Alexander (; geboren wohl 36 v. Chr., gestorben 8/7 v. Chr.) war ein hasmonäisch-herodianischer Prinz, Sohn des judäischen Königs Herodes I. (73–4 v. Chr.) und dessen hasmonäischer Gemahlin Mariamne (54–29 v. Chr.). Lange als designierter Thronfolger geltend, verkörperte er für weite Bevölkerungskreise die Hoffnung auf eine Wiederherstellung der hasmonäischen Herrschaft, geriet jedoch mit seinem jüngeren Bruder Aristobulos zunehmend in den Sog innerdynastischer Konflikte am herodianischen Hof, in deren Verlauf beide der Verschwörung bezichtigt und wegen Hochverrats hingerichtet wurden.

Biographie Ausbildung und frühe Prägung Alexander wurde wahrscheinlich 36 v. Chr. geboren.Aryeh Kasher: King Herod. A Persecuted Persecutor, A Case Study in Psychohistory and Psychobiography, Berlin/New York 2007, S. 96, 114. Seine Mutter Mariamne entstammte dem hasmonäischen Herrscherhaus, das Herodes durch die Heirat dynastisch zu integrieren suchte; sie war die Tochter Alexanders, eines Sohnes des Aristobulos II., und der Alexandra, Tochter des Fürsten Hyrkanos II. 42 v. Chr. arrangierte ihre Mutter Alexandra die Ehe der damals zwölfjährigen Tochter mit dem aufstrebenden Herodes, um den Untergang der Dynastie abzuwenden.Iosephus, bellum Iudaicum 1,12,3 (241); antiquitates Iudaicae 14,12,1 (300). Aryeh Kasher: King Herod. A Persecuted Persecutor, A Case Study in Psychohistory and Psychobiography, Berlin/New York 2007, S. 51–56. Die Eheschließung erfolgte erst 37 v. Chr. in Samaria, nach Herodes’ Annahme der Königswürde.Iosephus, bellum Iudaicum 1,17,8 (344); antiquitates Iudaicae 14,15,14 (467). Aus der Ehe gingen neben Alexander und Aristobulos ein früh verstorbener weiterer Sohn sowie die Töchter Salampsio und Kypros hervor.Iosephus, bellum Iudaicum 1,22,2 (435). Die Verbindung blieb spannungsreich: Herodes liebte Mariamne zwar leidenschaftlich, doch vermochte sie weder seine Verantwortung für die Ausrottung ihrer Familie noch seine Herrschaft auf deren Kosten zu vergessen; hinzu kamen Konflikte mit Herodes’ Mutter und seiner Schwester Salome.Iosephus, bellum Iudaicum 1,22,2–3 (436–438); antiquitates Iudaicae 15,17,4 (220–222). 29. v. Chr. wurde Mariamne – verleugnet von Schwiegermutter, Schwägerin und zuletzt der eigenen Mutter – wegen angeblicher Untreue und Verschwörung auf Herodes’ Veranlassung hingerichtet;Iosephus, bellum Iudaicum 1,22,3 (438–439); 22,5 (443); antiquitates Iudaicae 15,17,4–5 (223–236). die Tötung der Mutter weckte in den Söhnen einen tiefsitzenden, stetig wachsenden Hass auf den Vater.Iosephus, bellum Iudaicum 1,23,1 (445); antiquitates Iudaicae 16,3,1 (66–67).

Um 23 v. Chr.Aryeh Kasher: King Herod. A Persecuted Persecutor, A Case Study in Psychohistory and Psychobiography, Berlin/New York 2007, S. 246. wurden Alexander und Aristobulos zur Vollendung ihrer aristokratischen Erziehung nach Rom entsandt, wo sie im Haus eines gewissen Pollio wohnten,Die Identifizierung des genannten Pollio ist umstritten; vermutlich handelt es sich um den Konsul des Jahres 40 v. Chr. So Louis H. Feldman: Asinius Pollio and His Jewish Interest. In: Transactions and Proceedings of the American Philological Association 84 (1953), S. 73–80; ders.: Asinius Pollio and Herod’s Sons. In: The Classical Quarterly 35/1 (1985), S. 240–43; für divergierende Meinungen vgl. David Braund: Four Notes on the Herods. In: The Classical Quarterly 33/1 (1983), S. 239–42. obgleich Augustus ihnen bot, unter seinem Dach zu leben. Der Aufenthalt sollte ihnen wohl vor allem den persönlichen Umgang mit Kaiser und Hof ermöglichen und sie mit den römischen Verhältnissen vertraut machen;Iosephus, bellum Iudaicum 1,23,1 (445); antiquitates Iudaicae 15,10,1 (342–343); 16,1,2 (6); Aryeh Kasher: King Herod. A Persecuted Persecutor, A Case Study in Psychohistory and Psychobiography, Berlin/New York 2007, S. 207f.; Walter Otto: Herodes. Beiträge zur Geschichte des letzten jüdischen Königshauses, Stuttgart 1913, Sp. 71f. 18/17 v. Chr. reiste Herodes selbst nach Rom, um den Princeps aufzusuchen und seine Söhne nach Jerusalem zurückzuführen.Iosephus, antiquitates Iudaicae 16,1,2 (6); Aryeh Kasher: King Herod. A Persecuted Persecutor, A Case Study in Psychohistory and Psychobiography, Berlin/New York 2007, S. 246.

