mini|Der junge Hrabanus Maurus (links), unterstützt von seinem Lehrer Alkuin, dem Abt des Stifts St. Martin zu Tours (Mitte), überreicht dem Heiligen Martin, Erzbischof von Tours, von späterer Hand fälschlich als der Mainzer Erzbischof Otgar bezeichnet, sein Werk De laudibus sanctae crucis. Darstellung in einem Manuskript aus Fulda um 830/40 (Wien, ÖNB cod. 652, fol. 2v) mini|Hrabanus Maurus: De rerum naturis (früher Druck)
Hrabanus Maurus (auch: Rabanus oder Rhabanus, auch deutsch Hraban oder Raban, Rhaban; * um 780 in Mainz; † 4. Februar 856 in Winkel im Rheingau) war ein deutscher Mönch und von 822 bis 842 Abt des Klosters Fulda, Priester und Mainzer Erzbischof, Universalgelehrter, Lehrer und Autor. Als Gelehrter, Abt und Erzbischof gehört er zu den bedeutenden Gestalten der als karolingische Renaissance bezeichneten Umbruchzeit des 9. Jahrhunderts und stand in einem Nahverhältnis zu Kaiser Ludwig dem Frommen und dessen Gemahlin Kaiserin Judith, später auch zu Kaiser Lothar I. und dessen Gemahlin Kaiserin Irmingard, denen er auch einzelne seiner Werke widmete.Vgl. Stephanie Haarländer, Rabanus Maurus zum Kennenlernen. Ein Lesebuch mit einer Einführung in sein Leben und Werk, Mainz 2006, S. 162–170: an Ludwig den Frommen Kommentar zu den Büchern der Könige, Lob des heiligen Kreuzes, Darbringung von Knaben im Kloster, Ehrfurcht der Söhne gegenüber ihren Vätern und Tugenden und Laster; an Kaiserin Judith Kommentar zu Judith und zu Esther, letzterer auch an Kaiserin Irmingard, die Gemahlin Kaiser Lothars I.; an Kaiser Lothar I. Kommentar zu Jeremia, Kommentar zu Ezechiel und Predigten zu den Lesungen und Evangelien des Kirchenjahres; an deren Sohn König Lothar II. De Coena und Die Seele. Ungeachtet der zeitweise schwierigen Beziehungen erfolgten Widmungen auch an Ludwig den Deutschen: Kommentar zu Chronik 1 und 2, Kommentar zu Makkabäer 1 und 2, Kommentar zu Daniel, Enzyklopädie zur Bibel, Kommentar zu den kirchlichen Hymnen des Morgengebets.
Leben Hrabanus wurde um 780, nach Eckhard Freise erst „etwa 783“, als Sohn adeliger Eltern in Mainz geboren. Schon als Kind mit höchstens acht Jahren wurde er von seinen Eltern als puer oblatus in die Obhut des Klosters Fulda übergeben und besuchte ab 788 zur religiösen und wissenschaftlichen Erziehung die Schule des damals aufblühenden, aber noch keineswegs auf dem Gipfel seines später unter seiner eigenen Leitung gewonnenen Ruhmes angelangten Benediktinerklosters Fulda.Vgl. Eckhard Freise: Zum Geburtsjahr des Hrabanus Maurus. In: Raymund Kottje, Harald Zimmermann (Hrsg.): Hrabanus Maurus. Lehrer, Abt und Bischof (Abhandlungen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Klasse. Symposion der Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Einzelveröffentlichung 4). Steiner, Wiesbaden 1982, S. 18–74, bes. S. 48–55 (das Zitat S. 55); Franz Staab: Wann wurde Hrabanus Maurus Mönch in Fulda? Beobachtungen zur Anteilnahme der Familie an den Anfängen der Laufbahn. In: ebd. S. 75–101.
Nach erfolgter Ausbildung konnte er bereits früh am Hof Karls des Großen als Gelehrter glänzen. Hier wurde er von dem berühmten Gelehrten Alkuin, dem Leiter der kaiserlichen Hofschule zu Aachen, gefördert. Alkuin nannte ihn „Maurus“, wie auch der Ordensgründer Benedikt seinen Lieblingsschüler genannt hatte. Als Alkuin sich in seinen letzten Lebensjahren in das ihm übertragene Kanonikerstift Saint-Martin de Tours begab, folgte ihm Hrabanus, um dort Bibel-, Liturgie- und Rechtsstudien zu betreiben.
