200px
Das Alte Serail (; ) ist ein ehemaliges Serail in Tel Aviv-Jaffa, Bezirk Tel Aviv, Israel. Der Bau entstand 1724 als profanes Gebäude auf Resten einer Kreuzfahrerburg zu Zeiten, als Jaffa, seit 1950 ein Ortsteil Tel Avivs, zum Osmanischen Reich (1516–1918) gehörte. Der örtliche osmanische Mütesellim (Gouverneur) erwarb es 1811 von Amts wegen als Serail, also Verwaltungssitz und Amtsresidenz.
Das Alte Serail ist eines der älteren erhaltenen und mit 15 Jochen das flächenmäßig größte Gebäude der Altstadt Jaffas. Es ist ein eher rustikal gehaltener Bau, der keinem ästhetischen Gesamtentwurf folgt. Durch mehrfache Erweiterung ist das Gebäude eher heterogener Gestalt. Das Alte Serail ist heute an allen Seiten freigestellt, da die einst unmittelbar angrenzende enge Altstadtbebauung durch britischen Kahlschlag 1936 zwecks Bekämpfung des Großen Arabischen Aufstands (1936–1939) erheblich gelichtet und durch rabiate Flächensanierung zwischen Ende 1949 und 1956 weiter stark ramponiert worden ist.
Lage Das Alte Serail befindet sich in der Tajjelet Mifratz Schlomo 8/10 () auf dem Hügel der Altstadt Jaffas. Es ist eines der erhalten historischen Gebäude der ramponierten Altstadt, das den Zerstörungen im Zuge der britischen Pazifikation (Operation Anchor, 1936) während des Großen Arabischen Aufstands (1936–1939), seinerzeit größte Erhebung gegen eine britische Kolonialverwaltung, und dem israelischen Kahlschlag älterer Bausubstanz, in Schüben zwischen Winter 1949 und 1956 vollzogen, entging. Durch die Beseitigung der gesamten Bebauung am nördlich gegenüber gelegenen Straßenabschnitt ist die Hauptfassade von weither, wie den nördlichen Strandwegen Tel Avivs, gut zu sehen. Der überwiegend geräumte, nördlich gegenüber liegende Hang wurde als Park Gan haMidron ( [des Altstadthügels]) begrünt.
Die beiden Eingänge von der Promenade, je zur Hofeinfahrt (zuletzt Seifenfabrik) und zu einstigen Amts- und repräsentativen Räumen (zuletzt Mietwohnungen), sind verschlossen und verrammelt, die dahinter gelegenen Bauflügel nicht renoviert. Die Eingänge zum Arabisch-Hebräischen Theater und zum Jaffa-Museum an der Ostseite des Alten Serails erschließt eine Fußweg, der an der Tajjelet Mifratz Schlomo beginnt, einen Vorplatz vor beiden Zugängen bildet, und quer durch den Gan haPisgah die Verbindung zur Simtat Masal Dagim () bildet, einer altstädtisch geprägten Fußgängertwiete mit vielen Ateliers und Läden von Kunsthandwerkern und Designern, Geschäften mit Souvenirs und anderem Accessoires des Touristeninteresses. Gleich an der Südseite des Alten Serails zweigt eine Weg zum Hammam (jetzt Nachtclub) ab, der hangaufwärts bis auf Höhe seiner Kuppel hinaufzieht, wo er an einem modernen Freilufttheater mündet. Ein Dutzend kleine Wege aus verschiedenen Richtungen bieten Verbindungen zu umliegenden Vierteln.
Name Bezeichnungen des Altes Serail lauten auf oder auch . Im Arabischen steht im lokalen Sprachgebrauch, neben alternativ auch , wobei Sarāy als Maskulinum die entsprechend passende Adjektivform nimmt, wie auch das feminine Sarāyā. Die Differenzierung ‹Altes› Serail bezieht sich auf das Neue Serail (; ). Die persischstämmige arabische Vokabel Serail ( oder ) bezeichnet im levantinischen Sprachgebrauch Bauten für Repräsentation, Wohnzwecke und Verwaltung aus osmanischer Zeit,, auf: Die Geheimnisse der überirdischen und der unterirdischen Stadt Akko, abgerufen am 24. Februar 2019. denn private Gemächer, auch solche für Haremsdamen, wie Verwaltungsräume, waren oft unter einem Dach.Dafür finden sich verschiedentlich im ehemals osmanischen Reichsgebiet Beispiele, so bezeichnet man das Regierungsgebäude in Beirut als Grand Sérail (), ähnlich auch al-Sarāyā al-Ḥamrā () in Tripolis, das Alte Serail in Akko, Neues Serail (Jaffa), Serail zu Safed, Ak Saray (Weißes Serail) in Ankara, Grand Sérail in Aleppo, oder Topkapı Sarayı (Kanonentor-Serail) in Istanbul.
