mini|hochkant=1.5|Karte der Juden-Ghettos in Osteuropa (1941–1945) mini|hochkant=1.5|Jüdische Bevölkerungsanteile in Mitteleuropa und Osteuropa, 1881. mini|Reste der Mauer des Warschauer Ghettos aus der Zeit der deutschen Besatzung 1939–1945 (2005)

Ghettos wurden während des Zweiten Weltkrieges (1939–1945) von den Nationalsozialisten für von ihnen verfolgte und deportierte Juden im okkupierten Polen, im annektierten Tschechien und in der deutsch besetzten Sowjetunion errichtet. Diese Haftlager dienten vor deren Transport in die Vernichtungslager als Übergangsstationen.Lexikon der Deutschen Geschichte. Renningen 2005, ISBN 3-938264-04-7, S. 106. (Organisation: Christian Zentner, Mitarbeiter: Daniela Kronseder, Nora Wiedermann).

Die SS-Bezeichnung der Sammellager (Konzentrationslager) vor der weiteren Deportation in die Vernichtungslager der Schoah war durchgängig der deutsche Begriff Jüdischer Wohnbezirk oder Jüdische Wohnsiedlung. Als Kurzbezeichnung oder Übersetzung wurde daneben das Wort Getto/Ghetto benutzt. Allerdings bekam dieses Wort dadurch einen ganz anderen Sinn als der historische Begriff. In Osteuropa wurden von den deutschen Besatzern zwischen 1939 und 1944 ungefähr 1150 Ghettos errichtet,US-Forscher: 42 500 Lager in der Nazizeit in Der Tagesspiegel, 3. März 2013. davon etwa 400 auf polnischem und etwa 400 auf sowjetischem Territorium. Sehr oft wurden davor die jüdischen Bewohner der Ortschaften vertrieben oder ermordet.

Etymologie

Der Begriff Ghetto (auch Getto) für jüdische Wohnsiedlung entstand in Venedig 1516, als den Juden die abgelegene Insel Ghetto Nuovo zugewiesen wurde. Das alte Ghetto Vecchio hatte seinen Namen von einer Metallgießerei (ghettare bedeutet Metall gießen). Im Laufe der Zeit wurde der ursprünglich venezianische Begriff Ghetto dann für ausschließlich Juden zugewiesene Wohnviertel gebräuchlich. Im Jahre 1870 war das römische Ghetto schließlich das einzige der Welt und wurde durch den italienischen König Viktor Emanuel II. bei der Besetzung des Kirchenstaats aufgelöst.

Ghettoisierung durch die deutschen Besatzer mini|hochkant|Aufruf zu Anmeldung des Vermögens, Ghetto Piotrków Trybunalski, 1940 Am 21. September 1939 wurden von Reinhard Heydrich die Führer der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD nach Beendigung des Überfalls auf Polen beauftragt, die Konzentration von Juden aus dem Lande in größeren polnischen Städten in „Ghettos“ angeordnet. Dies sollte zunächst die Voraussetzung für einen möglichst raschen Abtransport in das damals geplante „Judenreservat“ bei Krakau schaffen. Heydrich forderte in einem Schnellbrief die Bildung von Judenräten bestehend aus jeweils 24 Mitgliedern der jüdischen Gemeinden, aber für eine Ghettobildung gab er nur vage Anweisungen. Die Juden sollten leichter kontrolliert und zur vorübergehenden wirtschaftlichen Ausbeutung als Zwangsarbeiter eingesetzt werden können. Ebenfalls konnte dort ihr Vermögen mit dem Ziel der Arisierung (Raub) systematisch erfasst werden.deathcamp.org: Ghettos, abgerufen am 10. Februar 2015.

Den Anfang machte der als Generalgouvernement besetzte Teil Polens. Vorbereitende Maßnahmen waren die hier erstmals von den Deutschen eingeführte Kennzeichnungspflicht für Juden, die von Generalgouverneur Hans Frank schon Ende November 1939 angeordnet wurde (weiße Armbinden mit einem sogenannten Judenstern), der im weiteren Verlauf auch im „Altreich“ eingeführt wurde. Gleichzeitig ordnete der durch Himmler eingesetzte „Höhere SS- und Polizeiführer Ost“ Krüger der jüdischen Bevölkerung nächtliche Ausgangssperren und das Verbot an, sich außerhalb des derzeitigen Wohnorts niederzulassen.

