mini|200px|Neues AMORC-Logo AMORC, häufig auch A.M.O.R.C., ein Akronym für lateinisch Antiquus Mysticus Ordo Rosae Crucis („Alter mystischer Orden vom Rosenkreuz“), ist eine 1915 in New York City von Harvey Spencer Lewis gegründete Organisation, die sich als Nachfolger der Rosenkreuzer begreift. Darüber hinaus beruft sie sich auf Traditionen, die bis in das Alte Ägypten zurückreichen sollen. Die Großloge der deutschsprachigen Länder besteht seit März 1952 und hat seit 1963 ihren Sitz in Baden-Baden.
Geschichte Vorgeschichte und Gründung (bis 1915) mini|200px|Harvey Spencer Lewis, der Gründer des AMORC
Die Gründung geht auf den Journalisten und Werbefachmann Harvey Spencer Lewis (1883–1939) zurück, der auch der erste Vorsitzende des Ordens war.Harald Lamprecht: Rosenkreuzerische Reinkarnation. Die Vorstellung von der Wiederverkörperung in modernen Rosenkreuzerorganisationen. S. 75. In: Michael Bergunder (Hrsg.): Religiöser Pluralismus und das Christentum. Festgabe für Helmut Obst zum 60. Geburtstag. (Kirche – Konfession – Religion; Band 43), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, S. 74–87. Lewis wurde methodistisch erzogen und interessierte sich bereits in seiner Jugend für okkulte Phänomene. 1904 entstand das New York Institute for Psychical Research, dem Lewis als Direktor vorstand. Dort beschäftigte man sich mit okkulten Studien und suchte nach Rosenkreuzerlehren, weshalb man sich intern „Rosicrucian Research Society“ nannte.John Gordon Melton: Biographical Dictionary of Cult- and Sect Leaders. Garland, New York/London 1986, ISBN 978-0-8240-9037-1, S. 156–157.
Laut Lewis Eigendarstellungen ist er 1908 durch eine Frau namens May Banks Stacey mit dem Rosenkreuzertum in Verbindung gekommen, die er als Legatin eines englischen Rosenkreuzerordens in Indien beschreibt. Sie habe ihn in Kontakt mit dem französischen Rosenkreuzer-Ableger gebracht. In der ersten Ausgabe von Lewis Ordenszeitschrift The American Rosae Crucis wird Banks-Stacey als Eingeweihte in die Geheimnisse der Hindu-Philosophie unter Swami Vivekananda, Abekananda Baha' Ullah dargestellt. Zudem sei sie ein Mitglied der Esoterischen Sektion (ES) der Theosophischen Gesellschaft gewesen. Als Mitbegründerin des Rosenkreuzertums in den USA sei sie die „Matrae of the Grand Lodge of America“ gewesen. Zugleich wird eine Verbindung zum französischen Rosenkreuzertum betont: Demnach habe sich Lewis 1909 mit einem Vorläufer des Ordre Kabbalistique de la Rose-Croix in Frankreich in Verbindung gesetzt, mit dem auch der Wegbereiter der französischen Rosenkreuzer-Bewegung Joséphin Péladan in Kontakt gestanden haben will. Im selben Jahr reiste Lewis nach Toulouse (Frankreich), wo er durch ein „wunderliches Erlebnis“, in einen Rosenkreuzerorden initiiert worden sein will, was ihn zur Gründung des AMORC veranlasst habe. Hierbei will Lewis in einem alten Turm bei Toulouse eine Wendeltreppe hinauf gegangen und in ein viereckiges Arbeitszimmer gelangt sein, wo ein alter weißhaariger Mann ihm gesagt habe, er sei ohne sein Wissen bis zu diesem Ort geleitet worden, und ihm einen Brief gab. Einige Tage später habe ihn ein Wagen bis zu einem Schloss gefahren, in dem er eingeschlafen und im Traum von einem Kapitel der Erleuchteten in einer Höhle den Auftrag erhalten habe, den Orden in den U.S.A. zu gründen.Harald Lamprecht: Neue Rosenkreuzer. Göttingen 2004, S. 101–102.
