mini|Theodor Dannecker (1942) Theodor Dannecker (* 27. März 1913 in Tübingen; † 10. Dezember 1945 in Bad Tölz) war ein deutscher SS-Hauptsturmführer und als Judenreferent (auch „Judenberater“) einer der engsten Mitarbeiter Adolf Eichmanns.
Herkunft und Werdegang Danneckers Vater war Kaufmann, der ein Geschäft für Herrenbekleidung führte. Er verstarb im November 1918 und hinterließ zwei Söhne: Carl und den fünfjährigen Theodor. Theodor besuchte ab 1922 in Tübingen ein Gymnasium, wechselte zur Oberrealschule und erreichte dort 1928 die „Mittlere Reife“. Anschließend besuchte Theodor die Höhere Handelsschule in Reutlingen und begann 1930 eine Lehre in Stuttgart. Diese brach er nach wenigen Monaten ab, um in den nächsten beiden Jahren das Geschäft der erkrankten Mutter zu führen.
Am 20. Juni 1932 wurde Dannecker Mitglied der SS und zum 1. August 1932 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 1.234.220).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/5790754 1934 wurde er Angehöriger der SS-Verfügungstruppe (SS-Nummer 38.114). Dannecker war im Wachdienst des KZ Oranienburg und im Columbia-Haus tätig. Nach einem Vorfall mit Trunkenheit und Urkundenfälschung wurde er Mitte 1935 strafweise versetzt, wenig später aber in den SD übernommen. Bei einer Schulung in Berlin fiel Dannecker positiv auf; er wurde im Januar 1937 zum SS-Oberscharführer befördert und im März 1937 in die Abteilung II/112 des Sicherheitsdienstes versetzt, zuständig für jüdische Angelegenheiten.
Dannecker als Judenreferent
Während Adolf Eichmann 1938 bei der Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien war, leitete Dannecker vorübergehend das Berliner Judenreferat II-112. Ende 1939 wurde er dem neu zugeschnittenen Eichmannreferat zugeteilt.Claudia Steur: Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“. Essen 1996, ISBN 3-88474-545-X, S. 24 und 28. Anfang 1939 war Dannecker kurzzeitig beurlaubt worden, weil er unter Alkoholeinfluss in eine Schlägerei verwickelt war.Claudia Steur: Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“. Essen 1996, ISBN 3-88474-545-X, S. 34–35. Nachdem sich die Bildung eines „Judenreservats“ in Polen als undurchführbar erwiesen hatte, griff im Sommer 1940 Franz Rademacher vom Referat D III des Auswärtigen Amtes den Madagaskarplan wieder auf. Reinhard Heydrich zeigte sich besorgt, Kompetenzen zu verlieren, und beauftragte Dannecker, den „ins einzelne gehenden Plan für die technische Durchführung“ zu entwickeln.Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes, Moshe Zimmermann: Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik. Karl Blessing Verlag, München 2010, ISBN 3-89667-430-7, ISBN 978-3-89667-430-2, S. 184.
In Frankreich Am 5. September 1940 wurde Dannecker Leiter des Judenreferats der SD-Dienststelle in Paris, die anfangs nur sechs Mitarbeiter hatte. Dannecker unterstand disziplinarischAhlrich Meyer: Täter im Verhör. Die »Endlösung der Judenfrage« in Frankreich 1940–1944. Darmstadt 2005, ISBN 3-534-17564-6, S. 38. dem Leiter der Sicherheitspolizei in Frankreich, Helmut Knochen, bezog seine Weisungen aber von Eichmann.Claudia Steur: Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“. Essen 1996, ISBN 3-88474-545-X, S. 45. Über die vom deutschen Botschafter Otto Abetz initiierten und von der Militärverwaltung unter Otto von Stülpnagel für das besetzte Gebiet gebilligten antijüdischen Maßnahmen hinaus strebte Dannecker an, ein übergreifendes Generalkommissariat für Judenfragen zu installieren, um auch die Juden im bis zum 11. November 1942 unbesetzten Teil Frankreichs zu erfassen. Eine Ausarbeitung Danneckers vom 21. Januar 1941 zeigt, dass er über außergewöhnlich genaue Informationen über die Planungen in Berlin verfügte, die zu diesem Zeitpunkt als „territoriale Lösung der Judenfrage“ die Deportation aller europäischen Juden in zu erobernde Gebiete in der Sowjetunion vorsahen.Ahlrich Meyer: Täter im Verhör. Die »Endlösung der Judenfrage« in Frankreich 1940–1944. Darmstadt 2005, ISBN 3-534-17564-6, S. 38. Anfang 1941 erreichte Dannecker den Zusammenschluss jüdischer Verbände zum Comité de Coordination, einem ersten „Instrument zur Kontrolle der jüdischen Gemeinschaft in Frankreich.“Katja Happe, Michael Mayer, Maja Peers (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung) Band 5: West- und Nordeuropa 1940 – Juni 1942. München 2012, ISBN 978-3-486-58682-4, S. 51 sowie Dokument VEJ 5/272, hier S. 684–685.