Eine weitere Maßnahme war die Bildung von sogenannten Judenräten, die als jüdische Selbstverwaltungsorgane von den deutschen Besatzern als deren Befehlsempfänger gegenüber den jüdischen Gemeinden zwangsweise geschaffen wurden. Sie waren zuerst der deutschen Zivilverwaltung unterstellt, später den SS- und Polizeikräften. In der Praxis hatten diese „Judenräte“ vor und während der Ghettoisierung etwa Mannschaften für Zwangsarbeitseinsätze zusammenzustellen, die Auslieferung der verbleibenden Vermögenswerte der jüdischen Bevölkerung zu organisieren und schließlich sogar, im Zuge der Auflösung der Ghettos ab dem Jahr 1942, die Deportation der Gefangenen in die verschiedenen Vernichtungslager mitzuorganisieren.

mini|Armbinden aus einem jüdischen Ghetto

Die Ghettoisierung an sich, im Wortsinn die Konzentration der jüdischen Bevölkerung in – teils (etwa im Warschauer Ghetto) mit Mauern und Kontrollposten abgesperrten – Stadtteilen, verlief in Polen hauptsächlich von April 1940 bis Ende 1941. Die drei größten Wohnbezirke bzw. Ghettos waren das Warschauer Ghetto (Oktober 1940, errichtet in einem 1939 von der Militärverwaltung zum Seuchensperrgebiet deklarierten Teil der Stadt), das Ghetto in Lodz (April 1940) sowie – nachdem die Deutschen das eroberte sowjetische Galizien als fünften Distrikt in das von ihnen so bezeichnete „Generalgouvernement“ eingegliedert hatten – das Ghetto Lemberg (Dezember 1943).

Während der Aktion Reinhardt wurden Ghettos der umliegenden Gebiete als Transitghettos genutzt. In ihnen wurden die Juden für den Transport in die Todeslager „gesammelt“. Das größte und bekannteste Transitghetto war das Ghetto Izbica.

Weitere, teils ausgedehnte Ghettos bestanden in verschiedenen Städten des besetzten Teiles der Sowjetunion, zum Beispiel das Ghetto Kaunas, das ab September 1943 zum KZ Kauen wurde, das Ghetto Wilna oder das Ghetto Riga. Dort wurden diejenigen Juden eingesperrt, die nicht bei der ersten Tötungswelle durch die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD in der zweiten Jahreshälfte 1941 ermordet worden waren. Ab Ende 1941, nach der Ermordung der einheimischen Insassen, wurden dorthin aus dem „Altreich“ und den eingegliederten Gebieten in Polen deportierte Juden verbracht; diese wurden nicht mehr in die Ghettos des Generalgouvernements transportiert, weil sich die dortige Zivilverwaltung bereits im Frühjahr 1940 aus Kapazitätsgründen gegen solche Pläne wehrte.

Als Vorzeigeghetto wurde das Ghetto Theresienstadt in der ehemaligen Garnisonsstadt von Terezín eingerichtet. Dorthin wurden aus ganz Europa prominente ältere jüdische Persönlichkeiten verschleppt, aber auch Familien mit Kindern. Zu Propagandazwecken wurde in einer späten Phase des Lagers der Film Theresienstadt gedreht.

Große Ghettos Staat internierte Juden von bis Transporte nach Budapester Ghettos Ungarn 120.000 November 1944 Januar 1945 Auschwitz Ghetto Lemberg Ukraine 115.000 November 1941 Juni 1943 Belzec, Janowska Ghetto Litzmannstadt Polen 200.000 Februar 1940 August 1944 Chelmno, Auschwitz Warschauer Ghetto Polen 450.000 Oktober 1940 Mai 1943 Treblinka, Majdanek

Sinti und Roma Da die Verfolgung der Sinti und Roma oft eng mit der Judenverfolgung verknüpft war, wurden diese ebenfalls in Ghettos im Generalgouvernement deportiert, so ins Ghetto Siedlce und ins Ghetto Lodz.Dieter Pohl: Ghettos. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 9: Arbeitserziehungslager, Ghettos, Jugendschutzlager, Polizeihaftlager, Sonderlager, Zigeunerlager, Zwangsarbeiterlager. C.H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-57238-8, S. 181.Till Bastian: Sinti und Roma im Dritten Reich: Geschichte einer Verfolgung. Beck 2001, ISBN 3-406-47551-5, S. 46 f.

