mini|Hans Magnus Enzensberger: Politische Brosamen. (1985, Suhrkamp Taschenbuch Nr. 1132)
Politische Brosamen ist eine 1982 erschienene Sammlung sozialkritischer Essays des deutschen Literaten Hans Magnus Enzensberger. Die ursprünglich in den Zeitschriften TransAtlantik bzw. Kursbuch erschienenen Studien hinterfragen auf ironische Weise die ideologischen Gewissheiten der politischen Linken, wie sie seit den 1960er Jahren vertreten wurden, auch von Enzensberger selbst.
Z. B. wird das traditionell verachtete Kleinbürgertum gewürdigt als jene Klasse, die die Gesellschaft ideologisch und ästhetisch dominiert. Oder es wird die Konsequenz als die Tugend der Terroristen bloßgestellt und als moralische Maxime, bei einer einmal gewonnenen Einsicht verharren zu müssen. Und die wahren Eurozentristen sind die Bewohner der globalen Peripherie, die nichts sehnlicher wünschen, als sich mit jenen Erzeugnissen des Kapitalismus umgeben zu können, die von den Konsumkritikern im Westen so verabscheut werden.
Inhalt Neun der insgesamt 13 Brosamen wurden zuerst in den Jahren 1980 bis 1982 in TransAtlantik veröffentlicht und die restlichen vier zwischen 1976 und 1982 in Kursbuch. Nicht alle Beiträge (bzw. nicht alle zur Gänze) sind technisch gesehen Essays. Der Autor verwendet auch die Textformen des Vortrags, des Gesprächs zwischen Kollegen, des Briefs an einen Freund sowie die Anknüpfung an eine Anekdote als Vehikel seiner Dekonstruktionen. Unter den Texten ist eine von einem Icherzähler geschilderte Short Story sowie die Wiedergabe einer (etwas schrägen, aber nicht unrealistischen) TV-Talkshow.
Der Verlag verschlagwortet die Politischen Brosamen auf der ihr gewidmeten Webseite mit den Bezeichnungen Literarische Essays, Soziale und ethische Themen und Politikwissenschaft und politische Theorie.
Die Reihenfolge der Texte im Buch entspricht nicht der Abfolge der Erstveröffentlichung (die nach dem Titel in Klammern angegeben wird):
Das Ende der Konsequenz (TransAtlantik, Mai 1981.)
Beginnend mit einer Anekdote über Herrn G., der als Teilnehmer an einer Podiumsdiskussion von den Diskutanten eindeutige Stellungnahmen vermisst hat, kritisiert der Autor die „unglückliche Liebe zur Konsequenz“ als „deutsche Obsession“, die von den Nachbarländern nicht geteilt wird. Anschließend beweist er, anhand vieler Beispiele, wie konsequentes Denken und der daraus resultierende „Jargon der Eindeutigkeit“ zu konsequenten Verbrechen geführt hat, die moralische Überlegenheit der Nicht-Konsequenz. Aus einer Sackgasse, in der sich das Denken und Handeln verirrt hat, umzukehren, ist das Non plus ultra jeder Strategie. In Paul Feyerabends Worten kann der Mensch gut werden durch „die Ausrottung der Tendenz, unsere selbstischen Träume von einem guten […] Leben […] anderen Menschen in der Gestalt objektiver Werte aufzuzwingen.“
Eurozentrismus wider Willen. Ein politisches Vexierbild (TransAtlantik, Oktober 1980.)
Die eurozentristische Denkweise ist in den 1970er Jahren als „intellektuelle Kardinalsünde“ quasi entdeckt worden und ging Hand in Hand mit einer Verklärung der Menschen des Globalen Südens mit ihrer kapitalismusfernen Mentalität und Umwelt. Die Wirklichkeit in diesen vorgeblich abgelegenen Gegenden sieht anders aus: Ein „frenetischer Nachahmungstrieb“, dessen Wirkungen „an eine Naturgewalt denken lassen“, befördert auch die neuesten Produkte der westlichen Marktwirtschaft in jede Ecke der „Dritten Welt“. „Eine exotische Alternative zur industriellen Zivilisation existiert nicht mehr.“
Das höchste Stadium der Unterentwicklung. Eine Hypothese über den Real Existierenden Sozialismus (TransAtlantik, Juli 1982.)
