mini|Stadtansicht von Hamburg: Nikolaifleet mit den Hauptkirchen St. Katharinen und St. Nikolai (kolorierter Druck vor 1801, Rijksmuseum Amsterdam) Die Hamburger Spekulationskrise des Jahres 1799 war eine Wechsel- und Liquiditätskrise, ausgelöst durch das verspätete Eintreffen aus London kommender Schiffe mit Zucker, Kaffee und Tabak im Hamburger Hafen. Das nach dem Eintreffen entstehende Überangebot und dessen lagerungsbedingt schlechte Qualität ließen die Preise dieser Kolonialwaren einbrechen.

Im Hintergrund hatten sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen durch den Beginn des Zweiten Koalitionskrieges stark verschlechtert. Hamburger Kaufleute verloren infolgedessen ihre Absatzmärkte in Süddeutschland, Südeuropa, den Niederlanden, Skandinavien und Russland.

Vorgeschichte Die Finanzkrisen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren durch Fehlentwicklungen im Handel zwischen Europa und Amerika (Karibik, Vereinigte Staaten) mitverursacht.

1763 hochkant|mini|Wohnsitz des Bankiers Leendert Pieter de Neufville (1729–1811), Amsterdam, Herengracht 70–72 (Foto, 1940er Jahre) Die Krise von 1763 war ein Übergangsphänomen, da die Spekulation mit Kolonialwaren noch keine große Rolle spielte. Vielmehr bereitete die Umstellung von Kriegs- auf Friedenswirtschaft nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges Probleme. Die Münzreform Friedrichs II. entwertete das umlaufende Bargeld. Die folgende starke Nachfrage nach dem unzureichend vorhandenen Münzgeld entwertete das Papiergeld. Nun zerriss das nach bestimmten Regeln aufgebaute, weitgespannte „Wechselnetzwerkgebilde“, dessen Zentrum Amsterdam war. Ende 1763 musste das dortige Bankhaus de Neufville seine Zahlungen einstellen. Es hatte während der Kriegsjahre durch Fouragelieferungen an das Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel und Edelmetall-Lieferungen an die preußische Münze einen steilen Aufstieg genommen und in großem Umfang Kredite vergeben. Andere Amsterdamer Bankhäuser hatten de Neufvilles lockere Kreditvergabepraxis nachgeahmt.Margrit Schulte Beerbühl: Auf dem Weg in die Moderne. Berlin u. a. 2023, S. 83–92. Am 29. Juli 1763 brach das Bankhaus de Neufville zusammen; Rettungsversuche scheiterten am Widerstand alteingesessener Banken. De Neufville riss weitere Amsterdamer Geldhäuser mit sich, obwohl ihre Geschäftspartner in Hamburg alles versuchten, um sie zu stabilisieren. Die Amsterdamer Pleitewelle traf erst Amsterdam, dann Hamburg. Von den über 100 Banken, die 1763 zusammenbrachen, waren die meisten in Hamburg ansässig.

1770 bis 1773 Die Krisenjahre von 1770 bis 1773 werden in der deutschsprachigen Forschung unter dem Einfluss der Studien Wilhelm Abels, Agrarkrisen und Agrarkonjunktur (1978) und Massenarmut und Hungerkrisen im vorindustriellen Deutschland (1986), meist als letzte große Hunger- und Agrarkrise des Alten Reichs (HRR) interpretiert, während die angelsächsische Forschung sie vor allem als Finanz- und Kreditkrise sieht:Margrit Schulte Beerbühl: Auf dem Weg in die Moderne. Berlin u. a. 2023, S. 136 f.

