mini|Blick auf Schwaz und Bergwerke, Darstellung im Schazer Bergbuch von 1556
Die Familien Reiff und Gratt waren im Tiroler Bergbau in Schwaz und Rattenberg im 15. und 16. Jahrhundert tätig, zeitgenössisch sprach man von den Gewerken Reiff und Gratt. Sie gehörten nicht zu den größten Unternehmern und waren nur relativ kurz vom Ende des 15. Jahrhunderts bis Mitte des 16. Jahrhunderts tätig. Der Bergbau in Schwaz erlebte im 15. und 16. Jahrhundert seine Blütezeit, danach gingen die Erträge zurück. Das Schicksal der Familien Reiff und Gratt illustriert die Schwierigkeiten des Tiroler Bergbaus im 16. Jahrhundert.
Wie bei bürgerlichen Personen üblich, ist die Quellenlage lückenhaft, besonders was persönliche Daten wie Geburts- oder Todesdatum betrifft. Da die beiden Familien in viele und langwierige juristische Streitigkeiten verwickelt waren, ist das Geschehen gut dokumentiert.
Hinweis: In Tirol wurde mit „Gewerke“ sowohl der Bergbaubetrieb als auch der Unternehmer bezeichnet.
Geschichte Ende des 15. Jahrhunderts ist ein erstes Engagement der Familie Reiff im Bergbau nachgewiesen.
Anfang in Innsbruck Paul Reiff war ein wohlhabender Bürger von Innsbruck. Er hatte mehrere Ämter in der Stadt inne, zwischen 1489 und 1506 gehörte er mehrmals dem Innsbrucker Rat an, 1492 war er Stadtrichter, 1493 und wieder 1500 Bürgermeister, und von 1504 bis 1506 wurde er mit dem Amt eines Kirchpropstes der St. Jakobpfarrkirche betraut. Seit 1489 stand er auch in Diensten König Maximilians. Worauf seine Wohlstand beruhte, ist nicht überliefert, der Beruf wurde als Schneider angegeben, er hat aber sein Vermögen wahrscheinlich im Handel verdient. Später hatte er wohl, wie viele begüterte Bürger, Geld im Bergbau (Gewerken) und Erzverhüttung (Schmelzer) in Schwaz und Rattenberg investiert. Während seiner letzten Lebensjahre übertrug er einen Teil seiner Aufgaben seinem Sohn Christof. Paul Reiff war vermögend, er besaß zwei Häuser in Innsbruck, sein Sohn Florian besaß ebenfalls ein eigenes Haus. Außerdem konnte er eine beträchtliche Stiftung für Arme einrichten. Es handelte sich um einen Heiratsalmosen von 40 Gulden jährlich, der mit je 17 Gulden an zwei „ehrbare Jungfrauen“ als Mitgift gestiftet wurde, der Rest war für die Verwaltung der Stiftung vorgesehen. Dies entsprach einem Kapital von 800 Gulden. Er starb 1515 und hinterließ sechs Kinder aus zwei Ehen. Der Sohn Christof Reiff trat erstmals 1505 auf, als Mitglied eines Ausschusses der Gewerke am Falkenstein. Erst ab 1507 erschien er auch als Schmelzer in Verträgen mit Kaiser Maximilian. Er war erfolgreich als Bergherr, er erzeugte von 1511 bis 1520 und wieder von 1524 bis 1528 am Falkenstein 32.616 Mark, dies entsprach 9165 kg Brandsilber.
Hinweis: Der Kaiser war als Landesfürst Besitzer aller Bodenschätze, er vergab dieses Recht (das Bergregal) an Bergherren, die die Schätze ausbeuteten. Sie mussten dafür einen Teil, den Wechsel, an den Landesherrn abgegeben. Außerdem waren sie verpflichtet, einen Teil des Silbers an die Münze zu niedrigerem Preis abzuliefern.
