mini|200px|alt=|Auszug aus der Liste der deportierten Jüdinnen und Juden aus Mainz bei der dritten Deportation am 30. September 1942 Die Deportation von Juden aus Mainz war die systematische Verschleppung Mainzer Jüdinnen und Juden in Ghettos oder Vernichtungslager zur Zeit des Nationalsozialismus. Die Deportation von Juden aus Deutschland fand im Rahmen der „Endlösung der Judenfrage“, wie die seit Mitte 1941 geplante physische Vernichtung des jüdischen Volkes im nationalsozialistischen Deutschland verschleiernd genannt wurde, statt. Es begann bei den jüdischen Personen in Mainz im März 1942 mit der ersten und zahlenmäßig umfangreichsten Deportation. Weitere Transporte folgten im Herbst des Jahres und im Februar 1943. Insgesamt wurden circa 1130 Jüdinnen und JudenDie Stadt Mainz spricht in ihrer Pressemeldung vom Juli 2025 zum Baubeginn des Gedenkortes für die Deportationen von genau 1131 deportierten Personen, es gibt aber bei einigen Deportationen unterschiedliche Zahlenangaben. aus Mainz anfangs in das Zwischenlager Piaski und später nach Theresienstadt oder direkt nach Auschwitz oder Treblinka deportiert. Die meisten Deportierten wurden in einem der Ghettos oder Vernichtungslager entweder ermordet oder starben aufgrund Hungers, Zwangsarbeit oder Krankheit. Auch entzogen sich gerade vor den beiden fast zeitgleich stattfindenden Deportationen im September 1942 viele jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger durch Suizid ihrer Deportation. Von den 1942 bis 1944 deportierten Menschen überlebten nur wenige Personen. Aus Theresienstadt kehrte im Juli 1945 eine Gruppe von 24 Personen nach Mainz zurück. Einer von ihnen, Max Waldmann, wurde später erster Vorsitzender der neu gegründeten jüdischen Gemeinde in Mainz.

Lage der Mainzer Jüdinnen und Juden vor 1942 Vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten bekannten sich 2609 Mainzerinnen und Mainzer zum jüdischen Glauben.Heinz Leiwig: Von der Machtergreifung bis zur Währungsreform. Mainz 1933 bis 1948. Hermann Schmidt, Mainz, 2. Auflage 1987, S. 30. Die Restriktionen gegenüber der jüdischen Bevölkerung in Mainz nahmen seit 1933 stetig zu. Vor allem die Nürnberger Gesetze 1935, die Ereignisse der Novemberpogrome 1938 und der Beginn des Zweiten Weltkriegs sorgten für drastische Verschlechterungen ihrer Lage.

Von 1933 bis 1941 konnten jüdische Menschen aus Mainz ins Ausland emigrieren. Zwischen 1933 und 1938 waren dies beispielsweise über 200 junge jüdische Männer und Frauen im Alter zwischen 15 und 30, die vornehmlich ins Völkerbundsmandat Palästina oder in die Vereinigten Staaten auswanderten.Hedwig Brüchert: Nationalsozialistischer Rassenwahn. Entrechtung, Verschleppung und Ermordung der Mainzer Juden, Sinti und geistig behinderten Menschen. S. 6. Neben den eher jüngeren Menschen, denen oft die Perspektive für ihre Zukunft fehlte, waren es auch die politisch und kulturell aktiven Jüdinnen und Juden, die durch ihre Tätigkeit in der Öffentlichkeit stark exponiert waren.Hedwig Brüchert-Schunk: In alle Winde zerstreut - Mainzer Juden in der Emigration. Bei auswanderung-rlp.de Dazu gehörten beispielsweise Hans Gál, Max Tschornicki, Heinrich Rosenhaupt oder Ludwig Epstein und sein Neffe Alfred Epstein. Finanziell besser gestellte und oft schon ältere jüdische Mitbewohnerinnen und Mitbewohner emigrierten oft später und erst nach Arisierungsmaßnahmen.Mainz im Nationalsozialismus 1933-1945.. regionalgeschichte.net Dies waren unter anderem Eugen Schönberger, der 1938 fast eine Million Reichsmark Reichsfluchtsteuer bezahlen musste, oder die Geschäftsleute Eugen Salomon und Julius Lahnstein, Besitzer des Kaufhauses Lahnstein, eines der größten Mainzer Einzelhandelsunternehmen.Stadt Mainz (Hrsg.): Magenza. 1000 Jahre jüdisches Leben am Rhein. Eigenverlag Stadt Mainz, 2020.

