Das Camp de La Chauvinerie befand sich bei Poitiers. Es entstand zu Beginn der Besatzung durch die deutsche Wehrmacht nach dem Waffenstillstand von Compiègne (1940). Es war zunächst ein Frontstalag, in dem die Wehrmacht nach dem Waffenstillstand die sogenannten „tirailleurs sénégalais“ (Senegalesische Schützen) unterbrachte. Diese französischen Kriegsgefangenen, die aus Subsahara-Afrika, aber auch aus Madagaskar, den Antillen und Indochina stammten, wollte das Nazi-Regime nicht auf deutschem Boden haben und brachte sie in Frontstalags in der Besetzten Zone (Nordzone) unter.Jean-Jacques Boissonneau: 1940-1946 : l'histoire oubliée des camps de La Chauvinerie In der Endphase des Zweiten Weltkriegs wurden dann im Camp de La Chauvinerie Tausende deutscher und ungarischer Kriegsgefangener interniert und zusätzlich Männer, Frauen und Kinder, die vor allem bei den Kämpfen um Elsass und Lothringen im Winter 1944 evakuiert worden waren, aber auch verhaftete deutsche Zivilisten.
Geschichte Die Erinnerungen an das Camp de la Chauvinerie sind nahezu völlig aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Dass dieses Lager überhaupt wieder bekannt wurde, verdankt sich archäologischen Untersuchungen im Jahr 2008.
Das Lager lag ungefähr in der Mitte zwischen dem Bahnhof von Poitiers und dem heutigen Flugplatz Aéroport de Poitiers-Biard. Nicht ohne Grund trägt eine moderne Straße dort den Namen von Léopold Sédar Senghor.
Es gibt Hinweise darauf, dass während des Ersten Weltkriegs auf dem Gelände ein Lager für deutsche Kriegsgefangene bestand.Jean-Jacques Boissonneau: Camps de la Chauvinerie Mehr ins Blickfeld geriet dann allerdings der Frontstalag 230, den die deutsche Wehrmacht hier am 20. Juli 1940 eröffnete und bis zum 7. April 1942 betrieb. Interniert wurden hier vor allem die sogenannten "tirailleurs sénégalais" (senegalesischen Schützen), aus Schwarzafrika stammende Angehörige der französischen Streitkräfte, aber auch Madagassen, Soldaten von den Antillen und Indochinesen. Sie alle waren nach dem von Vichy-Regime unterzeichneten Waffenstillstand von den Deutschen verhaftet worden, die aber deren Verlegung auf deutsches Staatsgebiet ausschlossen. Zu den hier internierten Kolonialsoldaten gehörte auch der spätere erste Präsidenten des Senegal, Léopold Sédar Senghor.Les Archives départementales de la Vienne: Des Camps dans la Vienne 1939-1945
Für die Jahre unmittelbar nach der Schließung des Frontstalags gibt es keine Hinweise darüber, wie das Gelände genutzt wurde. Erst 1945 wurde dann für die noch vorhandenen Baracken eine neue Verwendung gefunden. Ein Teil des Lagers diente fortan der Unterbringung von Kriegsgefangenen der Achsenmächte, der andere Teil wurde zum Centre de séjour surveillé (CSS). Dieser Teil des Lagers war „ein großes Viereck, das von zwei Reihen Stacheldraht umgeben ist. Im Inneren befinden sich auf der einen Seite die Männer und auf der anderen Seite die Frauen und Kinder. Am 10. Oktober 1945 befanden sich dort 1.879 Internierte, die von etwa 150 französischen Wächtern bewacht wurden: Offiziere, Aufseher, Krankenschwestern“.
