Der Frauenfußball in Brasilien ist eine wachsende Sportart, die sich nach einer jahrzehntelangen Prohibition von einer Randsportart zu einem zunehmend professionalisierten und gesellschaftlich akzeptierten Sport entwickelt.

Geschichte

Anfänge

Frühste Berichte über die Ausübung des Fußballsports in Brasilien durch Frauen erscheinen in lokalen Printmedien erstmals in den Jahren 1908 und 1909, also etwa dreizehn Jahre nach dem ersten von Charles William Miller in diesem Land initiierten Fußballspiel. Nach einer mehrere Jahrzehnte bestehenden Prohibition ist die Frage nach dem ersten offiziellen von Frauen ausgetragenen Fußballspiel in Brasilien heute ein kontrovers diskutiertes Thema unter Sporthistorikern. Häufig wird dieses Ereignis in die Stadt São Paulo verortet und von lokalen Berichterstattern auch reklamiert. So berichtete in seiner Ausgabe vom 25. Januar 1913 der Correio Paulistano von einem von Frauen ausgetragenen Benefizspiel im Velódromo Paulistano anlässlich der Eröffnung des Kinderkrankenhauses des Roten Kreuzes, nur um wenige Tage später korrigierend zu berichten, dass es sich bei diesen „Spielerinnen“ tatsächlich als Frauen verkleidete Männer des lokalen SC Americano gehandelt habe. Deshalb wird heute häufig der Bericht der A Gazeta vom 28. Juni 1921 von einer Begegnung von weiblichen Auswahlmannschaften der Stadtteile Tremembé und Cantareira auf dem Feld des Tremembé FC am 24. Juni 1921 als Hinweis auf das erste Frauenfußballspiel herangezogen. Das Blatt beschreibt dieses Spiel als „…kuriose Attraktion während des Festtages Sankt Johannes. Vergleichbar mit einer Zirkusveranstaltung.“ (…atração curiosa das festividades de São João. Era algo muito próximo do circense). mini|Celina Guimarães Viana, Suffragette und Fußballspielerin. Allerdings lässt dieser Bericht dabei die über ein Jahr ältere Berichterstattung des Sportmagazins Vida Sportiva aus Rio de Janeiro außer Acht, das sich in seiner Monatsausgabe vom 20. März 1920 ausführlich mit Fußball spielenden Frauen in Natal im Bundesstaat Rio Grande do Norte befasste. Anlass bot ein gerade ausgetragenes Spiel zwischen den Frauen des Centro Esportivo Natalense und des ABC Futebol Clube (12:0), welches damit das älteste dokumentierte Fußballspiel zwischen vereinsmäßig organisierten Frauenmannschaften darstellt. Die Spielerinnen beider Vereine entstammten der gehobenen Gesellschaft von Natal, als Töchter und Nichten der lokalen Geschäftswelt und Politik. Begleitet wurde dieser Bericht von einer Reihe von Fotografien beider Mannschaften, deren abgebildete Frauen damit die ältesten fotodokumentarisch erfassten Fußballspielerinnen Brasiliens sind. Aufgenommen wurden sie von der ABC-Spielerin Celina Guimarães Viana (1890–1972), die als Suffragette wenige Jahre später nationale Bekanntheit erlangte, als sie als erste Frau Brasiliens am 5. April 1928 in Mossoró das in Rio Grande do Norte eingeführte Wahlrecht für Frauen wahrnahm. Eine weitere bekannte Akteurin dieses Spieles war die Natalense-Spielführerin Jandira Carvalho de Oliveira (1903–1989), die ein Jahr später den Vereinsgründer und Lokalpolitiker João Café Filho heiratete, an dessen Seite sie von 1954 bis 1955 die Stellung einer ersten Dame Brasiliens einnahm.

Bis zum Jahr 1940 hatte der Fußballsport die brasilianischen Massen zu erreichen vermocht, bei Männern wie Frauen gleichermaßen. Zum Zentrum des frühen Frauenfußballs in Brasilien avancierte zuerst die Hauptstadtmetropole Rio de Janeiro, in deren Medien regelmäßig über die Bildung von gemischtgeschlechtlichen, oder auch reinen Frauenteams bei Vereinen wie Vila Isabel FC (1915), Progresso FC, CR Flamengo, River FC (alle 1919), CR Vasco da Gama, SC Celeste (beide 1923) und dem São Cristóvão AC (1929) berichtet wurde. Eine größere Aufmerksamkeit erlangte dabei das 1930 gebildete Frauenfußballteam des Tanz- und Gesellschaftsclubs Casino do Realengo, über das regelmäßig im Jornal dos Sports des Mário Filho berichtet und welches als das beste Frauenteam jener Zeit beschrieben wurde. Das Journal finanzierte 1940 eine Tour des Clubs und seines in jenem Jahr gegründeten Konkurrenten SC Brasileiro durch den Staat São Paulo, deren Höhepunkte je eine Partie im neuen Estádio do Pacaembu und im Estádio Urbano Caldeira in Santos markierten.

