Das KZ-Außenlager Neukölln war ein Außenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen, das von August 1944 bis April 1945 existierte. Es war das einzige Barackenlager eines Konzentrationslagers innerhalb der Berliner Ringbahn. Es bestand aus einem mit Stacheldraht und Sichtschutz umzäunten Barackenlager in der Sonnenallee 181–189 in Berlin-Neukölln und wurde für die Internierung von etwa 500 meist jüdischen Frauen benutzt, die zur Zwangsarbeit in einer naheliegenden Fabrik der Firma National-Krupp Registrierkassen herangezogen wurden.

Das Barackenlager mini|Zeitzünder Flak Typ Zt. Z. S/30 mit Zünderbüchse (W 92/11.a-b) und MP 40 (W 57/38) aus der Sammlung des Deutschen Historischen Museums, Berlin Als Folge der Weltwirtschaftskrise fusionierte im April 1934 die US-amerikanische Firma mit Krupp Registrierkassen Gesellschaft, einer Tochterfirma der Friedrich Krupp AG, und firmierte danach National–Krupp Registrierkassen GmbH.

Das Barackenlager, bestehend aus sechs Baracken, wurde ursprünglich 1942 auf einem Grundstück in der Sonnenallee 181–187 zur Unterbringung ziviler Zwangsarbeiter errichtet, die in der nahegelegenen Fabrik der National-Krupp Registrierkassen GmbH eingesetzt wurden. Diese Fabrik, die zunächst für die Herstellung und Wartung von Registrierkassen von der US-Amerikanischen Firma National Registrierkassen GmbH (englisch: National Cash Register) aufgebaut worden war, stellte im Verlauf der ersten Kriegsjahre auf Rüstungsproduktion um und verpflichtete ab Ende 1941 zivile Zwangsarbeiter aus Frankreich, Polen und der Sowjetunion.United States Holocaust Memorial Museum, “Benjamin B. Ferencz Collection”. Series 4: Claims against industrial firms records 1941–1994, Undated 12.004. Subseries 14: Claims against Krupp International 1943–1984. File 19: Krupp factory at Neukölln 1959, Undated 12.004*17. https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn713130?rsc=269924&cv=0&x=1805&y=2303&z=1.1e-4 Es wurden unter anderem MP40 (Maschinenpistolen) und Zt. Z. S30 (Zeitzünder für Flakgranaten) mit dem Herstellercode CND produziert, das im März 1941 vom Heereswaffenamt ausgegeben wurde. Das Barackenlager lag auf einem separaten Gelände, nur einige Hundert Meter von der Fabrikanlage entfernt.

Die höchste Anzahl Zwangsarbeiter an dem Neuköllner Produktionsstandort wurde März 1943 erreicht, wovon etwa die Hälfte im Barackenlager untergebracht waren.

Die Internierten vor ihrer Ankunft in Berlin-Neukölln Im August 1944 wurde das Barackenlager von der SS übernommen und zu einem KZ-Außenlager umgebaut. Entweder Ende August oder in der ersten Septemberwoche traf dort eine Gruppe von etwa 500 Häftlingen ein. Die Gruppe war fast aber nicht ausschließlich jüdisch: zu der Gruppe gehörte mindestens eine Romni. Die Häftlinge kamen aus Polen, Deutschland, Österreich, der Sowjetunion, Frankreich, den Niederlanden, der Slowakei, Rumänien und Ungarn.

Diese Gruppe bestand aus Frauen – überwiegend zwischen 20 und 25 Jahren alt –, die die sogenannte „Auflösung“ des Ghettos Litzmannstadt (Łódź) überlebt hatten. Sie hatten nicht nur die extremen Lebensbedingungen im Ghetto überstanden, sondern auch die berüchtigte Selektion an der „Rampe“ in Auschwitz-Birkenau. Das Ghetto wurde nämlich im August 1944 aufgelöst; die meisten Bewohner wurden entweder direkt zum Vernichtungslager Kulmhof deportiert (etwa 7000), um dort ermordet zu werden, oder zum KZ Auschwitz-Birkenau, wo eine Selektion stattfand (etwa 67.000, wovon 45.000 kurz danach ermordet wurden).

