mini|Thomas Johannessen Heftye (1822–1886) Thomas Johannessen Heftye, oft abgekürzt Tho. Joh. Heftye, Aussprache [hefti], (* 29. Oktober 1822 in Christiania (Oslo); † 4. Oktober 1886 ebenda) war ein norwegischer Bankier, Schriftsteller und Philanthrop. Mit 26 Jahren trat er in die von seinem Großvater gegründete Bank Thos. Joh. Heftye & Søn ein, rettete sie kurz danach aus einer existenzbedrohenden Krise und machte sie in Folge zur führenden Privatbank Norwegens. Er war maßgeblich tätig in zahlreichen Unternehmen, öffentlichen Ausschüssen und privaten Vereinen, ein Mäzen für Künstler und Schriftsteller und ein Unterstützer der noch jungen Frauenbewegung. Er war Kommunalpolitiker und verfasste Schriften über den Freihandel und die Geldpolitik.
Auf seine Initiative hin wurde 1868 der Norwegische Wanderverein gegründet, den er bis zu seinem Tod leitete. Selbst ein begeisterter friluftsmann, öffnete er seine Anwesen Frognerseteren, Sarabråten und Eidsbugarden am Bygdin-See für die Öffentlichkeit. Sein im Tudorstil erbautes Osloer Stadthaus Frognæs dient heute als Botschaft Großbritanniens.
Leben und Werk Familie
Thomas Johannessen Heftye entstammt der aus Hätzingen (Kanton Glarus) in der Schweiz gebürtigen norwegischen Familie Heftye. Er war der älteste Sohn des Honorarkonsuls und Bankiers Johannes Thomassen Heftye (1792–1856) und der Anna Christine (Tina) Haslef (1798–1862). Seine Geschwister hießen: Marie Catharine (* 1821), Jørgen Haslef (* 1828), Valborg Cathinka (* 1830) und Johanne Christine (* 1831).
Der gleichnamige Großvater Thomas Johannessen Heftye (1769–1827) hatte um 1790 ein Holzhandelsunternehmen gegründet, aus dem 1818 die Privatbank Thos. Joh. Heftye & Søn hervorging. Der jüngere Bruder des Vaters, Henrik Thomassen Heftye, machte sich ebenfalls als Unternehmer einen Namen und hinterließ großzügige Stiftungen. Eine Schwester des Vaters heiratete den Reeder Mogens Thorsen, der seinerzeit als reichster Mann Norwegens galt.
Jugend mini|Signatur von Thomas Johannessen Heftye Obwohl Thomas Heftye in der vornehmen Tollbugata in Christiania geboren wurde, verbrachte er einen Großteil seiner Kindheit in ländlicher Umgebung auf dem Gut Filipstad etwas außerhalb der Stadt, im heutigen Frogner gelegen. Schon als Jugendlicher hielt er sich gerne in der Natur auf, wie er in seinen Erinnerungen berichtet. Bekannte Vertreter der Landschaftsmalerei der Romantik wie Johan Christian Clausen Dahl und später Hans Gude und Johan Fredrik Eckersberg waren Freunde der Familie Heftye.
Thomas Heftye erhielt seine schulische Ausbildung an der Osloer Domschule und von 1840 bis 1843 an der Handelsschule in Leipzig. Danach hielt er sich für einige Zeit in Frankreich und Großbritannien auf.
Ehe, Heim und Kinder mini|Thomas Heftye, Foto 1868, Paris Am 7. Oktober 1846 heiratete der 24-Jährige in der Vår Frelsers kirke (Osloer Dom) die drei Jahre jüngere Marie Jacobine Meyer (* 22. Januar 1826 in Christiania; † 14. Oktober 1895 ebenda), Tochter des Großhändlers Jacob Peter Meyer (1781–1856) und der Ingeborg Marie Barth Muus (1781–1835). Es war eine Hochzeit auf Augenhöhe: Der Schwiegervater war ein einflussreicher Waldbesitzer, Holzhändler und Reeder. Dessen Sohn Thorvald Meyer vermehrte das väterliche Erbe und war ein großzügiger Mäzen des Christiania Theaters und anderer Einrichtungen der Hauptstadt.
1852 kaufte Thomas Heftye in Frogner ein Anwesen am Drammensveien 79 (ursprünglich 77), das er Frognæs nannte, und ließ darauf ein herrschaftliches Haus im Tudorstil errichten. Das Grundstück gehörte bis 1878 zu Aker und wurde danach mit Frogner nach Christiania eingemeindet. Die Straße wurde 1891 in Thomas Heftyes gate umbenannt; sie ist mit Villen und mit um 1900 errichteten Mietshäusern bebaut und noch immer eine „sehr attraktive Wohnstraße“. Frognæs trägt heute die Adresse Thomas Heftyes gate 8 und dient als Residenz des britischen Botschafters.
