Die Körper der Astronauten (internationaler Titel: The Astronauts’ Bodies) ist ein deutscher experimenteller Spielfilm von Alisa Berger aus dem Jahr 2017. Der Film verbindet Elemente des Science-Fiction-Films, des Sozialdramas, des Coming-of-Age-Films sowie des Experimental- und Kunstfilms. Der Film feierte seine Premiere im Wettbewerb des 38. Filmfestivals Max Ophüls Preis und wurde international auf zahlreichen Festivals gezeigt. Er entstand als Abschlussfilm an der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM).
Handlung Nach dem Schulabschluss verlassen die erwachsenen Geschwister Anton und Linda das Elternhaus. Ihr Vater Michael, ein alkoholkranker und zunehmend verwahrlosender Mann, beginnt daraufhin, seinen eigenen Körper zu vernachlässigen und zieht sich immer stärker aus dem familiären Alltag zurück. Anton, ein introvertierter junger Mann, nimmt an einer medizinischen Langzeitstudie teil, die sich mit Bewegungseinschränkung und Langzeitschlaf beschäftigt. Ziel der Studie ist die Erforschung körperlicher Zustände im Hinblick auf die Raumfahrt. Durch die vollständige Immobilisierung entzieht sich Anton sowohl der familiären Situation als auch der sozialen Realität und entwickelt zunehmend eine innere Vorstellungswelt, in der er sich als Astronaut imaginiert. Linda sucht parallel nach Orientierung und körperlicher Nähe. Ihre Versuche, sexuelle Erfahrungen zu machen, bleiben jedoch ziellos und verstärken ihr Gefühl emotionaler Leere. Gleichzeitig übernimmt sie innerhalb der Familie zunehmend Verantwortung und versucht, den Zerfall des familiären Gefüges aufzufangen.
Der Film verknüpft die familiäre Krise mit Motiven der Schwerelosigkeit, der körperlichen Auflösung und der Sehnsucht nach Entgrenzung. Realität, Imagination und kosmische Bilder überlagern sich zunehmend und münden in eine visuell abstrahierte Schlusssequenz.
Themen und Stil Der Film setzt sich mit Körperlichkeit, Kontrollverlust, Isolation und dem Wunsch nach Schwerelosigkeit auseinander. Der Wunsch nach Schwerelosigkeit wird dabei als makabrer kollektiver Fortschrittswunsch verstanden, der eine Flucht von der durch Klimawandel zerstörten Erde thematisiert.
Formal bewegt sich der Film an der Schnittstelle zwischen narrativem Spielfilm und Videokunst. Charakteristisch sind elliptische Erzählstrukturen, fragmentierte Montage, extreme Nahaufnahmen sowie die Verwendung von verfremdetem Archivmaterial. Die visuelle Gestaltung oszilliert zwischen Intimität, Fragilität und Abstraktion.
Rezeption Der Film wurde von der deutschsprachigen Filmkritik überwiegend positiv aufgenommen. Die Saarbrücker Zeitung bezeichnete den Film als „eigenwillig“ und „sehenswert“.
Rüdiger Suchsland (Artechock, Berliner Zeitung) beschrieb Die Körper der Astronauten als mutiges und originelles Debüt, das trotz eines erratischen Beginns eine Vielzahl filmischer Ansätze miteinander verbinde. Hervorgehoben wurden insbesondere die Kameraarbeit, die Leistungen der Darsteller sowie Bergers Mehrfachfunktion als Regisseurin, Drehbuchautorin und Cutterin.
Simon Hauck (Kino-Zeit) lobte den Film für seinen zurückgenommenen, leisen Sog und seinen rätselhaften Tiefgang. In ästhetischer Hinsicht zähle das Werk zu den innovativeren Wettbewerbsfilmen des Festivaljahrgangs 2017 und zeichne sich durch ein Spannungsfeld zwischen Unkontrolliertheit, Fragilität und Lähmung aus.
Michael Dlugosch (filmrezension.de) hob den Genrewechsel im Verlauf des Films hervor und verglich die visuelle Gestaltung der Schlusssequenz mit Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum.
Auch critic.de betonte die eigenständige visuelle Textur des Films, die das Auseinanderdriften der Figuren durch Close-ups, Zwischenbilder und Archivmaterial filmisch erfahrbar mache.
Die Jury des FIRST STEPS Award würdigte den Film als rätselhafte, figurennah erzählte Arbeit ohne moralische Vereinfachung, die mit kunstvoll gestalteten Bildern und einem durchdachten musikalischen Konzept den Zerfall einer Familie darstelle.
Auszeichnungen Best Narrative Feature Film – Hong Kong Arthouse Film Festival (2017) Nominierung: FIRST STEPS Award (2017) Best Screenplay Award (H.W. Geißendörfer Drehbuchpreis) – Kinofest Lünen (2017) Best Film – New Directors Competition – International Film Festival Uruguay (2018) Golden Star Award – Central Java Film Festival (2018) Special Mention – Cineuropa Compostela Film Festival (2018) Best Dramatic Feature – Strasburg Film Festival (2018)
Stab Regie & Drehbuch: Alisa Berger Kamera: Bine Jankowski Schnitt: Alisa Berger, Yana Höhnerbach, Gesa Hille Visuelle Effekte: Peter Anlauf Sounddesign: Jonathan Kastl Tonmischung: Judith Nordbrock Musik: Leonard Huhn, Christian Lorenzen, Ron Hofmann Szenenbild & Kostüm: Santiago Alvarez Produktionsleitung: Robert Schäfer, Darius Cernota Betreuung KHM: Frank Döhmann, Katrin Schlösser, Julia Scher
Produktion und Förderung Der Film wurde in Deutschland produziert und von der Film- und Medienstiftung NRW gefördert.
Weblinks Offizielle Website
Einzelnachweise
Kategorie:Deutscher Film Kategorie:Experimentalfilm Kategorie:Filmtitel 2017