Das Essay beginnt mit sieben Anekdoten über offiziell nicht zur Kenntnis genommene Versorgungsmängel, die der Leser anschließend dem jeweiligen Land zuordnen soll. Das Quiz (dessen Auflösung nicht verraten wird) bietet als Ankreuzmöglichkeiten verschiedene Länder an, nicht nur planwirtschaftlich geführte, sondern auch verrottete kapitalistische. Der Autor gibt ein deprimierendes Bild von „Mangel und Vergeudung“, „Wertlosigkeit der Zeit“, „Desinformation“ und „Unfähigkeit zur Information“ und der daraus resultierenden Lebenslüge der Nomenklatura und Ohnmachtsgefühlen bei den ihnen Unterworfenen.
Unentwegter Versuch, einem New Yorker Publikum die Geheimnisse der deutschen Demokratie zu erklären (Kursbuch 56, 1979.)
Ein Vortrag über den in der deutschen Gesellschaft stattfindenden Konflikt zwischen den „staatserhaltenden“ Kräften (zu denen der überwiegende Teil der Politiker gehört) und der „buntscheckigen Koalition“ aus alten Antifaschisten, radikalen Gewerkschaftern und „Antiautoritären“ von 1967/68. Der Autor konstatiert, „dass der Streit zwar wütend und schonungslos ausgetragen wird, aber mit Argumenten von lähmender Monotonie.“ Er berichtet von den Schwierigkeiten, die sein Freund und Mitherausgeber des Kursbuchs Karl Markus Michel mit Beamten des BKAs hatte, und von den Vorzügen der „neuen, ‚wissenschaftlichen‘ Methoden der sozialen Kontrolle“ gegenüber der in der Tradition des Dritten Reiches stehenden unverhüllten Polizeigewalt.
Unregierbarkeit. Notizen aus dem Kanzleramt (TransAtlantik, Mai 1982.)
Dies ist eine Kurzgeschichte, erzählt aus der Sicht eines persönlichen Assistenten eines Bundeskanzlers. Der schwierige „Alte“ (sein Name fällt nie) lässt sich von dem renommierten Wissenschaftler Dr. Schack über das Verhalten „hyperkomplexer Systeme“ aufklären (mit Verweis auf A. N. Kolmogorov, 1965). Solche lassen sich nicht mehr restlos steuern; Entscheidungen haben nicht die gewünschten Folgen, sondern andere, unvorhersehbare. Die Konsequenz daraus, sich des Handelns zu enthalten, ist jedoch falsch. Obwohl der Bundeskanzler auf Regierung, Partei und Parlament keinen berechenbaren Einfluss hat, ist er als Element des zufällig funktionierenden Systems unverzichtbar.
Blindekuh-Ökonomie mini|Hans Magnus Enzensberger (1929–2022). Nur sein Foto ist schwarzweiß, nicht seine Argumentation (TransAtlantik, Februar 1982.)
Spöttische Bemerkungen über den Wirtschaftsjournalismus, der für eine verschwindend kleine Leserzahl berichtet, nämlich jene, die etwas zu investieren haben. „Deshalb ist die Finanz-Presse wohltuend frei von Demagogie, und deshalb muß die Bild-Zeitung auf einen Wirtschaftsteil verzichten.“ Wie die Wirtschaft funktioniert, möchte der Autor in Folge wissen, und fragt bei Managern („in gewohnter Umgebung […] im Lift einer Frankfurter Großbank“), bei Staatslenkern und bei Wirtschaftswissenschaftlern nach. Ohne eine zufriedenstellende Antwort erhalten zu haben, gelangt er zu den Wahrsagern. Denn diese „verlieren nie, sie sind unwiderlegbar, denn die Falsifizierung ihrer Prognosen schadet ihnen nicht, sondern steigert nur die Sucht nach neuen Prognosen.“
Die Installateure der Macht (TransAtlantik, März 1982.)
Ein Gespräch unter Freunden im Speisewagen eines deutschen Schnellzugs, von denen einer, Moll, die Harmlosigkeit und den Biedersinn der deutschen Politik beklagt und dann von Robert Viguerie erzählt, einem Texaner, der 1964 die RAVCO, „ein Postversandhaus für die Politik der Neuen Rechten“, gründete. Dieses Unternehmen sammelt im Auftrag sehr rechtsstehender Organisationen Spendengelder, und zwar mit individuell geschriebenen, an die Persönlichkeit des Empfängers perfekt angepassten und mit Streng vertraulich gestempelten Bettelbriefen. Die Kundenprofile der Spender werden auf „Magnetspeicher“ erfasst und können bei der Suche nach potentiellen Unterstützern einer neuen politischen Initiative ausgewertet werden.
Wohnkampf. Eine Talkshow (TransAtlantik, April 1982.)