Vermählung und erste Konflikte mit dem Vater Bald nach der Rückkehr nach Jerusalem im Herbst 17/16 v. Chr.Aryeh Kasher King Herod. A Persecuted Persecutor, A Case Study in Psychohistory and Psychobiography, Berlin/New York 2007, S. 246. wurde Alexander mit Glaphyra, der Tochter des kappadokischen Königs Archelaos, vermählt,Iosephus, bellum Iudaicum 1,23,1 (446); 24,2 (476); antiquitates Iudaicae 16,4,1 (97); 17,1,2 (12). Aristobulos hingegen mit seiner Cousine Berenike, der Tochter von Herodes’ Schwester Salome.Iosephus, bellum Iudaicum 1,23,1 (446); antiquitates Iudaicae 16,4,1 (97); 17,1,2 (12). Aus der Ehe des Aristobulos mit der Salome gingen drei Söhne und zwei Töchter hervor; zu seinen Nachkommen vgl. Nikos Kokkinos: The Herodian Dynasty. Origins, Role in Society and Eclipse, Sheffield 1998, S. 264–341. Während Alexanders Ehe mit der Glaphyra vor allem dem äußeren dynastischen Ansehen diente, zielte die des Aristobulos auf die innere Festigung der Herrschaft durch engere Verschränkung von Idumäern und Hasmonäern – ebenso wie später die Ehe von Herodes’ ältestem Sohn Antipatros mit der Tochter des letzten hasmonäischen Königs Antigonos.Iosephus, antiquitates Iudaicae 17,5,2 (92); Walter Otto: Herodes. Beiträge zur Geschichte des letzten jüdischen Königshauses, Stuttgart 1913, Sp. 132.

Aus der Ehe Alexanders mit Glaphyra gingen zwei Söhne hervor, Alexander und Tigranes; welcher der ältere war, bleibt wegen widersprüchlicher Angaben bei Josephus ungeklärt; Kokkinos hat für Alexander als Erstgeborenen plädiert.Nikos Kokkinos: The Herodian Dynasty. Origins, Role in Society and Eclipse, Sheffield 1998, S. 246. Tigranes erlangte jedenfalls um 6 n. Chr. die Königswürde in Armenien, konnte sich aber nicht dauerhaft behaupten.Tigranes wurde nach der Ermordung des Artavasdes IV. von Augustus als König von Armenia eingesetzt; seine Herrschaft hatte jedoch keinen Bestand. Um 12 n. Chr. verlor er die Krone wieder und hielt sich anschließend in Rom auf, wo er um 36 wegen eines Majestätsverbrechens hingerichtet wurde; Res gestae divi Augusti 27; Tacitus, annales 6,40; Nikos Kokkinos: The Herodian Dynasty. Origins, Role in Society and Eclipse, Sheffield 1998, S. 258–63; Martin Schottky: Tigranes 6. In: Der Neue Pauly, Bd. 12,1, Stuttgart/Weimar 2002, Sp. 568. Auf Veranlassung Herodes’ wurde Alexander zunächst mit einer Tochter des Pheroras, des Bruders und Tetrarchen des Königs, verlobt; diese Verbindung wurde jedoch auf Betreiben des Antipater später wieder gelöst.Iosephus, bellum Iudaicum, 1,28,1 (552); 28,4–6 (561–566); antiquitates Iudaicae 17,1,2 (12–18); vgl. Nikos Kokkinos: The Herodian Dynasty. Origins, Role in Society and Eclipse, Sheffield 1998, S. 170, 247. Über sein weiteres Leben ist wenig bekannt: Er verfügte offenbar über Besitzungen in Ägypten und ehelichte eine namentlich nicht überlieferte Adlige. Sein nach seinem Bruder benannterIosephus, antiquitates Iudaicae 18,15,4 (140). Sohn Tigranes bestieg um 60 n. Chr. den armenischen Königsthron.Für die Nachkommen des Alexander vgl. insbes. Nikos Kokkinos: The Herodian Dynasty. Origins, Role in Society and Eclipse, Sheffield 1998, S. 246–63.

