mini|hochkant|alt=Rolf Thoel, 1955|Rolf Thoel, 1955 Rolf Heinrich Thoel (auch: Thöl; Pseudonyme: Rolf Anders und Rolf Anders-Krakauer; geboren am 27. April 1907 in Hannover;Kosch/Bigler-Marschall 2019, S. 241. gestorben am 12. Dezember 1981 in Hamburg) war ein deutscher Dramaturg, Buchhändler, Exilautor in Großbritannien während der NS-Zeit, sowie Redakteur, Journalist und Kulturkritiker in der frühen Bundesrepublik Deutschland.
Leben Frühe Jahre Thoel begann seine Laufbahn Mitte der 1920er Jahre in der Weimarer Republik als Schauspieler, Regisseur und Dramaturg. 1925/26 war er unter dem Namen R. Anders-Krakauer am Stadttheater Bremerhaven als Schauspieler engagiert (während Gustav Burchards Intendanz),Trapp/Mittenzwei/Rischbieter/Schneider 1999, S. 940. 1927/28 folgte eine Tätigkeit als Schauspieler und Oberspielleiter am Landestheater Süd-Ostpreußen in Allenstein. 1929/30 arbeitete er als Schauspieler und Regisseur am Stadttheater Ulm, bevor er 1930/31 als Dramaturg an das damalige Deutsche Theater in Hannover wechselte.
Nach dem Ende seiner Theaterengagements Anfang der 1930er Jahre wandte sich Thoel publizistischen und verlegerischen Tätigkeiten zu. Als Buchhändler und Verlagshersteller schrieb er gelegentlich für Zeitungen und Zeitschriften, etwa Leopold Schwarzschilds Zeitschrift Tage-Buch und das Berliner Tageblatt. Nach freiberuflichen Tätigkeiten wurde er 1935 Leiter der Romanabteilung der Agentur Carl-Duncker-Verlag in Berlin; dort lektorierte er Zeitungs- und Illustriertenromane.
In dieser Zeit hielt er engen Kontakt mit dem Verleger Bruno Cassirer. Einer von Wieland Herzfelde überlieferten Angabe zufolge arbeitete Thoel über einen unbestimmten Zeitraum auch für den Neuen Deutschen Verlag.
Zudem gehörte Thoel (laut Todesanzeige von 1981) einer Widerstandsgruppe gegen den Nationalsozialismus an.
Exil in der NS-Zeit
Rolf Thoel musste 1936 aufgrund seiner politischen Überzeugungen emigrieren; seine Stationen waren dabei Prag, London und Glasgow.
Zunächst flüchtete er in die Tschechoslowakei. Thoel lebte dort in äußerst schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen. Er veröffentlichte Texte in der Exilzeitschrift Das Wort (Moskau), darunter einen Aufruf zur Förderung junger antifaschistischer Schriftsteller.
Im Zuge der Sudetenkrise und des Münchner Abkommens spitzte sich 1938 die Situation für exilierte NS-Regimegegner in der Tschechoslowakei zu. Thoel gehörte Ende 1938 zu den Autoren, die vom Deutschen PEN‑Zentrum im Exil als politisch besonders gefährdet eingestuft wurden. 1939 (im Jahr der vollständigen Zerschlagung der Tschechoslowakei und ihrer Einverleibung durch das NS-Regime) konnte er noch nach England und Schottland flüchten.Sternfeld/Tiedemann 1970, S. 502.
In London arbeitete er ab 1939 als Schauspieler an Emigrantenkabaretts, wie der „Kleinen Bühne“, und schrieb für diese bis 1944 auch Texte. Belegt sind etwa szenische Aufführungen von Shakespeares Werken. So trat er in Darstellungen aus „Ein Sommernachtstraum“, „Der Kaufmann von Venedig“ und „Was ihr wollt“ gemeinsam mit Diana Barry, Gerda Koeppler, Edit List, Lilli Rihne, Oskar Edelsbacher, Gerhard Kempinski, Kurd Lade (auch: Bühnenbild), Omri und Arnold Marlé (auch: Regie) und Milko Sperber auf, musikalisch begleitet von Andre Asriel.Seeger/Behse 1987, S. 707. Texter war er etwa für die Revuen What’s in the News (1940),Seeger/Behse 1987, S. 714–715. What the Stars Foretell (1942) sowie Mr. Gulliver Goes to School (1942).
