mini| Die Grönlandkrise ist eine diplomatische und geopolitische Auseinandersetzung zwischen den Vereinigten Staaten unter Donald Trump auf der einen und Grönland, Dänemark und der Europäischen Union auf der anderen Seite. Sie nahm ab Dezember 2024 an Intensität zu und erreichte Anfang 2026 einen vorläufigen Höhepunkt. Im Kern geht es um Besitz- und Gebietsansprüche der Vereinigten Staaten auf Grönland, die historisch und geostrategisch begründet werden. Die Krise ist eine von mehreren Verletzungen und Schwächungen des transatlantischen Verhältnisses zwischen den Vereinigten Staaten unter Trump und deren westlichen Verbündeten, auch innerhalb der NATO. Die Krise wurde im September 2026 durch ein erneuertes Verteidigungsabkommen zwischen den USA und dem Königreich Dänemark für beendet erklärt.

Hintergrund Vorgeschichte mini|hochkant|Lansing-Deklaration vom 4. August 1916 mini|US-Vizepräsident JD Vance und seine Frau Usha Vance (beide rechts) im Gespräch mit Kommandantin Susannah Meyers (links) im März 2025 während eines unangekündigten Besuchs der Weltraumbasis Pituffik. Anschließend wurde die Kommandantin entlassen, nachdem sie sich von den US-Drohungen gegen Grönland distanziert hatte.Adrienne Murray, Hafsa Khalil: US fires Greenland military base chief for ‘undermining’ Vance. BBC (11. April 2025).

Das US-Interesse an Grönland hat eine lange strategische Tradition, die bis in die 1860er Jahre zurückreicht und im 19. und 20. Jahrhundert zu mehreren Kaufangeboten an Dänemark geführt hatte.Marc Jacobsen: Das Interesse der USA an Grönland. Bundeszentrale für politische Bildung (12. September 2025). Tatsächlich erkannten die Vereinigten Staaten die dänische Souveränität über ganz Grönland im Jahr 1917 völkerrechtlich als Kaufbedingung für den Kauf der Dänisch-Westindischen Inseln (der heutigen Amerikanischen Jungferninseln) an. Die Souveränität wurde 1933 vom Ständigen Internationalen Gerichtshof im Zuge eines Territorialstreits zwischen Dänemark und Norwegen über das von Norwegen beanspruchte Gebiet Eirik Raudes Land bestätigt.Ulrik Pram Gad, Marie Barse: Why Greenland is a part of the Kingdom of Denmark. DIIS (6. Januar 2026).

Am 9. April 1941 wurde während des Zweiten Weltkriegs ein Vertrag zwischen den Vereinigten Staaten und dem dänischen Gesandten Henrik Kauffmann geschlossen, nachdem Dänemark unter deutsche Besatzung geraten war und die Kontrolle über Grönland verloren hatte, wonach die Vereinigten Staaten vorläufig die Verteidigung Grönlands übernehmen und hierfür Militärstützpunkte errichten durften. Eine Abtretung von Hoheitsrechten war nicht vorgesehen; Dänemark behielt ausdrücklich die Souveränität. Grönland gehört als Teil Dänemarks seit der Gründung der NATO 1949 zum Bündnisgebiet. Für die militärische Verteidigung ist der Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Europa (SACEUR), stets ein US-General, zuständig. 1951 schlossen die Vereinigten Staaten und Dänemark ein Verteidigungsabkommen, das den USA die Errichtung von Militärbasen, darunter die strategisch bedeutende Thule Air Base (seit 2023 Pituffik Space Base genannt), ermöglichte. Dieses Abkommen wurde 2004 aktualisiert.

2019 schlug Donald Trump während seiner ersten Amtsperiode als US-Präsident erneut einen Kauf Grönlands vor, der sowohl von Grönland als auch von Dänemark abgelehnt wurde.

Gründe für das US-amerikanische Interesse Militärstrategische Bedeutung Donald Trump begründet das Interesse an einer Übernahme Grönlands meist mit der militärstrategischen Bedeutung der Insel. Hierbei betont er vor allem die Konkurrenz durch Russland und die Volksrepublik China, die andernfalls eine größere militärische Rolle in den arktischen Gewässern einnehmen würden. Experten zufolge sind in den grönländischen jedoch keinerlei russische und chinesische Schiffe aktiv. Es ist jedoch korrekt, dass sowohl Russland als auch China ihre Aktivitäten in der Arktis im 21. Jahrhundert ausgebaut haben.

