchiv Bremen Sign. 4,54 E-2572 Im November 1936 wurden sechs Farger Kommunisten von Nachbarn bei der Gestapo denunziert, inhaftiert und im August 1937 vom Sondersenat des Hanseatischen Oberlandesgerichtes Hamburg in Bremen wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu Gefängnis- und Zuchthausstrafen bis zu 3 Jahren und 6 Monaten verurteilt.Staatsarchiv Bremen Sign. 4,54 E-6126 (Peter Besing *1888); 4,54 E-6127 (Frida Besing *1893); 4,54 E-6098 (Alfred Hinz 1895-1955); 4,54 E-6086 (Adolf Funke *1897); 4,54 E-6123 (Erich Ukrow 1896-1965); Johann Nelson *1866 (siehe 4,54-6098). Sie hatten Radio Moskau gehört, siehe Staatsarchiv Bremen Sign. 4,66-I.-6167

Herbert Leßner (1907–1967), Pastor der reformierten Kirche in Farge, wurde am 14. April 1938 von der Gestapo verhört und für acht Tage in Schutzhaft genommen.Hermine Leßner (1913–1993) Die Geschichte der evangelisch-reformierten Kirche Rönnebeck 1905–1967. Typoskript.1986. Archiv des Heimatvereins Farge-Rekum. S. 30

Der Kommunist Claudius Gosau, Lokomotivführer bei der Firma Gottlieb Tesch/Wifo und wohnhaft im Lager Tesch Am Schützenplatz, wurde 1943 von der Gestapo verhaftet. Er hatte der NS-Kriegspropaganda widersprochen und war von Arbeitskollegen denunziert worden. Er wurde zum Tode verurteilt und 1944 in Brandenburg-Görden hingerichtet.

Bautätigkeit des NS-Regimes in Farge mini|Mitteilung der Gestapo Bremen betreffend die Gefangenenlager in Farge Die Bautätigkeit der Regierung erfolgte ohne direkte Mitwirkung von Farger NSDAP und Gemeinderat. Die zu Bauzwecken von der Wirtschaftlichen Forschungsgesellschaft mbH (Wifo) und dem Oberkommando der Kriegsmarine erzwungenen Landverkäufe von mehr als 600 ha erfolgten von privat; 6,6 ha Gemeindeeigentum erwarb die Wifo 1939. Die Wifo errichtete ab Mitte der 1930er Jahre unter dem Tarnnamen Wasserberg ein Tanklager in der Farger Heide. Im Ortsteil Rekum kam Anfang 1939 der Bau des Kriegsmarine-Öllagers Farge hinzu – an der Grenze zu Neuenkirchen/Schwanewede. Im Sommer 1943 wurde ebenfalls im Ortsteil Rekum mit dem Bau der U-Boot-Bunkerwerft Valentin begonnen. Auf allen diesen Großbaustellen (die spätestens seit 1943 von der alliierten Luftaufklärung ausgespäht wurden) beschäftigten die über 100 beauftragten Firmen seit 1941 überwiegend Zwangsarbeiter, Häftlinge und Kriegsgefangene. Diese waren in Barackenlagern untergebracht, im seit 1943 bestehenden KZ Farge, im Arbeitserziehungslager Farge auf dem Gelände des Marinegemeinschaftslagers NeuenkirchenInformationen zu den verschiedenen Lagern in Bremen-Farge und Schwanewede auf relikte.com, und in Kriegsgefangenenlagern. Es gab 1944 zwei- bis dreimal mehr Lager-Häftlinge als Einwohner in Farge. Von 1940 bis 1945 produzierten Zwangsarbeiterinnen für die Firma Weser-Flug in den Gebäuden der ehemaligen Stuhlrohrfabrik Rüstungsgüter. Ihr Lager befand sich auf dem Gelände des heutigen Gewerbeparks am Bernhardtring.

Alliierte Angriffe und Kriegsende mini|Luftbild USAF 1943-09 mini|Wie oben, mit Infrastruktur (Straßen und Schienen) Farge ist siebenmal bombardiert worden (1940, 1941, 1942, 1945). Ziele waren der Bahnhof, das Wifo-Tanklager und 1945 der U-Bootbunker Valentin. Zahlreiche Häuser im Ort wurden ebenfalls getroffen.

Die SS zwang am 10. April die entkräfteten Häftlinge des KZ Farge in Richtung Neuengamme zu marschieren („Todesmarsch“), um möglichst viele Zeugen ihrer Verbrechen zu beseitigen. Seit dem 27. April 1945 galten in Bremen die Anordnungen der britischen Militärregierung. Farge und Umgebung wurden erst etwa 10 Tage später befreit.

Farge nach der Befreiung 1945 Am 28. April 1945 rückten britische Soldaten in Blumenthal ein. Wenige Tage später folgten ihnen US-amerikanische Soldaten.