Thoel gehörte der von Erich Fried im Herbst 1940 ins Leben gerufenen Schriftstellergruppe „Junge Dichtung“ an, neben Heinz Karpeles, Kurt Barthel und Fried selbst. Die erste Lesung der Gruppe fand am 19. Dezember 1940 beim Freien Deutschen Kulturbund in Großbritannien (FDKB) in London statt. Thoel wirkte dann bei mehreren Lesungen und literarischen Matineen des FDKB in London mit, etwa unter dem Titel „Junge Dichter der Emigration“ am 8. April 1941 mit Erich Fried, Kurt Barthel und anderen,Vgl. Freie Deutsche Kultur (London), April 1941. S. 6. Zitiert nach: Thunecke 1998, S. 265. und noch 1944 gleichzeitig mit Max Zimmering, Grete Livius und Elisabeth Karr.Seeger/Behse 1987, S. 242.
In den 1942–1943 erschienenen Anthologien des FDK publizierte Thoel neben Heinrich und Thomas Mann, Bertolt Brecht, Johannes R. Becher, Erich Weinert, Berthold Viertel und Anna Seghers.
Auch in Glasgow sind seine kulturellen Aktivitäten bei der Glasgower FDJ-Gruppe dokumentiert, so veranstaltete Thoel Literaturabende zu Romain Rolland und Georg Büchner.Gräf 2009, S. 46. Daneben trug er seine Gedichte vor der FDJ-Gruppe vor und veröffentlichte diese z. B. in der Zeitschrift Freie deutsche Kultur; er war einer der Preisträger im Wettbewerb der Schriftsteller-Sektion des FDKB um den besten Hörfunkbeitrag in deutscher Sprache für die BBC.Gräf 2009, S. 47. Thoel hielt auch die Eröffnungsrede bei der vom Glasgower FDJ mitveranstalteten, in London erarbeiteten Wanderausstellung „Allies Inside Germany“, welche von 23. Oktober bis 30. November 1942 dauerte und von bis zu 20.000 Glasgowern besucht wurde.Gräf 2009, S. 42.
Thoel war Mitverfasser der 1943 in London publizierten antifaschistischen Exil‑Anthologie „Und sie bewegt sich doch!“ Freie deutsche Dichtung, herausgegeben von der FDJ, mit einem Vorwort von Oskar Kokoschka und einer Photomontage von John Heartfield auf dem Umschlag, die Hitler als Affen mit Stahlhelm auf der Weltkugel hockend zeigt.
Außerdem war Thoel in Britannien als Fabrikarbeiter tätig.
Nachkriegszeit 1946 kam Thoel nach (West-)Deutschland zurück; weitere Bühnentätigkeit ist nicht bekannt. Mit 1946 wird auch die langjährige Mitgliedschaft im Deutschen PEN-Club in London dokumentiert.
Thoel war seitdem wieder in Verlags- und Lektoratstätigkeiten beschäftigt. Er ließ sich 1947 in Hamburg nieder; zunächst arbeitete er an der Übersetzung britischer Dokumentarfilme und war freier Mitarbeiter beim Nordwestdeutschen Rundfunk. Danach war er vor allem journalistisch in Hamburg tätig.
Er gehörte 1948 zu den Gründungsmitgliedern der Redaktion der Welt am Sonntag, worin er zahlreiche Beiträge veröffentlichte. Seine Schwerpunkte lagen dabei in der Film-, Fernseh- und Theaterkritik. Laut Todesanzeige aus 1981 gehörte er der Redaktion bis 1971 an.
Persönliches Rolf Thoel wird im weiteren Freundeskreis um Erich Fried genannt.Thunecke 1998, S. 227. Nach der Exilkorrespondenz Frieds lernte dieser seine erste Ehefrau Maria Marburg (1909–1987) etwa 1940 im Umfeld des Londoner FDKB kennen, „vermutlich über ihren damaligen Freund, den jungen Schriftsteller Rolf Thöl“. Fried und Marburg heirateten 1944; ihr Sohn erhielt die Vornamen Hans Rolf (den ersten nach Frieds jung verstorbenem Freund Hans Schmeier). Fried erklärte demnach 1945, er habe seinen am 31. Mai 1944 geborenen Sohn „Hansl […] nach meinem besten Freund“ benannt, dem 18‑jährigen österreichischen Dichter Hans Schmeier (1925–1943), welcher ebenso wie Fried und Marburg im Londoner Exil war, sich jedoch im Oktober 1943 das Leben nahm (ebd., S. 251–252 samt Fußnote 9 auf S. 254; vgl. auch Thunecke, „Heut kämpf ich, dass ich morgen träumen lerne“, S. 29). Ein brieflicher Austausch der Frieds mit Thoel aus dem Jahr 1945 thematisiert unter anderem ihre damaligen Eheprobleme.
In der Nachkriegszeit verzeichnet das Deutsche Literaturarchiv Marbach persönliche Korrespondenz Rolf Thoels mit dem Literaten Siegfried Lenz, ebenso wie mit dem Publizisten Willy Haas, zum Teil bis kurz vor Thoels Ableben 1981.