Aufgrund ihrer Lage zwischen Nordamerika und der Arktis eignet sich die Insel hervorragend für Frühwarnsysteme bei möglichen Raketenangriffen und spielte vor allem während des Kalten Kriegs eine wichtige Rolle im US-amerikanischen Verteidigungssystem gegenüber der Sowjetunion. Von besonderer Bedeutung ist die GIUK-Lücke, ein See- und Luftraumkorridor zwischen Grönland, Island und dem Vereinigten Königreich, der im Kalten Krieg zentral für die Überwachung sowjetischer Aktivitäten war und auch im 21. Jahrhundert sicherheitspolitische Bedeutung besitzt. Eine Schlüsselrolle in der US-Präsenz spielt die seit den 1950er-Jahren betriebene Pituffik Space Base, die Teil der amerikanischen Raketenfrühwarn- und Kommunikationssysteme ist.Mikkel Runge Olesen, Anna Blaabjerg Nielsen: The history of US presence in Greenland. DIIS (7. Januar 2026).

mini|Das Patrouillenschiff Triton der Königlich Dänischen Marine bei Ilulissat, die einen Sikorsky MH-60R an Bord hatte, vor der Küste Grönlands im März 2024 Eine große Rolle in Trumps Rhetorik spielt die von ihm behauptete fehlende Verteidigungsfähigkeit Grönlands durch das Königreich Dänemark oder die NATO ohne US-amerikanische Mithilfe. Tatsächlich haben die USA die Verteidigung Grönland seit dem Zweiten Weltkrieg aus Eigennutzen freiwillig übernommen, nach dem Ende des Kalten Kriegs aber stark zurückgebaut, sodass heute nur noch die Pituffik Space Base betrieben wird, während alle übrigen militärischen Anlagen geschlossen worden sind. Dieser Rückbau der militärischen Aktivitäten wurde vom Königreich Dänemark oder der NATO nur mangelhaft kompensiert. Die Verteidigung Grönlands erfolgt offiziell durch das Arktisk Kommando, ein Teil des dänischen Militärs, das im unbewohnten Nordostgrönland die Sirius-Schlittenpatrouille betreibt sowie die Überwachung mit Militärschiffen und -flugzeugen übernimmt.

Donald Trump begründete die Gebietsansprüche über Grönland zudem mit dessen günstiger Platzierung für das 2025 angekündigte Raketenabwehrsystem Golden Dome. Durch den Vertrag von 1951 und dessen Aktualisierung von 2004 haben die USA jedoch bereits das Recht, ihre militärischen Aktivitäten in Grönland auszubauen, wofür sich die dänische Regierung bereits mehrfach offen gezeigt hat, sodass die Übernahme Grönlands dafür nicht notwendig wäre. Es bestehen somit Zweifel daran, dass der militärstrategische Nutzen in Wahrheit die primäre Ursache für die Gebietsansprüche der US-Regierung sind.

Wirtschaftliche Bedeutung mini|Geologische Karte Grönlands mit potenziellen Erdölbecken (grün, blau), verschiedene Arten von Bergbauprojekten sind mit Sternen markiert Grönland verfügt über umfangreiche mineralische Rohstoffressourcen, darunter bedeutende, bislang nur in Ansätzen erschlossene Lagerstätten Seltener Erden, die für eine Vielzahl technologischer Anwendungen von strategischer Relevanz sind. Für diese hat China derzeit nahezu ein globales Monopol. Der infolge des Klimawandels fortschreitende Rückgang des Eisschildes erleichtert zudem die saisonale Befahrbarkeit arktischer Seewege (Nordostpassage, Nordwestpassage). Diese Entwicklungen erhöhen den geopolitischen und ökonomischen Stellenwert Grönlands im internationalen Staatensystem. Tatsächlich ist Grönland stark an ausländischen Investitionen in den Bergbausektor interessiert, sofern diese die umweltschutzmäßigen Rahmenbedingungen einhalten. Aufgrund des rauen Klimas und der fehlenden Infrastruktur waren die Versuche Investoren anzuziehen jedoch bisher nur in begrenztem Maße erfolgreich.

