Das Odderade-Interstadial war ein Interstadial der Weichsel-Kaltzeit – genauer die zweite große Zwischenerwärmung am Ende des Unterweichsels (Weichsel-Frühglazial IV oder WF IV). Es beendete das OIS 5a (bzw. MIS 5a) um 77.000 Jahre vor heute.

Erstbeschreibung Das Odderade-Interstadial wurde erstmals von F.-R. Averdieck im Jahr 1963 benannt und im Jahr 1967 erstbeschrieben. A. Dücker und P. Hummel hatten im gleichen Jahr das Interstadial noch als Nordhastedt-Interstadial bezeichnet.

Typlokalität Die Typlokalität des Odderade-Interstadials liegt bei Odderade im Kreis Dithmarschen, als Typusprofil ist die Bohrung Odderade 5 mit dem Pollendiagramm von F.-R. Averdieck (1967) (Neubearbeitung durch F.-R. Averdieck 1998) anzuführen.

Stratigraphie An der Profilstelle liegt das Odderade-Interstadial als Torf mit einer Mächtigkeit von 95 Zentimeter in Superposition über Eemium und Brörup-Interstadial, von letzterem durch eine über 1 Meter mächtige Sandschicht getrennt. Diese Sandschicht wird jetzt von Alexander Bolland und Kollegen als Stadial B (oder abgekürzt SB) bezeichnet – und nicht als Redderstall-Stadial.

In Oerel wird das Odderade-Interstadial 153 Zentimeter mächtig und vom Schalkholz-Stadial überlagert. Gleichzeitig liegt hier das Odderade-Interstadial auf fluviatil-niveofluviatilen Fein- und Mittelsanden des Redderstall-Stadials.

Laut Alexander Bolland und Kollegen folgt über dem Odderade-Stadial jedoch das Stadial C (oder abgekürzt SC) sowie das Dürnten-Interstadial.

Mit dem Odderade-Interstadial endet das Unterweichsel.

Verbreitung In gleicher stratigraphischer Position und ähnlicher Ausbildung sowie mit fast gleichen Pollendiagrammen wurde das Odderade-Interstadial inzwischen an verschiedenen Orten Nordwestdeutschlands nachgewiesen; genannt seien Rederstall, Oerel und Groß Todtshorn.

Neben den verschiedenen Vorkommen in Nordwestdeutschland wurde das Odderade-Interstadial in guter Ausbildung in Mitteldeutschland in Gröbern und in der Niederlausitz in Kittlitz nachgewiesen. Ebenso wurde es in Süddeutschland (beispielsweise in Füramoos bei Memmingen), der Schweiz und im Osten Frankreichs mehrfach gefunden, dort aber mit zum Teil viel wärmeliebenden Gehölzen. Als Bezeichnung wird dort ebenfalls Odderade-Interstadial oder auch nach französischem Vorbild St. Germain II (beispielsweise in La Grande Pile am Rand der Vogesen und in Les Echets bei Lyon) benutzt.

Weitere Äquivalente sind das Kruglitsa-Interstadial im Nordwesten Russlands, das Sokli II bzw. das Maaselkä I im Norden Finnlands und das Torvastad-Interstadial im Westen Norwegens.

Paläoenvironment Pollendiagramme des Odderade-Interstadials zeigen für Norddeutschland einen borealen Wald, der mit einer kurzen Baumbirkenphase einsetzt und anschließend von der Kiefer beherrscht wird. Lärche und Fichte sowie sehr wenig Erle sind ebenfalls vertreten. Im Gegensatz zum Brörup-Interstadial breiten diese sich aber erst in der Kiefernphase aus.

Während im eigentlichen Mitteleuropa das Odderade-Interstadial den Charakter eines mit Koniferen bewaldeten Interstadials hat, kommt es bereits in Ostfrankreich (La Grande Pile) einem von wärmeliebenden Bäumen geprägten Interglazial nahe – was lange Zeit zu Verwirrungen geführt hat.

Die Baumpollen zeigen in Füramoos während des Odderade-Interstadials einen stetigen Rückgang von anfangs 90 % bis auf 50 % gegen Ende des Interstadials. Nicht unähnlich gestalteten sich die Verhältnisse in der Biskaya (Bohrkern MD04-2845). Hier erreichen die Baumpollen ihren Peak mit 75 % um 80.000 Jahre vor heute gegen Ende des Interstadials, haben aber einen ersten Spitzenwert mit zirka 50 % direkt zu Beginn. Den höchsten Prozentsatz weisen am Peak Birkenpollen (Betula) auf (etwa 60 %), gefolgt von Koniferenpollen (rund 10 %) und atlantischen Pollen (rund 5 %). Die atlantischen Pollen bestehen aus den Taxa Hasel (Corylus), Hainbuche (Carpinus), Buche (Fagus) und Eiche (Quercus). Die Zeit vor 80.000 Jahre vor heute wird jedoch eindeutig von Koniferen (rund 40 %) beherrscht.

