Das Tanztheater im Schauspiel Leipzig war eine Compagnie von Tänzerinnen und Tänzern unter Leitung der Choreografin Irina Pauls, die dem Leipziger Schauspiel angegliedert war und von 1990 bis 1998 existierte.Theater in der Übergangsgesellschaft. Schauspiel Leipzig 1957–2007. Hrsg. von Wolfgang Engel und Erika Stephan.Theater der Zeit, Berlin 2007. ISBN 978-3-934344-84-6, S. 200–203 In den acht Jahren ihres Bestehens erarbeitete die Compagnie fünfzehn Uraufführungen.

Geschichte Nach dem Zusammenbruch der DDR wurden die Städtischen Theater Leipzig, die zuvor als sogenanntes „Theaterkombinat“ fünf Sparten (darunter Oper, Schauspiel und die Musikalische Komödie) unter einer Generalintendanz vereinten, neu strukturiert. Die einzelnen Sparten wurden zu eigenständigen Betrieben. Der Intendant des Schauspiels, Wolfgang Hauswaldhttps://www.lvz.de/kultur/regional/zum-tod-des-dramaturgen-und-intendanten-wolfgang-hauswald-6EDB3ENNMRYY4GXDKBMQF5BRKQ.html, abgerufen am 19. Januar 2026, berief eine neue Leitung und entwickelte gemeinsam mit der Choreografin Irina Pauls den Plan, ein Tanztheater als zweite Sparte am Schauspielhaus zu gründen. Pauls war zuvor als Ballettdirektorin des Theaters Altenburg mit ungewöhnlichen Arbeiten aufgefallen, die die Grenzen des klassischen Balletts sprengten und Elemente des Schauspiels integrierten. Hauswald, der eine inhaltliche Neuausrichtung des Schauspielhauses anstrebte, stellte ihr sieben Planstellen für die Gründung des Tanztheaters zur Verfügung.Irina Pauls: Tanztheater im Schauspiel. In: Jahrbuch Leipziger Schauspiel, Spielzeit 1990/91, hrsg. von der Intendanz

Am Dresdner Staatsschauspiel war bereits 1987 ein Tanztheater unter der Leitung von Arila Siegert gegründet worden.https://www.sadk.de/mitglieder/klasse-darstellende-kunst-und-film/siegert-arila, abgerufen am 19. Januar 2026 In Leipzig hingegen gab es vor 1990 kein aus professionellen Tänzern bestehendes Ensemble als Gegengewicht zur eher klassisch ausgerichteten Compagnie der Oper Leipzig. Irina Pauls' erzählerische und gesellschaftsbezogenen Stücke waren nicht nur eine ästhetische Bereicherung für Leipzig, sie erreichten auch ein Publikum, das durch die Arbeiten etwa von Pina Bausch für ein Theater jenseits der klassischen Gattungs-Grenzen aufgeschlossen war.Theater in der Übergangsgesellschaft. Schauspiel Leipzig 1957–2007, S. 30

Mit der Eröffnungs-Inszenierung Happy Schwanensee Day nach Motiven von Woody Allen und der Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowski konnte das Tanztheater im Schauspiel Leipzig sofort einen großen Publikums-Erfolg verbuchen.Ann-Elisabeth Wolff: Eine völlig neue Dimension des Zusammenwirkens von Tänzern und Schauspielern. Leipziger Volkszeitung vom 3. November 1990 Alle sieben Tänzer der Compagnie hatten eine klassische Ausbildung und verfügten über praktische Erfahrung mit diesem Repertoire. Ihre Kenntnis und Professionalität machten den großen Reiz dieser Schwanensee-Persiflage aus, in der die Figuren des Balletts auf Alltags-Situationen treffen.https://werner-stiefel.de/wp-content/uploads/2024/10/03-Stiefel-Biografie-%E2%80%93-Presse-%E2%80%93-Die-boese-Fee-vom-Schwanenteich.pdf, abgerufen am 20. Januar 2026 Auch die zweite Produktion, McMozart's, bezog ihren Witz und ihre Aktualität aus dem Zusammenstoß zwischen sakrosankt erscheinenden Werken der Musikgeschichte und heutigen Figuren mit ihren Sehnsüchten und Nöten.Familien-Mozartkugel. Leipziger Schauspiel / Tanztheater (Neue Szene): McMozart's von Irina Pauls / W. A. Mozart. Erschienen in: Theater der Zeit Heft 6/1991, Berlin 1991