Inspiriert durch die Entwicklungen in Rio de Janeiro hatten sich danach in allen größeren Metropolen Brasiliens Frauenteams zumeist in eigenen Vereinen gebildet. So war der am 5. April 1940 in Belo Horizonte gegründete Mineiras FC der erste bekannte Frauenverein in Minas Gerais (Estado de Minas, 5. April 1940). Die Austragung einer ersten Begegnung zwischen Frauen in diesem Staat blieb allerdings den beiden Rio-Vereinen SC Brasileiro gegen Casino Realengo FC (2:1) am 15. Mai 1940 auf dem Feld des América FC während ihrer Brasilien-Tour vorbehalten (Folha de Minas & Estado de Minas, 7. & 15. Juni 1940). Ebenfalls in selbem Jahr trug in São Paulo der noch junge São Paulo FC erstmals ein Frauenfußballspiel gegen den America FC aus Rio de Janeiro aus. Allerdings sei die Zuschauerresonanz dieser Partie so niedrig gewesen, dass der Club auf eine erneute Aufstellung eines Frauenteams verzichtete, so berichtet von Tommaso Mazzoni († 1970) in seiner A Gazeta Esportiva.

Prohibition 1941

Für die Geschichte des Fußballsports in Brasilien sollte sich das Jahr 1940 im Allgemeinen als richtungweisend herausstellen. Während die Anerkennung des Männerfußballs durch seine Professionalisierung ihren endgültigen Durchbruch erfuhr, erlebte der parallel dazu aufstrebende Frauenfußball eine gegenteilige Entwicklung. In den zeitgenössischen Medien wurde er dabei von einer in ihrem Urteil geteilten Berichterstattung begleitet. Während Zeitungen wie der Correio Paulistano (São Paulo), Estado de Minas (Belo Horizonte), O Globo (Rio de Janeiro) und vor allem das Jornal dos Sports (Rio de Janeiro) dem Spiel der Frauen tendenziell wohlwollend bis fördernd begegneten, stand ihm eine Mehrheit der schreibenden Zunft, die dem gesellschaftspolitischen Konservatismus des Estado Novo des Präsidentendiktators Getúlio Vargas folgte, klar ablehnend gegenüber. Für sie stellte der Fußball eine Katastrophe dar, die über die weibliche Jugend der Nation herfallen würde (calamidade prestes a desabar na juventude feminina do Brasil). Regelmäßig wurden in ihren Blättern die Behörden zu einem Einschreiten gegen Fußball spielende Frauen aufgefordert. So wurden erstmals im April 1940 in Belo Horizonte Fußballspielerinnen verhaftet, kurz nachdem hier das erste offizielle Frauenfußballspiel ausgetragen wurde (Diário da Tarde, 20. April 1940). In Rio de Janeiro wurden am 11. Januar 1941 die Spielerinnen des Primavera AC (gegr. am 4. Mai 1940 von Dissidenten des SC Brasileiro) verhaftet und nach zwei Tagen frei gelassen. mini|Das Estádio do Pacaembu in São Paulo, 2018. Die Begegnung des Casino do Realengo und des SC Brasileiro (2:0) im kurz zuvor eröffneten Estádio do Pacaembu in São Paulo am 17. Mai 1940 vor 65.200 Zuschauern als Vorspiel einer Begegnung der Männer des São Paulo FC und dem CR Flamengo sollte sich als das Schicksalsspiel des Frauenfußballs in Brasilien erweisen (Correio Paulistano, 19. Mai 1940). Allein die Ankündigung dieses Spiels hatte ablehnende Berichte in der Presse provoziert und zu eingehenden Beschwerden bei Präsident Vargas geführt, der bei der Eröffnung des Stadions am 27. April noch persönlich zugegen war, die eine Verhinderung dieses Spiels forderten. Bereits am 7. Mai im Diário da Noite wurde der offene Brief des Bürgers José Fuzeira aus Rio de Janeiro an den Präsidenten veröffentlicht, der mittels einer medizinischen Argumentation ein Verbot dieser Partie forderte, da die gewalttätige Natur des Fußballsports die Gesundheit der Frauen, ihrer zukünftigen Kinder und damit der brasilianischen Nation gefährden würde.