Christof Reiff Erben Christof starb wahrscheinlich 1529, sein Bruder Jörg übernahm die Gewerke und die Schmelze, der Betrieb wurde „Cristoff Reyffen erben“ genannt. Auffallend war der Rückgang der Produktion von 2500 Mark Silber im Jahr 1520 auf nur noch 1520 Mark nach 1524. Ein möglicher Grund war die Heirat seiner Schwestern, die er mit einem Heiratsgut ausstatten musste und seine eigene Hochzeit 1524. Er baute für sich und seine Frau ein repräsentatives Hauses in Schwaz, dessen Bau sich lange hinzog und wohl mehr Mittel benötigte als geplant. Wahrscheinlich verkaufte er Anteile an Gruben in Falkenstein und stellte für einige Jahre das Schmelzen ein. Als 1525 die Tiroler Regierung ihre begüterten Bürgern um Darlehen zur Bekämpfung der Bauerkriege ersuchte, konnte er nur 26 Gulden aufbringen. Trotzdem wurde Christof Reiff bzw. sein Nachfolger Jörg zu den großen Gewerken am Falkenstein gezählt. Sie waren an einigen Eingaben an den Landesherrn beteiligt. Es ist anzunehmen, dass sich Christof Reiff und sein Bruder vor Christofs Tod die Arbeit aufgeteilt hatten: Christof kümmerte sich um Bergbau und Schmelzen am Falkenstein während Jörg den Betrieb in Rattenberg leitete. In den nächsten Jahren sind vor allem Versuche Jörgs dokumentiert, Holz für seine Betriebe und Getreide für seine Arbeiter zu bekommen. Letzteres während eines Mangels im Jahr 1530, der königliche Hof erlaubte ihm den Import einer großen Menge Getreides zu Vorzugskonditionen.
Wirtschaftliche Probleme 1534 wurden Jörg Reiff und seine beiden Schwäger Stefan Westner und Jacob Gratt von der Innsbrucker Kammer aufgefordert, Christof von Hausen zu entschädigen, in welcher Angelegenheit ist nicht überliefert. In den folgenden Jahren blieb Jörg Reiff zusammen mit Hans Stöckl das Wechselgeld, also die Abgaben an den Herzog, schuldig. 1535 sank die Silberproduktion von Jörg Reiff in Falkenstein von 1552 Mark im Vorjahr auf nur noch 513, im Jahr 1536 schmolz er nichts, 1537 nur noch 348 und im Jahr 1538 vermerkte die Chronik „hat das schmelzen gelassen“. Diese finanziellen Schwierigkeiten wurden allgemein bekannt und die Regierung fürchtete um ihre Abgaben, die Gläubiger um ihre Kredite, die Lieferanten verlangten „Vorkasse“ und die Arbeiter fürchteten um ihren Lohn. Um die drückendsten Schulden zu bezahlen, versetzte Reiff Grubenrechte am Falkenstein, wodurch die Einnahmen weiter zurückgingen. Sein Ruf bei den Bergarbeitern war ruiniert, sie weigerten sich für ihn zu arbeiten, weil man immer im Streit mit ihm lagen und „die Arbeiter führen eben nur dort in die Gruben ein, wo man sich vertrage (da gut wetter sei)“. In einem Schreiben forderte die Bergkammer die Beteiligten auf, Reiff Zeit zu geben, seine Angelegenheiten zu ordnen, er selbst sagte zu, in vier Monaten seine Probleme zu lösen. Dieses Versprechen konnte er nicht einhalten. Die Regierung forderte alle Gläubiger und insbesondere Jörg Reiffs Verwandte auf, sich in einem Treffen mit ihm zu einigen, da die Schulden das Vermögen überstiegen. Die Verwandten hatten Ansprüche aus dem Erbe ihres Vaters. 1538 spitzte sich die Lage weiter zu, da die Gläubiger nicht bereit waren, auf Teile ihrer Forderungen zu verzichten.
Übergang auf die Familie Gratt Schließlich erklärte sich Jakob Gratt bereit, den Besitz und die Schulden seines Schwagers zu übernehmen. Allerdings verlangte er, dass die Gläubiger auf einen Teil ihrer Forderungen verzichteten, da Jörg Reiff überschuldet war (s. o.). Ein Teil der Gläubiger verweigerte strikt jeden Nachlass, zusätzlich meldeten die Geschwister von Reiff direkte Ansprüche auf Teile des Vermögens an, sie wollten sich also nicht an einem Vergleich beteiligen. Besonders hartnäckig verweigerte der Kardinal und Erzbischof von Salzburg Matthäus Lang jedes Zugeständnis. Im August 1538 wurde schließlich ein Vergleich geschlossen, in dem Jakob Gratt „alles Hab und Gut des Georg Reiff samt dem seit der Abrede angefallenen Erz überantwortet und er zum Vollzug des Vertrages angehalten werden. Alle Leute, die Zinsen oder Gülten (Geld, Korn, Wein usw.) dem Georg Reiff schuldig waren, wurden aufgefordert, sie nun Gratt zu reichen“. Im September erfolgte der Übergang des Besitzes und der Schulden auf Jakob Gratt. Jakob Gratt war der Sohn von Jakob Gratt der Ältere, der es als Metzger und Händler in Rattenberg zu einigem Wohlstand gebracht, ihm gehörten u. a. drei Häuser, er übernahm nach dem Tod, ca. 1507, seines Vaters Ulrich dessen Gewerke und Schmelzerei in Rattenberg. Sein Sohn war zunächst als Gastwirt, dann auch als Gewerke und Schmelzer tätig. 1520 lieferte er schon 1200 Mark Silber an die Münze zu Hall. Kurz nach dem Übertragung von Reiffs Besitz an Gratt teilte der Rattenberger Hüttenmeister Ambrosi Mornauer der Kammer und Regierung mit, dass Gratt sich eifrig um das Silberschmelzen bemühen würde und diese belohnte Jacob dadurch, dass sie es ihm erlaubte, wie andere Gewerken sein Erbstollenerz in seinem eigenen Hüttenwerk zu schmelzen.
