Noviomagus, in der Spätantike Nemetae genannt, ist der Name eines römischen militärisch-zivilen Siedlungskomplexes auf dem Gebiet des heutigen Speyer in Rheinland-Pfalz. In frührömischer Zeit war es Bestandteil der Provinz Gallia Belgica, nach der domitianischen Provinzreform um 83/85 u. Z. Teil der Germania superior und nach der Verwaltungsreform des Diokletian gehörte es in der Spätantike des ausgehenden dritten, des vierten und des beginnenden fünften Jahrhunderts zur Germania prima.
Lage, Quellen und Forschungsgeschichte Die insgesamt drei militärischen und zwei zivilen Anlagen nebst dazugehörigen Gräberfeldern liegen auf dem Gebiet der Altstadt der heutigen Stadt Speyer, westlich des Doms. Topographisch befinden sie sich auf der hochwasserfreien Niederterrasse des Oberrheins, etwa zehn bis 20 Meter oberhalb des heutigen Normalpegels des Rheins. In antiker Zeit war die Siedlung spätestens seit dem neunten Jahrzehnt des ersten Jahrhunderts der Hauptort der Civitas Nemetum, dem Wohngebiet der möglicherweise schon unter Caesar, vermutlich aber erst in augusteischer Zeit linksrheinisch angesiedelten Nemeter. Der Name Noviomagus findet sich in der Geographike Hyphegesis des Claudius Ptolemäus, im Itinerarium Antonini und auf der Tabula Peutingeriana verzeichnet, der Name Nemetae in der Notitia dignitatum. Aufgrund des keltischen Namens Noviomagus (deutsch: Neufeld) war man früher von einer keltischen Vorgängersiedlung ausgegangen, was aber bis auf wenige kleinere Hofplätze nicht der Fall gewesen zu sein scheint.
Mit den römischen Relikten Speyers beschäftigte man sich schon seit der Renaissance. So erwähnt der von 1504 bis 1516 nachgewiesene Domvikar Wolfgang Baur Tempel des Mercurius und der Venus und von Stephanus Winandus Pighius (1526–1704) sind Zeichnungen von Inschriften überliefert, die auch in der Stadtgeschichte des Wilhelm Eisengreyn (1543–1584) Erwähnung fanden. Christoph Lehmann (1568–1638) erwähnt in seiner Chronik der Reichsstadt von 1612Georg Rau: Chriftophorus Lehmann und seine Chronica der freien Reichsstadt Speier, großentheils nach urkundlichen Quellen geschildert. Kranzbühler, Speier 1859 (Google Books). sowohl Inschriften als auch den Fund eines Sarkophages nebst Beigaben und Georg Litzel (1694–1761) beschreibt 1749 „Römische Todten-Töpffe“,M. Georg Litzels Gymn. Spir. Conrect. Beschreibung der Römischen Todten-Töpffe und anderer Heidnischen Leichengefässe, Welche 1600. bis 1700. Jahre unter der Erde gelegen, und bey Speyer ausgegraben werden. Nebst einer Beschreibung Eines steinernen Sarges Worinn eine edle Römerin in Kalch liegend, und eine Fibvla oder Spange, auch drey Gläßer, gefunden worden; (Digitalisat). also Urnen aus den römischen Brandgräbern des Stadtgebiets.Helmut Bernhard: Speyer. Militärlager – Civitashauptstadt Noviomagus. In: Heinz Cüppers: Die Römer in Rheinland-Pfalz. Theiss, Stuttgart 1990, ISBN 3-8062-0308-3, S. 557–567, hier: S. 557 f.
Es blieb dem Direktor des Historischen Museums der Pfalz von 1920 bis 1949, Friedrich Sprater vorbehalten, ab 1927 im Zusammenhang mit Kanalbauarbeiten erste moderne wissenschaftliche Ausgrabungen vorzunehmen und dabei die frühen Militäranlagen zu identifizieren und die Ausdehnung der römischen Siedlung zu erkunden. Da die Stadt im Zweiten Weltkrieg nicht bombardiert worden war, kam es in der Nachkriegszeit zu keinem raschen Wiederaufbau und den damit verbundenen schwerwiegenden Eingriffen in den Boden. Die Stadtsanierungsmaßnahmen fanden erst spät und nur partiell statt. Dabei gelang es, ab 1966 im Bereich der Mikwe,Lager B, Mikwe: des Domhügels, des Stiftungskrankenhauses,Vicus Lager B, Stiftungskrankenhaus: am Kornmarkt,Kornmarkt: am Königsplatz,Lager C, Königsplatz: am Alten Markt,Lager A, Alter Markt: beim Neubau der Sparkasse am Siebertplatz (Wormser Str. 39),Siebertplatz: auf dem DomvorplatzDomvorplatz: und in der HeydenreichstraßeLager C, Heydenreichstraße: größere Siedlungsflächen zu erforschen.