Irina Pauls integrierte von Anfang an Schauspieler in ihre Tanz-Produktionen, um Reibungsflächen zwischen den verschiedenen künstlerischen Ausdrucksmitteln zu erzeugen und aus den Synergien neue gestalterische Ideen zu schöpfen.Dagmar Borrmann: Das Tanztheater der Irina Pauls. In: Schauspiel Leipzig, Jahrbuch 1993/94, hrsg. von der Intendanz, S. 33 Auch die Tänzer des Tanztheaters waren häufig in Schauspiel-Inszenierungen (zum Beispiel der Regisseurin Konstanze Lauterbach) einbezogen.

Feste Arbeitspartnerschaften, beispielsweise mit dem Komponisten Marcus Ludwig, den Bühnenbildern Erwin Bode und Bernd Sikora sowie der Dramaturgin Dagmar Borrmann sicherten die Kontinuität und inhaltliche Stringenz der Arbeit des Tanztheaters.

Der Spielort des Ensembles war zunächst die Neue Szene, eine Studio-Spielstätte des Schauspiels Leipzig. Der Erfolg der Compagnie führte dazu, dass Irina Pauls 1993 mit der Produktion Ball der verlorenen Seelen / Bitter Suite erstmals im Schauspielhaus, einer Spielstätte mit über 800 Plätzen, arbeiten konnte. Auch das „Theater hinterm Eisernen“ – gemeint ist die Hauptbühne hinter dem Eisernen Vorhang – wurde fortan zu einem bevorzugten Aufführungsort. Hier standen sämtliche technischen Einrichtungen der Hauptspielstätte des Schauspiels zur Verfügung, was die inszenatorischen Möglichkeiten wesentlich erweiterte.

In Jauchzet, frohlocket! mit der Musik des Bachschen Weihnachts-Oratoriums arbeitete Irina Pauls mit Tänzern, Schauspielern, Sängern, Chor und Orchester zusammen. Es war die größte Produktion des Tanztheaters, die für die Bach-Stadt Leipzig zugleich neue Aspekte in der Aneignung des Werkes aufzeigte. In der szenischen Grundsituation einer Christvesper setzte sich Pauls mit Themen wie Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes, Bedeutungsverlust der Kirche und des Glaubens, Entsolidarisierung der Menschen u. v. m. auseinander.Rolf Michaelis: Jauchzet, frohrocket: Tanztheater zur Musik von Johann Sebastian Bach. Joachim Schlömer inszeniert die „Goldberg-Variationen“ in Weimar, Irina Pauls das „Weihnachtsoratorium“ in Leipzig, In: DIE ZEIT vom 2. Dezember 1994, abgerufen am 20. Januar 2026

Die gesellschaftlichen Umbrüche der Nachwende-Jahre im Osten und deren vielfältige Auswirkungen auf das Individuum waren ein inhaltlicher Schwerpunkt der Inszenierungen des Tanztheaters. In Ball der verlorenen Seelen / Bitter Suite ging es um den zunehmenden Einfluss von Sekten in den neuen Bundesländern. Die Produktion Südraum thematisierte die radikalen Veränderungen in den südlich von Leipzig gelegenen Abbaugebieten für Braunkohle, wo mehrere tausend Menschen ihre Arbeit verloren.https://www.hellerau.org/2025-26/die-90er-drei-kurzstuecke, abgerufen am 14. Januar 2026https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.552183.de/17-6-3.pdf, abgerufen am 20. Januar 2026

Mitte der 1990er Jahre war das Schauspielhaus zunehmend von Kürzungen der Zuschüsse betroffen. In einer Vorlage der Stadtverwaltung von 1996 wurde erstmals das Tanztheater zur Disposition gestellt. Wolfgang Engel, der die Intendanz des Hauses 1995 übernommen hatte, entschied sich für eine Konsolidierung der Schauspiel-Sparte und gegen das Tanztheater.Theater in der Übergangsgesellschaft. Schauspiel Leipzig 1957–2007, S. 205 Die letzte Premiere, endAUSscheid, fand im Rahmen des Spektakels Dschungel L.E. im März 1998 statt.

