mini|Darkhuang an einer Kordel aufgehängt, Schlägelkopf mit Baumwolle umwickelt Darkhuang (Mizo-Sprache, dar-khuang, „Gong-Trommel“), auch zamluang (jamluang), ist ein großer, senkrecht hängender Buckelgong aus einer Bronzelegierung der Mizo, die im Hügelland des nordostindischen Bundesstaates Mizoram leben. Der früher nur zeremoniell von Männern gespielte und auch als Signalinstrument verwendete darkhuang ist der größte Gong (allgemein dar) der Mizo und besitzt in ihrer traditionellen Kultur einen hohen Wert. Die zeremonielle Funktion und hohe Wertschätzung als vererbter Besitz in reichen Familien hat der darkhuang mit anderen großen Buckelgongs in Nordostindien gemein. Die Region bildet den westlichen Ausläufer der in Südostasien verbreiteten Buckelgongs.

Herkunft und Verbreitung Gongs sind zu den Aufschlagidiophonen gehörende runde Gefäße aus Metall, die ihr Schwingungsmaximum und damit ihren Anschlagpunkt in der Mitte haben. Die Wölbung in der Mitte bewirkt, dass Buckelgongs einen Ton von einer bestimmten Höhe hervorbringen und unterscheidet sie von Flachgongs, die wie Buckelgongs am Rand umgebogen, aber in der Mitte flach sind und einen Ton von unbestimmter oder veränderlicher Höhe produzieren.Gretel Schwörer-Kohl: Gong und Gongspiele. I. Definition. 2016 Neben diesen beiden hauptsächlichen Gongtypen kommt in Nordostindien ein spezieller Klangkörper in der Form einer tiefen Messingschüssel vor (Mizo-Sprache darbel), der, weil er an der Bodenmitte angeschlagen und am nichtschwingenden Rand in der Hand gehalten wird, zu den Gongs gezählt werden kann. Dieser beim Volk der Garo rang genannte Gong stellt ebenfalls ein Zeichen von Wohlstand dar. Gongs unterscheiden sich von den außerdem in Nordostindien verbreiteten tellerförmigen Becken, wie dem großen Paarbecken bartal in Assam und von Glocken, die im Unterschied zu Gongs in der Mitte gehalten werden und am Rand in Schwingung geraten. Im Hauptverbreitungsgebiet von Buckelgongs vom Südwesten Chinas über das südostasiatische Festland von Myanmar (burmesisch maung) über Thailand (thailändisch khong) und Kambodscha (kambodschanisch kong) bis zu den Malaiischen Inseln einschließlich dem Süden der Philippinen sind unterschiedliche regionale Klassifizierungen von Gongs bekannt.Gretel Schwörer-Kohl: Gong und Gongspiele. II. Klassifikation. 2016

Die ältesten bekannten Gongs sind Kesselgongs aus dem 7. Jahrhundert v. Chr., die in der südwestchinesischen Provinz Yunnan ausgegraben wurden und in frühen literarischen Quellen tonggu (wörtlich „Bronzetrommel“) genannt werden.Gretel Schwörer-Kohl: Gong und Gongspiele. VI. Geschichte, 2016 Auf die Inseln Java und Bali gelangten von China ausgehend im Verlauf des 1. Jahrtausends Flachgongs (chinesisch luo) und die heute verbreiteten Buckelgongs (wie die Buckelgongreihe reyong).

Für zahlreiche weitere Musikinstrumente in Südostasien ist ein in der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends einsetzender Kultureinfluss aus Indien verantwortlich. Aus altindischer Zeit sind jedoch keine Abbildungen von Gongs bekannt. Infrage kommende Darstellungen wie das Relief einer Prozession aus Mathura (1. Jahrhundert n. Chr.) und vom Stupa in Amaravati (um 2. Jahrhundert n. Chr.) zeigen wahrscheinlich große Rahmentrommeln und keine Gongs.Walter Kaufmann: Musikgeschichte in Bildern. Band 2. Musik des Altertums. Lieferung 8: Altindien. Hrsg. Werner Bachmann. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1981, S. 104, Abb. 61, 73 Heute werden in Südasien lediglich vereinzelt kleine oder mittelgroße Flachgongs rituell in Hindutempeln verwendet und wie der ähnliche Metallteller thali mit einem Holzstock geschlagen. Diese Flachgongs stehen kulturell in keiner Beziehung zu den nordostindischen Buckelgongs, die stattdessen mit der südostasiatischen Musikkultur verbunden sind. Die ungefähre Westgrenze traditionell verwendeter Buckelgongs bildet die sich bis in den Nordosten Indiens erstreckende tibetobirmanische Sprachfamilie.Gretel Schwörer-Kohl: Gong und Gongspiele. VII. Verbreitung und Anlässe für das Spiel. 4. Weitere Länder, 2016 In der tibetischen Ritualmusik wird der große Buckelgong (m)khar rnga geschlagen (tibetisch mkhar bedeutet „Metall“ und rnga „Trommel“, vgl. die zweifellige Stieltrommel chos rnga).Mireille Helffer: Mchod-rol. Les instruments de la musique tibétaine. (1994) Éditions de la Maison des sciences de l’homme, CNRS Éditions, Paris 2017, Chapitre IV. Le gong ‘khar-rnga, S. 99–103 Im tibetisch-buddhistischen Kloster von Tawang im nordostindischen Bundesstaat Arunachal Pradesh heißt der zeremoniell verwendete und wahrscheinlich aus Tibet importierte Buckelgong khar nga. Andere Buckelgongs in Nordostindien wurden aus dem östlich benachbarten Myanmar eingeführt.

