Die Magdeburger Hochzeit (auch Bluthochzeit oder Magdeburgs Opfergang) ist die euphemistische Bezeichnung der Eroberung und vollständigen Verwüstung der Stadt Magdeburg am durch kaiserliche Truppen unter Tilly und Pappenheim im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges.

Die sarkastische Bezeichnung „Magdeburger Hochzeit“ wurde schon unmittelbar danach geprägt und soll die erzwungene Vermählung zwischen dem Kaiser und der Jungfrau Magdeburg beschreiben, die auf dem Wappenschild der Stadt abgebildet ist, welche sich schon über 100 Jahre lang gegen Zahlungen an den Kaiser gewehrt hatte. Nach der zeitgenössischen Chronik Theatrum Europaeum ist der Begriff auf Tilly selbst zurückzuführen:

Darauff ist es an ein fressen unnd sauffen gangen / welches drey gantzer Tag nach einander gewähret / und also die Magdeburgische Hochzeit / wie sie vom Tylli genennet / celebriret wordenTheatrum Europaeum. Band 2. 4. Auflage, Merian, Frankfurt am Main 1679, S. 369 (Digitalisat).

Vorgeschichte Zur Zeit der Reformation wurde Magdeburg eine Hochburg des Protestantismus, nicht zuletzt weil der Magdeburger Erzbischof Albrecht von Brandenburg einen regen Ablasshandel betrieb und dadurch den Unmut der Bürger auf sich zog. In seinem Auftrag reiste der Dominikaner Tetzel als Ablassprediger durch die Lande. 1517 leitete Luther mit seinen hierdurch motivierten 95 Thesen die Reformation ein. Die Stadt Magdeburg, Kathedralsitz des Erzbistums und Hauptstadt des Erzstifts, darüber hinaus eine reiche Handelsstadt mit vielen wohlhabenden Fernhändlern, bekannte sich schon 1524 zu dieser und trat 1531 dem Schmalkaldischen Bund bei. Nach dem Tod Kardinal Albrechts 1545 wurde der Magdeburger Dom für 20 Jahre geschlossen, 1567 wurde er von den Protestanten übernommen, wie alle anderen Kirchen der Stadt auch.

Magdeburg entwickelte sich im Laufe der Jahre zum Zentrum des Widerstandes gegen die Rekatholisierung. In „Unsers Herrgotts Kanzlei“ versammelten sich Gelehrte, die vor katholischen Truppen im Schmalkaldischen Krieg aus Wittenberg geflohen waren, und verfassten antikatholische Schriften. Von 1547 bis 1562 stand Magdeburg daher unter Reichsacht. Nach der Verweigerung der Anerkennung des Augsburger Interims hielt Magdeburg, genannt die „Heilige Wehrstadt des Protestantismus“, 1550/51 einer mehr als einjährigen Belagerung durch kaiserliche Truppen unter den protestantischen Fürsten Moritz von Sachsen und Albrecht Alcibiades von Brandenburg-Kulmbach stand.Dr. Friedrich Richter’s von Magdeburg kurzgefasste Geschichte der Stadt Magdeburg, Verlag der Richterschen Buchdruckerei, 1834, S. 122 f. Nachdem Moritz von Sachsen durch geheime Zusagen an den Magistrat Magdeburgs die kampflose Kapitulation der belagerten Stadt erreicht hatte, wandte er sich jedoch gegen den Kaiser und verbündete sich mit dessen Feinden.

Magdeburg im Dreißigjährigen Krieg mini|hochkant=1.5|Die reiche Handelsstadt Magdeburg um 1600. Gemälde nach einem Stich von Jan van de Velde (1569–1629).

Der Dreißigjährige Krieg begann 1618 mit dem Ständeaufstand in Böhmen, nach dessen Niederschlagung das Land durch Kaiser Ferdinand II. gewaltsam rekatholisiert wurde; glaubensflüchtige Exulanten gelangten auch nach Magdeburg. Um 1623 begann die Stadt mit der Rüstung zu Verteidigungszwecken, allerdings versuchte der Rat der Stadt, sich aus kriegerischen Handlungen herauszuhalten. Dänemark und einige wenige protestantische Fürsten zogen gegen den Kaiser in den Krieg, aber die größten protestantischen Mächte in Deutschland, Sachsen und Brandenburg, hielten sich neutral. 1625 trafen erstmals kaiserliche Truppen in Magdeburg ein. In der Folge besetzte der kaiserliche General Wallenstein ganz Norddeutschland bis an die dänische und polnische Grenze und vertrieb die Dänen aus dem Reich.

