Geh hin, Moses (Originaltitel: Go down, Moses, deutschsprachige Fassung teilweise ebenfalls unter diesem Titel) ist die letzte Episode innerhalb des Erzählbandes Das verworfene Erbe von William Faulkner. Die Urfassung des Textes wurde, nachdem The Washington Post eine Publikation abgelehnt hatte, 1941 im Collier’s veröffentlicht.„The Post rejected the story. Collier‘s accepted it for publication in January 25, 1941“ – A. Nicholas Fargnoli, Michael Golay, Robert W. Hamblin: Go Down, Moses. In: A. Nicholas Fargnoli, Michael Golay, Robert W. Hamblin: Critical companion to William Faulkner. A literary reference to his life and work. Facts On File, New York NY 2008. ISBN 0-8160-6432-6. S. 97–113. Hier S. 98. Die deutschsprachige Übersetzung stammt von Hermann Stresau. Kurzbeschreibung Der Todeszellen-Insasse Samuel Worsham Beauchamp wird im Rahmen einer Volkszählung interviewt und gibt seine wahre Identität preis. Gleichzeitig hat seine Großmutter Molly Worsham Beauchamp eine Vorahnung von Unheil im Zusammenhang mit ihrem lange verschollenen Enkel. Molly bittet den Anwalt Gavin Stevens, Samuels Aufenthaltsort und Befinden zu ermitteln. Stevens erfährt bald, dass Samuel Beauchamp in den nächsten Stunden hingerichtet werden soll, spendet und sammelt genug Geld, um Samuels Leichnam für die Beerdigung nach Hause zu bringen. Als Stevens bei der Trauerfeier vorbeischaut, verlässt sie schnell wieder, weil er sich fehl am Platz fühlt. Inhalt Der Farbige Samuel Worsham Beauchamp hat seine Heimat vor fünf Jahren verlassen,„has been absent for five years“ – Glenn Meeter: Go Down, Moses. In: Robert W. Hamblin et al. (Hrsg.): A William Faulkner Encyclopedia. Greenwood Press, Westport CT 1999. ISBN 0-313-29851-3. S. 148. sitzt in der Todeszelle in Joliet.William Faulkner: Geh hin, Moses. In: William Faulkner: Das verworfene Erbe. Chronik einer Familie. (=Fischer-Bücherei, Band 626) Aus dem Amerikanischen übertragen von Hermann Stresau. Fischer, Frankfurt am Main 1964. S. 301–313. Hier S. 306. „Es war ein anderer, der den Polyp erschoß“, behauptet er gegenüber einem Mann, der Daten für eine Volkszählung erhebt, und dass er deswegen unter falschem Namen auf der Liste der Todeskandidaten stehe.Faulkner, Geh hin, Moses, S. 301. Währenddessen beschleicht seine daheim gebliebene Großmutter Molly Beauchamp eine böse Vorahnung, aufgrund derer sie in der Kanzlei des Anwalts Gavin Stevens auftaucht. Molly wirft in biblischem Duktus ihrem Verpächter Roth Edmonds vor, er habe ihren Enkel Samuel verkauft: „Nach Ägypten verkauft. Pharao hat ihn“.Faulkner, Geh hin, Moses, S. 303. Daher wohne sie nun nicht mehr auf dem McCaslin-Landgut von Roth Edmonds, sondern mit ihrem Bruder und dessen Frau im Haushalt von Miss Worsham, der Tochter ihres ehemaligen Sklavenhalters. Stevens dementiert die melodramatische Einlassung von Molly nicht, obwohl er weiß, dass Roth Edmonds „den Jungen bei einem Einbruch in seinem Lagerhaus erwischt und ihn von seiner Besitzung verwiesen und für immer die Rückkehr verboten“ hatte.Faulkner, Geh hin, Moses, S. 304. Molly beauftragt Stevens, ihren Enkel ausfindig zu machen, und mit Hilfe des Chefs der Lokalzeitung und einer Pressemitteilung findet Gavins heraus, dass Samuel Beauchamp in der Todeszelle sitzt und der Fall hoffnungslos ist: Die Hinrichtung steht unmittelbar bevor.Faulkner, Geh hin, Moses, S. 305. Noch ehe Stevens das seiner Auftraggeberin übermitteln kann, taucht Miss