Der Gott Izanagi und die Göttin Izanami ist der aktuell verbreitete Titel einer farbigen Tuschmalerei des japanischen Künstlers Nishikawa Sukenobu aus dem 18. Jahrhundert, die den Schöpfungsmythos in der japanischen Mythologie visualisiert. Der ursprüngliche Titel des Werks ist nicht überliefert.
Der Schöpfungsmythos Izanagi und Izanami ( und ) sind der japanischen Mythologie ein Paar von Urgöttern und zählen zur siebten Göttergeneration. Sie werden sowohl als Geschwister als auch als Ehepaar dargestellt und gelten als die Schöpfer der irdischen Welt. Gemäß den ältesten Chroniken Japans, Kojiki (, „Aufzeichnung alter Geschehnisse“) und Nihonshoki (, „Chronik Japans in einzelnen Schriften“), herrschte in der Welt anfangs noch Chaos. Izanagi und Izanami erhielten nun den Befehl, aus dieser Unordnung ein bewohnbares Land zu schaffen. Dazu begaben sie sich zur „himmlische Schwebebrücke“ (, Ame-no-ukihashi),Egidius Schmalzriedt, Hans Wilhelm Haussig: Wörterbuch der Mythologie. Band VI. Klett-Cotta, Stuttgart 1994, S. 65. die den Himmel mit der Erde verbindet, und beobachteten von dort das Salzmeer unter sich.
Dann rührte Izanagi mit einem „himmlischen Juwelenspeer“ (, Ame-no-nuboko), der dem Götterpaar vorher überreicht worden war, in den Salzfluten und hob den Speer wieder an. Die salzigen Tropfen, die sich dabei von der Speerspitze lösten, fielen zurück auf die Erde. Dadurch entstand als erste Insel Onogoroshima (, „die von selbst geronnene Insel“), auf der sich eine Bachstelze (, Sekirei) niederließ. Die beiden Götter stiegen daraufhin auf diese Insel hinab, errichteten einen Himmelspfeiler oder Palast und vollführten einen Ritus, der einer Hochzeit gleichkam. Aus der anschließenden geschlechtlichen Vereinigung entstanden die acht großen Inseln Japans (, Ōyashima) und viele weitere Gottheiten.
Bildbeschreibung Auf der Tuschmalerei stehen Izanagi und Izanami auf der himmlischen Schwebebrücke, die leicht gewölbt zwischen zwei Wolken diagonal durch das Bild von rechts oben nach links unten verläuft. Im unteren Teil ist rechts mit Wellenlinien das blaugrüne Salzmeer dargestellt, das sich in den hinteren Bildteil links bis zum Horizont fortsetzt. Der Gott Izanagi steht etwa in der Mitte der Schwebebrücke, die in einem zarten Gelbton gehalten ist, der nach unten in einen samtigen Weißton übergeht. Die Göttin Izanami steht am linken unteren Ende der Schwebebrücke. Sie trägt einen weißen Frauen-Kimono mit zarten floralen Mustern und langen Ärmeln, unter denen ihre Hände verborgen sind. Aus ihrem Kimono ragt unten eine rote Stoffbahn heraus. Izanagi trägt ein Oberteil mit rotem Kragen und weiten Ärmeln, einen schmalen Gürtel (, Koshihimo) und eine weite Hose (Hakama), aus denen unten seine Schuhe hervortreten. Seine Kleidung ist ebenfalls mit floralen Mustern verziert. Beide Gottheiten haben ihre schulterlangen Haare streng nach hinten gekämmt.
