Herrn Brechers Fiasko ist ein Roman von Martin Kessel aus dem Jahr 1932.
Inhalt Protagonist des Romans ist Max Brecher, ein Angestellter in einem Berliner Konzern namens UVAG, Universale Vermittlungs-Aktien-Gesellschaft, der durch einen schleichenden, unaufhaltsamen Prozess in seiner Karriere gebremst, zum Außenseiter abgedrängt und in die Arbeitslosigkeit entlassen wird. Damit erlebt er schließlich sein persönliches Fiasko. Die Monotonie und die seelenlose Maschinerie des Großraumbüros führen dazu, dass Brecher seine Individualität verliert. Sein Versuch, sich gegen die Konformität der Arbeitswelt zu behaupten, endet in einer psychischen Krise. Dahingegen erfährt sein skrupelloser ehemaliger Freund, der Antagonist Dr. Geist, der mit Brecher gemeinsam als arbeitsloser Akademiker im Konzern angefangen hatte, nach der Entmachtung des Büroleiters Sack einen Karrieresprung, den er schonungslos zum Ausbau seiner Machtansprüche verwendet.
Weitere Hauptfiguren sind Gudula Öften, die als „gute Seele der Abteilung“ beschrieben wird und zu der Brecher ein engeres Verhältnis hat, die von mehreren Seiten umschwärmte Geheimratstochter Mucki und als Gegensatz zu ihr Lisa Frieske, eine Proletariertochter aus dem Bezirk Lichtenberg.
Publikationsgeschichte Die Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart brachte das Buch kurz vor Weihnachten 1932 heraus, sechs Wochen vor Hitlers Regierungsantritt: „...the wrong book at the wrong time, at odds with the Nazi vision that was quickly taking over the country“ deutsch „das falsche Buch zur falschen Zeit, im Widerspruch zur Nazi-Vision, die das Land schnell übernahm“, schreibt der Complete Review anlässlich der Übersetzung des Romans ins Englische im Jahr 2005.Mr. Brecher’s Fiasco by Martin Kessel Complete Review, abgerufen am 18. Januar 2026 Die erste Ausgabe nach dem Krieg erschien 1956 im Suhrkamp-Verlag, wurde aber in den Feuilletons, abgesehen von der Rezension durch Karl August Horst im Merkur, kaum wahrgenommen.Karl August Horst: Humoristische Brechung und Trickmechanik Merkur, Heft 102, August 1956, S. 818–821 1978 erschien bei Suhrkamp eine weitere Ausgabe, die von Kessel leicht überarbeitet, um einige Passagen gekürzt und mit einem Nachwort des Autors herausgegeben wurde.Bernhard Spies: Die Angestellten, die Großstadt und einige »Interna des Bewußtseins«. In: Becker, S., Weiß, C. (Hrsg.): Neue Sachlichkeit im Roman. Metzler, Stuttgart 1995. https://doi.org/10.1007/978-3-476-03575-2_12 Anmerkung 1. Diese Fassung liegt auch den Ausgaben des Schöfflin-Verlags von 2001 und der Büchergilde Gutenberg aus demselben Jahr zu Grunde.
2005 erschien bei University of Wisconsin Press eine Übersetzung ins Englische durch Brigitte Goldstein.
Epochenzuordnung und Interpretation Das Werk, das zur Literaturepoche der Neuen Sachlichkeit zählt, gilt als deutscher Büro- und Großstadtroman, der das kollektive Schicksal der Büroangestellten in den 1920er und frühen 1930er Jahren thematisiert. Dabei werden die Themenfelder Entfremdung und Marginalisierung des Einzelnen in einem großen, anonymen Wirtschaftssystem behandelt. Der Roman ist ein Spiegelbild der Krisenjahre Ende der Weimarer Republik, verpackt in eine satirische Darstellung des Büroalltags. Dabei wird auch der Konflikt im Spannungsfeld zwischen Arbeitern und Angestellten thematisiert.
