Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933–1944 ist ein Standardwerk der Politischen Soziologie und Staatstheorie. Es wurde von Franz Neumann in den Jahren 1941 bis 1944 während seines Exils in den USA verfasst und wurde zuerst 1942, in erweiterter Form 1944 veröffentlicht. Die deutsche Übersetzung erschien 1977.

Inhalt Zum Titel In der jüdischen Eschatologie, die ihrerseits auf babylonische Ursprünge zurückgeht, wird von drei Ungeheuern berichtet, welche das Chaos beherrschen. Behemoth beherrscht das Land bzw. die Wüste, Leviathan die See und Ziz die Luft. Nach den apokalyptischen Schriften bekämpfen sich Behemoth und Leviathan und errichten kurz vor dem Ende der Welt eine Schreckensherrschaft. Nach beider Untergang kommt der Tag der Gerechtigkeit. Während der spätantike Kirchenvater Augustinus Behemoth mit dem Satan gleichsetzte, nahm der politische Denker Thomas Hobbes den Leviathan in der frühen Neuzeit als Metapher für den Staat als politisches Zwangssystem mit einem Rest von Herrschaft des Gesetzes; sein Behemoth hingegen schildert mit dem englischen Bürgerkrieg des 17. Jahrhunderts einen Unstaat, einen Zustand der Gesetzlosigkeit.

Neumann nimmt Bezug darauf, wenn er schreibt:

Der Zusammenbruch der Weimarer Republik Die Politik des deutschen Kaiserreichs verfolgte das Ziel imperialistischer Expansion durch den Ausbau militärischer Stärke. Der Bedrohung durch sozialistische Bestrebungen der Arbeiterbewegung suchte Reichskanzler Bismarck durch polizeiliche Unterdrückung sowie soziale Zugeständnisse entgegenzuwirken. Die preußische Bürokratie wurde zu einer Hochburg des Semi-Absolutismus umstrukturiert.Eckart Kehr: Das soziale System der Reaktion in Preußen unter dem Ministerium Puttkamer. In: E. Kehr: Der Primat der Innenpolitik. Hrsg. von Hans-Ulrich Wehler. Berlin 1965 Das Heer wurde zu einem Bollwerk der monarchischen Macht ausgebaut. Das Agrar- und Industriekapital söhnte sich aus durch die Einigung sowohl auf Schutzzölle für Agrarerzeugnisse wie auch für die Aufrüstung der Kriegsflotte.Eckart Kehr: Schlachtflottenbau und Parteipolitik 1894–1901. Berlin 1930 Diese Koalition der Mächtigen verfügte jedoch über keine allgemein anerkannte Rechtfertigung der staatlichen Souveränität.

Die deutsche Verfassung von 1919 übernahm das Friedensprogramm des US-Präsidenten Woodrow Wilson, vermied sonst aber, die neue Verfassung auf eine bestimmte politische Anschauung festzulegen. So sollte es statt Klassenkampf zu einer Zusammenarbeit der Klassen kommen, was der Ideologie der katholischen Zentrumspartei nahekam. In der Doktrin des Pluralismus wurde der Staat als ein bestimmter Zusammenschluss von Individuen unter vielen möglichen anderen betrachtet. Dadurch wurde der Staat der obersten Zwangsgewalt beraubt; der pluralistische Ausgleich der Interessen setzt damit eine gesellschaftliche Harmonie voraus, die die faktisch vorherrschende Ungleichheit an Macht und Einfluss unterschlug.

Am 10. November 1918 gingen Feldmarschall Paul von Hindenburg und der SPD-Führer Friedrich Ebert ein Bündnis „gegen den Bolschewismus“ ein. Mit dem Stinnes-Legien-Abkommen vom 15. November 1918 wurde die Schaffung einer „Zentralarbeitsgemeinschaft von Arbeitgebern und Arbeitnehmern“ vereinbart, wodurch die Voraussetzung zur Aushandlung von kollektiven Arbeitsverträgen geschaffen wurde. Die Weimarer Verfassung setzte somit im Wesentlichen Punkte um, die in Vereinbarungen durch maßgebliche gesellschaftliche Gruppen zuvor entschieden worden waren. Hauptstützen des pluralistischen Systems bildeten somit die sozialdemokratische Partei sowie die Gewerkschaften. Die anderen Gruppen wie Industrie, Justiz und Armee strebten demgegenüber ihre Interessen durchzusetzen, womit sie aufgrund der politischen Fehler der sozialdemokratischen Politiker zunehmend Erfolg hatten. Begünstigt durch Konzentrationsprozesse aufgrund von Krieg und Inflation sowie ständig unausgeschöpfte Produktionskapazitäten, wurde der Trend zur „Vertrustung“ der deutschen Wirtschaft verstärkt (Stinnes-Konzern, Vereinigte Stahlwerke, IG Farben). Dem Niedergang der Arbeiterbewegung durch wirtschaftliche Entwicklung und sozialstrukturellen Wandel in der Beschäftigtenstruktur entsprach ein Erstarken der politischen Bewegung der Konterrevolution, was sich insbesondere im Bereich der politischen Justiz offenbarte (signifikantes Beispiel ist die juristische Behandlung des Hitler-Putsches von 1923). Die Demokratie brach zusammen, weil sich sozialdemokratische Führung und Gewerkschaften gegenüber diesen Angriffen hilflos zeigten.