Geschichte Der Bau entstand 1724 als Khan, eine geschützte Kaufmannsherberge mit Unterbringungsmöglichkeiten auch für Waren und Last- wie Reittiere, auf Resten einer Kreuzfahrerburg des 11. Jahrhunderts. Die 60 Jahre von 1750 bis 1810 waren mit fünf Eroberungen Jaffas ein grausames halbes Jahrhundert für seine Einwohner.Thomas Philipp, Acre: the rise and fall of a Palestinian city, 1730–1831, New York und Chichester: Columbia University Press, 2001, (=History and society of the modern Middle East series; Bd. 6), Seite wie gesondert angegeben. ISBN 0-231-12327-2. Um 1763 zählte Jaffa mehr als vierhundert Häuser innerhalb seiner Stadtbefestigung. Der ökonomisch und administrativ sehr erfolgreiche autonomistische Regionalpotentat Ẓāhir al-ʿUmar az-Zaidānī brachte im August 1771 Jaffa an sich und entzog es so den Lokalherren von Nablus, die ein osmanisches Sandschak des Eyâlet Damaskus beherrschten.
Doch die Hohe Pforte erteilte dem General Muhammad Bey Abu Dahab, geschäftsführend osmanischer Gouverneur (Kaymakam) des Eyâlets Ägypten, den Bewährungsauftrag den autonomistischen Ẓāhir al-ʿUmar auszuschalten, um die absolute osmanische Herrschaft wieder herzustellen, worauf Abu Dahab das Heilige Land 1772 bis 1775 mit einer beispiellos grausamen Kampagne überzog. Er überwand die Stadtbefestigung am 20. Mai 1775 und ließ alle Männer Jaffas enthaupten, welche Schreckensnachricht sich, wie beabsichtigt, wie ein Lauffeuer verbreitete, woraufhin wer sich bewegen konnte, Ẓāhir al-ʿUmars Kapitale Akkon verließ, einschließlich seiner selbst am 24. des Monats. Im Jahre 1799 verheerte Napoleon Bonaparte auf seiner Ägyptischen Expedition die Stadt, französisches Militär eroberte und plünderte Jaffa bis 7. März 1799 und ließ die gefangen genommenen osmanischen Soldaten als wortbrüchig niedermachen, denn er hatte sie teils bei der vorangegangenen Eroberung von al-ʿArisch mangels Verpflegung für Gefangene unter der Bedingung, nicht weiter gegen ihn zu kämpfen, ziehen lassen. Das Massaker kostete mindestens sechstausend osmanische Soldaten und jaffanische Zivilisten das Leben.
Im frühen 19. Jahrhundert erwarb ‹Mehmet› Muhammad Agha al-Schami (, auch Meḥmed; genannt ; 1770–1833), der zwischen 1807 und 1818 als osmanischer Mütesellim ( vom Ursprung her, praktisch aber ein Gouverneurstitel, oft lokal sehr autonom herrschend) von Jaffa und Gaza diente, den Bau 1810Khaldun Bshara (), “Derelict Structures – The Ottoman Saraya: All That Did Not Remain”, in: Jerusalem Quarterly, Nr. 69 (Frühjahr 2017), S. 66–77, hier Seite wie gesondert angegeben. oder 1811 von Amts wegen als Serail, also als Amtssitz und Residenz.Der Janitschare al-Schami diente nachfolgend von 1819 bis 1827 als Mütesellim von Thessaloniki, zu welcher Zeit Griechenland seine Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich erlangte.
