Michael Schmidt (* 6. Oktober 1945 in Berlin; † 24. Mai 2014 ebenda) war ein deutscher Fotograf. Sein Werk ist in Sammlungen nationaler und internationaler Museen vertreten.

Leben Michael Schmidt wurde in Berlin-Kreuzberg geboren. Seine Eltern waren Heinz und Margarete Schmidt, geb. Kretschmar. Er wuchs mit weiteren fünf Geschwistern auf. Die Eltern besaßen eine kleine Lampenschirm-Fabrikation. 1949 siedelte die Familie nach Berlin-Erkner in die „Ost-Zone“ über, Ende 1954 floh sie in den West-Sektor, um im selben Jahr nach Erkner zurückzukehren. Ende 1955 folgte die erneute Flucht, um endgültig im Westteil Berlins in Kreuzberg zu bleiben. Mit 20 Jahren hatte Schmidt zwölf Umzüge und sieben Schulwechsel hinter sich. Er machte zunächst eine Malerlehre, die er aber 1962 abbrach, danach arbeitete er als Fahrradbote, 1963 trat er in den Polizeidienst ein und begann 1965 als Autodidakt zu fotografieren.

Noch als Polizeibeamter (bis 1973) unterrichtete Schmidt von 1969 bis 1976 an den Berliner Volkshochschulen Kreuzberg und Neukölln. 1976 gründete er die Werkstatt für Photographie in der Volkshochschule Kreuzberg, die zehn Jahre existierte. Dort fanden Unterricht, Vorträge, Künstlergespräche, Workshops und Ausstellungen u. a. von Robert Adams, Diane Arbus, Lewis Baltz, Larry Clark, John Gossage, William Eggleston, Stephen Shore, Larry Fink, Frank Gohlke und Lisette Model statt. Von 1976 bis 1977 leitete Schmidt die Werkstatt. Dort gehörten zu seinen Schülern u. a. Ulrich Görlich, Wilmar Koenig, Thomas Leuner und Wolfgang Eilmes. 1979/1980 hatte Michael Schmidt einen Lehrauftrag an der Gesamthochschule Essen. Dort zählt Andreas Gursky zu seinen Schülern, der ihn seinen wichtigsten Lehrer nannte. 1988 war Schmidt Gastprofessor an der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst in Salzburg.

In seinem Werk setzte sich Michael Schmidt zuerst vor allem mit seiner direkten Umgebung, den Berliner Bezirken Wedding und Kreuzberg, auseinander. Mit Waffenruhe (1987), das ein Psychogramm der geteilten Stadt zum Ende des Kalten Krieges zeichnet, löste sich Schmidt von einer streng dokumentarischen Bildauffassung. Er formulierte auch in seinen folgenden Werkgruppen eine subjektiv begründete Vorstellung von Welt mit den Stilmitteln einer dokumentarischen Fotografie. 1988 zeigte das Museum of Modern Art in New York Waffenruhe (Ceasefire) in der Gruppenausstellung New Photography 4.

Die eng verbundene Konzentration auf die Motivwelt seiner Geburtsstadt Berlin löste Michael Schmidt mit der Serie Ein-heit (1996) auf, in der er anlässlich der Wiedervereinigung Deutschlands die Bildsprachen verschiedener Gesellschaftsformen und politischer Systeme untersuchte. Er verwendete darin re-fotografierte bereits medial vermittelte Bilder, die er eigenen Motiven gleichwertig behandelte und mit ihnen zusammen in einem textlosen Künstlerbuch veröffentlichte. 1996 hatte diese Arbeit unter ihrem englischen Titel U-NI-TY im Museum of Modern Art in New York Premiere und war dort die erste Einzelausstellung eines deutschen Fotografen seit Jahrzehnten. mini|Grab von Michael Schmidt auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof In Frauen (2000) zeigte Schmidt mit seinen Ansichten unbekleideter Frauen die oft nur im Detail ablesbaren gesellschaftlichen Normierungen einer jüngeren Generation. In Irgendwo untersuchte er die deutsche Provinz und beschrieb dabei „den Verlust von Zuhause als Ort der Identität“.Die Fotografie ist eine Bastardkunst – Ein Interview mit Michael Schmidt von Dietmar Elger. In: Michael Schmidt, Irgendwo. Snoeck Verlagsgesellschaft, Köln 2005, S. 122.