Gelegentlich wirkte Thoel noch an musikalischen Projekten mit; so entstand 1967 gemeinsam mit dem österreichischen Komponisten Robert Stolz das heitere Lied „Gretje und Tetje“, gesungen von Heidi Kabel und Henry Vahl, das in Sprache und Inhalt typische Hamburger Dialekt‑ und Alltagsmotive aufgreift.
Anerkennung Bereits in seiner 1957 erschienenen Monographie German Literature in Exile ordnet W. K. Pfeiler (Literaturwissenschaftler in Nebraska) Rolf Thoel den deutschsprachigen Exillyrikerinnen und -lyrikern zu und hebt die gemeinsame Leistung dieser Schriftstellergeneration hervor:
Ursula Knief, seinerzeitige Leiterin der Frauen- und Politikressorts der Welt am Sonntag, erinnerte an Rolf Thoels Rolle in der Gründungsphase der Wochenzeitung:
Noch im Jahre 1998, anlässlich des 50. Jubiläums der Welt am Sonntag, wurde seine Tätigkeit vom Verlagshaus gewürdigt:
Werk Beiträge in Exilzeitschriften
Revues und Chansons Revues
Chansons
Beiträge in Sammelbänden – als Rolf Anders verf.: „Trio“ (S. 22–23); Übersetzung „Sonett LV“ von William Shakespeare (S. 25); „Berolina“ (S. 30–31); „Todeskult“ (S. 32); „Sonett“ (S. 34); „Hände“ (S. 43–44). Weitere Beiträge von: Rudolf Fuchs, Max Herrmann-Neisse, Peter Pont, Kuba, Nuntius, Ilse Klaksbrunn, Judith Maria Sternberg, Oliva, Eva Priester, Alfred Becker, Max Zimmering, Erich Fried, Karel Hynek Mácha.Hahner/Berthold/Eckert 1989, S. 589.Sternfeld/Tiedemann 1970, S. 592. – als Rolf Anders verf.: „Sonett“ (S. 22). Weitere Beiträge von: Richard Friedenthal, Berthold Viertel, Bruno Frei, Max Zimmering, Peter Pont, Erich Weinert, Bertolt Brecht, Anna Seghers, Johannes R. Becher, Werner Ilberg, Wieland Herzfelde, Anna Maria Jokl, Hans J. Rehfisch, Rudolf Leonhard, Manfred Zeuner, Freimut Schwarz.Hahner/Berthold/Eckert 1989, S. 588. – als Rolf Anders mitverf.: H. 1: Deutsche Stimmen aus Großbritannien; „Beethoven“. „Vor morgen“. „Frankreich 1942“. „Der Fluß“. „Ich war auch dabei“. „Die neuen Menschen“. „Oktober“ (S. 5–10). Weitere Beiträge von: Max Herrmann-Neisse, Werner Ilberg, Freimut Schwarz, Bertolt Brecht, Wieland Herzfelde, Hans Machwitza, Johannes R. Becher, Klara Blum, Erich Weinert, Max Zimmering.Hahner/Berthold/Eckert 1989, S. 581 f. – als Rolf Anders verf.: „Madonnenbilder. Ulrich von Hutten“ (S. 13–14). Weitere Beiträge von: Gert Caden, Lutz Weltmann, Alexandra Wexler, Theodor Plivier, Alfred Becker, Hugo Huppert, Heinz Karpeles, Max Zimmering, Hans Siebert, Friedrich Wolf, Erich Weinert, Fritz Gottfurcht, Freimut Schwarz.Berendsohn 1976, S. 71.Hahner/Berthold/Eckert 1989, S. 607.Sternfeld/Tiedemann 1970, S. 588. – als Rolf Anders verf.: „Die Muttersprache“ (S. 37). Weitere Beiträge von: Heinrich Mann, Bertolt Brecht, Sabine Berg, Johannes R. Becher, Monty Jacobs, John Heartfield, Rita Hausdorff, Lutz Weltmann, Johann Fladung, Leopold Ullstein, H. W. Schaefer, Egon Larsen, Karl Wollf, Theodor Plivier, Heinz Karpeles, Georg Lukács, K. K. Doberer, Freimut Schwarz, Jan Petersen, Hans Flesch, Ruth von Bueren, Thomas Mann, Peter Bratt, Eduard Saenger, Gregor Werle, Hans Bab, Werner Ilberg, Anna Seghers, Johannes Wuesten, Christian Corty, Max Zimmering, Juergen Kuczynski, Susanne Sommerfeld, Ludwig Renn.Hahner/Berthold/Eckert 1989, S. 637. – als Rolf Anders mitverf.Sternfeld/Tiedemann 1970, S. 593.
Zeitungsartikel (Auswahl)
Literatur
Weblinks
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