Archäologische Befunde Vorrömische Besiedlungsspuren Einzelfunde im Stadtgebiet von Speyer weisen bis auf die Zeit des Jungpaläolithikums vor rund 22.000 Jahren zurück. Erste sesshafte Bevölkerungsgruppen sind im Laufe des fünften Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung aus den Donaugebieten zugewandert. Auch bei diesen und in den folgenden Epochen sind Rastplätze oder gar geschlossene Siedlungskomplexe infolge der jahrtausendelangen Verlagerungen des Rheinbetts und der damit verbundenen Überflutungen kaum mehr nachzuweisen, sondern man muss sich im Wesentlichen mit Einzelfunden begnügen. Erste Befunde fester Siedlungsstrukturen, zunächst nur in Form von Gräbern, lassen sich erst für die Glockenbecherkultur, die Adlerberg-Kultur, die Hügelgräberkultur und die Urnenfelderkultur identifizieren. Es folgten kleinere Siedlungen der Hallstattzeit und der Latènekultur. Von letzterer zeugt eine Bestattung in der „Johannesstraße“, die sich auf die Mitte des ersten Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung datieren lässt und den jüngsten Hinweis auf die Bevölkerung vor der Ankunft der Römer liefert.Helmut Bernhard: Speyer in der Vor- und Frühgeschichte. Von der Steinzeit bis zum Frühmittelalter (um 20000 v. Chr. bis ins 5. Jh. n. Chr.). In: Wolfgang Eger (Red.): Geschichte der Stadt Speyer, Band 1). Kohlhammer, Stuttgart 1983², ISBN 978-3-17-007522-1, S. 17–31.
Lager A Lager A ist nur durch wenige Meter eines Spitzgrabens in der „Kleinen Pfaffengasse“ nachgewiesen. Es dürfte eine Seitenlänge von maximal 100 m besessen haben, muss aber möglicherweise als Kleinkastell angesprochen werden. In der römischen Okkupationsphase ab dem Jahr 10 v. u. Z. spielte das Oberrheingebiet keine strategisch bedeutsame Rolle. Dort galt es nur, die Fernstraße von Argentoratum nach Mogontiacum zu schützen, eine Aufgabe, die durch kleinere Militärposten leicht erledigt werden konnte, zumal die Bevölkerung durch die Aktivitäten Caesars stark dezimiert worden war. Aus dem Spitzgraben stammen Funde, die für das erste Jahrzehnt vor unserer Zeitrechnung charakteristisch sind. In einer Grube am Alten Markt wiederum wurden Funde gemacht, die um die Zeitenwende datiert werden. So kann letztlich (noch) nicht entschieden werden, ob das kleine Kastell schon zur Zeit der Drusus-Feldzüge (11 bis 9 v. u. Z.) oder erst kurz danach angelegt worden ist.Helmut Bernhard: Speyer. Militärlager – Civitashauptstadt Noviomagus. In: Heinz Cüppers: Die Römer in Rheinland-Pfalz. Theiss, Stuttgart 1990, ISBN 3-8062-0308-3, S. 557–567, hier: S. 559.Helmut Bernhard: Speyer in der Vor- und Frühgeschichte. Von der Steinzeit bis zum Frühmittelalter (um 20000 v. Chr. bis ins 5. Jh. n. Chr.). In: Wolfgang Eger (Red.): Geschichte der Stadt Speyer, Band 1). Kohlhammer, Stuttgart 1983², ISBN 978-3-17-007522-1, S. 39–42.