Flora mini|hochkant=1.6|Weiße Seerose (Nymphaea alba)

mini|hochkant=1.6|Der Rohrkolben Typha angustifolia

In Oerel setzte das Odderade-Interstadial im Liegenden mit lakustrinen Seeablagerungen ein. Zur aquatischen Vegetation traten Weiße Seerose (Nymphaea alba) und Moose wie die Laubmoose Drepanocladus sendtneri und Drepanocladus aduncus hinzu, welche kalkhaltige Gewässer indizieren. Ein Peak mit Samen von Rohrkolben (Typha) verweist auf eine Verlandungsabfolge, die zur Torfablagerung mit vorwiegend Seggen (Carex) überging. Auffallend ist, dass die lakustrinen Ablagerungen genau an der Stelle aufhören, an der die von Birken beherrschte Unterperiode WE IVa in die Kiefern-betonte Unterperiode WE IVb übergeht (bei 668 Zentimeter). Zum Vergleich: im vorangegangenen Brörup-Interstadial dauerte die Birken-Unterperiode und die mit ihr assoziierte limnische Phase wesentlich länger, auch wenn letztere nicht die gesamte Unterperiode durchhielt.

Wie bereits im Brörup-Interstadial wurde auch Oerel während des Odderade-Interstadials von Seggen bedeckt, jedoch ist im Vergleich zum Brörup-Interstadial die Blasen-Segge (Carex vesicaria) weitaus häufiger und durchhaltender als die Schnabel-Segge (Carex rostrata). Im unteren Abschnitt waren anhand des Pollennachweises mesotrophische Taxa wie Fieberklee (Menyanthes trifoliata), Wasserschierling (Cicuta virosa) und das Laubmoos Drepanocladus sowie das Schönmoos Calliergon giganteum recht häufig. Im mittleren Abschnitt des Interstadials setzte dann ein Wechsel zu mehr ombrotrophischen Verhältnissen ein – zu erkennen an Taxa wie Scheiden-Wollgras (Eriophorum vaginatum), Gewöhnliche Moosbeere (Vaccinium oxycoccos) und Braunes Schnabelried (Rhynchospora fusca). Diese Interpretation wird gestützt durch Sumpf-Torfmoos (Sphagnum palustre) und Wacholder-Widertonmoos (Polytrichum juniperinum) sowie durch das Eindringen von Sphagnum sect. Acutifolia. Dennoch bestanden auch mesotrophe Bereiche weiter fort, wie Wasser-Segge (Carex aquatilis), Sumpf-Sternmiere (Stellaria palustris) und Sumpf-Läusekraut (Pedicularis palustris) nahelegen.

mini|hochkant=1.6|Die Zwerg-Birke (Betula nana)

Im oberen Abschnitt wurden nur noch sehr wenige Makroreste von Kräutern und Moosen angetroffen. Holzreste, Blätter von Zwerg-Birke (Betula nana) und Nadeln von Lärche (Larix) und anderen Koniferen legen nahe, dass ab jetzt Bäume und Sträucher vorrangig den Standort besiedelten. Die Umwelt änderte sich ausgehend von mesotrophen über oligotrophe hin zu ombrotrophischen Bedingungen. Dies spiegelt sich vorwiegend im Auftreten von Moosen wie Rundliches Torfmoos (Sphagnum teres), Sphagnum recurvum und Straminergon stramineum als auch von Sumpf-Streifensternmoos und schließlich sogar von Sphagnum imbricatum in Begleitung von Scheiden-Wollgras (Eriophorum vaginatum). Am Ende des Odderade-Pollendiagrams manifestieren sich hohe Werte an Sphagnum-Sporen.

Abschließend lässt sich sagen, dass das Odderade-Interstadial wie auch bereits das vorangegangene Brörup-Interstadial ein langes, mit borealen Wäldern bestandenes Interstadial war. Auftreten und Abfolge von Makroresten der Baumtaxa Moor-Birke (Betula pubescens) und Hänge-Birke (Betula pendula), Waldkiefer (Pinus sylvestris), Gemeine Fichte (Picea abies) und Europäische Lärche (Larix decidua) bestätigen auf ausgezeichnete Weise die Ergebnisse der Pollenanalyse.

