Grüezi mitenand war die erste regelmässig produzierte Samstagabend-Show des Schweizer Fernsehens. Sie startete 1971 und folgte einem Konzept von Kurt Felix, der sie gemeinsam mit Rosemarie Pfluger auch präsentierte. Sie kam jedes Mal aus einem anderen Ort und wurde stets live und in Farbe ausgestrahlt. Es handelte sich um die Sendung mit den meisten Zuschauern des Jahres in der Schweiz, wegen zu hoher Kosten endete sie dennoch nach einer Staffel.
Zentraler Bestandteil der Show war eine Spendenaktion in Kooperation mit dem Schweizer Heimatschutz, um baufällige Kulturdenkmäler vor dem baldigen Abriss zu retten. Ausserdem gehörten drei Showblöcke und ein Quiz dazu, mit letzterem wurde über die gesamte Staffel hinweg der Schweizer des Jahres gewählt.
Entstehung Kurt Felix gehörte noch bis Ende 1972 der Abteilung Kultur und Wissenschaft des Schweizer Fernsehens an. Dort waren folkloristische und volkskundliche Themen angesiedelt, so dass er solche Elemente in seine Sendungen einbauen musste.Was wird neu bei «Grüezi mitenand»? In: Thuner Tagblatt. 25. Januar 1972, S. 13 (Interview mit Kurt Felix). Da der bevorstehende Abriss der Hunzigenbrücke in der Öffentlichkeit gerade viel diskutiert wurde, kam er auf die Idee, mit dem Heimatschutz zusammenzuarbeiten.
Kurt Felix fragte Rosemarie Pfluger, ob sie die Show gemeinsam mit ihm präsentieren würde, obwohl für eine derart bedeutende Sendung Frauen noch ungewöhnlich waren. Dabei agierte Pfluger nach ihrer Zustimmung de facto als Assistentin, sie übernahm den Heimatschutz-Teil, während Felix das Quiz durchführte. Er dachte sich auch Rollenspiele aus, welche die beiden dann durchführten, beispielsweise als John Steed und Emma Peel aus Mit Schirm, Charme und Melone verkleidet.«Hoi Hoi Teleboy»: Kurt Felix und sein Leben. In: glanz & gloria. 27. März 2011 (54 Minuten; Inhalt).
Gewinnspiel Das Schweizer Fernsehen gab eine TV-Quiz-Marke heraus, die einen Franken kostete, um an die Spenden heranzukommen. Der Vertrieb erfolgte über die Geschäfte von Coiffure Suisse, dem Schweizerischen Coiffeurmeisterverband, von denen es über 5000 gab. Die Marke sollte auf die Rückseite einer Postkarte aufgeklebt und zusammen mit der Lösung des Gewinnspiels zum Schweizer Fernsehen nach Zürich eingesandt werden. Der Gewinner durfte dann die «Traumreise seines Lebens» auswählen.
Sendeort Die Show kam zumeist aus der Nähe des zu rettenden Objekts und wurde immer live übertragen, wozu 50 Mitarbeiter anreisten. Da es im Gegensatz zu Deutschland nur wenige grosse Säle im Land gab, konnte man mit einer Fernsehshow nicht so einfach umherreisen. Deswegen bestellte die Betriebsleitung des Fernsehens bei Robert Leuthold aus Frauenfeld eine Grossraumhalle.
Leuthold und sein Unternehmen konstruierten ein Zelt mit 1500 m² Grundfläche, was auch für den erhöhten Platzbedarf von Grüezi mitenand ausreichte. Es handelte sich um eine Leichtmetall-Konstruktion, die ohne Stützen auskam, so dass Fernsehkameras ungestört agieren konnten. An seinen Trägern konnten alle 4 m schwere Scheinwerfer gehangen werden, wodurch man auf eine spezielle Lichtbrücke verzichten konnte. Das Zelt konnte mit einem einzigen Sattelschlepper transportiert und in einem Tag aufgebaut werden. Beim Aufbau der Dekorationswände ermöglichten 8 m mittlerer Höhe es, direkt mit dem Lastwagen ins Zelt zu fahren. Für die Schmink- und Garderoberäume gab es einen Anbau, der auch die Spielelemente für das Quiz beherbergte. Das Unternehmen Nüssli hatte für das Zelt einen ebenen, etwa 600 m² grossen Boden gebaut, auf dem sich die Fernsehkameras bewegen konnten, und – das war am teuersten – Podeste für rund 500 Zuschauer.FS unter Frauenfelder Dach. In: Thurgauer Zeitung. 18. September 1971, S. 17.
