Idole – Sonnet du trou du cul, deutsch Idol – Sonnett über das Arschloch, ist ein von Arthur Rimbaud und Paul Verlaine gemeinsam verfasstes Spottgedicht in der klassischen Form des Sonetts. Erstmals wurde es im Oktober 1871 im L’Album zutique des Cercle des poètes Zutiques gedruckt. Verlaine verfasste die Vierzeiler, Rimbaud die Dreizeiler.
Verlaine und Rimbaud parodieren auf obszöne Weise Sonette Albert Mérats. Dieser heute vergessene, im Dezember 1866 von der Académie française ausgezeichnete Dichter der Parnassiens hatte im April 1869 zwanzig Gedichte auf verschiedene – weniger verfängliche – Körperteile seiner Geliebten unter dem Titel L’Idole publiziert und bei den Abendessen der Gesellschaft der Villains-Bonshommes vorgetragen. Mérats Gedichtsammlung imitierte den Stil des blazon, einer in der französischen Literatur seit der Mitte des 15. Jahrhunderts bekannten Form eines Gedichtzyklus auf Körperteile einer geliebten Frau. Deren bekanntester Vertreter war Clément Marot (1495–1544). Verlaine und Rimbaud sowie Germain Nouveau schrieben daraufhin Sonette, um sich über Mérats altertümlichen Stil und seine Prüderie lustig zu machen, indem sie seine „Weglassungen“ ergänzten: das „Sonett über das Arschloch“ und – im gleichen Album – Nouveaus „Sonett über die Zunge“.
Der Gegensatz zwischen der raffinierten Sprache, den religiösen Metaphern und dem zur damaligen Zeit skandalösen Inhalt des Gedichts, das einen Anus nach dem Verkehr beschreibt, erzeugt eine subversiv komische Wirkung. Dass der besungene Körperteil nicht eindeutig einer Frau oder einem Mann zuzuordnen war, blieb weit über das Ende des 19. Jahrhunderts ein Skandal und Gegenstand der Zensur.
Neben der im Album publizierten Fassung wurden 2003 und 2005 zwei weitere, in Teilen abweichende Versionen des Textes in Verlaines Handschrift entdeckt. 2018 wurde zudem bei Christie’s Paris ein Brief Verlaines an Rimbaud vom Juli 1873 versteigert, in dem er eine frühere gemeinsame Version des Gedichts wiedergibt.
Text Obscur et froncé comme un œillet violet Il respire, humblement tapi parmi la mousse Humide encor d’amour qui suit la fuite douce Des Fesses blanches jusqu’au cœur de son ourlet.
Des filaments pareils à des larmes de lait Ont pleuré, sous le vent cruel qui les repousse, À travers de petits caillots de marne rousse Pour s’aller perdre où la pente les appelait.
Mon Rêve s’aboucha souvent à sa ventouse; Mon âme, du coït matériel jalouse, En fit son larmier fauve et son nid de sanglots.
C’est l’olive pâmée, et la flûte câline, C’est le tube où descend la céleste praline: Chanaan féminin dans les moiteurs enclos! Dunkel, kraus wie eine violette Nelke Atmet es, bescheiden gebettet in noch feuchten Liebesschaum, der sanften Neigung folgend Weißer Backen bis zum inneren Saum.
Fädchen haben gleich den milchigen Tränen Geweint im Wind, der grausam sie zurückgestoßen, Quer durch Klümpchen roten Ackerbodens, Um sich zu verlieren, wohin der Hang sie rief.
Mein Mund im Traum hat oft den Pustenapf berührt; Meine Seele, neidisch des vollzogenen Aktes, Machte draus den fahlen Tränentopf, der Schluchzer Nest.
Das ist entzückt zerschmelzende Olive, schmeichelndweiche Flöte, Das ist der Schlauch, aus dem des Himmels Zuckermandel schlüpft: Weibliches Kanaan, in Feuchtgebiete eingeschlossen.
Albert Mérat P.V – A.R.Sonnet du Trou du Cul auf poética.fr, abgerufen am 27. Dezember 2025
Rezeption Die erste ausführliche Rezension des Sonetts unter modernen literaturwissenschaftlichen Gesichtspunkten erschien 1991. Steve Murphy dechiffrierte die vielschichtigen Anspielungen im Detail und wies nach, wie lange Zeit noch Zensur und Selbstzensur angehalten hätten: Die Gedichte aus dem Album zutique seien wegen „absichtlicher Obszönität“ noch 1949 und 1962 nicht in die jeweiligen Pléiade-Ausgaben der Werke Verlaines aufgenommen worden, fänden sich gleichwohl aber schon 1946 in der Rimbaud-Ausgabe des gleichen Verlags. Den Herausgebern unterstellte Murphy „beschränkte exegetische Fähigkeiten“. Das Gedicht erscheint als Manifest sexueller Freiheit, welches „unter allen notwendigen Vorsichtsmaßnahmen, mit aller unentbehrlichen List, einer Liebesbeziehung Ausdruck verleiht, die selbst zum Schweigen verurteilt war.“
2003 schrieb die Literaturkritikerin Ruth Franklin im New Yorker: „Rimbaud hat vielleicht eines der melodischsten und visionärsten Gedichte in [französischer] Sprache geschrieben, aber er hatte auch eine abgefahrene Begabung für obszönes Pastiche.“
2010 publizierte Saint-Amand eine ausführliche Rezeptions- und Zensurgeschichte des Sonetts, beginnend mit dem strengen moralischen Klima im Frankreich der Dritten Republik. Es sei ein „durch Esprit und Meisterschaft wichtiges Werk der Dichtung, Frucht einer veritablen Kodierung auf mehreren Ebenen, welche vielfältige pornographische Anspielungen erlaubt“. Er zitiert beispielsweise Daniel Grojnowski, der 1984 die erste Zeile des Gedichts verstand als „veritable Geschichte des O: «Obscur et frOncé cOmme un Oeillet viOlet»“, zitiert nach Saint-Amand 2010 Die Geschichte dieses Gemeinschaftswerks zweier bedeutender französischer Dichter sei geprägt von „verschiedenen kleinen Arrangements und offiziösem Rumgebastel mit dem Ziel, das Abweichende zum Schweigen zu bringen.“
Einzelnachweise
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