Dann erlebten die Einwohner Jaffas den nächsten Krieg, mit dem Ersten Ägyptisch-Osmanischen Krieg begann die ägyptische Besatzungszeit (1831–1840) der Levante mitsamt Jaffas, die erst mit dem Zweiten Ägyptisch-Osmanischen Krieg endete. Wobei das Eingreifen europäischer Seemächte (Großbritannien und Irland und Österreich) in der Orientkrise der Hohen Pforte zur Wiederherstellung der osmanischen Souveränität in der Levante verhalf. Die Hohe Pforte gliederte Jaffa 1841 zunächst vom Eyâlet Damaskus (Sitz: Damaskus) aus und unterstellte es sich als Teil einer Provinz Jerusalem direkt,Ilan Pappé, The Israel–Palestine Question: A Reader, London and New York: Routledge, 1999, S. 36. ISBN 0-415-16948-8. ordnete es nach Monaten aber wieder als Teil des neuen Sandschaks Jerusalem dem Eyâlet Damaskus zu, das nach den Tanzimat-Reformen 1864 gegründeten Vilâyets Syrien aufging. Doch eine Besonderheit blieb, den jeweiligen Mutesarrıfen berief direkt die Hohe Pforte. Dadurch entstand ein Antagonismus zwischen dem Wālī in Damaskus, denn bei Berufung von Mutesarrıfen in normalen Sandschaks hatte der Wālī Mitsprache, der Mutesarrıf von Jerusalem aber war unabhängiger, da von ganz oben berufen, ähnlich wie der jeweilige Amtskollege im Mutesarriflik Libanonberg.
mini|300px|Mehrgeschossige Struktur des Alten Serails, teils fensterlos, wo einst angrenzende Bebauung stand, 2014 von der Straße Tajjelet Mifrats Schlomoh her Typischerweise gehörte zur Einrichtung eines Serails eine Kışla (osmanische Militärwache samt Gefängnis), in Jaffa im Parterre des Gebäudes gelegen. Darüber, im zweiten Stock, befanden sich die Diensträume der Verwaltung. Im obersten Geschoss folgten dann die Wohnräume des Mütesellim. Außerdem befanden sich auch ein Brunnenhaus, ein islamischer Gebetsraum und ein Hammam im Alten Serail.Andrew Petersen, A Gazetteer of Buildings in Muslim Palestine: 4 Tle., Council for British Research in the Levant (Hrsg.), (=British Academy monographs in archaeology; Nr. 12), Oxford: Oxford University Press, 2001, Teil 2: ‹Ḥammām› (Eintrag), S. 174. ISBN 978-0-19-727011-0. Die Historiker (Andrew Petersen, Martin Dow) sind uneins, ober der Mütesellim Muhammad Agha al-Schami den Hammam dem Serail als Annehmlichkeit hinzufügen ließ, oder ob ein Nachfolger dies 1840 tat.Martin Dow, The Islamic Baths of Palestine, Council for British Research in the Levant (Hrsg.), (=British Academy monographs in archaeology; Nr. 7), Oxford: Oxford University Press, 1996, S. 84seqq. ISBN 978-0-19-727006-6. Das Serail hatte auch eine Expedition für Amtsdepeschen, die gegen Gebühr auch private Post versandte und annahm, was sie zu einer Post entwickelte. Im Jahre 1872 beendete die Hohe Pforte den Antagonismus zwischen sich und Damaskus und wandelte der Sandschak Jerusalem ins Mutesarriflik Jerusalem um, das klar den zentralen Prärogativen unterstand.
Im Zuge der Entfestigung der Stadt, 1868 begonnen, inklusive Niederlegung der Stadtmauern bis 1879, entstanden Bauflächen am Rande der Altstadt Jaffas.Avraham Lewensohn (; 1923–1986), Reiseführer Israel mit Straßenkarten und Stadtplänen ['Israel Tourguide', 21979; dt.], Miriam Magall (Übs.), Tel Aviv-Jaffa: und Tourguide, 1982, S. 376. Wo die historischen Heerstraßen von Nablus und Jerusalem die Stadt am nordöstlichen Jerusalemer Tor erreichten, entstand nach Abbruch desselben ein neues Viertel mit einem neuen Platz. In den 1880er Jahren bezog die KışlaDiese neue Kışla am Uhrturm bielete bis 2005 eine örtliche Wache der Polizei Israels und erlangte als Haftplatz Adolf Eichmanns Bekanntheit, der dort während der Prozesstage einsaß, und seiner altertümlichen Bauart wegen als Drehort des israelischen Films Schlaf gut, Wachtmeister Asulai!. Vgl. Schiri Hadar (), “” (14. Dezember 2017), auf: Ynet יְדִיעוֹת אַחֲרוֹנוֹת; abgerufen am 12. März 2024. dort ein neues Domizil,Schiri Hadar (), “” (14. Dezember 2017), auf: Ynet יְדִיעוֹת אַחֲרוֹנוֹת; abgerufen am 12. März 2024. in Nachbarschaft zur Moschee al-Mahmudiyya.
mini|Luftbild 2017 von Kreisel Kikkar Jossi Carmel und rechts anschließender Kikkar haSchaʿon mit Säulen des Neuen Serails neben Baladiyya, Uhrturm (Sockel) und, vis-à-vis, Hotel Setai, ehemals Kışla