Der Platz am Ende der Straße ist ebenfalls nach Thomas Heftye benannt. Er ist seit 2011 mit einem Granitboden bedeckt, eingefasst mit Aluminiumprofilen in demselben Rot, das vom Norwegischen Wanderverein zur Markierung von Wanderwegen verwendet wird.
Thomas und Marie Heftye bewohnten Frognæs mit ihren fünf Kindern: Johannes Thomassen (* 1849), Ingeborg Marie (* 1852), Anne Christine (* 1858), Thomas Thomassen (* 1860) und Jacob Meyer (* 1863). Der nach seinem Großvater benannte Johannes Thomassen Heftye wurde als Bergsteiger bekannt, Thomas Thomassen Heftye als Direktor der staatlichen Telegrafengesellschaft, Venstre-Politiker und Minister (statsråd). Die Tochter Ingeborg Marie heiratete mit Frits Hansen einen Volkshochschulleiter, Redakteur und Zentrumspolitiker.
Bankier mini|Thomas Heftye, Foto von Ludwik Szaciński, 1884 1848 wurde Thomas Heftye Teilhaber des Familienunternehmens Thos. Joh. Heftye & Søn. Im selben Jahr rettete der erst 26-Jährige das Bankhaus vor dem Untergang,
Diese Schilderung aus dem Nekrolog wird von der Nachwelt übereinstimmend wiedergegeben, als früher Beweis für sein „finanzielles und administratives Talent von herausragendem Rang“ und die ihn auszeichnende „Schnelligkeit, Energie und kluge Nutzung der vorhandenen Hilfsquellen“.
Ab 1851 war Thomas Heftye einer der Chefs des Handelshauses und von 1857 bis zu seinem Tode leitete er es gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Jørgen Hasleff Heftye. In den 1850er Jahren war die Infrastruktur der norwegischen Finanzwirtschaft, das Geflecht von Kreditinstituten und Versicherungsgesellschaften, noch wenig entwickelt. „Thomas Heftyes Fähigkeit, usere Geldverhältnisse zu leiten, zu regulieren, zu unterstützen und zu festigen, wurde während der schweren Wirtschaftskrise von 1857 auf eine harte Probe gestellt.“ Als Mitglied des am 12. Dezember 1857 bestellten Komitees hatte er maßgeblichen Anteil an der Einrichtung einer vorübergehenden Kreditanstalt zur Refinanzierung der in Schieflage gekommenen Unternehmen.
Multifunktionär mini|Thomas Johannessen Heftye, Bild aus dem Jahrbuch Den Norske Turistforenings für 1886 Im Laufe der Jahre machte Thomas Heftye nicht nur Thos. Joh. Heftye & Søn zur führenden Privatbank Norwegens, er war auch „an der Lösung der meisten größeren wirtschaftlichen Aufgaben und Unternehmungen beteiligt, die in der folgenden Generation in diesem Land auf den Weg gebracht wurden.“ Er war in nahezu allen Bereichen des öffentlichen Lebens aktiv, im Vorstand von privaten Unternehmen und als Mitglied staatlicher Kommissionen.
Thomas Heftye war Direktionsmitglied der Norwegischen Rentenversicherung, der Norwegischen Guano-Gesellschaft, der Norwegisch-Englischen Telegrafengesellschaft, der Akers Sparebank, der Kristiania Kreditbank, der Versicherungsgesellschaften Storebrand und Idun und der Arendals Privatbank. Vom 21. Dezember 1855 bis zum 18. August 1860 war er Mitglied der Direktion der norwegischen Bahnverwaltung (Hovedjernbanen). 1867 war er norwegisches Jurymitglied (in der Kategorie Holzwaren) für die Weltausstellung in Paris. Im Jahr 1869 wurde er Mitglied des Bauausschusses für die Eisenbahnstrecke Kristiania–Drammen. Er war Mitglied der königlichen Eisenbahnkommission vom 14. November 1874. Er nahm an zwischenstaatlichen Ausschüssen zur Harmonisierung des skandinavischen Handelsrechts teil, so an der Wechselrechtskommission vom 20. Januar 1877, an der Firmenrechtskommission vom 9. September 1881, an der Seerechtskommission vom 9. Dezember 1882 und an der Königlichen Bankenkommission vom 6. Dezember 1884.