Worsham in Stevens‘ Büro auf. Miss Worsham erklärt sich bereit, die Kosten von Samuels Leichenüberführung zu übernehmen, gibt Gavins 25 Dollar, der die Kosten dem Chef der Lokalzeitung gegenüber allerdings für sich auf mehr als 225 Dollar schätzt.Faulkner, Geh hin, Moses, S. 309. „Stevens trifft mit einigen Bedenken die Vorbereitungen und sammelt Gemeindebeiträge für die Beerdigung“,„Stevens, with some misgivings, makes the arrangements and collects community contributions for the funeral“ – Meeter, Go Down, Moses, S. 148. gibt, da die Spenden nicht ausreichen, den Rest selbst dazu. Zwei Tage später trifft die Leiche ein, und Gavins ist hilflos angesichts der christlich-pathetischen Art zu trauern, in der immer wieder darauf angespielt wird, Roth Edmonds habe Samuel sozusagen nach Ägypten an den Pharao verkauft. Gavins versucht das nun richtig zu stellen, gibt es allerdings auf, denn „sie [=Molly] kann mich ja gar nicht hören, dachte er. Sie sah ihn nicht einmal an.“Faulkner, Geh hin, Moses, S. 311. Überfordert und ratlos entfernt Stevens sich von der Trauerfeier. Textanalyse Bei Geh hin, Moses handelt es sich um eine hauptsächlich aus der Perspektive von Gavin Stevens„told mainly through the third-person view of Gavin Stevens“ – Meeter, Go Down, Moses, S. 148. auktorial erzählten Prosatext, „sowohl Epilog als auch Epitaph“„both epilogue and epitaph“ – André Bleikasten: Legacies. Go down, Moses. In: André Bleikasten: William Faulkner. A life through novels. Indiana University Press, Bloomington IN 2017. ISBN 978-0-253-02284-4. S. 308–323. Hier S. 320. von Das verworfene Erbe, so der französische Literaturwissenschaftler André Bleikasten (Universität Straßburg): Man könne Geh hin, Moses auch „als ironische Version der Rückkehr des verlorenen Sohnes“ lesen.„It could also be read as […] an ironic version of the return of the prodigal son“ – Bleikasten, Legacies, S. 320–321. Orte der Handlung sind Joliet und Jefferson, der fiktive County Seat des von Faulkner erfundenen Yoknapatawpha County. Die Handlung spielt in einem JuliFaulkner, Geh hin, Moses, S. 302. im Dunstkreis der US-Volkszählung 1940. Themen „Der zentrale erzählerische Schwerpunkt“„the central narrative thrust“ – Ahmed Honeini: Ah’m goan home. Narration, homegoing, and whiteness in „Go Down, Moses“. In: Ahmed Honeini: William Faulkner and mortality. A fine dead sound. Taylor & Francis, London 2022. ISBN 978-0-367-50132-7. S. 144–173. Hier S. 155. von Geh hin, Moses ist die Heimholung der Leiche von Molly Beauchamps Enkel Samuel nach Hause. Die Geschichte zeigt, dass der Tod zwar ein allgemein menschliches Phänomen ist, „doch die Trauer darüber ist spezifisch für die soziale Konstruktion rassifizierter Identitäten“,„biological death is universal, yet mourning it specific to the social construction of racialized identities“ – Elizabeth Fielder: The performative funeral and identity formation in „Go Down, Moses“. In: Jay Watson, Ann J. Abadie (Hrsg.): Fifty years after Faulkner. Faulkner and Yoknapatawpha, 2012. University Press of Mississippi, Jackson MS 2016. ISBN 978-1-4968-0396-2. S. 279–294. Hier S. 280. eine Erkenntnis, die Gavin Stevens am Ende sprachlos hinterlässt. Ein weiteres Thema des Textes ist „die Bedeutung der Gemeinschaft, insbesondere die Rolle der Frauen bei der Vertretung und Verteidigung ihrer Ansprüche“.