801 erhielt er die Diakonatsweihe und wurde noch vor Alkuins Tod 804 Lehrer an der Klosterschule seines Heimatklosters Fulda, später (wohl 818) wurde er deren Leiter. 814 hatte er die Priesterweihe erhalten.Vgl. Franz Staab: Wann wurde Hrabanus Maurus Mönch in Fulda? Beobachtungen zur Anteilnahme der Familie an den Anfängen der Laufbahn. In: Raymund Kottje, Harald Zimmermann (Hrsg.): Hrabanus Maurus. Lehrer, Abt und Bischof (= Abhandlungen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Klasse. Symposion der Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Einzelveröffentlichung 4). Steiner, Wiesbaden 1982 S. 75–101, hier S. 90f. (zu den Weihen); S. 95–100 (zur Oblation und zum Geburtsjahr).
Unter seinen Schülern waren bedeutende Autoren der dritten Karolingergeneration: Rudolf von Fulda, Lupus von Ferrières, Ermenrich von Ellwangen, Gottschalk von Orbais, Walahfrid Strabo, Hartmut von St. Gallen und Otfried von Weißenburg.
Schriften mini|Darstellung Ludwigs des Frommen in der Handschrift Vatikanstadt, Biblioteca Apostolica Vaticana, Reg. lat. 124, fol. 4v (Fulda, 2. Viertel des 9. Jahrhunderts, wohl um 825/26) In der Zeit als Leiter der Klosterschule (bis 822) verfasste Hrabanus Schriften von großer thematischer Vielfalt.Vgl. das chronologische Werkverzeichnis in: Stephanie Haarländer: Rabanus Maurus zum Kennenlernen. Ein Lesebuch mit einer Einführung in sein Leben und Werk. Bistum Mainz, Mainz 2006, S. 160–171. Sie gliedern sich in Bibelkommentare, Briefe, Gedichte, Hymnen, Predigten, Lehrschriften, dogmatische (darunter liturgietheoretische), kirchenrechtliche und hagiographische Schriften sowie Schriften zu politischen Streitfragen der Epoche. Das berühmteste Werk ist der Figurengedichtzyklus De laudibus sanctae crucis („Vom Lob des Heiligen Kreuzes“, fertiggestellt 814), ein Opus geminum. Es ist noch heute in Abschriften erhalten, die direkt unter der Aufsicht Hrabanus’ angefertigt worden sein dürften; das wichtigste Exemplar mit eigenhändigen Einträgen des Verfassers wird in der Vatikanischen Bibliothek aufbewahrt (Città del Vaticano, Biblioteca apostolica Vaticana, Vat. lat. 124). Von seiner Tätigkeit als Leiter der Schule zeugt sein 819 erschienenes dreibändiges Werk De institutione clericorum („Von der Ausbildung der Geistlichen“). An dieses Werk schließen sich später De sacris ordinibus und De ecclesiastica disciplina an.
Den größten Teil des Werkes machen Bibelkommentare aus, die nahezu das gesamte Alte und Neue Testament umfassen.Vgl. Stephanie Haarländer: Rabanus Maurus zum Kennenlernen. Ein Lesebuch mit einer Einführung in sein Leben und Werk. Bistum Mainz, Mainz 2006, S. 161–165 Im engeren Sinne theologische Schriften sind De videndo deo, de puritate cordis et de modo poenitentiae, De praedestinatione, De anima sowie De passione Domini. Zur Liturgietheorie zählen De benedictionibus Dei, De divinis officiis, De Eucharistia, De corpore et sanguine Domini, das Opusculum de sacramentis, der Commentarius in Cantica laudum in matutinis sowie De coena. In den Bereich Hagiographie fällt sein Martyrologium. Kirchenrechtliche Fragen werden behandelt in De oblatione puerorum, in Quota generatione conubium licitum sit, in den Responsa canonica super quibusdam interrogationibus Reginbaldi episcopi, in De consanguineorum nuptiis et de magorum praestigiis falsisque divinationibus, in zwei Werken mit dem Titel Paenitentiale (an Erzbischof Otgar von Mainz und an Bischof Heribald von Auxerre). Der Streit mit Gottschalk von Orbais, der aus dem Kloster entlassen werden wollte, aber schließlich am erbitterten Widerstand Hrabans scheiterte, um die Oblation (Darbringung) von Kindern an Klöster durch ihre Eltern und die Frage der Bindewirkung einer solchen Entscheidung wird geführt in De oblatione puerorum, im oben erwähnten De praedestinatione sowie in Brief 42 an Markgraf Eberhard von Friaul. In die zeitgeschichtlichen Konflikte zwischen Kaiser Ludwig dem Frommen und seinen Söhnen greifen zu Gunsten des Kaisers ein De reverentia filiorum erga patres et subditorum erga reges und De virtutibus et vitiis.