Diese Talkshow im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen zu den Themen „Wohnungsbau, Wohnungsmarkt, Wohnungsnot“ hat seit ihrer Entstehung an Aktualität nichts eingebüßt. Es kommen alle zu Wort: der Jungsozialist, der Rechtsanwalt vom Mieterbund, der Ökonom, der Bautechniker, die unzufriedene Mieterin, der Hausbesetzer. Zur Groteske wird diese Brosame durch die Filmeinspielungen, in denen ein Mietshausbesitzer zugleich überzeugter Marxist ist oder eine arbeitslose Anthropologin mietfrei eine Gründerzeitvilla bewohnt, die einer Offizierswitwe gehört. („Mit der alten Kuh werde ich spielend fertig. Ich finde sie mit geklauten Delikatessen und Klamotten ab.“) Obwohl die Darstellung überzeichnet, sind die vorgebrachten Argumente aller Diskussionsteilnehmer gleichermaßen schlüssig und auch der Autor enthält sich jeder Wertung.
Plädoyer für den Hauslehrer. Ein Bißchen Bildungspolitik mini|Utopie Hauslehrer: Unterricht zuhause zusammen mit den Nachbarskindern (TransAtlantik, Juni 1982.)
Ein Aufruf zur Abschaffung des Klassenunterrichts und der öffentlichen Schulen, „die von jeher das Hoheitsgebiet einer fernen Verwaltung gewesen“ sind. 40 Prozent der Kosten des Öffentlichen Unterrichts entfallen auf die Erhaltung der Schulgebäude und lassen sich durch Verzicht auf diese einsparen, wobei die besseren Häuser als Altenheime und Obdachlosenasyle weitergenutzt werden können. „Die überwiegende Mehrzahl wird man jedoch in die Luft sprengen müssen.“ Auf den freien Grundstücken in wertvollen Lagen können Sozialwohnungen errichtet werden. Die Lehrer werden übernommen, sie unterrichten in kleinen Nachbarschaftsklassen, abwechselnd in der Wohnung eines Schülers, in öffentlichen Parks oder im Rahmen von Exkursionen (die schon jetzt utopische Einsprengsel im öden Schulbetrieb abgeben).
Armes reiches Deutschland. Vorstudien zu einem Sittenbild (TransAtlantik, August 1982.)
Nach einem Rückblick auf die „engen, gepressten, armseligen Verhältnisse“, in denen die Deutschen bis zu den 1950er Jahren lebten, stellt sich der Autor die Frage nach dem Grund des „schlechten Gewissens“, das seine Altersgenossen angesichts des jungen Wohlstands empfinden. Mit der Ausweitung des Konsums wechselte auch das Objekt der Konsumkritik, die zunächst Kühlschrank und Fernseher ins Visier nahm, später „Fernreisen […], Surfbretter und Eigentumswohnungen“. Der Haß auf den Wohlstand ist eine „Lebenslüge der westdeutschen Intelligentsia; er ist ihr moralisches Alibi.“ Der Autor empfiehlt, den Wohlstand, dessen Tage er als gezählt betrachtet, mit Ironie zu ertragen.
Von der Unaufhaltsamkeit des Kleinbürgertums. Eine soziologische Grille (Kursbuch 45, 1976.)
Die Klasse, „die das, worauf es ankommt, weder beherrscht noch besitzt: die berühmten Produktionsmittel“, trägt zahlreiche Namen: Mittelstand, Selbständige, Angestellte, Beamte, Techniker, Intellektuelle … Obwohl von der marxistischen Geschichtstheorie ihr Verschwinden vorhergesagt wurde, hat sie an Mitgliedern und Einfluss in der Gesellschaft zugenommen (ein Schicksal, das sie mit dem Kapitalismus teilt). Sie ist keine einheitliche Klasse, ihre Mannigfaltigkeit ermöglicht ihr, jede soziale Nische zu besetzen. „Sich niemals endgültig festlegen und jede Möglichkeit ergreifen: das ist das einzige, was die Klasse aus ihrer wechselvollen Geschichte gelernt hat.“ In allen hoch industrialisierten Gesellschaften bestimmt sie den kulturellen und ästhetischen Geschmack, das Aussehen der Konsumgüter, Moden, Ideologien. Jede alternative Regung wird vom Kleinbürgertum in Besitz genommen, wofür die Umwandlung proletarischer in Unterhaltungs-Musik (Jazz, Rock) nur ein Beispiel ist. Der Autor ist von der Vitalität dieser Klasse, zu der er auch sich und seine Leser zählt, fasziniert.
Zur Verteidigung der Normalität mini|Eine „normale“ und eine „nicht normale“ Verteilung. Sie werden als unterschiedlich gelesen. Zu recht? Beide zeigen einen Hügel. (Kursbuch 68, 1982.)