Auf solche Stimmen berufend, erließ Präsident Vargas per Gesetzesdekret am 14. April 1941 (Decreto-Lei No. 3.199, Art. 54) ein Verbot zur Praktizierung von Sportarten für Frauen, die „unvereinbar mit ihrer natürlichen Beschaffenheit“ (incompativeis com as condições de sua natureza) seien.Vgl. Câmara dos Deputados: Legislação Informatizada - DECRETO-LEI Nº 3.199, DE 14 DE ABRIL DE 1941. Obwohl in diesem Dekret keine Sportart mit diesem Kriterium explizit benannt wurde, distanzierten sich in der Folge die Verbände und etablierten Vereine vom Frauenfußball, der danach in keinem organisierten Rahmen mehr stattfand. Fußball spielende Frauen waren danach nur noch als Jahrmarktattraktion, oder bei Benefizveranstaltungen zu sehen, die einer gerichtlichen Genehmigung bedurften. Die seit 1964 herrschende Militärdiktatur berief sich erneut auf das Verbotsdekret von 1941, worauf der nationale Sportrat CND im Jahr darauf die vereinsmäßige Organisierung diverser Sportarten für Frauen ausdrücklich verbot, die nur noch in öffentlich nicht zugänglichen Bereichen ausgeübt werden durften. Neben dem nun explizit benannten Fußball, betraf dies nahezu alle kontaktintensiven Mannschaftssportarten.

Aufhebung des Banns 1979

Im siebten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts brachen unter dem auch in Brasilien aufkommenden gesellschaftlichen Liberalismus alte konservative Gewissheiten und der gegen Frauen gerichtete Sportbann wurde zunehmend in Frage gestellt. So organisierte im August 1976 die katholische Gemeinde des Bezirks Santa Lúcia do Piaí in Caxias do Sul anlässlich der Feierlichkeiten zu ihrer Schutzpatronin ein öffentliches Frauenfußballturnier. Nur wenige Monate darauf gründeten in derselben Stadt die Arbeiterinnen der Textilfabrik Três Marias ein Fußballteam.

Noch unter der Militärherrschaft wurde 1977 auf Vorschlag des Senators Nelson Carneiro (1910–1996) eine parlamentarische Untersuchungskommission (CPI) einberufen, die aus einundzwanzig Männern und einer Frau, Abgeordnete Lygia Lessa Bastos, zusammengesetzt war, welche die Argumente des Verbotsdekrets von 1941 auf ihre Plausibilität prüfen sollte. Nach Anhörung diverser Experten und Berater, darunter die ehemalige Profischwimmerin Maria Lenk, stellte die Kommission die Haltlosigkeit der Argumentation heraus, worauf der CND 1979 das Dekret aufhob und dazu nun erklärte, dass Frauen grundsätzlich alle Sportarten praktizieren und organisieren können. Dieses Urteil fand allerdings keine ungeteilte Zustimmung.

Neuanfang 1983

Nachdem der CND 1983 entsprechende Regularien erlassen hatte, wurden noch im selben Jahr die ersten Wettbewerbe für Frauenmannschaften ausgerichtet. In den Bundesstaaten Rio de Janeiro, Rio Grande do Sul, Goiás und Pará wurden die ersten offiziellen Staatsmeisterschaften ausgetragen, gefolgt im Jahr darauf in Bahia und Amazonas. Ebenfalls 1983 wurde mit der Taça Brasil ein erstes Wettbewerbsformat initiiert, das einen nationalen Anspruch erfüllen sollte. Einige der etablierten Spitzenvereine des Landes hatten dazu erstmals eigene Frauenteams gebildet. Doch das Spiel der Frauen im ersten Jahrzehnt nach dem Ende des Banns verharrte auf Amateurniveau und blieb hauptsächlich in den großen Metropolen an der Küste geografisch beschränkt. Von Medien und der Öffentlichkeit kaum beachtet und mit einem entsprechend geringen Interesse durch Sponsoren versehen, fand der Frauenfußball in den führenden Vereinen und Verbänden, insbesondere im mitgliedsstärksten Landesverband von São Paulo (FPF) kaum Unterstützung.

Gleiches galt auch für den nationalen Fußballverband CBF, der sich an der Organisierung eines landesweiten Wettbewerbs nicht interessiert zeigte. Für das erste offizielle Länderspiel anlässlich der Mundialito („kleine Weltmeisterschaft“) 1986 in Italien, ließ er unter seinem Logo das Team des EC Radar auflaufen.

Etablierung ab 1997