Herbst im Delta (Originaltitel: Delta autumn) ist die vorletzte Episode innerhalb des Erzählbandes Das verworfene Erbe von William Faulkner. Die Urfassung des Textes wurde im Mai/Juni 1942 im US-Literaturmagazin Story veröffentlicht.John Lennard: Delta autumn. In: John Lennard: Reading William Faulkner. „Go down, Moses“ & „Big Woods“. Humanities-Ebooks, Tirril 2012. ISBN 978-1-84760-198-8. S. 86–88. Hier S. 86. Die deutschsprachige Übersetzung stammt von Hermann Stresau. Kurzbeschreibung Der greise Ike McCaslin macht mit seinem Verwandten Roth Edmonds und Freunden einen Jagdausflug. Im Lager deutet Roth an, dass eine Frau kommen werde, und übergibt Ike heimlich einen Umschlag mit Geld. Am nächsten Morgen erscheint die junge Frau mit einem Baby und entpuppt sich als heimliche Liebhaberin von Roth und entfernte Verwandte einer aus versklavten Schwarzen stammenden McCaslin-Seitenlinie. Ike ist erschüttert über das Vorhandensein eines Kindes, „in dem zum ersten Mal beide Zweige der McCaslins vereint sind.“„the child in whom, for the first time, both branches of the McCaslins have been joined“ – André Bleikasten: Legacies. Go down, Moses. In: André Bleikasten: William Faulkner. A life through novels. Indiana University Press, Bloomington IN 2017. ISBN 978-0-253-02284-4. S. 308–323. Hier S. 320. Inhalt Der greise Ike McCaslin ist mit seinem entfernten Verwandten Roth Edmonds und einigen Begleitern auf dem Weg zu einer Jagdgesellschaft im von zahlreichen Nebenflüssen und Flussarmen durchzogenen Delta zwischen dem Mississippi und dem Yazoo River,William Faulkner: Herbst im Delta. In: William Faulkner: Das verworfene Erbe. Chronik einer Familie. (=Fischer-Bücherei, Band 626) Aus dem Amerikanischen übertragen von Hermann Stresau. Fischer, Frankfurt am Main 1964. S. 273–300. Hier S. 277. so wie seit langem jeden November. Früher in einem Planwagen. „Jetzt fuhren sie in Autos, fuhren mit jedem Jahr schneller und schneller, weil die Straßen besser waren und sie weiter und weiter fahren mußten, denn der Landstrich, in dem es noch Wild gab, zog sich mit jedem Jahr tiefer ins Innere zurück, so wie sein [=Ikes] Leben sich innerlich zurückzog, und nun war er der letzte von denen, die einst die Reise im Planwagen zurückgelegt hatten.“Faulkner, Herbst im Delta, S. 273. Besonderheit dieser Reise: Der Fahrer Roth Edmonds „hielt den Wagen plötzlich an, bremste ihn ohne Warnung“,Faulkner, Herbst im Delta, S. 274. fährt dann weiter.

