Der Konjunktiv (aus spätlateinisch , eigentlich „eine der Satzverbindung dienende Aussageweise“ zu lat. ) ist im Deutschen neben dem Indikativ und dem Imperativ einer der drei Modi eines Verbs. Da Aussagen im Konjunktiv in der Regel in den Bereich des Nicht-Wirklichen fallen, wird er traditionell auch als Möglichkeitsform bezeichnet. Der Konjunktiv hat jedoch nicht die Funktion, anzuzeigen, dass etwas möglich ist.

Im Deutschen gibt es zwei Arten des Konjunktivs, die jeweils in die Zeitstufen der Gegenwart, der Vergangenheit und der Zukunft untergliedert sind:

Der Konjunktiv I wird hauptsächlich in der indirekten Rede verwendet. Der Konjunktiv II wird unter anderem in Konditionalsätzen gebraucht. Zudem wird er als Ersatz für den Konjunktiv I in der indirekten Rede verwendet, wenn die Form des Konjunktivs I mit der Form des Indikativ Präsens identisch ist.

In manchen Funktionsarten kann in der deutschen Standardsprache statt eines Konjunktivs auch der Indikativ verwendet werden.

Konjunktiv I Der deutsche Konjunktiv I geht der Form nach auf den indogermanischen Optativ Präsens zurück, der in den germanischen Sprachen die Funktion des Konjunktivs übernommen hat (Optativsuffix *-yéh₁-, ablautend mit *-ih₁-´, lautgesetzlich verallgemeinert german. *-ī-; so stets beim Konjunktiv II, bei dem dieses german. *-ī- an den Perfektstamm antritt; für thematische Verben gilt: Themavokal *-o-/-ó- + Optativsuffix *-ih₁- > -o-yh₁-/-ó-yh₁-, immer mit Sekundärendungen). Den in anderen indogermanischen Folgesprachen aufzufindenden Konjunktiv – thematisch mit -é-Stufe der Wurzel – gibt es im Germanischen nicht.Werner Besch (Hrsg.): Sprachgeschichte: ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. Band 2. de Gruyter, Berlin/New York 2003, S. 2511.

Bildung des Konjunktivs I Die Formen des Konjunktivs I werden vom Wortstamm der Grundform (des Infinitivs) gebildet:

An den Stamm (Infinitiv minus -(e)n: lauf·en, sei·n) werden dieselben Personalendungen angefügt, die im Präteritum der schwachen Verben nach -t- angefügt werden.Peter Eisenberg: Grundriss der deutschen Grammatik, S. 186. Die einzige Ausnahme ist das Verb sein, welches keine Endung in der 1. und 3. Person hat.

Nachfolgend die Personalendungen des Konjunktivs I sowie die beispielhafte Konjugation von sein, haben, können, müssen, wissen, wollen und den regelmäßigen Verben installieren und reden:

sein haben können müssen wissen wollen installieren redenP/NEndungInd.Konj. IInd.Konj. IInd.Konj. IInd.Konj. IInd.Konj. IInd.Konj. IInd.Konj. IInd.Konj. I ich -e bin sei habe habe kann könne muss müsse weiß wisse will wolle installiere installiere rede rede du -est bist seiest hast habest kannst könnest musst müssest weißt wissest willst wollest installierst installierest redest redest er/sie/es -e ist sei hat habe kann könne muss müsse weiß wisse will wolle installiert installiere redet rede wir -en sind seien haben haben können können müssen müssen wissen wissen wollen wollen installieren installieren reden reden ihr -et seid seiet habt habet könnt könnet müsst müsset wisst wisset wollt wollet installiert installieret redet redet sie -en sind seien haben haben können können müssen müssen wissen wissen wollen wollen installieren installieren reden reden

Nur wenige Verben unterscheiden sich im Konjunktiv I relativ stark von ihren Indikativ-Präsens-Formen (wie sein, haben, können, müssen, wissen oder wollen; in der 1. und 3. Person Plural tritt – mit der singulären Ausnahme sind / seien – nie ein Unterschied auf). Im Falle von reden erscheint nur in der 3. Person Singular eine formal verschiedene Form. Eine Unterscheidung kommt nur zustande, wenn die Personen des Indikativs Präsens von der regelmäßigen Konjunktiv-I-Bildung abweichen – der Konjunktiv I selbst ist eine durchgehend regelhaft flektierende grammatische Kategorie.Duden. Sprachliche Zweifelsfälle. 9. Auflage, 2021, S. 498, 600–602.