Die in KZ-Außenlager Neukölln internierten Frauen wurden am 17. August 1944 in einem großen Transport nach Auschwitz-Birkenau verschickt und blieben dort laut Zeitzeugenaussagen zwischen vier und vierzehn Tagen. Zusammen mit ihren Familienangehörigen, die das Ghetto überlebt hatten, wurden sie kurz nach ihrer Ankunft von einem SS-Lagerarzt entweder als 'arbeitsfähig' oder 'nicht arbeitsfähig' selektiert. Arbeitsfähige Häftlinge sollten in ein KZ-Außenlager überstellt werden, während die als nicht arbeitsfähig eingestuften Personen innerhalb kurzer Zeit ermordet wurden. Viele Familien wurden dabei traumatisch voneinander getrennt, und die als arbeitsfähig selektierten Häftlinge erfuhren über das Schicksal ihrer Angehörigen bis Kriegsende nichts. Eine Brille, die der Überlebenden Tola Walach vom Neuköllner Außenlager gehörte, zeugt von diesem Ereignis, wie auf der Webseite von Yad Vashem dokumentiert wird:

„Bluma und Tola wurden zusammen aus dem Ghetto Lodz nach Auschwitz deportiert. Während der Selektion wurden sie getrennt, und Bluma wurde von der Rampe direkt zu den Gaskammern geführt. Tola stellte später fest, dass sie die Brille ihrer Mutter in der Tasche hatte. Sie wurde zum einzigen Erinnerungsstück an ihre Mutter, das ihr noch geblieben war, und sie weigerte sich auch, sie nach dem Krieg wegzuwerfen.“

In Auschwitz musste die Gruppe in einer Baracke abwarten, bevor sie zum Außenlager verschickt wurde. In diesem Zeitraum wurde ihnen die Haare abrasiert und sie mussten ihre Kleidungsstücke und andere Halbseligkeiten abgeben. Im Gegenzug erhielten die Häftlinge eine Auswahl nicht passender Kleidungsstücke zum Tragen. Es ist zu vermuten, dass die Kleidungsstücke von ermordeten Häftlingen stammten.

Nach ihrer Abfahrt von Auschwitz-Birkenau musste die Gruppe zwischen zwei und drei Tagen in fünf Kohlenwaggons (pro Waggon etwa 100 Häftlinge) ausharren, ehe sie in Berlin ankamen. Ein Eimer wurde der Frauen als Toilette zur Verfügung gestellt und es gab nicht genug Platz, dass die Frauen sich hinsetzen konnten. Laut der Überlebenden Masza Pszczół bekamen die Häftlinge 300 g Brot, 5 g Margarine und 50 g Wurst für die Reise.

Die Zeit in Neukölln Nach ihrer Ankunft in Neukölln bewohnten die Häftlinge drei der Baracken, die jeweils mit Stacheldraht umzäunt waren. Die übrigen Baracken wurden als Küchen-, Wasch- oder Verwaltungsbaracke benutzt. Um das Barackenlager auf die Übernahme durch die SS vorzubereiten, wurde Mitte 1944 der Zaun um das Barackenlager mit einem Flechtwerk versehen, damit das Barackenlager von der Straßenebene nicht sichtbar war. Allerdings war das Barackenlager weniger als 50 m vom nächsten vierstöckigen Wohnhaus in der Sonnenallee entfernt, von dessen Balkons das Barackenlager dauerhaft sichtbar war.

Die Häftlinge verrichteten zwölfstündige Tages- und Nachtschichten in der National-Krupp-Registrierkassen-Fabrik in der Thiemannstraße 1-11. Sie arbeiteten in der Stanzerei, Galvanisierung, Montageabteilung, bei der Qualitätskontrolle und vereinzelt in der Patina. Bei der Produktion von Waffen und Munition kam es wiederholt zu schweren Arbeitsunfällen: Mindestens ein Mädchen soll einen Finger verloren haben. Sie mussten sechs Tage der Woche arbeiten und am siebten Tag die Baracken putzen. Misshandlungen und Übergriffe durch Wachpersonal gehörten zum Alltag.Kloke, Leon, “Das Frauen-KZ im Kiez. Ein nahezu vergessener Ort”, in: Aktives Museum, Mitgliederrundbrief 87, August 2022, S. 16–23. Jedoch berichteten viele Überlebende davon, dass ihre Erfahrungen mit dem Wachpersonal gemischt waren: von gewaltsamen Schikanierungen bis zu der Bereitschaft, den Häftlingen zu helfen.

Der Arbeitseinsatz war das Einzige, was sie am Leben hielt. Wer zu krank oder zu schwach wurde, wurde „selektiert“ und etwa 70 km nördlich von Berlin in das KZ Ravensbrück deportiert, wo in den letzten Kriegsmonaten Gaskammern von dem ehemaligen Kommandanten von Auschwitz Rudolf Höß betrieben wurden. Krankheit, Hunger und Erschöpfung gehörten zum Alltag. Täglich standen sie auf dem benachbarten Sportplatz für den manchmal langen und schikanösen Appell.