1626, lange vor dem Erlass des Restitutionsedikts von 1629, gab Kaiser Ferdinand II. bereits das – 1601 verlassene – Magdeburger Kloster Unser Lieben Frauen dem Prämonstratenserorden zurück; eifernde Mönche zogen in die erzlutherische Stadt ein. 1628 wurden die protestantischen Mecklenburger Herzöge vertrieben und Wallenstein annektierte das Land für sich. Mit dem Restitutionsedikt von 1629 beschlossen die katholischen Reichsfürsten, dass alle seit 1555 säkularisierten Kirchengüter in Deutschland an die katholische Kirche herauszugeben seien, darunter auch das Erzstift Magdeburg und das Hochstift Halberstadt, die der Kaiser – nebst anderen – seinem jüngeren Sohn Leopold Wilhelm zu übergeben plante.

mini|hochkant|Stadtwappen mit der Jungfrau von Magdeburg

In dieser Zeit gab es, wie in vielen großen protestantischen Reichsstädten, auch in Magdeburg drei Parteien: Die wohlhabende Oberschicht war furchtsam und kaisertreu, die Mehrheit des Rates und ein Teil der Bürgerschaft wünschte, „die Gerechtsame der Stadt zu verteidigen, aber auch die Majestät nicht zu provozieren... die dritte ging aufs Ganze im Widerstand, hoffte erst, sich an die Dänen, dann, als die Dänen ausfielen, sich an die Niederländer und Schweden zu halten. Sie war die Mehrheit der Bürger, nach Köpfen gezählt: die Fischer, die Schiffer, die Handwerker, die Sackträger: ‚der Pöbel‘. Erregte Geistliche führten ihr Wort.“ (Golo Mann).Golo Mann: Wallenstein. Sein Leben, Frankfurt am Main 2016 (zuerst 1971), S. 605 ff. Der alte Rat wurde abgesetzt und ein neuer gewählt, die Radikalen bekamen die Oberhand.

1629 führte der Krieg zu zunehmenden wirtschaftlichen Problemen. Wallenstein ließ die Stadt von August bis Oktober durch kaiserliche Truppen unter Aldringen belagern, da sie sich weigerte, einen Tribut von 150.000 Talern zu zahlen, zog die Truppen dann aber ab, weil er sie anderswo benötigte. Bereits im Sommer 1630 schloss die strategisch wichtige Elbfestung – als einzige Stadt nach Stralsund – ein Bündnis mit dem schwedischen König Gustav Adolf, als er mit seinen Truppen noch an der pommerschen Küste lagerte. Bald trafen erste schwedische Soldaten in der Stadt ein, darunter im November 1630 der Offizier Dietrich von Falkenberg, getarnt als Schiffer. Gustav Adolf versprach Magdeburg Schutz vor den kaiserlichen Truppen. Falkenberg übernahm die Festungskommandantur und bereitete die Stadtverteidigung vor. Es wurden neue Söldner angeworben, die Vorstädte befestigt und äußere Verteidigungsanlagen angelegt, wie schon zuvor in Stralsund. Allerdings mangelte es an Geld und Kämpfern. Die Unterstützung in der Bevölkerung war eher zurückhaltend, da ein Großteil bereits kriegsmüde war. Es gab jedoch auch eine pro-schwedische Partei, die vor allem von fanatischen lutherischen Geistlichen dominiert wurde. Seit Ende November lagen kaiserliche Truppen unter Pappenheim vor der Stadt.

mini|alt=|General Tilly (1559–1632) mini|Die Belagerung der Stadt (Gemälde von 1650)

König Gustav Adolf besetzte nach seiner Landung auf Usedom und dem Abschluss eines auf den 10. Juli 1630 zurückdatierten Bündnisvertrages mit Herzog Bogislaw XIV. von Pommern – dem ersten mit einem Reichsstand überhauptDirk Schleinert: Pommern – "natürlicher" Verbündeter oder leichte Beute? In: Inken Schmidt-Voges, Nils Jörn (Hrsg.): Mit Schweden verbündet – von Schweden besetzt. Akteure, Praktiken und Wahrnehmungen schwedischer Herrschaft im Alten Reich während des Dreißigjährigen Krieges. (= Schriftenreihe der David-Mevius-Gesellschaft. Band 10). Hamburg 2016, S. 59–72. – im Herbst weite Teile Pommerns und Mecklenburgs. Der alte bayerische General Tilly, der mittlerweile Wallenstein im Oberkommando der Kaiserlichen abgelöst hatte, zog ihm im Januar 1631 bis Neubrandenburg entgegen. Der König stieß nun von Stettin entlang der Oder bis Frankfurt vor, um die Kaiserlichen von Magdeburg wegzulocken, Tilly zog ihm bis Brandenburg an der Havel entgegen, ließ aber mehr als die Hälfte seiner Truppen bei Magdeburg stehen. Der König zog mit einem Teil seiner Truppen nach Berlin und deckte mit dem Rest die Oder. Am kaiserlichen Hof in Wien befürchtete man bereits einen Vorstoß der Schweden über Schlesien nach Böhmen, oder – wenn die Festung Magdeburg nicht genommen würde – über Dresden entlang der Elbe nach Prag. Tilly versammelte daher ab März 1631 um Magdeburg rund 30.000 Mann mit 85 Geschützen: „Ist die Oder verloren, so bleibt, die Elbe zu sichern durch Wegnahme der großen Mittelfestung, auf welche alle Protestanten mit Hoffnung und Bangen blicken.“Golo Mann: Wallenstein. Sein Leben. 2016, S. 720.