1995 hatte Michael Schmidt mit „Fotografien seit 1965“ eine erste Übersichtsausstellung im Museum Folkwang, Essen. Die umfangreiche Übersichtsausstellung „Grau als Farbe. Fotografien bis 2009“ setzte er 2010 im Haus der Kunst in München um. 2006 und 2010 nahm er an der Berlin Biennale und 2013 an der 55. Venedig Biennale teil. Dort präsentierte er seine Werkgruppe Lebensmittel, worin er sich mit der zeitgenössischen Lebensmittelproduktion auseinandersetzt und dabei erstmals in seinem Werk auch Farbfotografie verwendete.

Michael Schmidt war seit 1999 Mitglied der Akademie der Künste in Berlin. Unmittelbar vor seinem Ableben wurde ihm der „Prix Pictet“ für die Ausstellung Lebensmittel zuerkannt, die im Victoria and Albert Museum in London gezeigt wurde.

Schmidt lebte in Berlin-Kreuzberg und in Schnackenburg an der Elbe, Niedersachsen. Sein Grab befindet sich auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin. Seit 1999 existiert die „Stiftung für Fotografie und Medienkunst mit Archiv Michael Schmidt“, die seit dem Tod des Künstlers sein Archiv betreibt und aufarbeitet. Die rechtsfähige Stiftung bürgerlichen Rechts war von Schmidt, dem Deutschen Sparkassen- und Giroverband und der Norddeutschen Landesbank gegründet worden.

Ausstellungen (Auswahl) Einzelausstellungen 1973: Berlin Museum, Berlin: Kreuzberger Motive 1973: Rathaus Kreuzberg, Berlin: Ausländische Mitbürger 1974: U-Bahnhof Möckernbrücke, Berlin: Das Alter 1975: Rathaus Kreuzberg, Berlin: Die berufstätige Frau 1975: Galerie Springer, Berlin: Michael Schmidt – Fotografien 1981: Museum Folkwang, Essen: Stadtlandschaften 1987: Berlinische Galerie, Berlin: Waffenruhe 1987: Sprengel Museum Hannover, Spectrum Photogalerie: Bilder 1979 –1986 1988: Museum Folkwang, Essen 1990: Büro Orange, München, Siemens Fotoprojekt 9 1991: Galerie Eleni Koroneou, Athen 1991: Kunstverein Göttingen: Michael Schmidt – Mauern 1995: Museum Folkwang Essen: Michael Schmidt – Fotografien seit 1965 1996: Sprengel Museum, Hannover: EIN-HEIT 1996: The Museum of Modern Art, New York: U-NI-TY 1997: Staatliche Kunstsammlungen Dresden; Galerie Neue Meister, Ableitung 2000: Kunstverein Düsseldorf: Frauen 2003: Städtische Galerie Wolfsburg: Yet Untitled 2005: Arp Museum Bahnhof Rolandseck: Irgendwo 2009: Temporäre Kunsthalle Berlin 2010: Galerie Nordenhake 2010: Haus der Kunst, München: Michael Schmidt – Grau als Farbe. Fotografien bis 2009Grau als Farbe, Ausstellung im Haus der Kunst München, 2010 2012: Museum Morsbroich, Leverkusen; 2013 Martin-Gropius-Bau, Berlin: Michael Schmidt – LebensmittelLebensmittel, Ausstellung im Museum Morsbroich, 2012 2013: Pinakothek der Moderne, München: EIN-HEIT 2014: Galerie Nordenhake, Berlin: Natur 2021: Jeu de Paume, Paris