Für sein Alter fühlt sich Ike noch gut in Form, „hielt die Reise doch aus – er schoß noch fast so gut wie je, erlegte beinahe ebenso viel von dem Wild, das ihm zu Gesicht kam, wie früher“. Dennoch geht Ike beim allgemeinen frühmorgendlichen Aufbruch am Tag nach der Ankunft im Jagdgebiet noch nicht mit. Doch Roth Edmonds kommt von der Jagdgesellschaft kurz zurück, erklärt „heiser und hastig“, es werde „jemand“ kommen,Faulkner, Herbst im Delta, S. 291. dem Ike einen Umschlag geben möge und die Auskunft „sag, ich hätte Nein gesagt.“Faulkner, Herbst im Delta, S. 292. Roth verschwindet, „und dann trat die Frau ein, in einem Männerhut und Männer-Regenmantel und Gummistiefeln und trug das in Decken gewickelte Bündel auf einem Arm“,Faulkner, Herbst im Delta, S. 293. ein Baby. Bereits während der Fahrt hatte ein Mitglied der Jagdgesellschaft darauf angespielt, dass Roth bei der letzten Jagd im November nicht nur vierbeiniges Wild gejagt habe – nun erkennt Ike, dass das nicht ohne Folgen geblieben ist. Übellaunig wegen der doppelten morgendlichen Störung und wegen „des feigen, heuchlerischen Verhaltens von Roth“„the cowardly, bigoted behaviour of Roth“ – Lennard, Delta autumn, S. 86. bleibt Ike stur in seinem Bett liegen, den Umschlag oben auf der Bettdecke. Die fremde Frau, eine Lehrerin, erklärt, ihr Verhältnis zu Roth habe nur „die Woche hier im letzten Herbst“ gedauert, „und im Januar ließ er mich kommen und wir gingen in den Westen, nach Neu-Mexiko. Wir waren dort sechs Wochen“.Faulkner, Herbst im Delta, S. 294. Das Geld, das Roth ihr in dem Umschlag bei Ike zurückgelassen hatte, brauche sie nicht. „Geld kam auf die Bank in Vicksburg auf meinen Namen aber ohne Absender“.Faulkner, Herbst im Delta, S. 295. Indirekt macht sie deutlich, dass sie etwas anderes gewollt habe, „und ich wartete neben der Straße gestern, als Ihr Wagen vorbeikam und er mich sah“: der Grund für Roths plötzliches Bremsen. Ike ist sich sicher, dass Roth der Lehrerin nicht die Ehe versprochen habe: „Er brauchte das nicht.“ Sie bestätigt: „Nein. Er brauchte das nicht. Ich habe ihn nicht darum gebeten. Ich wußte, was ich tat.“ Doch sie erhielt eine Anstellung „hier an der Schule in Aluschaskuna“, während ihre Tante „Arbeit annahm als Wäscherin“. Ike ist irritiert über diese sozial niedrigstehende Tätigkeit: „Als Wäscherin?“ Dann erkennt er, zusätzlich erbost und in seine einstige rassistische Sozialisation zurückfallend: „Sie sind ’n Nigger!“ Die Lehrerin bestätigt: „James Beauchamp […] war mein Großvater“ und damit ein ebenso entfernter Verwandter von Ike wie Roth Edmonds – allerdings auf der illegitimen Seite mehrfacher Sklavinnen-Vergewaltigungen, begangen durch Ikes Großvater Carothers McCaslin.Faulkner, Herbst im Delta, S. 296–297. Ike erkennt somit in Roths Verhalten eine „düstere Nachahmung des verfluchten Verhaltens“„grim re-enactment of the cursed behaviour“ – Lennard, Delta autumn, S. 86. seines Großvaters, doch „was ihn an dieser unerwarteten Verbindung wirklich verstört, ist die Möglichkeit einer Vermischung der genealogischen Linien“.„what really disturbs him, in this unexpected coupling, is the possibility of a muddling of genealogical lines“ – David H. Evans: A great story. Pathfinding and providence in „Go Down, Moses“. In: David H. Evans: William Faulkner, William James, and the American pragmatic tradition. Louisiana State University Press, Baton Rouge LA 2008. ISBN 0-8071-3315-9. S. 193–234. Hier S. 229. In einer Geste, die an Die Erschaffung Adams erinnert, streckt Ike der Lehrerin, die ankündigt, wieder nachhause „nach dem Norden“ zurückgehen zu wollen, „die mürrische, blutlose, knochenbleiche, knochentrockne Greisenhand“ entgegen, berührt „für eine Sekunde das glatte junge Leben, in welchem das starke alte Blut pulste, heimgekehrt nach einer langen, verschollenen Reise.