Auf Drängen Danneckers und mit Unterstützung von Abetz und Carl-Theodor Zeitschel stimmte die Militärverwaltung dem Vorschlag zu, ausländische Juden zu internieren; allerdings beschränkt auf kriminelle und politisch aktive Personen und begrenzt auf drei- bis fünftausend. Im Mai 1941 ließ Dannecker 3746 Juden verhaften und in die Lager Pithiviers und Beaune-la-Rolande verbringen.Claudia Steur: Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“. Essen 1996, ISBN 3-88474-545-X, S. 56. Nach Anschlägen auf deutsche Besatzer genehmigte Stülpnagel eine Großrazzia in Paris, die am 20. August 1941 unter Danneckers Aufsicht von französischer Polizei durchgeführt wurde. 4323 Juden wurden im Sammellager Drancy interniert. Im Dezember 1941 ließ Dannecker mit eigenen Kräften eintausend „Sühnejuden“ verhaften und bis zur geplanten Deportation im Internierungslager Compiègne unterbringen.
Dannecker war im März 1942 im Reichssicherheitshauptamt in Berlin anwesend, als der „Abschub“ von 5000 Juden aus Frankreich vorbereitet wurde.Dokument VEJ 5/316 in: Katja Happe, Michael Mayer, Maja Peers (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945. Band 5. München 2012, ISBN 978-3-486-58682-4, S. 795. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wusste Dannecker, dass die Juden ermordet werden sollten und ihre Tötung bereits begonnen hatte.Claudia Steur: Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“. Essen 1996, ISBN 3-88474-545-X, S. 41 sowie S. 72 f. Ein erster Massentransport nach Auschwitz mit 1112 Juden verließ das Internierungslager Compiègne am 27. März 1942. Sechs weitere folgten bis Ende Juli.Die ersten Massentransporte nach Auschwitz endeten zwar nicht mit Selektion und Ermordung in Gaskammern. Vom zweiten Transport mit 1000 Personen kamen aber z. B. innerhalb von zehn Wochen 738 um. Ab dem 7. Zug (Ankunft am 21. Juli 1942) wurde an der Rampe selektiert und Opfer unmittelbar nach Ankunft vergast. Danuta Czech: Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939–1945. Reinbek bei Hamburg 1989, ISBN 3-498-00884-6, S. 193 und 223 bzw. 253 / s. a. Dokument VEJ 5/327: Dannecker kündigt weitere Züge an. In: Katja Happe, Michael Mayer, Maja Peers (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945. München 2012, ISBN 978-3-486-58682-4, Bd. 5, S. 820. Dannecker erteilte am 30. Juni 1942 genauere Weisungen zur Deportation der jüdischen Bevölkerung aus dem besetzten Gebiet.Dokument VEJ 12/238 in: Katja Happe u. a. (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung) Band 12: West- und Nordeuropa, Juni 1942–1945. München 2015, ISBN 978-3-486-71843-0, S. 634–635. Weitere Planungen sahen die Deportation von einhunderttausend Juden aus Frankreich vor; allerdings wurde wegen mangelnder Transportkapazitäten die Zahl kurzfristig auf vierzigtausend reduziert.Katja Happe u. a. (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung) Band 12: West- und Nordeuropa, Juni 1942–1945. München 2015, ISBN 978-3-486-71843-0, S. 63 / s. a. Dokument VEJ 12/235. – Tatsächlich wurden 1942–1944 aus Frankreich 73.853 Juden verschleppt. Dannecker konnte jedoch bei René Bousquet nur die Preisgabe von staatenlosen und ausländischen Juden erreichen. Eine Großrazzia am 16./17. Juli 1942, die als Rafle du Vélodrome d’Hiver in die Geschichte einging, erfasste 12884 Juden, darunter rund 4000 Kinder.Claudia Steur: Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“. Essen 1996, ISBN 3-88474-545-X, S. 83.