mini|Beim Spiel senkrecht aufgehängter Buckelgong kempul im javanischen Gamelan Eine vergleichbare hohe Wertschätzung, die den nordostindischen Buckelgongs entgegengebracht wird, ist im übrigen Indien unbekannt.Curt Sachs: Die Musikinstrumente Birmas und Assams im K. Ethnographischen Museum zu München. (Sitzungsberichte der Königlich Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Philosophisch-philologische und historische Klasse, Jahrgang 1917, 2. Abhandlung) Verlag der Königlich Bayerischen Akademie der Wissenschaften, München 1917, S. 9 Sie gehört zur traditionellen Kultur von Völkern in Myanmar wie den Shan und Karen und geht auf die seit der Mitte des 1. Jahrtausends in Yunnan sowie im heutigen Vietnam bekannten Kesselgongs (Bronzetrommeln, nach einem Fundort auch Dong-Son-Trommeln) als vererbter Familienbesitz und zeremonielles Tauschobjekt zurück, deren Tradition von Myanmar bis zu den Malaiischen Inseln verbreitet war.Curt Sachs: Die Musikinstrumente Indiens und Indonesiens. Zugleich eine Einführung in die Instrumentenkunde. 2. Auflage. Vereinigung wissenschaftlicher Verleger Walter de Gruyter, Berlin/Leipzig 1923 (Handbücher der Staatlichen Museen zu Berlin). Nachdruck: Georg Olms, Hildesheim 1983, S. 38 Bei den tibetobirmanischen Kuki ist der Buckelgong (allgemein dah, großer Gong dahpi) ein unentbehrliches Zeichen von Wohlstand und wie früher die Bambustrompete pengkul ein Symbol der nationalen Identität. Gewisse Rituale der Kukis lassen sich nicht ohne die von weither eingeführten Gongs durchführen.Ngamkholen Haokip: Sharing and Borrowing: Musical Instruments in North East India. In: International Journal of Research (IJR), Band 2, Nr. 5, Mai 2015, S. 346–353, hier S. 349f

Die buddhistischen Tai in Assam spielen in der religiösen Musik den großen flachen Gong barkah (bar-kah) mit einem kleinen Buckel in der Mitte. Ein ähnlicher Gong südostasiatischer Herkunft ist der seemu in Manipur, dessen Durchmesser etwa 50 Zentimeter beträgt. Beide werden an einer Kordel am umgebogenen Rand aufgehängt und mit einem Schlägel mit einem baumwollumwickelten Kopf geschlagen. Dem barkah entsprechende Gongs sind bei kleineren Ethnien in Assam unter Namen wie darpui, dakpi, jamluvang, jammanlung und membew bekannt. Der dahpi der Kukis wiegt etwa 20 Kilogramm, etwas kleiner sind ihre drei Flachgongs dahbu. In den Mizo-Kuki-Chin-Sprachen heißen große Buckelgongs dar, da oder zampi, kleinere Flachgongs in drei Größen darbu oder dakbu und kleinere Buckelgongs in drei Größen daktal oder darmang.Zamkhan Khual Guite, Lalngurliana Sailo, 2021–2022, S. 188 Bei den eine sinotibetische Sprache sprechenden Mising in Assam heißt der große Buckelgong lenong.Dilip Ranjan Barthakur, 2003, S. 106, 109, 112, 114 Ansonsten kommen bei den Mizo, Garo und anderen Ethnien kleinere Flachgongs vor, außerdem gehören teilweise mehrere Meter lange Schlitztrommeln (songkong in Assam) zu den rituell geschlagenen Idiophonen im Nordosten. Die Mizo schlagen kleinere Schlitztrommeln talhkhuang mit zwei Stöcken. Kleine Idiophone sind die bei zeremoniellen Tänzen verwendeten Fußschellen ghungru und die Holzstäbe danda.Dilip Ranjan Barthakur, 2003, S. 114