Nach den Ereignissen vom 9. auf 10. November 1938, die auch internationale Beachtung fanden, nahmen Länder wie das Vereinigte Königreich, die Schweiz oder die Benelux-Staaten in verstärktem Umfang zumindest jüdische Kinder auf, nicht aber deren Eltern.In den meisten Ländern herrschte in den späten 1930er Jahren eine Einreisebeschränkung für erwachsene jüdische Flüchtlinge oder zumindest eine strenge Kontingentierung Ab Dezember 1938 lief die Aktion „Kindertransport“, bei der bis Kriegsbeginn jüdische Kinder in das Ausland verbracht wurden. Aus Mainz wurden zwischen Dezember 1938 und Juli 1939 circa 60 Jungen und Mädchen im Alter von 4 bis 17 Jahren verschickt. Mindestens 24 Kinder gelangten nach England, 13 in die Schweiz, 11 in die Niederlande, 4 nach Belgien und 4 nach Frankreich.Hedwig Brüchert: Nationalsozialistischer Rassenwahn. Entrechtung, Verschleppung und Ermordung der Mainzer Juden, Sinti und geistig behinderten Menschen. S. 7. Zumindest die nach England und in die Schweiz verschickten jüdischen Kinder entgingen damit den vier Jahre später folgenden Deportationen. Auch überlebten mehrere aus Mainz stammende Kinder in den Niederlanden und in Belgien in Verstecken bei Bauern den Krieg und den Holocaust.Hedwig Brüchert: Nationalsozialistischer Rassenwahn. Entrechtung, Verschleppung und Ermordung der Mainzer Juden, Sinti und geistig behinderten Menschen. S. 9.

Andere blieben und hofften auf bessere Zeiten oder konnten sich eine Emigration finanziell nicht leisten. Nach 1938 lebten in Mainz hauptsächlich noch Jüdinnen und Juden der mittleren oder älteren Generation, circa 40 % davon waren über 60 Jahre alt.Hedwig Brüchert (Hrsg.): Magenza. 1000 Jahre jüdisches Mainz. S. 89. Im Februar 1941 wurde schließlich die Ausreise aus dem Deutschen Reich und damit die Möglichkeit einer Emigration weitestgehend verboten. Kurz darauf begannen die ersten Deportationen deutscher Jüdinnen und Juden „in den Osten“. Anfang Februar 1942 zählte die Jüdische Gemeinde in Mainz noch 1336 Menschen.Webseite: Statistik des Holocausts – Mainz/Darmstadt nach Piaski (Aufruf: 29. Januar 2026)

Grundlage und Organisation der Deportationen Der Beginn der Deportation Mainzer Jüdinnen und Juden fand im Rahmen einer so genannten „dritten Deportationswelle“ mit insgesamt 43 sicher nachzuweisenden Transporten statt.Alfred Gottwaldt, Diana Schulle: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich von 1941–1945. Eine kommentierte Chronologie. S. 138. Vorher erfolgten bereits 52 Transporte an andere Orte im Reichsgebiet, im Generalgouvernement (Ghetto Litzmannstadt) oder in Südfrankreich (Gurs, im Rahmen der Wagner-Bürckel Aktion). Diese hatte zum Ziel, die noch im „Altreich“ vorhandenen 131.800 Juden (sowie die 43.700 in der OstmarkDer Begriff „Ostmark“ wird in der nationalsozialistischen Zeit teilweise für unterschiedliche geographische Regionen verwendet. Im Kontext ist hier das 1937 angeschlossene Österreich gemeint, das bis einschließlich 1942 so genannt wurde. und 74.200 im sogenannten Protektorat Böhmen und Mähren) in die Ostgebiete zu deportieren. Dazu versendete Adolf Eichmann, Leiter des Referats IV B 4 (Judenangelegenheiten, Räumungsangelegenheiten) im Amt IV des Reichssicherheitshauptamts (RSHA), am 31. Januar 1942 ein Rundschreiben an alle Staatspolizeileitstellen/Staatspolizeistellen im Altreich, in Wien sowie an die Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien.Alfred Gottwaldt, Diana Schulle: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich von 1941–1945. Eine kommentierte Chronologie. S. 140 ff.Geheimer Schnellbrief Reichssicherheitshauptamt betr. Evakuierung von Juden, Az. IV B 4-2093/42g (391) vom 31. Januar 1942. - Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz (PDF, 1,57 MB). In diesem Schreiben, das bestimmend für die weitere Entwicklung der Deportationen war,Alfred Gottwaldt, Diana Schulle: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich von 1941–1945. Eine kommentierte Chronologie. S. 139. wurde die grundlegende Vorgehensweise für die Personenauswahl bei der nächsten großen Deportationswelle präzise dargelegt. Gleichzeitig erstellte das Referat IV B 4 des RSHA genaue „Richtlinien zur technischen Durchführung der Evakuierung von Juden in das Generalgouvernement (Trawniki bei Lublin)“.Alfred Gottwaldt, Diana Schulle: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich von 1941–1945. Eine kommentierte Chronologie. S. 146.Reichssicherheitshauptamt: „Richtlinien zur technischen Durchführung der Evakuierung von Juden in das Generalgouvernement (Trawniki bei Lublin)“, Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Gestapo-Akten, Mikrofilm Nr. A28/2, Blatt 15-20.