Izanagi und Izanami blicken erstaunt nach rechts unten auf die Insel Onogoroshima, auf der die Bachstelze zu sehen ist. Izanami hält sich verwundert den Ärmel vor den Mund. Izanagi hat seine Arme ausgebreitet und hält in der rechten Hand den himmlischen Juwelenspeer, der schlicht ohne Juwelen gestaltet ist. Izanagi hat also bereits den Juwelenspeer aus dem Wasser gezogen und die salzigen Tropfen sind von der Speerspitze auf die Erde gefallen. Die erste Insel ist schon entstanden. Es wird also genau der Augenblick dargestellt, als die Bachstelze erscheint und die Aufmerksamkeit des Götterpaars auf sich zieht. Sukenobu gestaltete dieses Motiv mit zarten Farben und feiner Linienführung.
Die Signatur am linken Bildrand lautet Nishikawa Ukyō Sukenobu kore [o] gaku no (, „Nishikawa Ukyō Sukenobu hat dies gemalt“) und identifiziert Nishikawa Sukenobu als Schöpfer des vorliegenden Kunstwerks. Ukyō ist die Bezeichnung der westlichen Teile der Innenstadt von Kyōto, dem Geburts- und Wohnort von Sukenobu. Diese Phrase wiederholt sich leicht abgewandelt in den beiden quadratischen Siegeln darunter. Hier heißt es Nishikawa uji (, Uji als formeller Zusatz zum Nachnamen Nishikawa) und Sukenobu kore [o] zu [su] (祐信圖之; „Sukenobu hat dies gezeichnet“).Vgl. Inschriften auf der Hängerolle aus dem Metropolitan Museum of Art.
Hintergrund mini|hochkant|Die Hängerolle mit der Tuschmalerei Sukenobu war hauptsächlich für seine unterhaltsamen Ukiyo-e-Werke mit Darstellungen schöner Frauen bekannt, was sich in der grazilen Formgebung der Göttin Izanami widerspiegelt. Insofern nimmt die Tuschmalerei mit den Schöpfergottheiten in seinem Werk eine Sonderstellung ein. Das Werk ist Teil einer Hängerolle (, Kakemono), die entrollt an einer Wand oder in einer Bildnische aufgehängt wird und sich heute im Metropolitan Museum of Art befindet. Die Hängerolle ist 125,5 cm lang, 74,7 cm breit und besteht aus einem Papierbogen, der am oberen und unteren Ende durch Rundstäbe gefasst wird. Der untere Rundstab mit seinen seitlichen Abschlüssen ist dicker und schwerer als der obere, damit die Rolle glatt an der Wand hängt. Zwei lange Bänder am oberen Rundstab dienen zum Verschnüren des zusammengerollten Bogens. Der mittlere Teil der Hängerolle, der die Tuschmalerei umfasst, ist mit bunten Blumen- und Streifenmustern gestaltet. Die Tuschmalerei ist zusätzlich oben und unten jeweils von einer Borte eingerahmt. Die Hängerolle könnte auch eine spätere Ergänzung sein.
Die Bachstelze scheint ein Fruchtbarkeitssymbol zu sein, wie einer Variante der Nihonshoki-Erzählung zu entnehmen ist. Bachstelzen besitzen einen besonders langen Schwanz und zeichnen sich durch ein permanentes Hin- und Herwippen aus. Der Anblick der Bachstelze diente im Mythos Izanami und Izanagi, die in der Kunst der geschlechtlichen Vereinigung noch unkundig waren, als Vorbild zur Zeugung der japanischen Inseln und Gottheiten. Unter den Darstellung des Mythos der Weltentstehung in der Edo-Zeit findet sich überwiegend die Variante mit der Bachstelze, insbesondere in den damals weit verbreiteten Farbholzschnitten. In der Meiji-Zeit wird die Abbildung der Bachstelze seltener. Schließlich geriet das Motiv mit der erotischen Konnotation langsam in Vergessenheit.
Literatur Egidius Schmalzriedt, Hans Wilhelm Haussig: Wörterbuch der Mythologie. Band VI. Klett-Cotta, Stuttgart 1994, ISBN 3-12-909860-7.
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Einzelnachweise
Kategorie:Werk (18. Jahrhundert) Kategorie:Bildende Kunst (Japan)