Nach Josephus genossen die Brüder wegen ihrer vornehmen Abstammung, ihres anmutigen Auftretens und ihrer Schönheit große Beliebtheit beim Volke, verbunden mit der Hoffnung auf eine Restauration der hasmonäischen Herrschaft.Iosephus, antiquitates Iudaicae 16,1,2 (7). Dem stand die Feindschaft rivalisierender Hofparteien gegenüber, allen voran Salomes, die in ihren Neffen mögliche Rächer Mariamnes und damit eine Bedrohung ihres eigenen Lebens erblickte. Die Prinzen bestanden beharrlich auf der Unschuld ihrer Mutter und wurden in Erinnerung an deren gewaltsames Ende zunehmend widerspenstig und verbittert. Während sie ihren Groll offen zeigten, streuten Salome und ihre Anhänger verdeckt Verleumdungen; schließlich erreichten Herodes Berichte, die Prinzen hegten Vergeltungspläne und suchten über den Kappadokerkönig Archelaos den Zugang zu Augustus.Iosephus, bellum Iudaicum 1,23,1 (446–447); antiquitates Iudaicae 16,1,2 (8–11); 3,1–2 (66–77).

Herodes beschloss daraufhin, die Brüder gezielt zu demütigen, indem er seinen ältesten, aus der Ehe mit seiner verstoßenen ersten Gattin Doris stammenden Sohn Antipater an den Hof zurückrief und fortan begünstigte – zunächst, ohne die Brüder ganz zu verdrängen, sondern um ihren Übermut zu zügeln und ihnen mahnend vor Augen zu führen, dass ihnen der Thron nicht zwangsläufig zufallen müsse.Iosephus, bellum Iudaicum 1,23,1 (447–448); antiquitates Iudaicae 16,3,3 (78–79). Doch nutzte Antipater seine neue Stellung sogleich, um gegen seine Halbbrüder zu intrigieren.Iosephus, bellum Iudaicum 1,23,2 (450–451); antiquitates Iudaicae 16,3,3–4,1 (81–90). Die wachsende Entfremdung und fortwährende Anschuldigungen führten 12 v. Chr. zu einer AnklageIosephus, bellum Iudaicum 1,23,3 (452–453); Iosephus, antiquitates Iudaicae 16,4,1–5 (90–129); zum Prozess vgl. Kimberley Czajkowski: Justice in Client Kingdoms. The Many Trials of Herod’s Sons. In: Historia 65/4 (2016), S. 473–96, hier: S. 474–76. Ort der Anhörung war entweder Aquileia oder Rom. Alexanders und Aristobulus’ vor Augustus,Im bellum erscheint es so, als sei lediglich Alexander vor Augustus geführt worden; Aryeh Kasher: King Herod. A Persecuted Persecutor, A Case Study in Psychohistory and Psychobiography, Berlin/New York 2007, S. 265. der zwar zunächst eine Versöhnung vermittelte,Iosephus, bellum Iudaicum 1,23,3 (454); antiquitates Iudaicae 16,4,4–5 (125–127). die jedoch nur kurzen Bestand hatte.

Weitere Auseinandersetzungen und Aussöhnung durch Archelaos Nach Josephus’ bellum JudaicumIosephus, bellum Iudaicum 1,23,4 (455). misstraute Herodes den Söhnen Mariamnes auch nach der Aussöhnung, sodass die Anschuldigungen Antipaters und anderer feindlicher Fraktionen weiterhin auf fruchtbaren Boden fielen.Iosephus, bellum Iudaicum 1,24,1–3 (467–480). Rund zwei Jahre nach dem römischen Prozess wurden erneut Vorwürfe gegen Alexander erhoben. Sie stützten sich auf unter Folter erpresste Aussagen dreier wegen ihrer Schönheit von Herodes geliebten EunuchenZu dieser Episode: Kimberley Czajkowski: Justice in Client Kingdoms. The Many Trials of Herod’s Sons. In: Historia 65/4 (2016), S. 477; sowie Aryeh Kasher: King Herod. A Persecuted Persecutor, A Case Study in Psychohistory and Psychobiography, Berlin/New York 2007, S. 301ff. die Alexander beschuldigten, sie zu einem Anschlag auf seinen Vater bestochen zu haben.Iosephus, bellum Iudaicum 1,24,7 (488–491); antiquitates Iudaicae 16,8,1 (229–234). Laut bellum hätten die Eunuchen unter Folter ausgesagt, Alexander habe sich wenig ehrerbietig über seinen Vater geäußert, seine Stellung als künftiger Thronfolger betont, Rache an seinen Feinden nach der Thronbesteigung angekündigt und verfüge über eine heimliche Gefolgschaft einflussreicher Männer;Iosephus, bellum Iudaicum 1,24,7 (488–491). die antiquitates schreiben ihm noch schärfer offen das Streben nach der Königswürde zu.Iosephus, antiquitates Iudaicae 16,8,1 (234). Die daraus folgenden Verfolgungen vermeintlich verdächtiger Höflinge schuf binnen kurzer Zeit ein Klima aus Panik, Misstrauen, Denunziation und Angst am herodianischen Hof.Iosephus, bellum Iudaicum 1,24,8 (492–494); antiquitates Iudaicae 16,8,2 (235–238).