Das Camp de la Chauvinerie war zu seiner Zeit eines der zehn größten Zentren für überwachte Aufenthalte (CSS) in Frankreich. Es beherbergte im Sommer 1945 etwa 4.000 Internierte – etwa 30 % aller in Frankreich internierten deutschen Zivilisten. Sie konnten „außerhalb des Lagers arbeiten, in der Landwirtschaft, in einigen Fabriken oder gehen zur Räumung der bombardierten Gebiete von Poitiers. Nur wenige Frauen verlassen das Lager: Einige wenige nähen und waschen Wäsche. Es handelt sich um streng reglementierte Tätigkeiten, bei denen insbesondere die Hälfte des Lohns an die Verwaltung und die andere Hälfte an die Internierten geht.“ Der Spiegel-Artikel Mon cher, cher petit erzählt ausführlich die ungewöhnliche Geschichte eines deutschen Kriegsgefangenen, der im Camp de la Chauvinerie interniert und zur Landarbeit verpflichtet worden war, und eine dort internierte Deutsche war auch die Schauspielerin Dita Parlo.Jean-Jacques Boissonneau: 1940-1946 : l'histoire oubliée des camps de La Chauvinerie
Nach Einschätzung des Historikers Jean Hiernard waren Haftbedingungen „entsetzlich“.
Am 1. November 1945 wurde das Camp de la Chauvinerie geschlossen. Der für die Lebensmittelunterschlagungen verantwortliche Offizier, Justin Blanchard, wurde 1947 angeklagt, kam aber zunächst in den Genuss einer Amnestie. Während seines Prozesses rechtfertigte er sein Verhalten mit einer angeblichen Diphtherie-Epidemie, der Schädlichkeit der Milch und dem Mangel an sauberem Trinkwasser. 1948 kam er durch einen Bericht des Rechnungshofs erneut ins Visier der Justiz; er musste unrechtmäßig einbehaltene Gelder erstatten.Bruno Delion: Il y a 70 ans, éclatait le scandale du camp de la Chauvinerie
Auch wenn die Archives départementales de la Vienne die Praxis der Internierung im Camp de la Chauvinerie als einen „"Skandal" in der Zeit der Befreiung“ bezeichnen, dokumentieren sie aber auch Objekte, die zeigen, dass das Lagerleben den Internierten Gelegenheiten zur handwerklichen und künstlerischen Entfaltung bot, die ihnen darüber hinaus Möglichkeiten zur Verbesserung der eigenen materiellen Situation schuf.
Architektonische Erinnerungen an die beiden Lager in Poitiers gibt es heute nicht mehr, und im Falle des Camp de la Chauvinerie auch keine Fotos aus der Zeit als Internierungslager nach der Befreiung der Stadt. Fotos, die Eindrücke über die Struktur des Lagers vermitteln könnten, stammen alle noch aus der Zeit von dessen Nutzung als Frontstalag 230.
Literatur Les Archives départementales de la Vienne: Des Camps dans la Vienne 1939-1945. Contrôler, Exclure, Persécuter, 2017. Bei dem Buch handelt es sich um den Katalog zur gleichnamigen Ausstellung; es ist online einsehbar und reich bebildert. Ergänzend hierzu: Les Archives départementales de la Vienne auf der Webseite von France Archives. Paul Lévy: Un camp de concentration français. Poitiers (1939-1945), 1995. Das online zur Verfügung stehende Buch konnte nicht berücksichtigt werden, da es nur kapitelweise für 5 Euro zugänglich ist.
Weblinks Jean-Jacques Boissonneau: 1940-1946 : l'histoire oubliée des camps de La Chauvinerie, 18. September 2012 (Online auf la Nouvell République.fr) Jean-Jacques Boissonneau: Camps de la Chauvinerie : des destins se sont croisés, 2. Juni 2015 (Online auf la Nouvell République.fr) Bruno Delion: Il y a 70 ans, éclatait le scandale du camp de la Chauvinerie, 12. März 2015 (Online auf Centre Press.fr) Mon cher, cher petit, Der Spiegel 44/1950, 31. Oktober 1950 (Online) Die abenteuerliche Geschichte eines deutschen Kriegsgefangenen, der im Camp de la Chauvinerie interniert und zur Landarbeit verpflichtet worden war. Le blog de Véronique D: Frontstalag et camp d’internement de Poitiers (Online)
Einzelnachweise
Kategorie:Kriegsgefangenenlager der Wehrmacht Kategorie:Internierungslager (Frankreich) Kategorie:Frankreich im Zweiten Weltkrieg