Geheime Staatspolizei Die Organisation der Deportationen von jüdischen Menschen aus dem südlichen Teil des Volksstaats Hessen, zu dem auch Mainz gehörte, oblag der Geheimen Staatspolizei Darmstadt – Staatspolizeistelle Darmstadt. Leiter dort – und damit Hauptverantwortlicher für alle aus Darmstadt abgehenden Deportationstransporte – war von Juni 1940 bis September 1942 Günter Fentz, Regierungsrat und SS-Hauptsturmführer. Er wurde abgelöst von Robert Mohr, Regierungsrat und SS-Sturmbannführer, unter dessen Leitung die Deportationen 1943 und Anfang 1944 stattfanden. Die Staatspolizeistelle Darmstadt übernahm offenbar die Deportationsvorbereitungen für das Stadtgebiet Mainz (das den größten Anteil der Jüdinnen und Juden bei den ersten beiden Deportationen stellen sollte) und das rheinhessische Umland selbst. In einem Bericht über seine Tätigkeit als jüdischer Verbindungsmann zwischen der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, Bezirksstelle Hessen, in Mainz und der hiesigen Gestapo-Außenstelle erklärte Michel Oppenheim im August 1946 ausdrücklich: „Die Durchführung des Transports im März 1942 lag in den Händen der Darmstädter Gestapo.“Michel Oppenheim: Bericht über meine Tätigkeit als Verbindungsmann zwischen der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, Bezirksstelle Hessen in Mainz, und der Geheimen Staatspolizei. 17. August 1946, S. 7., Stadtarchiv Mainz, NL Oppenheim, zitiert in: Monica Kingreen: Die Deportation der Juden aus Hessen 1940 bis 1945. Selbstzeugnisse – Fotos – Dokumente. S. 295. Wer von dem dortigen PersonalGeheime Staatspolizei Darmstadt – Staatspolizeistelle Darmstadt für die Leitung zuständig war, ist nicht bekannt. Auch bei der zweiten Deportation am 27. September 1942 nach Theresienstadt war die Gestapo Darmstadt verantwortlich. Hier war der Gestapo-Beamte, Kriminalrat und SS-Sturmbannführer Heinz Hellenbroich für die Planung und Durchführung verantwortlich.Monica Kingreen: Die Deportation der Juden aus Hessen 1940 bis 1945. Selbstzeugnisse – Fotos – Dokumente. S. 330 f. Hellenbroich war vor seiner Tätigkeit bei der Gestapo Darmstadt Mitglied beim Sonderkommando SK 4a der Einsatzgruppe C und später der stellvertretende Leiter der Staatspolizeistelle Darmstadt. Nach dem Krieg verurteilte ihn das US-Militärgericht Dachau wegen Beteiligung am Mord dreier amerikanischer Soldaten in Bensheim am 23. März 1945 im Rahmen der Fliegerprozesse zum Tod durch Erhängen. Das Urteil wurde am 15. Oktober 1948 in der Justizvollzugsanstalt Landsberg ausgeführt.Eintrag Ehemalige hessische Gestapozentrale in Bensheim