Karl-Heinz Elsaesser (* 5. Dezember 1912 in Schönebeck, Kreis Calbe a./S.; † 4. Februar 1979) war ein deutscher Nervenarzt und Hochschullehrer.
Leben
Herkunft und Studium Karl-Heinz Elsaesser wurde als Sohn des Oberlehrers Otto Elsaesser und dessen Ehefrau Elisabeth (geb. Koestler) geboren.
Als Kind erkrankte er an spinaler Kinderlähmung und war in der Folge körperbehindert, dies befreite ihn vom Militärdienst und ermöglichte es ihm, seine ärztliche Karriere zu verfolgen.
Nach seinem Abitur am Gymnasium in Schönebeck, nahm er 1932 sein Medizinstudium an der Universität Halle auf. Am 26. August 1937 beantragte er die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 4.978.664).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/7710882 Nach fünf Jahren Studium legte er 1937 sein Staatsexamen ab und absolvierte sein Medizin-Praktikantenjahr, nach dessen Abschluss er 1938 approbiert wurde. Im selben Jahr wurde er mit seiner Dissertation Beitrag zur Klinik und pathologischen Anatomie des Meningeoms promoviert, die bereits sein neuropathologisches Interesse erkennbar machte und in die etablierte neuroanatomische Tradition der Hallenser Nervenklinik eingebettet war.
Assistenzzeit und akademische Formung in Halle Am 1. Januar 1939 trat Elsaesser eine Assistenzarztstelle an der Universitäts-Nervenklinik Halle an. Die Klinik erlebte in dieser Zeit mehrere Leitungswechsel, die das wissenschaftliche Umfeld prägten. Im März 1939 starb der Klinikdirektor Paul Hilpert unerwartet. Sein Nachfolger wurde zunächst Walter Gärtner (1899–1952) als Oberarzt, bevor im September 1939 Fritz Flügel zum Direktor ernannt wurde – ein neurologisch und neuropathologisch ausgerichteter Wissenschaftler mit Schwerpunkten auf bildgebenden und serologischen Verfahren. Nach Flügels kriegsbedingter Verwendung im 2. Weltkrieg wurde Paul Schröder, sein emeritierter ehemaliger Lehrer aus Leipzig, zur Vertretung herangezogen. Alle vier dieser Direktoren zählten zu Elsaessers akademischen Lehrern.
Unter Gärtners Leitung erhielt Elsaesser eine spezialisierte Ausbildung in der pathomorphologischen Abteilung und übernahm anschließend die Leitung des hirnanatomischen Labors. Da auch Gärtner eingezogen wurde, fiel der Klinik während des Krieges verstärkt assistenzärztliche Verantwortung zu, was Elsaesser Gelegenheiten zur fachlichen Profilierung bot.
Anerkennung als Facharzt und Entnazifizierung Im November 1945 erhielt Elsaesser von der Ärztekammer der Provinz Sachsen die endgültige Anerkennung als Facharzt für Nerven- und Geisteskrankheiten. Doch die frühen Nachkriegsjahre in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) erwiesen sich als schwierig: 1946 wurde er wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft im Rahmen der Entnazifizierung entlassen. Ironischerweise war Elsaesser 1940 mehrfach durch die Geheime Staatspolizei in Halle vernommen worden – wegen „Judenfreundlichkeit“. Nach seiner Entlassung arbeitete er nebenamtlich als leitender Arzt in der Privatnervenklinik von Dr. Mascher in Halle.
Die Wiedereinstellung kam sechs Monate später, unterstützt durch Fritz Flügel, der die personelle Knappheit in der Klinik nutzte und Elsaessers wissenschaftliche Qualifikation schätzte. Diese Reaktion entsprach dem politischen Kalkül der SBZ, von jüngeren, kompromittierten Akademikern größere Konformität zu erwarten. Elsaesser signalisierte solche Bereitschaft durch seinen frühen Eintritt in die Liberal-Demokratische Partei Deutschlands (LDPD) im Oktober 1945, in der er später bis zum Mitglied des Zentralvorstandes aufstieg.
Nach seiner Rückkehr zur Universität wurde Elsaesser ab 1946 nebenamtlich am Institut für medizinische Forschung der Landesregierung Sachsen-Anhalt in Wernigerode tätig, wo er die neuropathologische Abteilung leitete. Gleichzeitig intensivierte er seine Laborforschungen unter Flügels Dach.
