mini|Das Arbeiterdenkmal «Befreiung» (2017) Befreiung (auch Prometheus) ist der Name einer monumentalen Bronzeplastik von Werner Friedrich Kunz, die 1962 auf dem Werdplatz in Zürich-Aussersihl (Kreis 4) platziert wurde. Als eines von nur wenigen Arbeiterdenkmälern in der Schweiz erinnert sie an die Zürcher Arbeiterbewegung.
Geschichte
Entstehung der Statue mini|Vorbild der Statue: das Patriotendenkmal von August Bösch in Stäfa, 1898 Der werkgeschichtliche Ursprung der Statue ist unklar. Georg Kreis behauptete, Werner Friedrich Kunz habe sie eigentlich erdacht, um die heruntergekommene Galvanoplastik auf dem Patriotendenkmal in Stäfa zu ersetzen.Georg Kreis: Zeitzeichen für die Ewigkeit. 300 Jahre schweizerische Denkmaltopografie. Verlag NZZ, Zürich 2008, S. 363 f. Als die Gemeinde sich entschieden habe, das Denkmal zu belassen, habe der Künstler sein Werk als Arbeiterdenkmal umgedeutet und als solches verkauft.Georg Kreis: Zeitzeichen für die Ewigkeit. 300 Jahre schweizerische Denkmaltopografie. Verlag NZZ, Zürich 2008, S. 360. Anlässlich der Einweihung 1962 sagte Kunz, er habe die Statue «schon vor 25 Jahren» (also um 1937) entworfen, und bezeichnete sie als «sein eigentliches Lebenswerk».Ein Symbol des Aufstieges der Arbeiterschaft. In: Berner Tagwacht. Band 70, Nr. 99, 30. April 1962, S. 1 (online).Übergabe einer Plastik an die Stadt. In: Die Tat. Band 27, Nr. 117, 1. Mai 1962, S. 6 (online). Sie beruhe «auf Kindheitseindrücken und auf späterem persönlichem Erleben».
Projektierung des Denkmals Das Denkmal auf dem Werdplatz entstand in Konkurrenz zum von der Stadt Zürich seit 1940 geplanten «Denkmal der Arbeit» auf dem Helvetiaplatz. Den städtischen Wettbewerb gewann 1952 Karl Geiser mit einer Gruppenplastik,Das «Denkmal der Arbeit». In: SMUV-Zeitung. Band 51, Nr. 25, 18. Juni 1952, S. 2 (online). die von den Gewerkschaften jedoch als zu wenig kämpferisch und harmloses «Denkmal des Arbeitsfriedens» abgelehnt wurde. Im selben Jahr wurden der Nationalrat Hans Oprecht (SP) und der Sekundarlehrer Werner Kuhn auf Kunz’ Entwurf aufmerksam und regten an, ihn in Bronze auf dem Werdplatz in Zürich zu realisieren.Wilfrid Spinner: Die «Befreiung» auf dem Werdplatz. In: Neue Zürcher Zeitung. Morgenausgabe. Nr. 1698, 30. April 1962, S. 25 (online). Zu diesem Zweck riefen 1955 Sozialdemokraten und Mitglieder verschiedener Gewerkschaften und Genossenschaften die «Aktionsgemeinschaft für die Schenkung einer Plastik auf dem Werdplatz an die Stadt Zürich» ins Leben.Zürich erhielt eine Denkmalplastik. In: Neue Zürcher Nachrichten. 3. Blatt. Nr. 101, 1. Mai 1962, S. 1 f. (online).Eine Schenkung an die Stadt Zürich. In: SMUV-Zeitung. Band 61, Nr. 16, 18. April 1962, S. 11 (online). Deren Präsident wurde Bundesrat Willy Spühler (SP), der in Aussersihl geboren und aufgewachsen war. 1956 machte die Aktionsgemeinschaft eine Eingabe an den Stadtrat, in der sie anbot, Kunz’ Statue der Stadt zu schenken, und darum bat, den Werdplatz für die Aufstellung entsprechend herzurichten. Der Stadtrat beschloss 1959, das Geschenk anzunehmen und den Werdplatz als Standort zu bestätigen. Die Statue wurde bei der Giesserei Amici in Mendrisio gegossen. Die Mittel für den Guss und die Entlöhnung des Künstlers wurden durch Spendensammlungen zusammengetragen. Bis zu ihrer Platzierung wurde die fertige Statue in einem Depot zwischengelagert.
