Die Demetrias () war eine 307/306 v. Chr. eingerichtete Phyle im antiken Athen. Zusammen mit der Antigonis gehörte sie zu den ersten beiden von insgesamt fünf nachkleisthenischen Phylen der Stadt. Im Jahr 201/200 v. Chr. wurde sie wieder aufgelöst.
Vorgeschichte In den Wirren nach dem Tode Alexanders des Großen im Jahr 323 v. Chr. und den sich entwickelnden Diadochenkriegen war es 317 v. Chr. Kassandros, einem der wichtigsten Diadochen (Nachfolger Alexanders), gelungen, die Herrschaft über Athen zu erlangen und ein oligarchisches Regime einzurichten. An dessen Spitze installierte er den Athener Demetrios von Phaleron als seinen Statthalter. Bald darauf brach der dritte Diadochenkrieg aus, nachdem sich Kassandros als Reichsregent mit Lysimachos und Ptolemaios I. verbündet hatte, um die Ansprüche des Antigonos I. Monophthalmos auf die Reichsregentschaft auszuhebeln. Die Auseinandersetzungen endeten zunächst im nur zwei Jahre währenden Diadochenfrieden des Jahres 311 v. Chr. Als der Neffe des Antigonos, Ptolemaios, zu seinem Namensvetter Ptolemaios I. übergelaufen war, verlor Antigonos eine wichtige Machtbasis in Griechenland. Im Jahr 307 v. Chr. entsandte Antigonos daher seinen Sohn Demetrios I. Poliorketes nach Griechenland, dem es nach mehreren Siegen gelang, Kassandros’ Herrschaft über Athen zu beenden.Diodor 20,45,1. Demetrios von Phaleron ergriff daraufhin die Flucht.Die geschichtliche Entwicklung zusammenfassend: Christian Habicht: Athen. Die Geschichte der Stadt in hellenistischer Zeit. C. H. Beck, München 1995, ISBN 3-406-39758-1, S. 74–78.
Demetrios stellte in Athen wieder die alte demokratische Verfassung her und wurde wie sein Vater von der Stadt mit zahlreichen außerordentlichen Ehren bedacht, die bis zu gottähnlicher Verehrung als „Rettende Götter“ () reichten.Diodor 20,46,2; Plutarch, Demetrios 10–11; Andrew W. Erskine: Ruler Cult and the Early Hellenistic City. In: Hans Hauben, Alexander Meeus (Hrsg.): The Age of the Successors and the Creation of the Hellenistic Kingdoms (323–276 B. C.) (= Studia Hellenistica. Band 53). Peeters, Leuven 2014, S. 579–597, hier S. 588 f. (Digitalisat); Volker Grieb: Konsolidierung als Modernisierung. Athens Bürgerschaft im späten 4. und frühen 3. Jahrhundert v. Chr. In: Claudia Tiersch (Hrsg.): Die athenische Demokratie im 4. Jahrhundert zwischen Modernisierung und Tradition. Steiner, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-515-11071-6, S. 359–384, hier S. 368 f.; Gregor Weber: ‚200 Jahre Phylenreform des Kleisthenes‘ – die Neuorganisation von Athen und Attika (307/06 v. Chr.). Kontext, Umsetzung und Folgen. In: Klio. Band 100, 2018, S. 125–152, hier S. 126 f.
Phyle Zu den Ehren, die Antigonos und Demetrios zuteilwurden,Zusammenstellung des Quellenmaterials samt Kommentar bei Haritini Kotsidu: TIMH KAI ΔOΞA. Ehrungen für hellenistische Herrscher im griechischen Mutterland und in Kleinasien unter besonderer Berücksichtigung der archäologischen Denkmäler. Akademie-Verlag, Berlin 2000, ISBN 3-05-003447-5, S. 33–38 KNr. 9 [L]. gehörte die Einrichtung zweier neuer Phylen auf Antrag des Stratokles, Sohn des Euthydemos aus Diomeia: der Demetrias und der Antigonis. Zudem wurden jährliche Agone, ein Festzug und Opfer zu deren Ehren beschlossen.Diodor 20,46,2. Da jede Phyle 50 Ratsmitglieder (Bouleuten) in die Boule, den Rat der Stadt Athen, zu entsenden hatte, wurde deren Anzahl von 500 auf 600 erhöht. Die Anzahl der Demen Athens blieb hingegen konstant, so dass jede der ursprünglich zehn nachkleisthenischen Phylen eine unterschiedliche Anzahl an die neuen Phylen abtreten mussten. Dieser erste Eingriff in das seit ziemlich genau 200 Jahren bestehende Phylensystem wird außer bei Diodor und Plutarch nur noch bei Iulius PolluxIulius Pollux 8,110. und Stephanos von ByzanzStephanos von Byzanz s. v. Ἀντιγονίς. erwähnt. Allerdings zeugen zahlreiche Inschriften von den Phylen, die demnach in der festgelegten Reihenfolge der Phylen die ersten beiden Stellen einnahmen.Gregor Weber: ‚200 Jahre Phylenreform des Kleisthenes‘ – die Neuorganisation von Athen und Attika (307/06 v. Chr.). Kontext, Umsetzung und Folgen. In: Klio. Band 100, 2018, S. 125–152, hier S. 128, 133. Als sich Athen im Jahr 201/200 v. Chr. von den Antigoniden ab- und einem Bündnis des pergamenischen Herrschers Attalos I. mit Rom zuwandte,Christian Habicht: Athen. Die Geschichte der Stadt in hellenistischer Zeit. C. H. Beck, München 1995, S. 197–206; Michael J. Osborne: Athens in the Third Century B. C. Ελληνική Επιγραφική Εταιρεία, Athen 2012, S. 24 f. wurden die beiden Phylen wieder abgeschafft.Sean G. Byrne: The Athenian Damnatio Memoriae of the Antigonids in 200 B. C. In: Anastasios Tamis, Christopher J. Mackie, Sean G. Byrne (Hrsg.): Philathenaios. Studies in Honour of Michael J. Osborne. Ελληνική Επιγραφική Εταιρεία, Athen 2010, S. 157–177.