Die Krise von 1947 und Entlassung Die positive Wendung hielt nur kurz an. 1947 wurde Elsaesser von der Universität unter Vorwürfen dienstlicher Verfehlungen zunächst fristlos entlassen. Die angeführten Gründe waren Unterschlagung, unberechtigter Erwerb von Rauschgiften und Eingehen eines Dienstverhältnisses ohne Genehmigung des Kurators. Ein Arbeitsgerichtsprozess ergab jedoch keine hinreichenden Beweise für die Anschuldigungen und entlastete Elsaesser offiziell.
Das Arbeitsgericht urteilte zu Gunsten Elsaessers und stellte mehrere Formfehler der Universität fest – insbesondere war Elsaesser selbst nicht angehört worden. Auch das Landesarbeitsgericht hielt die Entscheidung im Berufungsverfahren. Dennoch argumentierte die Universität mit einem als Vertrauensmissbrauch interpretierten Tatbestand.
Flügel hatte Elsaesser während der Suspendierung beauftragt, die komplexen laboratoriumstechnischen Verfahren zu dokumentieren und die Untersuchungen fortzuführen – ein Vertrauensbeweis, für den er ihm ein positives Zeugnis ausstellte. Dennoch legte er ihm die Kündigung nahe. Elsaesser reichte selbst einen Antrag auf Entpflichtung zum 30. September 1948 ein, um nicht den Anschein unzureichender fachlicher Leistungen zu erwecken.
Doch der Makel blieb. Bei späteren Vorschlägen für Lehrstuhlpositionen zeigte sich, dass die Vorwürfe über Halle hinaus „allgemein bekannt“ waren. Der Rostocker Klinikdirektor Franz Günther von Stockert setzte sich zwar erfolglos für Elsaesser in Erfurt, Jena und Halle ein, aber die Vorwürfe hafteten ihm an.
Wissenschaftliche Leistungen in Halle Elsaessers wissenschaftliches Werk widerlegt die implizite Deutung seiner Entlassung. Von Anfang an zeigte er ein breites Forschungsinteresse und veröffentlichte 15 wissenschaftliche Arbeiten. Seine Hirn-anatomischen Studien wurden von Flügel als „ausgezeichnet“ charakterisiert, eine Bewertung, die auch Hanns Schwarz (1898–1977), der Direktor der Greifswalder Nervenklinik, bestätigte.
Besonders fruchtbar war die Zusammenarbeit mit Rudolf Abderhalden vom Physiologischen Institut. Beide waren durch Poliomyelitis körperbehindert und verbunden durch ähnliche Erfahrungen von Benachteiligung. Gemeinsam führten sie Untersuchungen zu serologischen Methoden durch, insbesondere zu Vitaminen im Liquor und zur Abderhaldenschen Reaktion. Sie entdeckten dabei deutlich höhere Spezifität der Abwehrproteinasen beim Liquornachweis im Vergleich zum Urinnachweis, mit gleichzeitiger Vereinfachung des Verfahrens – relevant für progressive Paralyse und Chorea.
Von seinen klinischen Arbeiten verdient besondere Erwähnung seine Publikation Zur Klinik der metastatischen Hirngeschwülste, in der er anhand von Literaturauswertung und 70 eigenen Fällen Spezifika metastatischer Hirntumoren vornehmlich in Abgrenzung zu primären Hirntumoren identifizierte. Diese Arbeit wurde wegen ihrer neuartigen Perspektiven geschätzt.
Insgesamt entwickelte Elsaesser ein solides neuropathologisches Profil mit klinischer Ausrichtung und neuroradiologischer Komponente. Angesichts seiner überdurchschnittlichen Produktivität, der günstigen Bedingungen in Halle und des Zugriffs auf umfassendes Patientenmaterial erscheint sein später erfolgender Wechsel zur Universität Greifswald aus rein wissenschaftlichen Gründen fragwürdig und dürfte eher institutionellen Zwängen geschuldet sein.
Akademischer Aufstieg an der Greifswalder Nervenklinik Karl-Heinz Elsaesser konnte seine Tätigkeit in Greifswald nahtlos aufnehmen, doch fand er sich an einer Klinik wieder, die sich in einer grundlegend anderen Situation befand als diejenige, die er in Halle verlassen hatte. Während die Hallenser Nervenklinik in den Jahrzehnten zuvor ein wissenschaftliches Profil entwickelt hatte, war dies der Greifswalder Klinik nie in vergleichbarem Maße gelungen. Hinzu kam, dass die Klinik nach der Entnazifizierung im absoluten Neuaufbau begriffen war. Die erst 1948 erfolgte Lehrstuhlbesetzung durch Hanns Schwarz sollte diese Neuorientierung herbeiführen, doch verfügte Schwarz selbst, obwohl politisch unbelastet, weder über eine abgeschlossene Habilitation noch konnte er auf eine etablierte akademische Karriere mit anschlussfähigen Forschungsthemen zurückgreifen. Die Klinik stand zudem unter erheblichem Versorgungsdruck und litt unter eklatantem Assistentenmangel.