Im August 1942 wurde Dannecker überraschend abberufen. Anlass waren ein marginaler Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung und Trunkenheit; der tatsächliche Grund war ein Zerwürfnis mit Helmut Knochen.Claudia Steur: Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“. Essen 1996, ISBN 3-88474-545-X, S. 89.
In Bulgarien Bereits im Jahr 1942 hatte Martin Luther vom Auswärtigen Amt die bulgarische Regierung aufgefordert, der Deportation ihrer in Deutschland ansässigen Staatsangehörigen zuzustimmen.Hans-Joachim Hoppe: Bulgarien. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Dimensionen des Völkermords. Die Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. dtv, München 1996, ISBN 3-423-04690-2, S. 282. Im Oktober 1942 wurde das Auswärtige Amt erneut bei der „Judenfrage“ aktiv. Der deutsche Gesandte in Sofia, Adolf Heinz Beckerle, teilte dem Referat D III des Auswärtigen Amtes die prinzipielle Bereitschaft Bulgariens zur Deportation bulgarischer Juden mit. Bei der Bestellung eines Judenberaters waren Auswärtiges Amt und Reichssicherheitshauptamt gleichermaßen beteiligt. Beckerle schlug den SS-Hauptsturmführer Dieter Wisliceny vor, der aber in der Slowakei unabkömmlich war.Eckart Conze; Norbert Frei; Peter Hayes; Mosche Zimmermann: Das Amt und die Vergangenheit – deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik, München 2010, ISBN 978-3-89667-430-2, S. 282–284.
Ab Januar 1942 war Dannecker als „Judenberater“ dem deutschen Polizeiattaché in Sofia Friedrich Panzinger zugeteilt.Katja Happe u. a. (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung) Band 12: West- und Nordeuropa, Juni 1942–1945. München 2015, ISBN 978-3-486-71843-0, S. 625 mit Anm. 3 / bei Steur, S. 99, wird der 19. Januar als Dienstantritt genannt. Formal wurde er als „Gehilfe des Polizeiattachè“ im Apparat der Deutschen Botschaft zum Personal des Auswärtigen Amtes gezählt; faktisch blieb er hauptamtlicher Angehöriger des Sicherheitsdienstes.Claudia Steur: Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“. Essen 1996, ISBN 3-88474-545-X, S. 97/98.
Am 2. Februar 1943 erarbeiteten Dannecker und Aleksandar Belew vom bulgarischen Kommissariat für Judenfragen (Komisarstvo za evreiskite vuprosi – KEV) einen Plan zur „Umsiedlung“ von 20.000 Juden aus den annektierten „neubulgarischen“ Gebieten Thrakien und Makedonien. Beide wussten, dass dort höchstens 12.000 Juden lebten, und legten es insgeheim darauf an, mehrere Tausend Juden aus anliegenden „altbulgarischen“ Gebieten in die Deportation einzubeziehen. Der Entwurf empfahl überdies, alle in Vorkriegsbulgarien lebenden männlichen Juden zu internieren. Mitte Februar 1943 billigte der bulgarische Ministerrat den Plan.Claudia Steur: Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“. Essen 1996, ISBN 3-88474-545-X, S. 101–103.Hans-Joachim Hoppe: Bulgarien. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Dimensionen des Völkermords. Die Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. dtv München 1996, ISBN 3-423-04690-2, S. 286–288.
Am 4. März 1943 begann die Verhaftung der thrakischen Juden. Am 9. März bestätigte Eichmann, die technischen Vorbereitungen zur „Durchführung des Evakuierungsvorhabens“ für zunächst 20.000 Juden seien abgeschlossen. Kurz danach wurde Dannecker informiert, die Eisenbahntransporte müssten auf den April verschoben werden. Dannecker ließ daraufhin ab 22. März 4150 Juden per Dampfschiff nach Wien und von dort aus ins Vernichtungslager Treblinka schaffen. Die mazedonischen Juden wurden am 10. März festgenommen, 7122 von ihnen später in Güterwagen deportiert und in Treblinka ermordet.Claudia Steur: Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“. Essen 1996, ISBN 3-88474-545-X, S. 104–108.