Jeder der beiden Phylen wurden aller Wahrscheinlichkeit nach 15 Demen zugeordnet.John S. Traill: The Political Organization of Attica: A Study of the Demes, Trittyes, and Phylai, and Their Representation in the Athenian Council (= Hesperia Supplements. Band 14). American School of Classical Studies at Athens, Princeton [NJ] 1975, S. 26 f. Tabelle 12. Der Demetrias wurden folgende zugewiesen:
Demos Ursprüngliche Phyle Lage Bouleuten (neu/alt) Atene Antiochis Küste 4 (3) Daidalidai Kekropis Stadt 1 (1) Diomeia Aigeis Stadt 1 (1) Hagnous Akamantis Binnenland 5 (5) Hippotomadai Oineis Stadt? 1 (1) Koile Hippothontis Stadt 3 (3) Kothokidai Oineis Küste 2 (2) Melite Kekropis Stadt 7 (7) Oinoe Hippothontis Küste 2? (2?) Oion Kerameikon Leontis Binnenland 1 (1) Phyle Oineis Küste 6 (2) Poros Akamantis Küste? 3 (3) Unter-Potamos Leontis Stadt? 2 (1) Thorai Antiochis Küste 5? (4) Xypete Kekropis Stadt 7 (7)
Während bei der kleisthenischen Phyleneinteilung die Verteilung der Bouleuten auf Stadt-, Land- und Küstentrittyen ausgewogen war, entfielen bei der Demetrias 22 Ratsmitglieder auf 7 Stadtdemen, 22 auf 6 Küstendemen und nur 6 auf 2 Binnenlanddemen, wobei bei einigen Demen die Lage oder die Anzahl der Bouleuten unbekannt ist. Bislang ist es nicht gelungen, die Kriterien, die der Verteilung der Demen zugrunde lagen, herauszuarbeiten.Gregor Weber: ‚200 Jahre Phylenreform des Kleisthenes‘ – die Neuorganisation von Athen und Attika (307/06 v. Chr.). Kontext, Umsetzung und Folgen. In: Klio. Band 100, 2018, S. 125–152, hier S. 135–140. Gewisse Folgen lassen sich aber erkennen, insbesondere für die in Unter- und Ober- geteilten Demen. Sie bestanden vorher schon, waren aber immer in der gleichen Phyle vereint. So waren die Prytanien, die für jeweils ein Zehntel des Jahres die Ratsversammlung leiteten, an die Phylen gebunden, so dass jede Phyle eine Prytanie stellte. Die Bouleuten eines Gesamtortes waren in der kleisthenischen Gliederung immer in Phyle und Prytanie vereint. Nun gehörten die Bouleuten eines Gesamtortes verschiedenen Phylen, somit verschiedenen Prytanien an. Das Militär war nach Phylen geordnet, so dass Bürger eines Gesamtdemos auch immer zusammen in ihrem Phylenkontingent Militärdienst leisteten. Dies war nun nicht mehr gegeben. Lokale und polisweite politische Organisation der Bürger Athens waren eng verknüpft.David Whitehead: The Demes of Attica, 508/7 – ca. 250 B.C.: A Political and Social Study. Princeton University Press, Princeton 1986, S. 266; Volker Grieb: Hellenistische Demokratie: Politische Organisation und Struktur in freien griechischen Poleis nach Alexander dem Großen (= Historia. Einzelschriften. Heft 199). Steiner, Stuttgart 2008, S. 42. Welche Auswirkungen dies auf die Demenidentität hatte, ist ungeklärt. David Whitehead vermutete eine destabilisierende Wirkung für die betroffenen Demen nach zweihundertjähriger Zugehörigkeit zu den kleisthenischen Phylen.David Whitehead: The Demes of Attica, 508/7 – ca. 250 B.C.: A Political and Social Study. Princeton University Press, Princeton 1986, S. 360; siehe auch Gregor Weber: ‚200 Jahre Phylenreform des Kleisthenes‘ – die Neuorganisation von Athen und Attika (307/06 v. Chr.). Kontext, Umsetzung und Folgen. In: Klio. Band 100, 2018, S. 125–152, hier S. 141.