Lewis Einweihungs- und Abstammungsgeschichte hält der Rosenkreuzerforscher Robert Vanloo für imaginär, da Lewis zwar vorgab, von französischen Rosenkreuzer-Eingeweihten geschriebene Dokumente zu besitzen, die angeblich unbestreitbar zeigen, dass er bevollmächtigt wurde, den AMORC als die einzig wahre Rosenkreuzer-Bewegung in den USA zu gründen. Diese Texte seien jedoch in schlechtem Französisch und ohne richtige Akzentsetzung geschrieben worden und die von Lewis angefertigten und vorgewiesenen Fotos von Denkmälern in Toulouse, existierten dort nirgends.Sylvain Imbs: Spiritual filiation or doctrinal conflicts in modern Rosicrucian movements.; Robert Vanloo: Les Rose-Croix du Nouveau Monde, Internationale CESNUR-Konferenz vom 2. bis 5. Juni 2005 – Palermo, Sizilien Auf Basis dieser „Vollmacht französischer Rosenkreuzer“ versteht sich der AMORC als neues Zentrum einer weltweit verzweigten jahrhundertealten Rosenkreuzerorganisation, deren internationaler Rat die Essenz seiner Lehren in Paketen voller Manuskripte, Bücher und Lehrmaterial über den Atlantik ins sicherere New York gesandt habe. Laut AMORC werde dieser alte Orden nur in bestimmten Zyklen, die in der Regel 108 Jahre dauern, öffentlich aktiv und ziehe sich danach wieder in die Verborgenheit zurück. Dass sich Lewis’ Geschichtsversion beträchtlich von der historischer Forscher unterscheidet, führt er darauf zurück, dass diese nicht initiiert seien und deshalb alles missverstünden. Nach New York zurückgekehrt brachte er die Kerngruppe des AMORC zusammen, die von Frau Banks Stacey mit „weiteren Papieren und den Juwelen des Ordens“ bedacht worden sei. Lewis gründete Logen und der AMORC begann in der heute noch für ihn typischen Arbeitsform als Fernlehrinstitut tätig zu werden.Harald Lamprecht: Neue Rosenkreuzer. Göttingen 2004, S. 102, 139f.
Anfangszeit in New York City (1915–1918) Die erste Loge des AMORC wurde im Mai 1915 in New York City gegründet.Tobias Churton: The Invisible History of the Rosicrucians. The World’s Most Mysterious Secret Society. Inner Traditions, Rochester 2009, S. 501.
Am 22. Juni 1916 führte Lewis vor AMORC-Mitgliedern in New York City in einer öffentlichen Schau eine Demonstration auf dem Gebiet der praktischen Alchemie vor, in dem er versuchte, ein Stück Zink zu Gold zu verwandeln. Nach einer kurzen theoretischen Einleitung konzentrierte Lewis sich mit einer „wenig bekannten Geisteskraft“ ungefähr 16 Minuten lang auf den Zinkgegenstand.Harald Lamprecht: Neue Rosenkreuzer. Göttingen 2004, S. 106.Christopher Mcintosh: The Rosicrucians. The History, Mythology and Rituals of an Esoteric Order. Samuel Weiser Inc., 3. Auflage, York Beach, Maine 1997, ISBN 0-87728-893-3, S. 127. Die Hälfte des behandelten Zinkstücks wurde im Anschluss an den Obersten Rat des Rosenkreuzer-Ordens in Frankreich geschickt. Die andere Hälfte wurde in den Räumlichkeiten des AMORC in New York City ausgestellt, allerdings wurden keine Fotos oder weiteren Stellungnahmen produziert.
1917 wurde die erste „National Convention“ in Pittsburgh (Pennsylvania) abgehalten, in der dem Plan zugestimmt wurde, Belehrungen zukünftig nicht nur innerhalb von Logen, sondern auch im Wege des Fernstudiums („correspondence lessons“) anzubieten, was zu einer landes- und später weltweiten Ausbreitung des AMORC führen sollte.
Am 17. Juni 1918 wurde das Hauptquartier des AMORC polizeilich durchsucht. Lewis wurde verhaftet, weil er angeblich zweifelhafte Anleihen verkauft und Geld unter Angabe falscher Gründe gesammelt habe. Einer anderen Darstellung zufolge wurde er unter dem Vorwurf des Vertriebs zweifelhafter Bücher und des Betruges verhaftet. Die Vorwürfe wurde gegen ihn später fallengelassen.Harald Lamprecht: Neue Rosenkreuzer. Göttingen 2004, S. 103.