Schweizer des Jahres An dem Wettbewerb Schweizer des Jahres nahmen Männer und Frauen aus allen vier Landesteilen teil, also aus der Deutschschweiz, der rätoromanischen Schweiz, der Romandie und dem Tessin. In den ersten sechs Folgen lief die Vorrunde, in der siebten und achten Folge das Halbfinale und in der neunten schliesslich das Finale. In jeder Folge mussten Quizfragen beantwortet werden zu den Themen Volkskunde, Innenpolitik, Wirtschaft und Geografie.Grüezi mitenand. In: Bieler Tagblatt. 20. Februar 1971, S. 43. Zu den Requisiten des Spiels gehörte die grosse Bewertungstreppe, auf der sich die Kandidaten aufstellten.
Der Wettbewerb war beliebt, für 1972 konnte man schon im November 1971 keine neuen Bewerbungen mehr annehmen, da schon über 200 vorlagen.«Grüezi-mitenand»-Kandidaten ausgebucht. In: Bieler Tagblatt. 6. November 1971, S. 30.
Resonanz Es handelte sich nicht nur um die erste vom Schweizer Fernsehen ganz alleine veranstaltete Show-Sendereihe, Kurt Felix war zudem noch recht jung und hatte das Konzept allein entwickelt. All diese Punkte führten dazu, dass die Fernsehkritiker Grüezi mitenand anfangs mit Misstrauen sahen. Ausserdem kam im Hinblick auf die Aktion Sorgenkind im Deutschen Fernsehen die Frage auf, ob es nicht wichtigere Spendenzwecke gäbe als historische Bauwerke.Bieler Tagblatt vom 24. April 1971. Bei der ersten Ausgabe waren 59 % der Fernsehapparate eingeschaltet, und sie wurde auf einer Skala von −10 bis +10 mit +3 bewertet, an zweiter Stelle folgte Was bin ich? mit 42 % und +4. Die Show wurde schnell zu einem Publikumsliebling, und spätestens nach der Ausgabe vom März 1972 waren auch die TV-Kritiker voll des Lobes.
Einzelne Folgen Folge 1 Die erste Folge kam aus einem Hangar des Flughafens Bern-Belp, und es galt die letzte Fachwerkholzbrücke in der Region zu retten. Die «prächtige Hunzigenbrücke» im Amtsbezirk Konolfingen bei Bern sollte wegen des Autobahnbaus im Aaretal abgebrochen werden. Es handelte sich um die letzte gedeckte Fachwerkbrücke im Aaretal, 100 m lang und 1832 von einer Aktiengesellschaft errichtet, die dafür bis 1848 einen Brückenzoll erheben durfte.«Hunzikenbrücke» gerettet. In: Neue Zürcher Nachrichten. 2. April 1971, 4.
Das Interesse an der Brückenrettung war immens, bereits am Samstag der Ausstrahlung überwiesen Zuschauer telefonisch insgesamt 40'000 Franken Spenden. Eine Ziegelei, ein Bau- und Transportunternehmen, ein Ingenieurbüro, ein Unternehmen für Holzimprägnierung und ein Zimmermeister versprachen kostenlose Arbeiten in Wert von 12'000 Franken. Mehrere Vereine und Jugendorganisationen planten Aktionen. Der Markenverkauf von Coiffure Suisse brachte 75'000 Franken ein, insgesamt kamen bis Ende September 102'889 Franken zusammen.Neue Zürcher Zeitung vom 28. September 1971. Die Gemeinden Belp, Bern, Muri und Rubigen sicherten 200'000 Franken zu, kantonale und eidgenössische Institutionen weitere 160'000 Franken. Der Abbau der Brücke konnte aber erst nach Bereitstellung der benötigten 500'000 Franken beginnen. So dauerte es noch einige Zeit, bis ein Komitee den neuen Standort und die Sperrung für den Autoverkehr beschloss. Dann konnte die Brücke vier Kilometer flussabwärts als Fussgängerbrücke errichtet werden, wo sie seitdem als Auguetbrücke bekannt ist.
Folge 2 Die zweite Ausgabe von Grüezi mitenand fand auf dem Rhonesandplatz Brig statt.«Grüezi mitenand» – Eine Direktübertragung aus Brig. In: Die Tat. 24. April 1971, S. 23. Dabei kam das Grossraumzelt erstmals zum Einsatz, das sich ausgezeichnet bewährte: während der Sendung blies ein Föhnsturm durch das Rhonetal, wobei die Zuschauer am Bildschirm nur ein Windrauschen hörten.
Die Heimatschutz-Aktion betraf das Alte Stockalperschloss in Brig, für das das Gewinnspiel 37'900 Franken einbrachte.
Folge 3 Grüezi mitenand gastierte in der Grossen Festhalle Amriswil, und die Heimatschutz-Aktion betraf diesmal eines der «prächtigsten Riegelhäuser» im Kanton Thurgau, das Riegelhaus Zum Frohsinn in Uttwil. Die Telefonaktion während der Sendezeit brachte bereits 41'000 Franken ein, am nächsten Tag kamen rund 12'000 Besucher aus der gesamten Schweiz und Süddeutschland nach Uttwil, um das Gebäude zu besichtigen.Erfolg für «Grüezi mitenand». In: Neue Zürcher Zeitung. Morgenausgabe, 22. Juni 1971, S. 34. Das Gewinnspiel brachte weitere 55'600 Franken ein.