Nach der Überlieferung soll die Heimat der tibetobirmanischen Mizo in der nordchinesischen Provinz Gansu gelegen haben, von wo sie nach Süden gewandert seien und um 800 n. Chr. das heutige Myanmar erreicht hätten. Dort siedelten sie ungefähr zwischen 800 und 1300 im Kabaw-Tal in der nordwestlichen Sagaing-Region. Kriegerische Auseinandersetzung zwischen den Mizo und den Burmesen soll es in jener Zeit nicht gegeben haben. Stattdessen werden auf den regen Kulturaustausch zwischen beiden Völkern unter anderem zahlreiche sprachliche Übernahmen aus dem Burmesischen und die Gongs der Mizo mitsamt ihrer kulturellen Bedeutung zurückgeführt. Mit dem ersten Überfall der Mongolen auf Burma in den 1280er Jahren wurden das burmesische Königreich Bagan vernichtend geschlagen und außerdem die Dörfer der Mizo geplündert, worauf die Mizo weiter südwestlich in die Chin-Hügel (im Chin-Staat) flohen. Bis um das Jahr 1700 hatten die meisten Mizo ihr heutiges Siedlungsgebiet jenseits (westlich) der vom Tyao-Fluss gebildeten Grenze zwischen Myanmar und Indien in Mizoram erreicht.B. Lalthangliana, 2005, S. 110–112

Der britische Armeeangehörige Robert Boileau Pemberton war in den 1830er Jahren an der Grenzfestlegung zwischen dem zu Britisch-Indien gehörenden Manipur und Burma beteiligt, worüber er 1835 das Buch The Eastern Frontier of India veröffentlichte. Pemberton bestätigt die kulturelle Trennlinie zwischen den Bewohnern in den nordostindischen Hügelgebieten und den Bewohnern der indischen Ebenen, zwischen denen wenig Handelskontakte bestanden. Demzufolge wurden die im Nordosten weit verbreiteten Gongs und Paarbecken (allgemein für Becken kurtal, ansonsten bezeichnet kartal Klappern) auch aus dem Norden von Handwerkern in Yunnan bezogen.Robert Boileau Pemberton: The Eastern Frontier of India. (1835) Nachdruck: Mittal Publications, Delhi 1979, S. 16

Wie genau der frühere Handel mit Gongs aus Burma von Dorf zu Dorf und durch reisende Händler verlief, ist unklar. Ein Händler schildert, wie er in den 1970er Jahren von Mizoram nach Mandalay reiste, um Bernsteinhalsketten gegen Gongs zu tauschen. Mit in Mandalay gekauften Gongs fuhr er mit der Eisenbahn in zwei oder drei Tagen nach Norden in den Kachin-Staat bis zu einer Station, von der er nach einer Woche Fußmarsch einen Fundort für Bernstein erreichte.Zamkhan Khual Guite, Lalngurliana Sailo, 2021–2022, S. 190 Ihre Gongs importieren die Mizo nach wie vor aus Myanmar, abgesehen von der Tradition auch deshalb, weil es in der Region an Bronze verarbeitenden Industriebetrieben mangelt.B. Lalthangliana, 2005, S. 163; Lalzarzoa, 2019, S. 14

Bauform Die Mizo unterscheiden drei Gongs (dar): 1) den großen Buckelgong darkhuang, der dem barkah in Assam entspricht, 2) einen Satz von drei kleineren Flachgongs unterschiedlicher Größen und Tonhöhen darbu und 3) den kleinen Gong darmang.

Der darkhuang entspricht in seinen Proportionen einem großen burmesischen Buckelgong (maung), wie er im klassischen burmesischen Orchester (hsaing waing) zum Einsatz kommt.Maung (Hsaing-Waing-Ens.). Musical Instrument Museums Online (Abbildung) Der Buckel ist halbkugelförmig aus dem Bronzeblech (Glockenmetall) getrieben, der Rand ist rechtwinklig umgebogen. Der Durchmesser eines großen darkhuang beträgt knapp 80 Zentimeter. Der kostbare Gong wird üblicherweise in einem geflochtenen Korb aufbewahrt und nur für den Gebrauch herausgenommen.Joyanta Sarkar, Anil Rai, 2022, S. 534

Das Anschlagen des Gongs wird darkhuang tum und der Buckel in der Mitte darkhuang-tum pawn genannt.Vijay Prakash Sharma: The Himars of Manipur. An Anthropological Exploration. Anmol Publications, Neu-Delhi 1992, S. 64

Verwendung und kulturelle Bedeutung mini|Stelzenhäuser einer Mizo-Siedlung auf einem Hügel, Foto von 1907