Schon 1540 geriet Jakob Gratt aber in finanzielle Schwierigkeiten, hauptsächlich weil sowohl Jörg Reiff als auch dessen Geschwister immer neue Forderungen an ihn stellen. So beanspruchte Susanna, die Gattin Jörg Reiffs, ihr Heiratsgut (Mitgift), welches im Konkurs untergegangen war. Sie erhielt Recht und Jakob Gratt musste sie auszahlen. Auch die Schwazer Händler verweigerten ihm Rechte, die Jörg Reiff hatte, z. B. am Unschlitthandel beteiligt zu werden. Unschlitt ist tierisches Fett, welches für die Grubenleuchten benötigt wurde und in großem Maßstab gehandelt wurde. In Schwaz wurden mehr als 1000 Zentner pro Jahr verbraucht, der Handel war hoch profitabel. Ein weiterer Punkt war das „Gnadsilber“, den Teil des Silbers, den die Schmelzer frei verkaufen konnten. Dafür erzielten sie einen besseren Preis als bei der Lieferung an die Münze. Jörg Reiff hatte Teil an dieser Vereinbarung, Jakob Gratt verweigerte man dies, erst später erhielt er auch ein Kontingent. Von Jörg Reiffs und eigenen Gläubigern bedrängt, hatte Jacob Gratt im März 1544 schon 340 Gulden Wechselschulden, sodass ihm sein Silber bis zur Bezahlung durch den Bergrichter beschlagnahmt wurde. Seit 1540 beschwerten sich die Bergschmiede wegen schlechter Arbeitsbedingungen und ausstehendem Lohn. Die Verhandlungen der Kammer führten zu einem Kompromiss, den Gratt aber nicht einhielt. Wie mit den Bergschmieden hatte Jacob Gratt auch ständig Anstände mit den Knappen oder anderen Bergleuten, sowohl in Schwaz wie in Rattenberg. Auffällig ist in dieser Zeit die Anzahl der Gesuche an die Regierung, den Gewerken und Schmelzern Privilegien und Zuschüsse zu gewähren. Es war wohl vorteilhafter, den Ertrag auf diese Weise zu steigern als durch Verbesserung der Förderung oder Verhüttung.
Der Konkurs 1544 versuchte Gratt zwei Knappen statt durch Geld durch Stoffe zu entlohnen, diese beschwerten sich aber über die schlechte Qualität. Auch gegen seine Lieferanten kam Gratt immer mehr in Zahlungsverzug. Im Jahr 1545 kam es zu einer Krise, einerseits hatte Gratt mehr und mehr Schwierigkeiten, seinen Verpflichtungen nachzukommen, andererseits geriet das Montanwesen selbst in eine Krise durch steigende Kosten und zurückgehenden Erträge, viele Gruben waren erschöpft. Selbst große Tiroler Gewerken wie die Tänzl und Stöckl fielen ihr zum Opfer. Die Regierung beauftragte einen Bergrichter, zusammen mit Gratts Gläubigern eine Lösung zu finden. Gratt wurde verboten, Teile seines Besitzes zu verkaufen und eine Gläubigerversammlung wurde einberufen. Dies war die Vorstufe zum Konkurs. Der Bergrichter suchte nach Gewerken, die bereit waren, Gratts Bergwerksanteile und seine Schulden zu übernehmen, dazu war aber keiner bereit. Schließlich wurde auf der Gläubigerversammlung beschlossen, dass die Gebrüder Stefan, Christof und Ambrosi Kress aus Augsburg alle Bergwerke, Ausrüstungen und Vorräte übernehme sollten, dafür sollten Gratts Schulden bei ihnen getilgt werden. Außerdem mussten die Kress noch weitere Schulden Gratts übernehmen. Gratts Haus wurde Hans Klogger in Schwaz überschrieben, bei dem er Schulden hatte. Gratts Frau Anna Reif verzichtete auf ihr Heiratsgut von 9.000 Gulden. Insgesamt wurden in dem Vertrag 63 Gläubiger aufgezählt, darunter auch ausstehende Löhne für sein Gesinde (Diener, Hausknecht, Kindsamme, Viehmagd, Köchin), die von 2 bis 40 Gulden reichen.