Von 1873 bis zu seinem Tod war Thomas Heftye im Vorstand der örtlichen Akers Sparebank. Als sein Wohnsitz Frognæs 1878 zu Christiania kam, änderte die Bank ihre Satzung, um den nun „Auswärtigen“ als Vorstandsmitglied behalten zu können. Heftye stand dem Leitungsausschuss der Handelskammer von Christiania vor, aber auch dem Verein für Norwegens Verteidigung (Norges Forsvarsforening). Der Leseverein für Frauen (Leseforeningen for kvinner) wurde nicht nur in Heftyes Büro gegründet; er wurde auch dessen erster Vorsitzender. Für die Schweiz, die Heimat seiner Vorfahren, wirkte er ab April 1857 (oder 1859) als Honorarkonsul.
Politiker mini|Besucher in der Villa Frognæs, circa 1869. Von links: Thomas Heftye, Ole Fladager, Hartvig Marcus Lassen, Johan Sebastian Welhaven. Thomas Heftye engagierte sich in der Kommunalpolitik seiner jeweiligen Heimatgemeinde. 1855–1856 war er Mitglied des Stadtrats von Christiania. Mit dem Einzug in die Villa Frognæs wurde er Bewohner von Aker und war dort 1869–1877 Gemeinderatsmitglied. Durch die Erweiterung der Stadtgrenze von Kristiania wurde er ab dem 1. Januar 1878 wieder in der Hauptstadt wählbar und Anfang 1879 erneut in die Gemeindevertretung gewählt, der er bis zu seinem Tod angehörte.
An der nationalen Politik nahm Heftye nur am Rande teil. Bei der Stortingwahl 1879 wurde er als Unabhängiger („ohne Parteibindung“) für Christiana zum Wahlmann gewählt, lehnte aber bei der eigentlichen Abstimmung am 9. Oktober die Wahl zum Abgeordneten ab. Stattdessen wurde er zum 2. Ersatzabgeordneten (Vararepresentant) für den Wahlkreis Christiania, Hønefoss und Kongsvinger gewählt. Er rückte während der Wahlperiode 1880–1882 nicht ins Parlament nach. Im Oktober 1882 bewarb er sich erneut als Wahlmann, wurde aber nicht mehr gewählt.
Bereits der Nekrolog im Dagbladet warf die Frage auf, wieso Thomas Heftye keinen seinen Fähigkeiten entsprechenden Platz im politischen Leben erreichen konnte. Seine Tätigkeit in den staatlichen Kommissionen und sein Engagement als Wahlmann belegen seine Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. „Er stand vor der Tür, aber er kam nicht durch das Tor herein.“ Im von der „Linken“ beherrschten Akershus war er als zu weit rechts nicht wählbar, und als er später Bürger der konservativ geprägten Hauptstadt wurde, hatte er sich längst mit der „Rechten“ überworfen. „Heftye war für die Partei zu individuell, zu unzuverlässig als gehorsamer Parteimann.“ Er war aber gewiss kein Anhänger von Johan Sverdrup, wofür ihm ein Historiker des 21. Jahrhunderts das Prädikat „Reaktionär“ umgehängt hat.
Publizist mini|Frognerseteren, kolorierte Postkarte, um 1900 Erfolgreicher war Thomas Heftye als wirtschaftspolitischer Publizist. Vor allem im Morgenbladet, gelegentlich auch im Aftenbladet, erschienen ab 1863 seine Artikel über das Bank- und Geldwesen, die „Passagen von stilistischer und dramatischer Anspannung“ enthalten, „denn er konnte ein kompliziertes Wirtschaftsproblem in einem aussagekräftigen Bild veranschaulichen“. Zudem veröffentlichte er ab 1871 sieben Monografien, etwa über die Wechselkursverhältnisse, die Ausgabepolitik skandinavischer Notenbanken und das Problem der Metalldeckung der norwegischen Währung. An der Einführung der Norwegischen Krone als Ersatz für den Speciedaler im Jahre 1875 war Heftye publizistisch und durch seine Arbeit in den Kommissionen federführend beteiligt.
Thomas Heftye war Mitbegründer der Statsøkonomisk Forening (Volkswirtschaftliche Vereinigung), die von studierten Juristen und Historikern dominiert wurde. Der Nichtakademiker Heftye wurde als nützliches Mitglied sehr geschätzt: „Unter den Geschäftsleuten, mit denen wir Juristen in diesen und ähnlichen Ämtern zu tun hatten, gab es niemanden, bei dem wir mehr Anleitung fanden und mit dem wir in diesen Bereichen lieber zusammenarbeiteten.“ (So der Vorsitzende T. H. Aschehoug in seinem Nachruf in der Vereinszeitung Statsøkonomisk tidsskrift.)