mini|Ein Gemälde von Boris Kustodijew aus dem Jahr 1907 zeigt russische Leibeigene bei der Verkündigung der Aufhebung der Leibeigenschaft.
Die Aufhebung der Leibeigenschaft bzw. Abschaffung der Leibeigenschaft in Russland wurde am von Zar Alexander II. dekretiert und war die bedeutendste der damaligen liberalen Reformen.
Die liberalen Politiker, die hinter dem Manifest von 1861 standen, darunter Nikolai Alexejewitsch Miljutin, erkannten, dass ihr Land einer der wenigen verbliebenen Feudalstaaten in Europa war. Die erbärmliche Leistung der russischen Streitkräfte im Krimkrieg machte der Regierung die Schwächen des Reiches schmerzlich bewusst.
Vorgeschichte In Russland bestand faktisch seit dem 17. Jahrhundert Leibeigenschaft, die unter Peter I. 1723 gesetzlich festgelegt und in den folgenden Jahrhunderten weiter verschärft wurde. Sie waren an die Scholle gebunden, der Gerichtsbarkeit der Grundherren unterworfen und zu Frondiensten verpflichtet. Die Grundherren durften ihre „Seelen“ auch verkaufen und sogar als Wetteinsatz verspielen.
Als im westlichen Europa und auch in den zum russischen Kaiserreich gehörenden Ländereien des deutschbaltischen Adels ab Ende des 18. Jahrhunderts die Leibeigenschaft schrittweise gelockert und aufgehoben wurde, wurde auch im Russischen Kaiserreich das dringende Bedürfnis nach Reformen erkannt und von Universitäten, Autoren und führenden Beamten unterstützt. Michail Speranski, Nikolai Mordwinow und Pawel Kisseljow leiteten Reformprojekte in die Wege, die jedoch infolge von Intrigen hintertrieben wurden.
Am 30. März 1856 verkündete Zar Alexander II. vor einer Deputation des Moskauer Adels, es sei besser, die Leibeigenschaft abzuschaffen, als die Zeit abzuwarten, bis sie sich selbst von unten durch eine Revolution abschaffen würde. Allerdings wollte der Adel nicht auf seine kostenlosen Arbeitskräfte und die eigene Machtposition verzichten. So wurde ein Jahr nach dem Krimkrieg ein geheimes Komitee unter dem Vorsitz des Zaren eingesetzt, das Konzepte für die Aufhebung der Leibeigenschaft ausarbeiten sollte.Die Geschichte der Leibeigenen in Russland
Folgen mini|Gedenkmünze der Zentralbank Russlands zum 150-jährigen Jubiläum der Abschaffung der Leibeigenschaft Das Manifest zur Abschaffung der Leibeigenschaft von 1861 verkündete die Befreiung der Leibeigenen auf privaten Gütern und der Hausangestellten. Durch dieses Edikt erhielten mehr als 23 Millionen Menschen ihre Freiheit. Die Leibeigenen erhielten die vollen Rechte freier Bürger, darunter das Recht, ohne externe Zustimmung zu heiraten, Eigentum zu besitzen und ein Unternehmen zu führen. Das Manifest sah vor, dass Bauern das Land von den Grundbesitzern kaufen konnten. Für diese im Verhältnis zum Landwert überhöhte Ablöse haftete die Dorfgemeinschaft gegenüber Staat und Grundbesitzern. Die Bauern sollten erst Eigentümer werden, wenn sie ihr Land gänzlich abgezahlt hatten. Dafür waren 49 Jahresraten angesetzt. Während dieser Zeit sollten die Bauern weiterhin zu Frondiensten bei den bisherigen Gutsherren verpflichtet sein.
Konkret gesehen erbrachte die Bauernbefreiung von 1861 für die Bevölkerung wenig greifbare Vorteile. Hausknechte waren am wenigsten betroffen, da sie nur ihre Freiheit erhielten, aber kein Land. Die Bauern waren zwar nicht mehr an Grundbesitzer gekettet, allerdings waren sie im weiterhin bestehenden System aus Dorfgemeinschaften individuell ebenso unfrei. Das System der Gemeinschaften verteilte das Land unter den Bauern, erlaubte kein privates Eigentum an Grundbesitz und schränkte die Mobilität der Bauern ein, da jeder Einwohner an seine Gemeinschaft gebunden war.The 1861 Emancipation of the Serfs Die hohe Ablösesumme und die Ratenzahlungen führten dazu, dass die Bauern sich über Jahrzehnte verschulden mussten, ohne auch nur eigenes Land zur Ernährung ihrer Familien zu besitzen, und trugen dabei zur weiteren Verarmung der Landbevölkerung bei. Fortzuziehen war nicht möglich, solange die Kaufsumme nicht ganz abgetragen worden war. Dies gelang jedoch nur einer Minderheit.
Die meisten Bauern, die sich von dem Manifest eigenes, für die Ernährung der Familie ausreichendes Land versprochen hatten, zeigten sich unzufrieden. Dies entlud sich bereits 1861 in Bauernaufständen. Letztlich trugen die bleibende Armut und Abhängigkeit der Bauern mit zur Revolution von 1905 bei. Erst 1906 wurde den Bauern erlaubt, aus den Dorfgemeinschaften auszutreten und eigenverantwortlich zu wirtschaften.
Siehe auch Dekret über Grund und Boden
Literatur Samuel Sugenheim: Geschichte der Aufhebung der Leibeigenschaft und Hörigkeit in Europa Nachdruck der Ausgabe von 1861. Orell Füssli, 2017. (Google Books) Emancipation Manifesto Encyclopedia Britannica The 1861 Emancipation of the Serfs History of Western Civilization Sergei G. Pushkarev: The Russian Peasants' Reaction to the Emancipation of 1861 In: Russian Review, Bd. 27, Nr. 2 (Apr., 1968), S. 199–214.
Weblinks Manifest des Zaren Alexander II. vom 19. Februar 1861 (russisch)
Einzelnachweise
Kategorie:Recht (Russisches Kaiserreich) Kategorie:Politik 1861 Kategorie:Alexander II. (Russland)