Produktionen 1990 Happy Schwanensee Day nach Motiven von Woody Allen, Choreografie und Inszenierung: Irina Pauls, Musik: Pjotr Iljitsch Tschaikowski, Ausstattung: Erwin Bode, Neue Szene 1991 McMozart's, Choreografie und Inszenierung: Irina Pauls, Musik: Wolfgang Amadeus Mozart, Libretto: Irina Pauls und Dagmar Borrmann, Bühne: Erwin Bode, Kostüme: Marlis Knoblauch, Neue Szene 1991 Bodenlose Aussichten, Choreografie und Inszenierung: Irina Pauls, Musik: Bernd Herchenbach, Neue Szene 1992 Mein Ort hat kein Bleiben, mein Bleiben keinen Ort, Choreografie und Inszenierung: Irina Pauls, Ausstattung: Barbara Schiffner, Neue Szene 1992 Julie nach August Strindberg, Choreografie und Inszenierung: Irina Pauls, Musik: Johann Sebastian Bach / Marcus Ludwig, Neue Szene 1993 Ball der verlorenen Seelen (Bitter Suite), Choreografie und Inszenierung: Irina Pauls, Musik: Marcus Ludwig, Schauspielhaus 1993 Wahnwolf, Choreografie und Inszenierung: Irina Pauls, Musik: Marcus Ludwig, Theater hinterm Eisernen 1994 Südraum, Choreografie und Inszenierung: Irina Pauls, Musik: Johann Sebastian Bach, Arvo Pärt, Marcus Ludwig u. a., Theater hinterm Eisernen 1994 Jauchzet, frohlocket!, Choreografie und Inszenierung: Irina Pauls, Musik: Johann Sebastian Bach, Musikalische Leitung: Gothart Stier, Schauspielhaus 1995 Winterkinder, Choreografie und Inszenierung: Irina Pauls, Musik: Marcus Ludwig, Theater hinterm Eisernen 1996 Orpheus und Eurydike, Tanzoper nach der gleichnamigen Oper von Christoph Willibald Gluck, Choreografie und Inszenierung: Irina Pauls, Leitung Chor und Orchesteraufnahme: Gothart Stier, Bühne: Horst Vogelgesang, Kostüme: Erwin Bode, Schauspielhaus 1996 Jenseits der Schloßallee, Choreografie und Inszenierung: Irina Pauls, Musik: Marcus Ludwig, Neue Szene 1997 Jedermann tanzt!, Choreografie und Inszenierung: Irina Pauls, Musikalische Einrichtung/Komposition: Marcus Ludwig, Ausstattung: Katja Schröder, Theater hinterm Eisernen 1998 Come Quick Danger, Choreografie und Inszenierung: Irina Pauls, Musik: Marcus Ludwig, Ausstattung: Horst Vogelgesang, Neue Szene 1998 endAUSscheid, Choreografie und Inszenierung: Irina Pauls, Musik: Johann Sebastian Bach und Marcus Ludwig, Bühne und Kostüme: Stefan Heyne,Theater hinterm Eisernen

Tänzerinnen und Tänzer

Literatur Theater in der Übergangsgesellschaft. Schauspiel Leipzig 1957–2007. Hrsg. von Wolfgang Engel und Erika Stephan.Theater der Zeit, Berlin 2007. Eigen-Sinn. Peter Guth sprach mit Irina Pauls über die Konzeption des Tanztheaters im Schauspiel Leipzig. In: Theater der Zeit Heft 11/1993, Berlin 1993 Neue Dimensionen. Gespräch mit Irina Pauls von Ann-Elisabeth Wolff und Irina Pauls. In: Theater der Zeit Heft 1/1991, Berlin 1991

Einzelnachweise

Kategorie:Theater (Leipzig) Kategorie:Tanztheater-Ensemble Kategorie:Kompanie (Moderner Tanz)