Außer De laudibus sanctae crucis verfasste Hrabanus Maurus zahlreiche weitere metrische und akzentrhythmische Gedichte, zum Teil in seltenen Versmaßen, darunter zahlreiche Altartituli sowie Epitaphien, darunter eines für das Reliquiengrab des heiligen Bonifatius in der Kirche S. Maria zu Mainz, dessen Stele mit Relief des Heiligen, rückseitigem Kreuz und der Inschrift sancta crux nos salva (Heiliges Kreuz, errette uns) sich in Mainz erhalten hat (sogenannter „Priesterstein“).S. unten Weblinks.
Auch Briefe haben sich in größerer Zahl erhalten.
Neben De Laudibus sanctae crucis war das wohl erfolgreichste Werk Hrabans seine um 842 fertiggestellte Enzyklopädie De rerum naturis in 22 Büchern, die, stark angelehnt an die Etymologiae des Isidor von Sevilla (um 570–636), unter anderem den Menschen (mit seiner Anatomie und seinen Krankheiten), die Gestirne sowie das Pflanzenreich (mit 23, beinahe wörtlich von Isidor übernommenen, Heilpflanzen-Beschreibungen im 19. BuchBernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 13 und 18–20.) in einen kosmischen Zusammenhang stellt.Hans H. Lauer: Klostermedizin. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 758–764, hier: S. 759–760. Ihre umfangreiche handschriftliche Überlieferung erstreckt sich vom 9. bis zum 15. Jahrhundert und weist mehrere illustrierte Exemplare auf, darunter als ältestes die berühmte Abschrift des 11. Jahrhunderts aus Monte Cassino (Montecassino, Biblioteca dell’Abbazia, cod. 132, ca. 1022/23). Bereits kurz vor 1467 erschien in Straßburg der erste Inkunabeldruck bei Adolf Rusch. Das Werk diente in erster Linie als Hilfsmittel der Bibelexegese. Ob die Illustrationen auf Hrabanus zurückgehen, ist umstritten, aber nicht unwahrscheinlich. Der Mainzer Wissenschaftler Franz Stephen Pelgen entdeckte gemäß einer Mitteilung des Bistums Mainz Ende Juni 2011 in der Mainzer Martinus-Bibliothek ein weiteres Handschriftenfragment des 9. Jahrhunderts aus diesem Werk.
Schriften zur Zeitrechnung und zur Grammatik entstammen ebenso dem Schulbetrieb.
Dass Hrabanus auch an der Entstehungsgeschichte des Fuldaer Sakramentars beteiligt war, und zwar als Kompilator eines Gregorio-Gelasianums, legt neben weiteren Indizien vor allem das Frontispiz des Fuldaer Sakramentars der Universitätsbibliothek und Niedersächsischen Landesbibliothek Göttingen nahe.Vgl. Gereon Becht-Jördens: Litterae illuminatae (s. unten Literatur) S. 348–349; 355–362.
Zwar sind keine volkssprachlichen Texte von Hrabanus erhalten, doch gilt er als Förderer des zu seiner Zeit feststellbaren Bemühens um Verschriftlichung der Volkssprache für Zwecke der Schule und der Seelsorge in Fulda.Vgl. Gereon Becht-Jördens, Wolfgang Haubrichs: Fulda, in: Martin Schubert (Hrsg.): Schreiborte des deutschen Mittelalters. Skriptorien – Werke – Mäzene. De Gruyter, Berlin u. a. 2013, S. 175–215, hier S. 197–215.; Wolfgang Haubrichs: Fulda, Hrabanus Maurus und die theodiske Schriftlichkeit. In: Franz Josef Felten, Barbara Nichtweiß (Hrsg.): Hrabanus Maurus. Gelehrter, Abt von Fulda und Erzbischof von Mainz (Neues Jahrbuch für das Bistum Mainz 2006). Bistum Mainz, Mainz 2006, S. 93–120; Eckhard Meineke: Fulda und der althochdeutsche Tatian. In: Gangolf Schrimpf (Hrsg.): Kloster Fulda in der Welt der Karolinger und Ottonen (= Fuldaer Studien. Band 7). Josef Knecht, Frankfurt am Main 1996, S. 403–426, bes. S. 419; Wolfgang Haubrichs: Althochdeutsch in Fulda und Weißenburg. Hrabanus Maurus und Otfried vn Wißenburg. In: Raymund Kottje, Harald Zimmermann (Hrsg.): Hrabanus Maurus. Lehrer, Abt und Bischof (= Abhandlungen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Klasse. Symposion der Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Einzelveröffentlichung. Bd. 4). Steiner, Wiesbaden 1982, S. 182–193, hier bes. S. 186–193.
Abt des Klosters Fulda