Leinen: Ende der 1760er Jahre wurde Schottland zum Zentrum der Textilspekulation. Da Großbritannien Hauptabnehmer für Leinen war, förderte die britische Regierung die schottische und irische Leinenindustrie; zusätzlich wurde Leinen aus dem HRR über schottische Häfen eingeführt. Um 1769 war der Markt übersättigt, und die Preise begannen einzubrechen. Daraufhin wurde der amerikanische Markt mit europäischem Leinen überschwemmt, besaß aber nicht die erhoffte Aufnahmefähigkeit.Margrit Schulte Beerbühl: Auf dem Weg in die Moderne. Berlin u. a. 2023, S. 138–143. Tabak: Der amerikanisch-schottische Tabakhandel war seit den 1730er Jahren sehr profitabel. Amerikanische Tabakpflanzer und schottische Tabakhändler waren durch Kreditbeziehungen eng aneinander gebunden. Rekordernten 1770 und 1771 ließen die Preise fallen – Europa wurde mit Tabak überschwemmt und Nordamerika mit europäischen Handelsgütern, für die sich hier wie dort zu wenig Kunden fanden.Margrit Schulte Beerbühl: Auf dem Weg in die Moderne. Berlin u. a. 2023, S. 143–145. Kaffee: In den niederländischen Kolonien, besonders Surinam, ermöglichte ein neues Finanzierungssystem (negotiatie-system) Ende der 1760er Jahre den Betrieb einer Kaffeeplantage ohne Eigenkapital und Fachkenntnisse. Das funktionierte, solange der Kaffeepreis hoch blieb, aber die Gründung immer neuer Plantagen hatte eine Überproduktion zur Folge. Ab 1771/1772 fielen die Kaffeepreise, und die Kredite konnten nicht mehr bedient werden. Eine Sklavenrevolte in Surinam und ein Wirbelsturm in der Karibik (August 1772) bereiteten der Niederländischen Westindien-Kompanie zusätzlich Liquiditätsprobleme und belasteten den Amsterdamer Geldmarkt. Letzterer musste das hohe Geldbedürfnis mehrerer europäischer Staaten bedienen. Getreide: Besonders die Menschen im HRR litten unter Missernten, explodierenden Getreidepreisen und daraus folgender Hungersnot. Während das ebenfalls von Missernte betroffene Großbritannien aus Nordamerika Getreide und Reis importierte, entwickelte sich Russland zum wichtigsten europäischen Getreideexporteur. Verkompliziert wurde die Lage aber durch politische Konflikte um Polen und den Ausbruch der Pest in Russland, die Quarantänemaßnahmen und entsprechende Handelseinschränkungen in den Hafenstädten zur Folge hatte. Getreide war in den 1770er Jahren ein Spekulationsobjekt, mit dem hohe Gewinne gemacht werden konnten. Der auch dadurch steigende Getreidepreis verschärfte die Versorgungslage der hungernden Bevölkerung.Margrit Schulte Beerbühl: Auf dem Weg in die Moderne. Berlin u. a. 2023, S. 152–163. hochkant|mini|Alexander Fordyce (1729–1811), Hauptakteur der Spekulation auf fallende EIC-Kurse, als Würfelspieler Aktienspekulation: Zur Krise Anfang der 1770er Jahre trugen zusätzlich Fehlspekulationen mit Aktien der Britischen Ostindien-Kompanie (EIC) bei, deren Kurs seit 1765 angestiegen war, aber schon 1770 kriselte. Aktienmanipulationen und Falschinformationen über die wirtschaftliche Lage der Kompanie bereiteten den Absturz vor. Die Londoner Bank Neale, James, Fordyce & Downe hatte auf fallende EIC-Kurse spekuliert und dafür einen Großteil ihres Vermögens eingesetzt. Der Kursverfall kam auch, aber zu spät für Neale, James, Fordyce & Downe – die Bank musste ihre Zahlungen einstellen. Auf diese Nachricht hin setzte in Edinburgh ein Run auf die Banken ein, der zunächst die mit London eng verbundene Ayr Bank in die Pleite trieb. Der Sog der beiden Insolvenzen riss weitere Londoner Banken mit sich. In Amsterdam spekulierten die holländische Bank Clifford & Söhne und einige weitere Geldhäuser auf steigende EIC-Kurse. Im Versuch, den Kurs wieder in die Höhe zu treiben, kauften sie in großem Umfang EIC-Aktien und übernahmen sich dabei. Ende Dezember 1772 stellte Clifford & Söhne die Zahlungen ein, renommierte Amsterdamer Banken folgten. Im Jahr 1773 gingen 80 Amsterdamer Banken pleite. Die Bank Hope & Co. konnte sich halten, erlitt aber hohe Verluste. Europaweit waren weitere Bankenpleiten die Folge.Margrit Schulte Beerbühl: Auf dem Weg in die Moderne. Berlin u. a. 2023, S. 163–168.

1788 und 1792/93 Nach dem Frieden von Paris (1783) strukturierten sich internationale Handelsbeziehungen neu. Die nunmehr unabhängigen Vereinigten Staaten waren von dem für sie wichtigen Handel mit den britischen Kolonien der Karibik ausgeschlossen. Hamburger, Bremer und Lübecker Kaufleute setzten große Erwartungen in den Direkthandel mit den USA. Wie niederländische und schwedische Kaufleute erwarben sie insbesondere Textilien für den amerikanischen Markt. Die amerikanische Bevölkerung war aber durch den Krieg verarmt und hatte andere Bedürfnisse. Trotz Unabhängigkeit blieb Großbritannien der bevorzugte Handelspartner, der auf die amerikanische Kundschaft auch besser ausgerichtet war. Auch britische Kaufleute hatten allerdings die Aufnahmefähigkeit des amerikanischen Marktes überschätzt; einbrechende Preise waren die Folge.Margrit Schulte Beerbühl: Auf dem Weg in die Moderne. Berlin u. a. 2023, S. 205–211.