Alltag der deutschen „Ghettos“ in Europa mini|Zwangsarbeit an der Weichsel, Propagandaaufnahme der Wehrmacht, Mai 1941 mini|hochkant|Kindertransport ins Vernichtungslager Kulmhof, Ghetto Litzmannstadt, 1942 Der Alltag der Ghettos war geprägt von Unterernährung, Krankheiten und Tod. Seuchen, zum Beispiel Fleckfieber, grassierten aufgrund der unsäglichen hygienischen Bedingungen und der katastrophalen Ernährungssituation. So senkten hohe NS-Führer die Brotration und die Ration an Marmelade auf 50 bzw. 30 Gramm im Monat herab. Teilweise konnten die Bewohner des Warschauer Ghettos sich nur noch durch Schmuggel mit Lebensmitteln versorgen. Es gelang ihnen sogar, eine Kuh ins Ghetto zu schmuggeln, um wenigstens die Neugeborenen mit Milch zu versorgen. Nach Heinz Auerswald, dem Kommissar des Warschauer Ghettos, stieg die Zahl der Todesfälle in den jüdischen Wohnbezirken Warschaus von Januar 1941 bis August 1941 von 898 Fälle auf 5560 Fälle um über 500 Prozent. Als Gründe hierfür nennt Auerswald die Mangelernährung und das Fleckfieber.Gerhard Schoenberner: Der gelbe Stern – Die Judenverfolgung in Europa 1933–1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M., 1991, S. 76. Der polnische Mediziner Ludwik Hirszfeld, der von 1941 bis 1943 im Warschauer Ghetto eingepfercht war, schilderte die menschenunwürdigen Zustände dort in folgenden eindringlichen Worten:

Anfang der 1940er Jahre entsandte die antisemitische Hetzzeitung Der Stürmer sogar einen Bildberichterstatter ins Warschauer Ghetto. Später erschien im Stürmer ein fast sadistisch anmutender Bericht über das Leben im Ghetto.Die Nürnberger Prozesse. Leeb & Heydecker. Nahrungsmittel wurden von den deutschen Besatzungsbehörden streng kontingentiert und man bemühte sich, die Kosten für die katastrophale Versorgung der Ghettos noch dadurch zu minimieren, dass man – wo wegen der Größe des Ghettos möglich – in ghettoeigenen Wirtschaftsbetrieben und in externen Betrieben oder Arbeitslagern die Gefangenen quasi als Leiharbeiter vermietete und dadurch Einnahmen erzielte. Manche Industrielle machten mit Hilfe dieser „Ghetto-Geschäfte“ so hohe Gewinne, dass sie ein riesiges Vermögen anhäufen konnten.

mini|hochkant|Bekanntmachung zur Verkleinerung des Ghettos Litzmannstadt vom 22. August 1944

Organisation der „Endlösung“ Im Jahr 1942 – nachdem im Januar auf der Wannseekonferenz in Berlin die „Endlösung der Judenfrage“ regierungsintern bekanntgegeben und in Details geregelt worden war, inklusive der Geheimhaltungsbefehle – wurde damit begonnen, die Ghettos systematisch von ihren Bewohnern zu entleeren. Zum größeren Teil wurden die Ghettobewohner zugweise in die Mordzentren der Vernichtungslager deportiert, was im Warschauer Ghetto schließlich zum bewaffneten Aufstand führte. Teilweise wurden die Ghettos aber auch dadurch liquidiert, dass ihre Bewohner an Ort und Stelle erschossen wurden. Auf diese Weise verfuhr die SS vor allem in den besetzten Teilen der Sowjetunion, zum Beispiel in Minsk und Riga, aber auch in weiten Teilen Polens (als Beispiel Mielec, Izbica).

Juristische Aufarbeitung Da die Organisation der Zwangsarbeit durch die Judenräte Merkmale eines ordentlichen Arbeitsverhältnisses aufwies, ergaben sich daraus Rentenansprüche für die Arbeiter bzw. deren Hinterbliebene. Dies wurde nach diversen gerichtlichen Verfahren im Ghettorentengesetz im Jahr 2002 gesetzlich präzisiert. Da die Vorschrift zunächst nur für freiwillige Arbeitsaufnahme ausgelegt worden war, kam es im Jahr 2009 durch das Bundessozialgericht wegen mehrerer Revisionsverfahren zu einer Klarstellung zugunsten der Antragsteller.Bundessozialgericht, Urteil vom 2. Juni 2009, , B 13 R 85/08 R, B 13 R 139/08 R

Siehe auch Liste der Ghettos in der Zeit des Nationalsozialismus Liste der Ghettos und Lager für Sinti und Roma in der Zeit des Nationalsozialismus Chronologie der Kollaboration der Vichy-Regierung beim Holocaust Deportation der Juden aus Ungarn Deportation von Juden aus Deutschland Shanghaier Ghetto

Literatur mini|hochkant|Encyclopedia of Camps and Ghettos, Band 1, 2009 Andrej Angrick und Peter Klein: Die „Endlösung“ in Riga. Ausbeutung und Vernichtung 1941–1944. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2006, ISBN 3-534-19149-8. Christopher Browning: Die nationalsozialistische Ghettoisierungspolitik in Polen 1939–1941. In: Ders.: Der Weg zur „Endlösung“. Entscheidungen und Täter. Rowohlt, Hamburg 2002, ISBN 3-499-61344-1, S. 39–70. Adam Czerniaków: Im Warschauer Ghetto. Das Tagebuch 1939–1942 („Dziennik getta warszawskiego“). Beck, München 1986, ISBN 3-406-31560-7.