Die politische Struktur des Nationalsozialismus Die Ideologie des Nationalsozialismus verwirft mit ihrer großen inneren Inkohärenz alle traditionellen Lehren und Werte gegenüber einem fundamentalen Ziel: „die Diskrepanz zwischen den potentiellen und den bisherigen und gegenwärtig noch bestehenden Möglichkeiten der deutschen Industrieapparates durch einen imperialistischen Krieg zu lösen“. Nach außen wie nach innen war die nationalsozialistische Ideologie mit blankem Terror verschmolzen.

1935 gab Hitler öffentlich zu, dass sein Putschversuch ein politischer Fehler gewesen war. Die NSDAP mauserte sich zu einer legalen Partei, die alle formalen Mittel des Rechtsstaates gegen denselben ausnutzte. Die Forderung, alle Macht in den Händen des Reichspräsidenten zu vereinen, bildeten Staatstheoretiker wie Carl Schmitt und Ernst Forsthoff zur Idee des „totalen Staates“ aus. Das politische Leben wurde „gleichgeschaltet“. Nach Kriegsbeginn wurde die politische Macht weiter konzentriert. Der Widerspruch zwischen der Partei und dem Staat führte zu einer Revolte der Partei, die sich der Idee des „totalen Staates“ ideologisch widersetzte. Carl Schmitt reagierte auf diese Auseinandersetzung mit seiner These der Dreigliederung in Staat, Bewegung und Volk.Carl Schmitt: Staat, Bewegung, Volk. Die Dreigliederung der politischen Einheit. Hamburg 1933 Entgegen anderslautenden Bekundungen verstärkte sich jedoch die Tendenz, dass die Partei die Vorrangstellung über den Staat einnahm, indem sie den staatlichen Verwaltungsapparat immer mehr infiltrierte und anderseits selbst einen bürokratischen Apparat ausbildete. Die volle Souveränität besaß die NSDAP in den Bereichen Polizei und Jugend. Der nationalsozialistischen Ideologie zufolge bildete der Führer den charismatischen Schlussstein des Führerstaates. Das Volkstum galt als Quelle dieses Charismas.

Die totalitäre Monopolwirtschaft Welche Kräfte halten die nationalsozialistische Gesellschaft zusammen? Das Wirtschaftssystem ist kapitalistisch, entspricht aber weder dem widerspruchsvollen Begriff des „Staatskapitalismus“ noch der eines „Ständestaates“ (obwohl korporatistische Ideen von der kartellisierten Wirtschaft bereitwillig aufgegriffen wurden, um Außenseiter und Wettbewerber auszuschalten). Im Nationalsozialismus existierte keine verbindliche Wirtschaftstheorie. Die organisatorische Struktur der Wirtschaftsordnung war in vielem eine Fortführung der Strukturen aus der Zeit der Weimarer Republik. Insbesondere das durch die Wirtschaftskrise gefährdete Kartellsystem ist durch den Nationalsozialismus gerettet und durch Prozesse der „Selbstreinigung“ und Zwangskartellierung gestärkt worden. Der Trend zur Monopolisierung wurde durch Germanisierung und Arisierung des Kapitaleigentums sowie die Ausschaltung des Kleinunternehmertums verstärkt. Die Wirtschaftspolitik der „Befehlswirtschaft“ (Staatseingriff und Reglementierung) lässt sich in vier Phasen gliedern: 1. Anfangsphase, 2. Schachts Neuer Plan, 3. Vierjahresplan, 4. Krieg.