Möglicherweise sind Trumps Interessen auch durch den Lobbyismus US-amerikanischer Tech-Oligarchen getrieben, die Grönland für futuristische Großprojekte wie einer Freistadt, eine Mars-Raketenbasis oder eines AI-Datenzentrums im Inlandeis auserkoren haben. Es wird davon ausgegangen, dass Trumps ursprüngliches Interesse an Grönland vom mit Trump befreundeten Investor Ronald Lauder stammt. Weitere zentrale Unternehmer mit Interesse an Grönland sind Ken Howery, der anschließend zum US-Botschafter in Dänemark ernannt wurde, Marc Andreessen und Peter Thiel. Mehrere von ihnen sind Teil der als PayPal-Mafia bekannten Gruppe von Milliardären aus der Technologiebranche.

Das wirtschaftliche Argument wurde von Trump explizit abgewiesen, könnte laut Experten jedoch ein wichtiger Grund für Trumps Interesse an Grönland sein.

US-amerikanischer Expansionismus mini|Ein von Trump propagiertes expansives Konzept sah einen erweiterten Einflussbereich der Vereinigten Staaten vor, der nach dieser Vorstellung auch Kanada, Grönland sowie die Panamakanalzone umfassen sollte. Es wird aufgrund zahlreicher öffentlicher Aussagen davon ausgegangen, dass ein großer Teil von Trumps Interesse an Grönland nicht strategisch begründet werden kann, sondern nur durch sein persönliches Interesse an einer Ausweitung des US-amerikanischen Staatsgebiets und den Wunsch als mindestens einer der bedeutendsten US-Präsidenten in die Geschichte einzugehen. Eine große Rolle spielt hierbei Trumps Ego, das sich in seinem Wunsch, in den Mount Rushmore eingemeißelt zu werden, der Umbenennung von beispielsweise dem Golf von Mexiko in Golf von Amerika und seinem öffentlich bekundeten Anspruch auf den Friedensnobelpreis zeigt. Vor allem das fehlende Interesse an der Annahme militärischer und wirtschaftlicher Angebote und Kompromisse deuten darauf hin, dass die Ausweitung des Territoriums der eigentliche Grund ist. Hierzu passt auch die Aussage Trumps aus dem Januar 2026, dass die Kontrolle über Grönland für ihn ein „psychologisches Bedürfnis“ sei.

Es kann zudem ein Zusammenhang mit Trumps außenpolitischer Strategie, generell den geopolitischen Einfluss der Vereinigten Staaten in der westlichen Hemisphäre zu stärken, hergestellt werden. Teil dieser als Donroe-Doktrin bezeichneten Strategie war der US-amerikanische Angriff auf Venezuela Anfang 2026, der einen Bruch mit der bekannten regelbasierten Weltordnung darstellt und zeigt, dass die USA zur Missachtung der Interessen anderer Staaten bereit sind, sofern diese mit den Interessen der US-Regierung im Konflikt stehen.Rasmus Sinding Søndergaard, Anne Blaabjerg Nielsen: Greenland’s place in the new US security strategy. DIIS (6. Januar 2026).

Verlauf Wiederaufflammen des Interesses während der zweiten Amtsperiode Trumps Kurz nach seiner erneuten Wahl zum US-Präsidenten am 5. November 2024 gab Trump noch vor seiner Amtseinführung am 22. Dezember 2024 durch einen Post auf Truth Social zu verstehen, dass der Besitz und die Kontrolle über Grönland aus Gründen der nationalen Sicherheit und der Freiheit in der Welt eine absolute Notwendigkeit seien. Der grönländische Finanzminister Erik Jensen lud daraufhin Trump zu einem Besuch in Grönland ein, während Regierungschef Múte B. Egede das erneute Interesse an der Kontrolle über Grönland durch die USA zurückwies. Die dänische Regierung äußerte sich im Gegensatz zu 2019 nicht und verwies lediglich auf die grönländische Regierung.