Ausstellungsbeteiligungen 1977: Michael Schmidt und Schüler, Werkstatt für Photographie der VHS Kreuzberg, Berlin 1978: Aspekte deutscher Landschaftsfotografie, Fotomuseum im Stadtmuseum, München 1979: In Deutschland, Rheinisches Landesmuseum, Bonn 1980: Fotografie 1919–1979 – Made in Germany, Fotomuseum im Stadtmuseum, München 1981: Photographies en Allmagne 1920–1982, Association Art et Photographie, Besançon (Sixième festival photographique) 1982: Arbeiten 1981, Werkstatt für Photographie der VHS Kreuzberg, Berlin 1983: Photographie in Deutschland: Heute (Wanderausstellung) u. a. Koninklijke Akademie voor Schone Kunsten, Gent 1983: Fotografie 1983, Fotoforum Stadtpark, Graz 1985: Das fotografische Selbstporträt, Württembergischer Kunstverein, Stuttgart 1986: Reste des Authentischen, Museum Folkwang, Essen 1987: Fotobiennale, Goethe-Institut, Nancy 1988: Industrieregion Eisenerz, Ostbahnhof, Graz 1988: New Photography 4, Museum of Modern Art, New York 1989: Photography now, Victoria and Albert Museum, London 1989: Kunst als Fotografie – Fotografie als Kunst, Berlinische Galerie, Berlin 1989: Photography Until Now, The Museum of Modern Art, New York 1990: The Past and the Present of Photography, Museum of Modern Art, Tokio und Museum of Modern Art, Kyoto 1991: Interferenzen: Kunst aus West-Berlin 1960–1990, Kunsthalle Riga und Kunstmuseum St. Petersburg 1993: Industriefotografie heute, Staatsgalerie moderner Kunst, Neue Pinakothek, München 1993: Pictures from a real world, Lillehammer Art Museum 1994: Industriefotografie heute (Het Siemens Fotoprojekt) Nederlands Fotoinstituut, Rotterdam 1995: Dicht am Leben/Close to Life, 3. Internationale Foto-Triennale, Esslingen 2000: How you look at it – Fotografien des 20. Jahrhunderts, Sprengel Museum Hannover 2003/2004: Cruel and Tender – Fotografie und das Wirkliche, Museum Ludwig, Köln 2004: Jede Fotografie ein Bild, Pinakothek der Moderne, München 2006: Of Mice and Men, 4. Berlin Biennale 2010: was draußen wartet, 6. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst 2011: Photography Calling, Sprengel Museum Hannover 2012: MAKING HISTORY, MMK Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main 2013: Ausweitung der Kampfzone. Die Sammlung. 1968–2000, Neue Nationalgalerie, Berlin 2013: The Encyclopedic Palace – Il Palazzo Enciclopedico, 55. Venedig Biennale – Giardini-Arsenale 2014: Prix Pictet: Consumption, Victoria and Albert Museum, London 2014: Conflict, Time, Photography, Tate Modern, London 2015: Conflict, Time, Photography, Galerie Neue Meister, Albertinum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden 2015: Conflict, Time, Photography, Museum Folkwang, Essen 2016: Werkstatt für Photographie 1976–1986: Das rebellische Bild, Museum Folkwang, Essen; Und plötzlich diese Weite, Sprengel Museum Hannover; Kreuzberg – Amerika, C/O Berlin

Publikationen Berlin Kreuzberg. Bezirksamt Kreuzberg, Berlin 1973. Berlin, Stadtlandschaft und Menschen. Stapp Verlag, Berlin 1978. Berlin-Wedding. Galerie und Verlag A. Nagel, Berlin 1978, ISBN 3-9800057-1-2. Berlin-Kreuzberg. Stadtbilder. Public Verlagsgesellschaft, Berlin 1984, ISBN 3-89087-001-5. Stadtlandschaften 1981. Museum Folkwang, Essen 1981. Benachteiligt. Senator für Gesundheit, Soziales und Familie, Berlin 1982. Bilder 1979–1986. Spectrum Photogalerie im Sprengel Museum Hannover 1987. Waffenruhe. Dirk Nishen Verlag, Berlin 1987. Ein-Heit. Scalo-Verlag, Zürich/Berlin/New York 1996, ISBN 3-931141-17-9. Landschaft – Selbst – Waffenruhe – Menschenbilder (Ausschnitte). Westfälischer Kunstverein, Münster 1998, ISBN 3-925047-42-5. Frauen. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2000, ISBN 3-88375-423-4. Irgendwo. Snoeck-Verlagsgesellschaft, Köln 2005, ISBN 3-936859-18-3. Berlin nach 45. Steidl Verlag, Göttingen 2005, ISBN 978-3-86521-090-6. 89/90. Snoeck-Verlag, Köln 2010, ISBN 978-3-940953-43-8. Lebensmittel. Snoeck-Verlagsgesellschaft, Köln 2012, ISBN 978-3-940953-93-3 Natur. Mack, London 2014, ISBN 9781907946585

Weblinks

Stiftung für Fotografie und Medienkunst mit Archiv Michael Schmidt Michael Schmidt bei der Galerie Nordenhake Nachruf auf Michael Schmidt in: Der Spiegel (2013) Douglas Martin: Michael Schmidt, 68, Maker of Photographic Narratives, Dies. In: New York Times, 10. Juni 2014, abgerufen am 15. Dezember 2015. Sean O’Hagan: Michael Schmidt obituary. German photographer who recently won the Prix Pictet for his series exploring global food production. In: The Guardian 2014

Einzelnachweise

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