Lager B mit Vicus Lager B wurde vermutlich in spätaugusteischer Zeit im Rahmen der Reichsgrenzenkonsolidierung nach der Clades Variana angelegt. Es befindet sich im Stadtgebiet zwischen „Kleiner Pfaffengasse“ und „Großer Pfaffengasse“. Von seiner nördlichen Begrenzung, die in etwa mit der Südgrenze des Lagers A übereinstimmte, konnten rund 180 m ermittelt werden. Dadurch und durch die Rekonstruktion des östlichen Lagergrabens konnte seine Fläche auf ungefähr 2,3 ha bis 2,7 ha berechnet werden. Damit bot es genügend Platz für eine Auxiliareinheit in Stärke einer Kohorte, Art und Name der dort stationierten Einheit sind unbekannt, es wurden jedoch im Bereich der Mikwe einige Spuren von Mannschaftsbaracken mit ihren Contubernia identifiziert. Östlich und westlich des Lagers bildeten sich Vici von denen geringe Spuren im Osten, umfangreiche Spuren im Westen festgestellt wurden. Insbesondere im Bereich des Stiftungskrankenhauses wurde auf einer Grabungsfläche von 3000 m² eine dichte Bebauung mit Streifenhäusern längs einer fünf Meter breiten, mit Kies befestigten Straße nachgewiesen. Südlich der Straße lag ein großes, U-förmiges Gebäude, das als „Marktforum“ angesprochen wurde. Die Funde weisen auf eine Anlage dieses Stadtviertels um das Jahr 15 u. Z. In frühtiberischer Zeit dürfte die Stadt auch das Marktrecht erhalten haben.Helmut Bernhard: Speyer. Militärlager – Civitashauptstadt Noviomagus. In: Heinz Cüppers: Die Römer in Rheinland-Pfalz. Theiss, Stuttgart 1990, ISBN 3-8062-0308-3, S. 557–567, hier: S. 559 f.Helmut Bernhard: Speyer in der Vor- und Frühgeschichte. Von der Steinzeit bis zum Frühmittelalter (um 20000 v. Chr. bis ins 5. Jh. n. Chr.). In: Wolfgang Eger (Red.): Geschichte der Stadt Speyer, Band 1). Kohlhammer, Stuttgart 1983², ISBN 978-3-17-007522-1, S. 40–45.
Lager C mit Vicus Das tiberische Lager C war noch einmal bedeutend größer als seine Vorgänger (bislang konnte eine Breite von 150 m ermittelt werden) und verfügte vermutlich auch über ein Militärbad im Bereich „Große Himmelsgasse“/„Johannesstraße“.Militärbad Lager C Große Himmelsgasse/Johannesstraße: Seine Hauptfundpunkte befanden sich jedoch zwischen „Königsplatz“ und „Heydenreichstraße“. Art, Größe und Name der dort stationierten Einheit sind auch in diesem Fall nicht bekannt. Zu dem weitläufigen Vicus dieses Lagers gehörten auch Töpfereibetriebe, von denen ein tiberischer nördlich des Kastells am „Siebertplatz“ und ein claudischer im südwestlich des Kastells liegenden „Feuerbachpark“Claudischer Töpfereibetrieb Feuerbachpark um nachgewiesen werden konnten. Es scheint zwei Bauphasen gegeben zu haben, um das Jahr 50 wurden die älteren Holzbauten niedergelegt und durch neue Gebäude ersetzt. Aus dieser Zeit stammen auch Gruben mit Metallschlacken, die auf eine mögliche Fabrica (Werkstatt) weisen.
Mit der Vorverlegung der Reichsgrenzen und der beginnenden Einverleibung der Agri decumates durch den Statthalter Gnaeus Pinarius Cornelius Clemens (72/73 bis 74/75) unter Vespasian (69 bis 79) hatten sich die Aufgaben des Kastells ab dem Jahr 74 erledigt und es wurde aufgelassen.Helmut Bernhard: Speyer. Militärlager – Civitashauptstadt Noviomagus. In: Heinz Cüppers: Die Römer in Rheinland-Pfalz. Theiss, Stuttgart 1990, ISBN 3-8062-0308-3, S. 557–567, hier: S. 560.Helmut Bernhard: Speyer in der Vor- und Frühgeschichte. Von der Steinzeit bis zum Frühmittelalter (um 20000 v. Chr. bis ins 5. Jh. n. Chr.). In: Wolfgang Eger (Red.): Geschichte der Stadt Speyer, Band 1). Kohlhammer, Stuttgart 1983², ISBN 978-3-17-007522-1, S. 45–48.
Zivilsiedlung Noviomagus