Rezeption Der Roman wird überwiegend in Anlehnung zu Siegfried Kracauers soziologischer Essaysammlung Die Angestellten und Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz gesehen und damit in mehreren Rezensionen (u. a. Neue Zürcher Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Rundschau, Frankfurter Allgemeine Zeitung) in seiner Bedeutung der Darstellung des Angestelltenmilieus im Berlin der Weimarer Republik gewürdigt. Brecher wird dabei stellenweise auch als Pendant zu Erich Kästners Fabian gelesen und steht somit für einen Typus des modernen, vom Alltag entwurzelten Angestellten.
Der Roman stand im Mai 2001 auf Platz 9 der SWR-Bestenliste und wurde in Folge 74 der Literatursendung Das Literarische Quartett vom 22. Juni 2001 besprochen.
Literaturangaben
Textausgaben Herrn Brechers Fiasko. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart/Berlin 1932. Herrn Brechers Fiasko. Suhrkamp, Berlin/Frankfurt 1956. Herrn Brechers Fiasko. Mit einem Nachwort des Autors. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1978. ISBN 978-3-518-069530 Herrn Brechers Fiasko. Schöffling, Frankfurt am Main 2001. ISBN 978-3-89561025-7 Herrn Brechers Fiasko. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 2001. ISBN 978-3-76325191-9 Herrn Brechers Fiasko. Piper, München 2002. (Piper Taschenbuch. 3534.) ISBN 978-3-492-23534-1 Herrn Brechers Fiasko. Berliner Zeitung, Berlin 2007. ISBN 978-9078432555
Hörspiel Herrn Brechers Fiasko. Funkerzählung mit Hans Daiber von 1959. Hörspielbearbeitung Süddeutscher Rundfunk.
Sekundärliteratur
Ingrid Heinrich-Jost: Ehrfurcht und Gelächter: Zum Tode von Martin Kessel. In: Jahrbuch 1990, S. 148/149. Bernhard Spies: Die Angestellten, die Großstadt und einige „Interna des Bewußtseins“: Martin Kessels Roman ‚Herrn Brechers Fiasko‘. In: Neue Sachlichkeit im Roman. Neue Interpretationen zum Roman der Weimarer Republik. Hrsg. von Sabina Becker und Christoph Weiß. Metzler, Stuttgart/Weimar 1995. S. 235/254. Michael Grisko: Martin Kessel. Herrn Brechers Fiasko (Rezension). In: Sabina Becker / Eckhard Faul / Reiner Marx (Hgg.): Jahrbuch zur Kultur und Literatur der Weimarer Republik, Band 6. 2001. Katrin Hillgruber: Bestiarium der Angestellten. Martin Kessels Berlin- und Büroroman „Herrn Brechers Fiasko“ wiedergelesen. In: Neue Deutsche Literatur (NDL). Band 49. 2001. S. 131–136. Wilfried Schoeller: Ein ozeanisches Vergnügen. In: Süddeutsche Zeitung (SZ) 87 vom 14. April 2001. Claudia Stockinger, Stefan Scherer (Hrsg.): Martin Kessel (1901–1990). Aisthesis Verlag, Bielefeld 2004. Alexander Kluger: Angestelltenadel. Der moderne Großbetrieb als höfische Gesellschaft in Martin Kessels "Herrns Brechers Fiasko", in: Erzählte Wirtschaftssachen. Ökonomie und Ökonomisierung in der Literatur und im Film der Weimarer Republik. Hrsg. von Gregor Ackermann, Walter Delabar und Michael Grisko. Bielefeld 2013. S. 121–128. Carla Scheunemann: Die weiblichen Angestellten in der Literatur der Weimarer Republik.Am Beispiel von Irmgard Keuns 'Gilgi - eine von uns' und Martin Kessels 'Herrn Brechers Fiasko'. Müller, Saarbrücken 2013. ISBN 978-3-83646618-9
Weblinks Martin Kessel. Herrn Brechers Fiasko perlentaucher.de Katrin Hillgruber: Herrn Brechers Fiasko Archiv, Deutschlandfunk (ausführliche Buchbesprechung) Herrn Brechers Fiasko von Martin Kessel litnity, das Literaturportal
Einzelnachweise
Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Literatur (Berlin) Kategorie:Milieustudie (Literatur) Kategorie:Roman, Epik