Am 21. April und 23. April wurden auf Falkenbergs Befehl hin die Vorstädte Neustadt und Sudenburg geräumt und zerstört, nachdem sie – nach dem Übersetzen von Tillys Truppen auf die linke Elbseite – nicht mehr zu halten waren. Die Ruinen wurden besetzt, die Belagerung verschärft. So fielen unter anderem die südöstlich der Stadt gelegenen Schanzen Trutz Pappenheim, Magdeburger Succurs und Trutz Tilly an die Kaiserlichen. In Magdeburg stellte sich ein Mangel an Pulver ein.

Am 24. April forderte Tilly in drei Schreiben Falkenberg und den Rat auf, die Stadt zu übergeben. Der Rat äußerte am 30. April den Wunsch, unter Vermittlung der Hansestädte sowie der Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg Verhandlungen aufzunehmen. Tilly wurde gebeten, den Abgesandten die erforderlichen Pässe auszustellen. Zunächst willigte Tilly ein, rückte jedoch später wieder davon ab, da er befürchtete, es handele sich nur um ein Zeitschinden, um den Schweden das Heranrücken zu ermöglichen. Er befahl ein starkes Bombardement der Stadt. Am 4. Mai forderte der kaiserliche General erneut die Kapitulation. Ab dem 10./20. Mai 1631 belagerten rund 26.800 kaiserliche Soldaten die Festung. Am 18. Mai forderte Tilly letztmals die freiwillige Übergabe. Die Bürgerschaft der Stadt wurde in den Häusern der Viertelsherren zwecks Beratung über Unterhandlungen zusammengerufen. Die schwedische Partei sprach sich strikt gegen Verhandlungen aus. Man hoffte auf das Heranrücken schwedischer Truppen unter Gustav Adolf. Da diese aber nach der Eroberung von Frankfurt an der Oder in desolatem Zustand und schwer in ihrer Pflicht zu halten waren, lehnte der König es ab, mit unterlegenen Kräften den Vorstoß auf Magdeburg zu wagen.Günter Barudio: Magdeburgs Tragödie. In ders.: Der Teutsche Krieg. 1618–1648. Frankfurt am Main 1985. S. 363–372, hier: S. 369.

Magdeburger Hochzeit mini|hochkant=1.5|Sturm auf Magdeburg

Am 20. Mai setzte um 7 Uhr erstes schweres Geschützfeuer auf die Altstadt und umliegende Dörfer ein. Der Sturm auf die Stadt sollte um 6:30 Uhr von allen Seiten erfolgen.Barbara Stadler: Pappenheim und die Zeit des Dreissigjährigen Krieges. S. 507. Tilly verschob jedoch den Angriff um eine Stunde, ohne dass Pappenheim davon in Kenntnis gesetzt wurde.Barbara Stadler: Pappenheim und die Zeit des Dreissigjährigen Krieges. S. 513. Ab 9 Uhr rückten alle kaiserlichen Truppen dann vor. In der gleichzeitig abgehaltenen Ratsversammlung sprachen sich die städtischen Behörden für eine Kapitulation aus. Falkenberg, unterstützt durch die Geistlichkeit und die radikalen Schweden-Anhänger, hielt dagegen und kündigte das baldige Anrücken schwedischer Truppen an. Während seiner bereits eine Stunde andauernden Rede wurde das Heranrücken des Feindes zum Sturm auf die Stadt gemeldet; Falkenberg setzte die Rede jedoch fort. Nachdem der Türmer der Johanniskirche Sturm geblasen hatte, verließ der Ratsmann Otto Gerike die Sitzung, um sich vom Stand der Dinge zu überzeugen. Bereits in der Fischerstraße traf er auf plündernde feindliche Kroaten. Er kehrte in den Rat zurück und teilte das Eindringen des Feindes in die Stadt mit. Falkenberg ritt zum Regiment des Oberstleutnant Trost und führte dieses in den Kampf. An einer Stelle gelang es, die Eindringlinge zurückzuschlagen. An der Hohen Pforte (heute Neustädter Straße) wurde Falkenberg schließlich von einer Kugel tödlich getroffen.

mini|General Pappenheim (1594–1632) mini|Die Plünderung Magdeburgs (Die Magdeburger Jungfrauen), Historiengemälde von Eduard Steinbrück, 1866 mini|Tillys Einzug in das zerstörte Magdeburg