Für Neumann fanden die imperialistischen Kreise in Deutschland in der NSDAP einen geeigneten Verbündeten, um für den Imperialismus eine Massenbasis zu gewinnen. Allerdings nicht in der Form wie von der Agententheorie behauptet, als ein , sondern, dass Industrie und NSDAP im Hinblick auf die imperialistische Expansion dieselben Ziele hatten.Behemoth. Frankfurt am Main 1977, S. 232. Die NSDAP war nach seiner Ansicht ausschließlich damit beschäftigt, die tausendjährige Herrschaft zu errichten, dafür konnte sie nicht anders als das Monopolsystem zu schützen, welches sie als wirtschaftliche Basis brauchte. Die Frage was die Triebkraft der Wirtschaft im Dritten Reich ausmachte, beantwortet er damit, dass das Gewinnprinzip weiterhin die Apparatur bestimmte, aber die Triebkraft des ökonomischen Systems im Nationalsozialismus der war.Behemoth. Frankfurt am Main 1977, S. 414 f.

Die neue Gesellschaft Die vordringliche Intention und das Ergebnis von Neumanns Arbeit besteht im Nachweis, dass Deutschland auch im Nationalsozialismus eine Klassengesellschaft ist, in der eine herrschende Klasse alle sozial-ökonomischen Mechanismen benutzt, um die Massen zu steuern und auszubeuten.Wolfgang Zapf: Wandlungen der deutschen Elite. Ein Zirkulationsmodell deutscher Führungsgruppen 1919–1961. München 1965, S. 54 f. Unter dem Titel „Die herrschende Klasse“ werden von Franz Neumann folgende Aspekte behandelt: die Ministerialbürokratie, die Parteihierarchie, Beamtentum und Partei, Wehrmacht und Partei, die Industrieführung, die Agrarführung, die Erneuerung der herrschenden Klasse. Die „Kontinentale-Öl-Gesellschaft“, die die Gewinne aus der Erdölgewinnung in den neu eroberten Gebieten kontrolliert, ist als Modell für eine neue Form der Zusammenarbeit der alten und der neuen Führungskreise anzusehen. Die herrschende Klasse setzt sich nach Neumann aus „Partei, Armee, Bürokratie und Industrie“ zusammen, die gegeneinander weitgehend autonome Machtgruppen darstellen. Im 1944 hinzugefügten „Anhang“ aktualisierte Neumann die Entwicklung der herrschenden Klasse dahingehend, dass die Ministerialbürokratie als autonome Machtgruppe bedeutungslos werde, die Wehrmachtsführung weiterhin eine parteiunabhängige Machtelite darstelle und die Industrieführung und Parteiführung immer stärker zu einem Machtblock verschmelzen.

Die beherrschten Klassen werden bestimmten nationalsozialistischen Organisationsprinzipien unterworfen. Diese verfestigen sich zu bestimmten Organisationsstrukturen, wie die Deutsche Arbeitsfront, im Arbeitsrecht die „Betriebsgemeinschaft“ und der „Betriebsführer“. Der Betrieb soll aufbauen auf der „sozialen Ehre“ der Arbeit und einer entsprechenden Ehrengerichtsbarkeit. Die Freizeit wird reglementiert. Als Mittel der Massenbeherrschung werden Lohn- und Einkommenspolitik sowie Propaganda und Terror eingesetzt.

Wirkungsgeschichte

Politische Soziologie In der Politischen Soziologie in Deutschland wurde Neumann weitgehend ignoriert.

NS-Forschung Schon unmittelbar nach seinem Erscheinen diente das Werk als Standardliteratur der US-amerikanischen NS-Forschung und als Nachschlagewerk, um US-amerikanischen Besatzungsbehörden die Zuständigkeiten und Funktionsabläufe im besiegten NS-Regime verständlicher zu machen. Auch bei der Vorbereitung des Nürnberger Hauptkriegsverbrecher-Prozesses und der Nürnberger Nachfolgeprozesse folgte die Anklagevertretung dieser Analyse.Hubertus Buchstein: Anatomie des Unstaats. Soziopolis 17. Juli 2018, abgerufen am 27. Mai 2019.

C. Wright Mills nannte kurz nach Erscheinen den Behemoth sowohl eine definitive Analyse des Deutschen Reiches wie auch einen grundlegenden Beitrag zu den Sozialwissenschaften.„Franz Neumann's book is at once a definitive analysis of the German Reich and a basic contribution to the social sciences.“ (Charles Wright Mills: . In: Power, Politics and People, New York 1967) Die positiven Stellungnahmen reichen von Ernst Fraenkel bis Ernst Nolte.Gert Schäfer: Franz Neumanns Behemoth und die heutige Faschismusdiskussion. In: Franz Neumann: Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933–1944. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Gert Schäfer. Fischer Taschenbuch Verlag September 1988. ISBN 3-596-24306-8. S. 665

Hannah Arendt