Fauna mini|hochkant=1.6|Braunfüßiger Wasserkäfer (Hydrobius fuscipes)

mini|hochkant=1.6|Lathrobium bipartitum

mini|hochkant=1.6|Der Kurzflügler Olophrum fuscum

In Bezug auf die Temperaturentwicklung zeichnet die Insektenfauna im Odderade-Interstadial im Vergleich zum Brörup-Interstadial ein etwas unterschiedliches Bild. Zu Beginn des Interstadials treten nur wenige Insektenreste in Erscheinung, es kommen aber dann recht bald einige thermophile (wärmeliebende) Taxa zum Vorschein. Dies erfolgt in Übereinstimmung mit der im Pollendiagramm indizierten Verdrängung der Birkenwälder.

Zu den temperierten Taxa der unteren Insekteneinheit (bis hinauf zu 625 Zentimeter unterhalb des Referenzniveaus) zählen Bodenkäfer wie beispielsweise der Flinkläufer Trechus rubens und der Grabkäfer Pterostichus minor. Letzteres Taxon ist hygrophil (wasserliebend) und hält sich insbesondere am Uferrand von eutrophen Seen und auch in Sphagnum-Mooren auf. Heutzutage erscheint es in Europa südlich von 60° nördlicher Breite und ist dort weit verbreitet.

Ein bei 665 Zentimeter angetroffenes Elytron der Langtasterwasserkäfergattung Limnebius gehört wahrscheinlich dem Taxon Limnebius nitidus an. Das Taxon lebt in nasser Mudde entlang klaren Fließgewässern und ist jetzt im südlichsten Fennoskandien sehr selten geworden. Die räuberisch im Wasser lebenden Käfer wie der Schmalwasserkäfer Megasternum boletophagnum, Braunfüßiger Wasserkäfer (Hydrobius fuscipes) und der Schmalwasserkäfer Enochrus treten hier ebenfalls auf (sie waren bereits aus Schichten des Eemiums und des Brörup-Interstadials beschrieben worden). Ferner die Kurzflügler Acidota cruentata, Stenus, Lathrobium und Quedius. Die Larven von Cyphon leben im Flachwasser, genau wie der Rüsselkäfer Limnobaris pilistriata, der auch auf Pflanzen wie Teichbinsen (Schoenoplectus lacustris), Schneiden (Cladium mariscus) oder Binsen (Juncus) anzutreffen ist.

Dem Insektenbefund zufolge ereignete sich in der zweiten Fauneneinheit ab 625 Zentimeter aufwärts ein recht rascher Wechsel hin zu kalten, stenothermen (mit engem Temperaturbereich) Taxa, die temperierte Taxa zu Beginn ablösen. Dieser Wechsel findet aber in Pollen und Makroresten der Flora keinerlei Ausdruck. Die Fauneneinheit oberhalb von 625 Zentimeter wird sodann von terrestrischen Taxa dominiert.

Hierzu gehört der Bodenkäfer Bembidion hastii mit zirkumpolarer Verbreitung (tritt in Europa im nördlichen Fennoskandien auf). Er findet sich vor allem auf blankem Schotter und steinigen Uferpartien von Flüssen, Bächen und Seen. Patrobus sepentrionis hat ebenfalls ein extrem nördliches Vorkommen, ist aber auch in Höhenlagen der Alpen und der Britischen Inseln zu finden. In den Bergen Skandinaviens bevölkert dieses Taxon die oberhalb der Baumgrenze liegende Koniferenzone, aber auch Nasshabitate (Marschen und Wiesen) und nicht allzu trockenes Heideland. Es wird oft in der Nähe von Altschneeresten angetroffen und ernährt sich dort von gefrorenen Insekten.

Der Grabkäfer Pterostichus brevicornis ist ein reiner Tundrabewohner. Dieses zirkumpolare Taxon findet sich heutzutage in Europa im Norden Russlands auf der Halbinsel Kola entlang der Küste zum Arktischen Meer. In Sibirien und in Nordamerika reicht es auch teilweise noch bis in die nördliche Taigazone herein. Im unteren Abschnitt des Odderade-Interstadials konnte es in drei Proben aufgefunden werden. Nachweisen lassen sich ferner omaline Kurzflügler wie beispielsweise Olophrum fuscum, Olophrum rotundicolle, Olophrum boreale, Eucnecosum brachypterum und Boreaphilus henningianus – mit ähnlicher Verbreitung wie die zuvor genannten Bodenkäfer. Sie leben bevorzugt in Feucht- bis Nasshabitaten, zwischen Blattstreu und Moosen. Ganz ähnlich auch Taxa von Bryaxis. Ein einzelner Fund von Haplocnemus nigricornis, der auch im Brörup-Interstadial auftritt, lässt auf die Gegenwart von Koniferen schließen. Otiorhynchus rugifrons tritt häufig in Heiden mit sandigen Böden auf. Die Larven des Taxons ernähren sich insbesondere von Stengeln und Wurzeln der Steinbrechgewächse (Saxifragaceae).