Welche konkreten Auswirkungen die Vermehrung der Phylen etwa auf das Monument der Phylenheroen auf der Agora von Athen hatte, ist nicht konkret zu beantworten. Tatsächlich wurde eine Erweiterung des Monumentes archäologisch nachgewiesen, so dass zwei weitere Statuen für die beiden neuen Phylenheroen Antigonos und Demetrios Aufstellung finden konnten.T. Leslie Shear, Jr.: The Monument of the Eponymous Heros in the Athenian Agora. In Hesperia. Band 39, 1970, S. 145–222, hier S. 196–200 (Digitalisat). Die gleiche Problematik betrifft das analoge Monument aus der Hand des Phidias in Delphi,Peter Funke: Wendezeit und Zeitenwende. Athens Aufbruch zur Demokratie. In: Dietrich Papenfuß, Volker M. Strocka (Hrsg.): Gab es das griechische Wunder? Griechenland zwischen dem Ende des 6. und der Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. Philipp von Zabern, Mainz 2001, S. 1–20, hier S. 8–10. 14 f. (Digitalisat). das laut Pausanias um die Statuen der beiden erweitert worden war.Pausanias 10,10,1–2. Für Athen war die Erweiterung auch deshalb von Bedeutung, da auf der Schauseite des Monuments unterhalb der Heroen Verlautbarungen der einzelnen Phylen befestigt wurden.
Unbekannt ist, wie die auf 600 Mitglieder erweiterte Boule ihre rund 290 Sitzungen im JahrJochen Bleicken: Die athenische Demokratie. 2. Auflage. Schöningh, Paderborn 1994, S. 195. abhielt. Eine Erweiterung des im späten 5. Jahrhundert v. Chr. erneuerten Bouleuterions von Athen ist nicht nachweisbar, aber möglicherweise mit dem Austausch der einst hölzernen Sitzreihen durch solche aus Poros, einem Kalkgestein, im Gebäude zu verbinden. Eventuell konnte durch diese Maßnahme die Anzahl an Sitzplätzen von 500 auf 600 erhöht werden.So T. L. Shear Jr.: Bouleuterion, Metroon, and the Archives at Athens. In: Mogens Herman Hansen (Hrsg.): Studies in the Ancient Greek Polis (= Historia. Einzelschriften. Heft 95). Steiner, Stuttgart 1995. S. 157–190, hier 179 f.; siehe auch Fausto Longo: Il Nuovo Bouleuterion e il propylon dʼingress. In: Emanuele Greco (Hrsg.): Topografia di Atene. Sviluppo urbano e monumenti dalle origine al III secolo d. C. Band 3** (= (SATAA Band 1.3). Pandemos, Athen/Paestum 2014, S. 1023–1025, hier S. 1024 (Digitalisat).
Als es am Ende des 3. Jahrhunderts zum Zerwürfnis mit dem Makedonenkönig Philipp V. kam, beschlossen die Athener, alle Ehren und Kulte Philipps und seiner Vorgänger – zu denen Antigonos und Demetrios gehörten – zu beseitigen und alle Erwähnungen in Inschriften zu tilgen. Damit endete die Existenz der Phyle.Titus Livius, Ab urbe condita 31,44,4–8; Christian Habicht: Athen. Die Geschichte der Stadt in hellenistischer Zeit. C. H. Beck, München 1995, S. 197–200; derselbe: Gottmenschentum und griechische Städte. 2. Auflage. C. H. Beck, München 1970, S. 185–190. Die erhaltenen Inschriften zeugen davon, dass die Eradierung aller Erwähnungen der Antigoniden nicht konsequent umgesetzt wurde.Hans-Joachim Schalles: Untersuchungen zur Kulturpolitik der pergamenischen Herrscher im dritten Jahrhundert vor Christus (= Istanbuler Forschungen. Band 36). Wasmuth, Tübingen 1985, ISBN 3-8030-1757-2, S. 136.
Literatur
Graham J. Oliver: War, Food and Politics in Early Hellenistic Athens. Oxford University Press, Oxford 2007, S. 103–106. John S. Traill: The Political Organization of Attica: A Study of the Demes, Trittyes, and Phylai, and Their Representation in the Athenian Council (= Hesperia Supplements. Band 14). American School of Classical Studies at Athens, Princeton [NJ] 1975, S. 25–29, 58–61. Gregor Weber: ‚200 Jahre Phylenreform des Kleisthenes‘ – die Neuorganisation von Athen und Attika (307/06 v. Chr.). Kontext, Umsetzung und Folgen. In: Klio. Band 100, 2018, S. 125–152 (Digitalisat).
Anmerkungen
Kategorie:Attische Phyle Kategorie:Geographie (Athen)