„the importance of the community, particulary the role that women play in representing and defending its claims“ – Fargnoli et al., Go Down, Moses, S. 98. Figuren (Auswahl) Dr. Gavin Stevens: Dieser „County-Anwalt“ von Yoknapatawpha hat in Harvard und Heidelberg studiert und eine „vorzeitig weiß gewordene Mähne“. Stevens wird „als sanfter und mitfühlender Mensch dargestellt“,„presented as a gentle and sympathetic individual“ – Fargnoli et al., Go Down, Moses, S. 98. betrachtet Samuels Lage jedoch „ausschließlich mit Vorurteilen und rassistischer Voreingenommenheit“„solely with prejudice and racial bias“ – Honeini, Ah’m goan home, S. 166. und erweist sich als „weitaus herablassender und ignoranter, als er erkennt“.„far more patronising and ignorant than he realises“ – John Lennard: Go Down, Moses. In: John Lennard: Reading William Faulkner. „Go down, Moses“ & „Big Woods“. Humanities-Ebooks, Tirril 2012. ISBN 978-1-84760-198-8. S. 88–90. Hier S. 89. Er „missdeutet daher ständig die Gefühle und Absichten der Großmutter“ von Samuel, Molly Beauchamp,„constantly misreads the grandmother's feelings and intentions“ – Fargnoli et al., Go Down, Moses, S. 98. und „gibt der elitären Vorstellung nach, dass er weiß, was das Beste für die Familie ist“.„indulges the elitist notion that he knows what is best for the family“ – Mark Royden Winchell: Family Values in „Go Down, Moses“. In: Mark Royden Winchell: Reinventing the South. Versions of a literary region. University of Missouri Press, Columbia MO 2006. ISBN 0-8262-1618-8. S. 139–160. Hier S. 159. Stevens tritt auch in weiteren Faulkner-Werken auf: Die Freistatt, Licht im August, Griff in den Staub, Requiem for a Nun (1951, dt.: Requiem für eine Nonne, 1956), The Town (1957, dt.: Die Stadt, 1958), The Mansion (1960, dt.: Das Haus, 1960). Samuel Worsham Beauchamp: Der 26-jährige Enkel von Molly Beauchamp ist bei Molly aufgewachsen, da deren älteste Tochter, „seine Mutter, bei der Geburt starb und der Vater ihn im Stich ließ“.Faulkner, Geh hin, Moses, S. 303–304. Im Alter von 19 Jahren „hatte er die Gegend verlassen und war in die Stadt gekommen“, war endgültig auf die schiefe Bahn geraten, die sich schon in seiner Heimat abgezeichnet hatte. Mit 21 Jahren wurde er dann verwickelt in den Vorfall, bei dem der „Polyp“ ums Leben kam. Samuels Haar „war so behandelt, daß es den Schädel wie eine Kappe bedeckte, glatt zurückgebürstet und gewellt, als ob es ziseliert sei, es sah aus wie lackiert, um die Ohren ausrasiert, so daß der Kopf einer Bronze-Plastik glich, unzerstörbar und überdauernd“, und Samuels Stimme war „alles andere […] unter der Sonne als die Stimme eines Südstaatlers“. Molly Worsham Beauchamp: Diese „starke Mutterfigur“„strong maternal figure“ – Winchell, Family Values in „Go Down, Moses“, S. 155. ist „nicht mal so groß wie ein zehnjähriges Kind“Faulkner, Geh hin, Moses, S. 310. und „mit einem verschrumpften, unglaublich alten Gesicht“ versehen. Molly gehörte ebenso wie ihr einst gleichfalls als Sklave geborener Bruder dem Vater von Miss Worsham, mit der Molly nun eine „Pseudoverwandtschaft“„pseudokinship“ –Fielder, The performative funeral and identity formation in „Go Down, Moses“, S. 290. verbindet. Miss Worsham: Die verarmte Tochter eines einstigen weißen Sklavenhalters ist im selben Monat wie Molly geboren und mit ihr zusammen aufgewachsen, wirkt „dünn, straff“, zieht „in dem verfallenen Haus, das ihr Vater ihr hinterlassen hatte“, zusammen mit Mollys Bruder „Hühner und Gemüse […] für den Markt.“ Rezeption