Einweihung Die Einweihung fand am 28. April 1962, im Vorfeld des Ersten Mai, statt. Der Kantonsrat und Sekretär der SP Kanton Zürich Hans Nägeli hiess die Anwesenden willkommen. Der Bundesrat und Präsident der Aktionsgemeinschaft Willy Spühler hielt die Festrede, in der er die «Pionierrolle» des Quartiers Aussersihl für die Arbeiterbewegung, deren Idee sich im Standbild manifestiere, hervorhob. Auch wenn inzwischen Verhandlungen an die Stelle von Streiks getreten seien, bleibe «der Befreiungsgedanke der Grund, in dem der Mensch unserer Zeit wurzelt». Ebenso äusserte er seine Freude darüber, dass die Stadt Zürich, die, «obwohl nicht arm an Skulpturen, gross dimensionierter Werke ermangelt», nun mit einer Monumentalplastik geschmückt werde. Unter Applaus enthüllten die Söhne des Künstlers das Denkmal. Im Namen der Stadt nahm es der bürgerliche Stadtpräsident Emil Landolt (FDP) dankend in Empfang. Er akzeptierte es als «Ehrenzeugnis der Arbeiterschaft», verallgemeinerte seine Aussage aber im Sinne des Liberalismus als «Befreiung von jeglichem äußeren oder inneren Zwang». «Befreiung bedeute Kampf, bedeute Pflichten und nicht nur Rechte. Immer müsse im Mittelpunkt allen wirtschaftlichen Strebens der Mensch stehen.» Zum Schluss erläuterte Kunz sein Werk. Ebenfalls bei der Zeremonie zugegen waren der sozialdemokratische Regierungsrat Paul Meierhans und die vier sozialdemokratischen Stadträte Adolf Maurer, Rudolf Welter, Walter Thomann und August Ziegler.
Beschreibung Das Denkmal steht auf dem Werdplatz, an der Strassburgstrasse, vor dem ehemaligen Restaurant «Cooperativa italiana», das hier zwischen 1970 und 2007 untergebracht war, und dem Zürcher Sitz der Unia.
Es ist insgesamt 5,06 Meter hoch und trägt keine Inschrift. Sein 76 Zentimeter hoher Sockel hat einen rechteckigen Grundriss von 3,68 auf 2,00 Metern. Die Statue ist 4,30 Meter hoch und wiegt 1,5 Tonnen. Sie zeigt einen jungen, muskulösen Mann mit nacktem Oberkörper, der in Grätschstellung auf einem ansteigenden Grund steht. Mit hinter seinem Haupt geballten Fäusten ist er kurz davor, seine Ketten, die seine Handgelenke fesseln, zu sprengen.
Rezeption Georg Kreis reihte die Plastik in die Tradition von «Arbeiterdenkmälern» ein, «in denen – analog zum bürgerlichen Denkmal – eine soziale Klasse für sich selbst ein Monument errichtet»,Georg Kreis: Zeitzeichen für die Ewigkeit. 300 Jahre schweizerische Denkmaltopografie. Verlag NZZ, Zürich 2008, S. 360. von denen in der Schweiz aber nur wenige erbaut wurden. Mit dem zwei Jahre später auf dem Helvetiaplatz aufgestellten, aber schon viel früher geplanten «Denkmal der Arbeit» von Karl Geiser sei «Befreiung» das einzige «echte» Arbeiterdenkmal in der Schweiz, auch wenn es ursprünglich gar keines sein sollte. Man könne darin «wesentlich mehr proletarisches Selbstbewusstsein erkennen als im braven Gruppenbild von Karl Geiser».
Die Neue Zürcher Zeitung griff anlässlich der Einweihung kritische Stimmen auf, die bereits vor der Enthüllung bemängelten, die Statue erinnere an «Monumentalität und großsprecherisches Pathos der Hitlerzeit». Den in der Enthüllungsrede geäusserten Einwand Willy Spühlers, der Monumentalität komme «auch im demokratischen Gemeinwesen eine Aufgabe zu», liess sie nicht gelten:
Die Neuen Zürcher Nachrichten ordneten das Werk formal dem sozialistischen Realismus zu, den sie aber ebenso in der Sowjetunion wie auch im NS-Staat «beheimatet» sahen. Künstlerisch sei es wertlos:
Weitere Kritiker bezeichneten die Statue spöttisch als «Stachanow» und «Kraftprotz». Feministinnen beschmierten sie in den 1970er Jahren wiederholt.
Siehe auch
Liste von Denkmälern in Zürich
Literatur Wilfrid Spinner: Die «Befreiung» auf dem Werdplatz. In: Neue Zürcher Zeitung. Morgenausgabe. Nr. 1698, 30. April 1962, S. 25 (online). Ein Symbol des Aufstieges der Arbeiterschaft. In: Berner Tagwacht. Band 70, Nr. 99, 30. April 1962, S. 1 (online). Zürich erhielt eine Denkmalplastik. In: Neue Zürcher Nachrichten. 3. Blatt. Nr. 101, 1. Mai 1962, S. 1 f. (online). Übergabe einer Plastik an die Stadt. In: Die Tat. Band 27, Nr. 117, 1. Mai 1962, S. 6 (online). Georg Kreis: Zeitzeichen für die Ewigkeit. 300 Jahre schweizerische Denkmaltopografie. Verlag NZZ, Zürich 2008, S. 363 f. Georg Kreis: Die öffentlichen Denkmäler der Stadt Zürich. Ein Bericht im Auftrag der Arbeitsgruppe KiöR. 30. Juni 2021, S. 164–166 (PDF; 8,3 MB).
Weblinks
«Befreiung» im Kunstbestand der Stadt Zürich Denkmal «Prometheus» oder «Befreiung» oder «Aufstieg». In: Kreis4unterwegs.ch
Einzelnachweise
Kategorie:Denkmal in Zürich Kategorie:Bauwerk in Zürich Kategorie:Arbeiterdenkmal Kategorie:Skulptur (1962) Kategorie:Bronzeskulptur (Schweiz)