In den letzten Kriegsmonaten wurde Berlin nahezu täglich bombardiert; die KZ-Häftlinge mussten bis Anfang Februar 1945 in Splittergräben unter freiem Himmel ausharren. Nach dem großen Luftangriff am 3. Februar 1945 durch die USAAF durften die Häftlinge Schutz in den Kellern der Fabrik suchen. Während eines Bombenangriffs kurz vor Kriegsende wurden mehrere Baracken so beschädigt, dass die Häftlinge ihre restliche Zeit in Berlin in Kellern eines Kinos bzw. der Fabrikanlage hausen mussten.

Dennoch beschrieben viele Frauen in Zeitzeugen-Interviews ihre Zeit in Neukölln im Vergleich zu anderen Stationen des Holocausts als relativ „erholsam“ oder sogar „paradiesisch“. Im Vergleich zu ihren bisherigen Erfahruingen im Ghetto Litzmannstadt durften die Häftlinge in der Werkskantine essen, der Lagerkommandant setzte sich in einzelnen Fällen aktiv für ihre Gesundheit ein (so wurde etwa für einen Häftling ein externer Zahnarzt organisiert), sie durften ihre Haare wieder lang wachsen lassen und die Arbeit fand in beheizten Werkshallen statt.Stanley A. Goldman, Left to the Mercy of a Rude Stream. The Bargain That Broke Adolf Hitler and Saved My Mother, University of Nebraska Press, Lincoln, 2018. Abends sangen die Häftlinge polnische Lieder und rezitierten Gedichte.

Auflösung und Evakuierung Die Auflösung des Außenlagers verlief in einer besonderen Weise. Laut einer Aussage des Lagerkommandants wurde das Lager am 18. April 1945 geräumt, nur zwei Tage bevor der erste Artilleriebeschuss der Roten Armee Neukölln erreichte. Die Frauen wurden mit der S-Bahn nach Oranienburg gebracht, wo sie eine Nacht im Hauptlager Sachsenhausen verbringen mussten. Am folgenden Tag wurden sie weiter in das KZ Ravensbrück transportiert, wo sie etwa eine Woche blieben. Dort hatten sie schließlich das außergewöhnliche Glück, im Zuge hochrangiger Verhandlungen gerettet zu werden. Nach dem letzten „Führergeburtstag“ am 20. April 1945 traf sich der Reichsführer-SS Heinrich Himmler heimlich mit Norbert Masur – einem deutschen Juden, der während der Kriegsjahre in Schweden lebte und bei diesem Treffen den Jüdischen Weltkongress vertrat –, um über die Freilassung jüdischer Häftlinge zu verhandeln.Sabine Kittel, “History and Politics of the Rescue of Jewish Prisoners by the Swedish red Cross in the ‘White Bus’ Operation”, in: Irith Dublon-Knebel (ed.), A Holocaust Crossroads, Vallentine Mitchell Books, London and Portland, 2010, pp. 221 – 240.

Himmler verfolgte dabei das Ziel, diplomatisches Kapital bei den Westalliierten zu gewinnen, indem er sich als vermeintlich „anständige“ Alternative zu Adolf Hitler präsentierte und eine gemeinsame Front von Wehrmacht, Waffen-SS und Westalliierten gegen den aus seiner Sicht „eigentlichen Feind“, den Kommunismus, propagierte. Masur war erfolgreich. Er erreichte die Freilassung von über 1000 jüdischen Frauen aus dem KZ Ravensbrück. Die Evakuierung erfolgte durch das schwedische und dänische Rote Kreuz im Rahmen der Rettungsaktion der Weißen Busse. Etwa 95 Prozent der Frauen aus dem KZ-Außenlager Neukölln waren polnischer Herkunft – ein entscheidender Punkt, denn Himmler stimmte offiziell nur der Freilassung polnischer Jüdinnen zu, um seine tatsächlichen Absichten zu verschleiern. Hätte Hitler von der Freilassung jüdischer Häftlinge erfahren, wäre dies als Verrat gewertet worden; die formale Einstufung als „Polinnen“ diente somit als Tarnung. Geschätzt durften bis zu 95 Prozent der in Neukölln internierten Frauen mitfahren, während die übrigen mit anderen Ravensbrück-Häftlingen zu Todesmärschen gezwungen wurden.

Nachkriegsgeschichte Das KZ-Außenlager Neukölln wies vermutlich eine der höchsten Überlebensraten unter jenen Außenlagern auf, in denen ausschließlich oder nahezu ausschließlich jüdische Frauen inhaftiert waren. Auch die Nachkriegsgeschichten dieser Frauen sind bemerkenswert. Die meisten blieben länger als ein Jahr in Schweden, bevor sie weiterzogen. Die überwiegende Mehrheit wanderte nach Israel oder in die USA aus, andere nach Kanada, Australien oder in weitere Länder.