Phase in San Francisco und Tampa (1918–1927) Nach dem Umzug nach San Francisco publizierte Lewis ab 1921 die Zeitschrift The Rosicrucian Digest, allerdings zunächst unter dem Titel The Triangle.Lindsay Jones (Hrsg.): Encyclopedia of Religion. Volume 12, 2. Auflage 2005, S. 7930. Ebenfalls 1921 stellte der AMORC eine Verbindung zum Mitbegründer des Ordo Templi Orientis (OTO) Theodor Reuß (1855–1923) her. Lewis hatte von Reuß erfahren, dass der OTO die „äußere Fassade“ der Rosenkreuzer repräsentiere, was Lewis Interesse weckte, da er sich in den 1920er Jahren nur als eine Art Bewahrer des Rosenkreuzertum sah und immer noch darauf wartete mit „wahren und echten Rosenkreuzern“ zusammenzutreffen.Peter-Robert König: Der O.T.O. Phänomen RELOAD. Band 1. Arbeitsgemeinschaft für Religions- und Weltanschauungsfragen, München 2011, ISBN 978-3-941421-16-5, S. 168–169. Reuß seinerseits war von Lewis Ressourcen beeindruckt und stattete ihn mit einer OTO-Ehrenmitgliedschaft (Memphis-Misraïm-Ritus 33°, 90°, 95° und OTO VII°) aus.Tobias Churton: The Invisible History of the Rosicrucians: The World’s Most Mysterious Secret Society. Inner Traditions Verlag, Rochester, Vermont 2009, S. 505. Ferner versuchte er ihn zu überreden, einen gemeinsamen Dachverband namens „The AMORC World Universal Council“ (TAWUC) zu errichten.Peter-Robert König: Der O.T.O. Phänomen RELOAD. Band 1. Arbeitsgemeinschaft für Religions- und Weltanschauungsfragen, München 2011, ISBN 978-3-941421-16-5, S. 14. Lewis war von dieser Idee nicht überzeugt und brach den Kontakt zu Reuß im Mai 1922 schließlich ganz ab, nachdem er erkannte, dass Reuß primär das Ziel verfolgte, vom AMORC finanzielle Unterstützungen zu erhalten.Peter-Robert König: Der O.T.O. Phänomen RELOAD. Band 1. Arbeitsgemeinschaft für Religions- und Weltanschauungsfragen, München 2011, ISBN 978-3-941421-16-5, S. 169–170. Dennoch verwendete der AMORC bis in die 1950er Jahre in manchen Druckerzeugnissen das Lamen der OTO, das allerdings auch schon 1890 (16 Jahre vor der OTO-Gründung) im Wappen von Joséphin Péladans Ordre de la Rose-Croix du Temple et du Graal benutzt wurde.Peter-Robert König: Der O.T.O. Phänomen RELOAD. Band 1. Arbeitsgemeinschaft für Religions- und Weltanschauungsfragen, München 2011, ISBN 978-3-941421-16-5, S. 30 und 174. 1930 arbeitete Lewis kurzzeitig mit Reuß’ Nachfolger Heinrich Tränker zusammen. Beide publizierten ein als zweite Fama stilisiertes Rosenkreuzermanifest, um den AMORC auch in Deutschland zu etablieren und planten ein „Pansophia International Rosicrucian Council“. Zwischen 1929 und 1937 verfasste Lewis einige esoterische Bücher, die ihn auch außerhalb des AMORC bekannt machten. Um 1925 arbeitete Lewis zwei Jahre lang in Tampa (Florida), wo er mit Unterstützung eines finanzkräftigen Partners in einem von Palmenhainen umgebenen Ambiente eine ägyptische Pyramide nachbaute, die die Kulisse für ausgiebige Werbeaktionen bildete. Eine eigene Radiostation (WJBB) wurde eingerichtet. In der Folge stieg die Mitgliederzahl des AMORC beträchtlich.Harald Lamprecht: Neue Rosenkreuzer. Göttingen 2004, S. 103f.
Niederlassung in San José, Kalifornien (ab 1927)
1927 erwarb Lewis Land für das neue AMORC-Hauptquartier in San José, Kalifornien. Auf dem Gelände wurde 1934 eine rosenkreuzerische Universität („“) eröffnet. 1936 folgten ein Planetarium und 1939 eine Bücherei („“) sowie ein ägyptisches Museum („“), das zu einer Touristenattraktion San Josés wurde.John Gordon Melton: Encyclopedic Handbook of Cults in America. Garland, New York/London 1986, ISBN 0-8240-9036-5, S. 72–73.
Das Areal wurde „“ genannt und bildete lange das internationale Zentrum des AMORC. Analog zu anderen esoterischen Organisationen versuchte Lewis den AMORC mit einem christlichen Kultus zu verbinden. Diese Anbindung gelang mit der „“. Lewis wurde der Bischof dieser Kirche. Die Verbindung bestand jedoch nur wenige Jahre und wurde schließlich aufgelöst, da sich der Charakter des AMORC zunehmend als areligiös und bruderschaftlich gerierte. Infolge der Differenzen unter den Mitgliedern trennte sich die größte Loge mit etwa 1000 Personen mit ihrem Meister vom AMORC ab.Harald Lamprecht: Neue Rosenkreuzer. Göttingen 2004, S. 103.
Streit um den legitimen Rosenkreuzer-Orden Der AMORC nahm für sich in Anspruch, der einzig legitime Rosenkreuzer-Orden in Nordamerika zu sein, wonach, in Anknüpfung an den französischen Okkultismus, eine kontinuierlich im Geheimen existierende Organisation postuliert wird, die jahrhundertelang die Leitung und Kontrolle innegehabt haben soll.Harald Lamprecht: Neue Rosenkreuzer. Göttingen 2004, S. 92, 105.