Weitere Zeiten und z. B. das Vorgangspassiv können gebildet werden, indem die benötigten Hilfsverben „sein“, „haben“ oder „werden“ in den Konjunktiv I gesetzt werden:

Aktiv Vorgangspassiv Indikativ Konjunktiv I Indikativ Konjunktiv I Präsens Du gehst Er sagte, dass du gehest Du wirst getragen Er sagte, dass du getragen werdestPerfektDu bist gegangenEr sagte, dass du gegangen seiestDu bist getragen wordenEr sagte, dass du getragen worden seiestFutur IDu wirst gehenEr sagte, dass du gehen werdestDu wirst getragen werdenEr sagte, dass du getragen werden werdestFutur IIDu wirst gegangen seinEr sagte, dass du gegangen sein werdestDu wirst getragen worden seinEr sagte, dass du getragen worden sein werdest

Verwendung des Konjunktivs I Indirekte Rede Der Konjunktiv I wird – vor allem in der Schriftsprache – in der indirekten Rede verwendet. Die sprachliche Äußerung einer Person kann von einem Berichtenden indirekt vermittelt werden (indirekte Rede, seltener: abhängige Rede, ). Durch diesen Modus wird kenntlich gemacht, dass nicht die eigene Meinung oder Wahrnehmung, eine eigene Frage oder ein eigener Wunsch berichtet, sondern die Äußerung eines Dritten wiedergegeben wird. Die indirekte Rede wird häufig in Protokollen, Berichten oder Ähnlichem verwendet. Bei der indirekten Rede gerät die Rede in Abhängigkeit von Verben des Sagens, des Fragens (auch: indirekte Frage) oder des Wünschens (auch: indirekter Wunsch).

„Mein Bekannter sagt, er habe geheiratet.“

„Zum Zweck der Entschließung, ob zu handeln sei, hat er die Notwendigkeit genau zu prüfen.“ (indirekte Frage)

„Der Gläubiger stellt beim Gerichtsvollzieher den Antrag, dass die Zwangsvollstreckung betrieben werde.“ (indirekter Wunsch)

In der indirekten Rede verwendet man in der Regel die Form des Konjunktivs I (). Wenn die Formen des Indikativs und des Konjunktivs I gleich sind, wird auf die Formen des Konjunktivs II zurückgegriffen, um die Mittelbarkeit des Gesagten zu verdeutlichen. Sind auch die entsprechenden Konjunktiv-II-Formen identisch mit Indikativformen, so kann die entsprechende Konjunktiv-II-Form mit „würde“ benutzt werden. Eine Formengleichheit zwischen den Formen des Indikativs und des Konjunktivs I besteht im Standarddeutschen immer in der 1. und 3. Person Plural (wir/sie) und meist (bei regelmäßigen Verben immer) in der 1. Person Singular (ich). In deutschen Dialekten können dagegen Verbformen des Indikativs und des Konjunktivs I unterschiedlich lauten, die im Standard-Deutschen gleich sind: zum Beispiel schwäbisch i hab (Indikativ) und i häb (Konjunktiv I) als Formen der 1. Person Singular des Verbs haben (ich habe).Henning Petershagen: Schwäbisch Offensiv – I häb. In: Südwest Presse, Schwäbische Donauzeitung, Ausgabe Ulm-Land, Ausgabe vom 12. März 2016, S. 36. Am häufigsten werden in indirekter Rede Aussagen in der 3. Person wiedergegeben.

Zum Ausdruck der Vorzeitigkeit des Geschehens wird die Vergangenheitsform (Perfekt-Form) des Konjunktivs I, bei Ausdruck der Gleichzeitigkeit die Gegenwartsform (Präsens-Form) des Konjunktivs I, zur Darstellung einer Nachzeitigkeit die Zukunftsform (Futur-Form) des Konjunktivs I verwendet. Der Konjunktiv I nimmt im Deutschen nicht die Tempusform an, die der Hauptsatz aufweist. Als Bezugspunkt für die Beurteilung der Nach-, Gleich- und Vorzeitigkeit ist der Zeitpunkt der Äußerung durch den Dritten maßgeblich. Es ist nicht auf den Zeitpunkt der indirekten Wiedergabe abzustellen.

Für den Konjunktiv I stehen daher nur drei Zeitformen zur Verfügung, die im Folgenden an Beispielen erklärt werden.