In den 1780er Jahren erzeugte die Mechanisierung des Textilgewerbes (Spinnereien, Webereien, Kattundruck) und die dadurch mögliche Produktionssteigerung in Großbritannien eine euphorische Stimmung. Große Unternehmen wie Livesey & Co. und Peel & Co. vereinten den gesamten Herstellungsprozess unter einem Dach und waren zusätzlich im Bankgeschäft tätig. Erste Krisensymptome zeigten sich Mitte 1787: Auf dem nordamerikanischen und dem französischen Markt ließ die Nachfrage nach englischen Textilien nach. Eine Pleitewelle rollte an und nahm nach dem Zusammenbruch von Livesey & Co. im April 1788 an Fahrt auf. Das Epizentrum der Krise war Lancashire. Ein neues Phänomen war, dass die Krise der Textilindustrie auf andere Wirtschaftszweige übergriff: Öl- und Eisenfabrikanten, Zulieferer, Brauereien, Schnapsbrennereien. Erstmals berichtete die Presse ausführlich von den sozialen Folgen für die Arbeiter, die nun wertloses Papiergeld in den Händen hielten. Der an sich schon länger übliche Wechselbetrug wurde 1788 in bisher unbekanntem Ausmaß erkennbar und sorgte für öffentliche Empörung. Eine Mitschuld gaben die Zeitgenossen der Britischen Ostindien-Kompanie, die den Markt mit billigen indischen Textilien überschwemmt habe (was diese von sich wies), und der Bank of England, die sich weigerte, taumelnde Großunternehmen und Banken zu unterstützen.Margrit Schulte Beerbühl: Auf dem Weg in die Moderne. Berlin u. a. 2023, S. 211–222.

mini|Aufständische Sklaven auf Saint-Domingue töten ihre Herren, im Hintergrund brennt eine Plantage (kolorierter Kupferstich, 1833) mini|Wechsel der Caisse d’escompte du commerce (1798)

Nach kurzer Krise folgte in Großbritannien Anfang der 1790er Jahre ein neues, stark kreditfinanziertes Wirtschaftswachstum, das 1792/93 in die nächste Krise mündete, die aber überlagert war durch politische Ereignisse: die Französische Revolution 1789, der Sklavenaufstand von Saint-Domingue 1791 und Großbritanniens Eintritt in den Ersten Koalitionskrieg gegen das revolutionäre Frankreich 1793. Die Nachrichten aus Saint-Domingue ließen zunächst die Zucker- und Kaffeepreise explodieren, doch stabilisierte sich der Markt, da es neben der aufständischen Insel weitere Produzenten dieser Kolonialwaren gab und die Händler in Hamburg und andernorts sich umorientierten (siehe unten). Spekulanten, die auf hohe Preise gesetzt hatten, gerieten dadurch in Schwierigkeiten und flüchteten sich in Wechselreiterei, die Anfang 1792 zu einer Wechselkurskrise führte; angefangen mit den Häusern Simon Lenormand und Monneron wurden einige Pariser Banken insolvent. Die Zahlungsunfähigkeit von Tourton et Ravel Mitte Mai sorgte international für Unruhen – diese führende Bank hatte sich an Wechselreiterei beteiligt und war in die Spekulation mit Kolonialwaren eingestiegen, als die Preise bereits hoch waren. Geschäftspartner in Amsterdam und Hamburg waren in Panik, aber die Caisse d’escompte du commerce entschied sich in einer einmaligen Aktion, Tourton et Ravel zu retten. Sie forderte als Garantie drei Millionen Livre Tournois. Banken und führende Handelshäuser in Amsterdam, Hamburg, Bordeaux sowie (mit kleineren Beträgen) Nantes, Dünkirchen und anderen Städten übernahmen die dafür nötigen Subskriptionen. Tourton et Ravel konnte seine gelagerten Waren bei steigenden Preisen verkaufen sowie Kredite zurückzahlen. Die Märkte beruhigten sich.Margrit Schulte Beerbühl: Auf dem Weg in die Moderne. Berlin u. a. 2023, S. 239–242.

Hamburgs Aufschwung in den 1790er Jahren hochkant|mini|Der Hamburger Kaufmann Georg Heinrich Sieveking (1751–1799)