Diese schwierige Ausgangslage erwiesen sich paradoxerweise als Ausgangspunkt einer gewinnbringenden Konstellation für beide Seiten. Schwarz und die Klinik profitierten unmittelbar von Elsaessers Vorerfahrung, da dieser mit vollständig abgeschlossener Ausbildung kam und einen vielversprechenden Forschungstransfer in Aussicht stellte. Für Elsaesser wiederum eröffnete sich die ersehnte Gelegenheit zur Fortsetzung seiner unterbrochenen akademischen Karriere. Mit Hanns Schwarz fand er zugleich einen maßgeblichen Förderer, der seine Fähigkeiten erkannte und dessen Unterstützung sich über viele Jahre bewähren sollte.
Elsaesser nutzte diese Chance systematisch und zielstrebig. Aus Schwarz’ Perspektive verfügte Elsaesser über überdurchschnittliche fachliche Befähigungen, insbesondere im neuropathologischen Bereich. Diese ermöglichten es, die seit Jahren verwaiste histopathologische Abteilung mit dem Sektionsraum wieder in Betrieb zu nehmen. In enger Zusammenarbeit mit dem Pathologischen Institut gelang es, die Abteilung sowohl für klinische Belange als auch für die Forschung sukzessive weiterzuentwickeln. Mit der Anschaffung neuer Geräte entstand schließlich ein modernes mikrofotographisches Labor. Durch diese Maßnahmen trug Elsaesser wesentlich zur stärkeren fachlichen Differenzierung der Neurologie bei, zumal die Klinik unter Schwarz eine stärkere psychiatrische Prägung aufwies.
Im April 1949 wurde Elsaesser zum Oberarzt ernannt. In dieser Position zeigte er beachtliches organisatorisches Geschick und wusste die neuen Strukturen wirkungsvoll zu nutzen. Sein akademischer Aufstieg verlief danach geradlinig. 1950 legte er seine Habilitationsschrift vor, und bereits im April 1951 erfolgte seine Ernennung zum Dozenten durch das Staatssekretariat für Hochschulwesen der DDR. Nur fünf Jahre später, im Mai 1956, wurde er zum Professor mit Lehrauftrag für Psychiatrie und Neurologie ernannt. Sowohl Hanns Schwarz als auch seine Studierenden schätzten Elsaessers didaktische Vorlesungen und seinen kollegialen Umgang.
Die wissenschaftlichen Veröffentlichungen Elsaessers in Greifswald zeigten klare Anknüpfungspunkte an seine Hallenser Zeit. Sowohl thematisch als auch durch die Verwendung von Daten und Befunden aus dem dortigen Patientengut setzte er seine früheren Forschungen fort. Diese neuropathologische Ausrichtung entsprach der allgemeinen wissenschaftlichen Entwicklung an ostdeutschen Universitätskliniken in den frühen Nachkriegsjahren, wo Neuroanatomie und -pathologie sowie speziell die Liquor-Diagnostik bedeutende Schwerpunkte bildeten.
Neben anatomischen, diagnostischen und gutachterlichen Fragestellungen widmete sich Elsaesser verstärkt dem Zusammenhang von Krankheitsherden verschiedener Ätiologie an den basalen Hirnzentren, insbesondere den Basalganglien, mit ihren häufig auftretenden psychischen Manifestationen – den sogenannten Basispsychosen mit vorwiegend psychotischen und depressiven Symptomen. Besondere Aufmerksamkeit richtete er auf neuroallergische Reaktionen, die über Gefäßprozesse vermittelt wurden und die er als gemeinsames Prinzip bei verschiedenen neurologischen Erkrankungen verstand.
Die Habilitationsschrift zur Wilson-Krankheit Das Thema seiner 1950 eingereichten und zwei Jahre später veröffentlichten Habilitationsschrift war eine umfassende klinisch-anatomisch-pathogenetische Untersuchung der vergleichsweise seltenen Westphal-Strümpell-Wilsonschen Krankheit. Bemerkenswert war, dass Elsaesser diese Arbeit bereits zwölf Jahre zuvor in Halle begonnen hatte und sie somit in ihrer vordergründigen Anlage dort entstanden war. Die Habilitationsschrift stellte eine wissenschaftliche Reifung und Vollendung dieser frühen Forschungsarbeit dar.