Gleichzeitigkeit von Geschehen und Wiedergabe durch den Dritten Tom sagt: „Ich gehe heute ins Kino.“ (= direkte Rede)

wird zu:

Tom sagt, er gehe heute ins Kino. (= indirekte Rede mit Hilfe einer Konjunktiv-I-Form; wegen der Gleichzeitigkeit des Geschehens mit der Äußerung Toms wird die Zeitform des Konjunktivs I genommen, die sich am Indikativ Präsens orientiert)

Tom sagte gestern: „Ich gehe ins Kino.“ (= direkte Rede)

wird zu:

Tom sagte gestern, dass er ins Kino gehe. (= indirekte Rede mit Hilfe einer Konjunktiv-I-Form; wegen der Gleichzeitigkeit von Geschehen und Äußerung durch Tom ist Konjunktiv I Präsens richtig)

Tom berichtet: „Wir gehen in die Schule.“ (= direkte Rede)

wird zu:

Tom berichtet, dass sie in die Schule gehen würden. (= indirekte Rede mit Hilfe der Konjunktiv-II-Form und „würde“, orientiert am Indikativ Präteritum; Konjunktiv I, orientiert am Indikativ Präsens, wäre „sie gehen“, da dies mit der Indikativform identisch ist, versucht man die Konjunktiv-II-Form, diese wäre „sie gingen“, auch diese entspricht dem Indikativ, also kann man die Ersatzform mit „würde“ wählen)

Vorzeitigkeit des Geschehens in Bezug auf die Wiedergabe durch den Dritten Tom erzählt: „Wir waren gestern im Schwimmbad.“ (= direkte Rede)

wird zu:

„Tom erzählt, dass sie gestern im Schwimmbad gewesen seien.“ (= indirekte Rede; der Besuch des Schwimmbads war vor dem Bericht Toms; daher bedient man sich einer Konjunktiv-I-Form, die sich am Indikativ Perfekt orientiert)

Nachzeitigkeit des Geschehens in Bezug auf die Wiedergabe durch den Dritten Tom berichtete: „Daniel wird gleich in die Schule gehen.“ (= direkte Rede)

wird zu:

„Tom berichtete, dass Daniel gleich in die Schule gehen werde.“ (= indirekte Rede; der Gang in die Schule ist dem Bericht durch Tom zeitlich nachgelagert; richtig ist daher der Konjunktiv I Futur)

Andere Verwendungen Außerdem bildet er die Wunschform (Optativ) der 1. und 3. Person Singular und Plural, wobei oft die Wortstellung invertiert wird:

„Es lebe der König!“ „Dein Reich komme, Dein Wille geschehe.“

Zuweilen kommt es hierbei auch zu einer alternativen Satzstellung:

„Bleibe die Liebe dir treu!“ „Möge das Glück dich begleiten!“ (hier mit dem Modalverb mögen)

Konjunktiv I ist auch bei der Aufforderungsform (Jussiv) an die 3. Person Singular im Gebrauch:

„Man nehme, wenn man hat, ein halbes Pfund Butter.“

In mathematischen Texten Überproportional häufig findet man den Konjunktiv I auch in mathematischen Beweisen oder Fragestellungen. Auf diese Art werden einerseits oft die Voraussetzungen (Variablennamen, Zahlenbereiche, Beziehungen zwischen den vorkommenden Größen oder deren Eigenschaften …) angegeben, die die für die nachfolgende Argumentation gelten sollen, aber im Allgemeinen nicht zwingend wahr sind. Andererseits wird der Konjunktiv I häufig für die indirekte Aufforderung (vgl. Jussiv) zum Lösen eines mathematischen Problems verwendet:

„Es seien und zwei reelle Zahlen und es gelte . Man zeige, dass es eine rationale Zahl gibt, sodass .“

Diese gängige Sprechweise in der obigen Aufgabenstellung lässt erkennen, dass mit den Symbolen und nicht immer zwingend reelle Zahlen gemeint sind – in dieser Aufgabe aber schon. Weiters gilt natürlich auch nicht für alle Paare und reeller Zahlen, dass – aber in dieser Aufgabe wird diese Beziehung für den weiteren Argumentationsweg festgelegt. Statt „Man zeige, dass...“ finden sich in solchen Aufgabenstellungen auch häufig die Formulierungen „Es ist zu zeigen, dass...“ oder „Beweisen Sie, dass...“.

Konjunktiv II Der Konjunktiv II bezeichnet die Nichtwirklichkeit (das Irreale) und steht vor allem in konditionalen Satzgefügen, in irrealen Konsekutivsätzen, in Vergleichssätzen oder wird als Ersatz für den Konjunktiv I in der indirekten Rede verwendet,Hadumod Bußmann: Lexikon der Sprachwissenschaft Kröner, Stuttgart 1990, S. 407. falls die Form des Konjunktivs I mit dem Indikativ Präsens identisch ist. Aus sprachgeschichtlicher Sicht handelt es sich beim Konjunktiv II um den Optativ des Perfekts: An die Perfektform tritt das Optativsuffix *-yéh₁-, ablautend mit *-ih₁-´, an; dieses wird als lautgesetzlich > german. *-ī- verallgemeinert.

Bildung des Konjunktivs II