Als regionale Künstler traten die Musikgesellschaft Harmonie aus Amriswil, die Männerchöre Amriswil und Uttwil sowie Addi, Paolo, Renata und Moritz auf. Von Schallplatten bekannt waren das Trio Eugster und Therese Wirth-von Kaenel, die neue Titel vortrugen. Als internationale Stars kamen die Die Westfälischen Nachtigallen eingeflogen, um ihre Erfolgstitel zu singen – sie standen gerade in der Hitparade des Deutschlandfunks an der Spitze.Grüezi Thurgau; Die Aktion «Frohsinn»-Thurgau; Die westfälischen Nachtigallen. In: Thurgauer Zeitung. 12. Juni 1971, S. 21.
Folge 4 Grüezi mitenand wurde von einem hochgelegenen Dorf im Engadin, nämlich aus Scuol, übertragen. Das Grossraumzelt wurde bereits 14 Tage vor der Sendung über den Julierpass gefahren, und auch die Farbübertragungswagen waren zum ersten Mal in dem weit entfernten Teil des Engadins. Die Direktübertragung konnte nämlich nur mit erheblichem Aufwand realisiert werden. Die PTT flog Parabolspiegel, Sender und Empfänger in doppelter Ausführung auf den 3298 m hohen Muttler, um dort eine Richtstation zu installieren. Dann biwakierten dort zwei PTT-Techniker und ein Bergführer für einige Tage.Vor einer schwierigen Live-Sendung. In: Thurgauer Zeitung. 28. August 1971, S. 17.
Die Heimatschutz-Aktion stellte die letzte alpine Wassermühle in den Mittelpunkt und brachte 500'000 Franken ein. Es handelte sich um den letzten Zeugen der alpinen Müllerei in Ftan. Im Unterengadin hatte der Getreideanbau früher einmal eine grosse Bedeutung gehabt, wobei der Ertrag sogar ausreichte, um das Oberengadin und Österreich zu beliefern. Von Ftan bis Scuol war der komplette Hang terrassiert gewesen, und die Müllerei florierte. Inzwischen gab es bis auf ein wenig Gerste keinen Getreideanbau mehr. Die Zahl der Mühlen in Ftan hatte sich von sechs auf eine verringert, deren Ende aus Mangel an Mahlgut bevorstand. Die Sektion Engadin des Schweizerischen Heimatschutzes wollte die alpine Müllerei mit dieser etwa 400 Jahre alten Mühle fortführen, um nachfolgenden Generationen die Kultur zu erhalten. Der in der Mühle wohnende Müller war bereit, weiter Getreide zu mahlen und es Besuchern zu zeigen, konnte aber das Geld zur Restaurierung der Mühle und ihres Gebäudes nicht aufbringen.Fernsehsendung aus Graubünden am 18. September. Grüezi mitenand – Schutzobjekt Alpine Mühle Fetan. In: Engadiner Post. 11. September 1971, S. 1. Die Mühle konnte mit 800 kg schweren Mühlsteinen etwa 100 kg Getreide in der Stunde verarbeiten.Werden Sie Mühlebesitzer! In: Bieler Tagblatt. 6. September 1971, S. 26. Die Unterstützung des Schweizerischen Bäcker-Konditormeister-Verbandes führte nach der Sendung dazu, dass Bäckereien im ganzen Land ein Pan da Ftan – ein Ftaner Ringbrot – verkauften, um die Aktion am Laufen zu halten.Sammelaktion für die alte Mühle von Ftàn. In: Engadiner Post. 25. September 1971, S. 1.
Nachdem immer wieder angefragt worden war, ob die Titelmelodie von Grüezi mitenand als Schallplatte erhältlich sei – es handelte sich um eine Komposition von Renato Bui und Kurt Felix –, fand in der Show die Premiere einer Schlagerversion statt, vorgetragen vom Trio Eugster unter Begleitung des Renato-Bui-Sextetts.Grüezi mitenand – als Schlager. In: Thurgauer Zeitung. 11. September 1971, S. 15. Als Stargast war der Montanara-Chor aus Trient eingeladen.Der Montanara-Chor. In: Thurgauer Zeitung. 18. September 1971, S. 17.
Folge 5 Das Grossraumzelt stand für die Aktion Weinbaumuseum Ligerz in Biel. Es handelte sich um einen der «schönsten Edelsitze» des Landes. Er stand vor dem Abbruch, kulturbewusste Anwohner wollten ihn aber in ein Weinbaumuseum verwandeln. Sie hatten schon mit Aussenarbeiten begonnen, dann ging ihnen aber das Geld aus. Das Gewinnspiel brachte dann 500'000 Franken ein.