“Faulkner, Herbst im Delta, S. 297. In einer „schwachen Geste der Blutsverwandtschaft“„feeble gesture of consanguinity“ – Carl Rollyson: The twilight of man in „Delta autumn“. In: Carl Rollyson: Faulkner on and off the page. Essays in biographical criticism. University Press of Mississippi, Jackson MS 2025. ISBN 978-1-4968-5605-0. S. 181–188. Hier S. 188. überlässt er der Lehrerin Roths altes Jagdhorn, „gehüllt in das unbeschädigte Fell einer Hirschkeule und mit Silber beschlagen.“Faulkner, Herbst im Delta, S. 298. Die Lehrerin verabschiedet sich: „Alter Mann […] hast du so lange gelebt und so viel vergessen, daß du gar nichts mehr weißt von dem, was du doch gekannt hast oder gespürt oder wovon du hast reden hören, von der Liebe?“,Faulkner, Herbst im Delta, S. 299. fragt sie. „Tatsächlich hat Ike außerhalb der Wildnis niemanden geliebt, und obwohl es ihm gelang, dem Familienerbe abzuschwören, konnte er sich nicht von den Vorurteilen seiner Rasse befreien. Ike, die über jeden Verdacht erhabene gute Seele, der unnachgiebige Idealist, der sich selbst als den Rechtschaffensten der Rechtschaffenen sieht, hat kläglich versagt.“„Outside the wilderness, Ike has in fact loved no one, and while he did manage to renounce the family heritage, he has not been able to rid himself of the prejudices of his race. Ike, the good soul above suspicion, the intransigent idealist who sees himself as the most righteous of the righteous, has failed miserably“ – Bleikasten, Legacies, S. 320. Textanalyse Bei Herbst im Delta handelt es sich um auktorial erzählte Prosa. Die Handlung spielt im November 1940.Einer der Jagdteilnehmer spielt auf die letztlich vergebliche Kandidatur von Wendell Willkie als US-Präsident an (Faulkner, Herbst im Delta, S. 276); Willkie war am 28. Juni 1940 nominiert worden. Ort der Handlung ist das Delta zwischen dem Mississippi und dem Yazoo River sowie der Weg dorthin, der unter anderem an der Ortschaft Aluschaskuna vorbeiführt, die von Faulkner ersonnen worden war und von Acona (60 Kilometer nordöstlich von Yazoo City) inspiriert sein könnte.„though he probably was thinking of a real Delta town like Acona when he did so“ – Aluschaskuna (Location Key). In: faulkner.iath.virginia.edu. Abgerufen am 2. Januar 2026. Themen In Herbst im Delta ist das einst von Wildnis geprägte Land „seiner Bäume beraubt und gevierteilt und in mathematische Felder gezwängt für üppige Baumwolle, damit die besessenen Menschen der alten Welt sie in Granaten verwandelten um aufeinander zu schießen“ auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs. Durch das Vordringen der vermeintlichen Zivilisation ist die einstige Wildnis nun „das Land, in welchem aus den zahllosen Städtchen die Neonlichter an ihnen vorbeihuschten und zahllose fabrikneu schimmernde Autos auf den betonierten Fernstraßen an ihnen vorbeisausten, […] das Land, in dem jetzt nicht der Aufschrei eines Panthers vernehmlich ward, sondern das langgezogene Tuten der Lokomotiven: Züge von unglaublicher Länge und von einer einzigen Maschine gezogen“:Faulkner, Herbst im Delta, S. 278. Die Wildnis ist „dazu verurteilt, völlig zu verschwinden“,„condemned to vanish completely“ – Bleikasten, Legacies, S. 319. so der französische Anglist André Bleikasten (Universität Straßburg). „Kein Wunder, daß die zerstörten Wälder, die ich einmal gekannt habe, nicht nach Vergeltung schreien!, dachte er: die Leute selbst, die sie zerstört haben, werden die Vergeltung vollenden“, mutmaßt Ike mit Blick auf „das historische Unrecht, das den Schwarzen angetan wurde, und das parallele Unrecht der Zerstörung seines natürlichen Erbes durch den Menschen“, so der Critical companion to William Faulkner.„the historical wrong done to blacks and the parallel wrong of men's destruction of his natural heritage“ – A. Nicholas Fargnoli, Michael Golay, Robert W. Hamblin: Go Down, Moses. In: A. Nicholas Fargnoli, Michael Golay, Robert W. Hamblin: Critical companion to William Faulkner. A literary reference to his life and work. Facts On File, New York NY 2008. ISBN 0-8160-6432-6. S. 97–113. Hier S. 101. Figuren (Auswahl)