Anatoli Iwanowitsch Titkow (, * 29. Februar 1924 in Bailowka 1-ja, Morschanski ujesd, Gouvernement Tambow, Sowjetunion; † 20. März 2024 in Moskau) war ein sowjetischer Fahrzeugbauingenieur, Wissenschaftler und leitender Beamter. Ab 1947 war er Konstrukteur, später Chefkonstrukteur im Uralski Awtomobilny Sawod und als solcher verantwortlich für die Entwürfe verschiedener in Großserie gebauter Lastwagen, darunter der UralZIS-355M und diverse Typen der Ural-375-Baureihe.

Leben Titkow wurde in einem kleinen Dorf in Westrussland nahe der Stadt Tambow geboren. Als Geburtsdatum wird häufig der 28. Februar 1924 angegeben, de-facto wurde er jedoch am 29. Februar geboren. Seine Mutter war Lehrerin, sein Vater übte verschiedene handwerkliche Berufe aus (Zimmermann, Schreiner, Müller). 1929 zog die Familie nach Moskau, wo der Vater Arbeit bekommen hatte. Aufgrund der prekären Wohnsituation verließen sie Moskau Anfang 1936 und zogen in die Oblast Omsk nach Sibirien. Zeitschrift für Automobilingenieure, Ausgabe 1/2014 (russisch). Titkow besuchte von 1932 bis 1936 eine Grundschule in Moskau, ab 1936 eine Mittelschule in der Oblast Omsk, legte 1942 das Abitur ab und begann anschließend am Sibirischen Straßenbauinstitut in Omsk ein Studium als Maschinenbauingenieur, das er im Sommer 1947 mit Auszeichnung abschloss.

Nach dem Studium arbeitete er zunächst einige Monate im Omsker Motorenkonstruktionsbüro (OKB-29) und war dort mit der Erprobung und Verbesserung von Flugmotoren des Typs ASch-82 für den Bomber Tupolew Tu-2 beschäftigt, während dieser Tätigkeit lernte er Andrei Nikolajewitsch Tupolew kennen. Im November 1947 wechselte er auf eigenen Wunsch in das Uralski Awtomobilny Sawod imeni Stalina (UralZIS) nach Miass. Dort wurde er in der Abteilung für Motorenkonstruktion angestellt und stieg innerhalb kurzer Zeit zum Abteilungsleiter auf. 1952 wurde er zum stellvertretenden Chefkonstrukteur ernannt und Entwicklungsleiter für den UralZIS-355M.УралЗИС-355М. Джентльмен удачи. Spezialtechnik und kommerzieller Transport, Ausgabe 1/2018. (russisch) Von diesem Lkw wurden 1957 bis 1965 fast 200.000 Exemplare gebaut.

Im Februar 1960 wurde Titkow zum Chefkonstrukteur des Uraler Automobilwerks befördert. In den Jahren davor und danach war er federführend mit der herstellerseitigen Entwicklung des Ural-375 beschäftigt, der 1961 in die Serienfertigung ging und bis 1993 hunderttausendfach gebaut wurde. Er war auch für die Entwicklung diverser Varianten des Fahrzeugs, z. B. als Sattelzugmaschine, sowie die Entwicklung des für zivile Aufgaben bestimmten Ural-377 verantwortlich.

Nach 22 Jahren im Automobilwerk wechselte Titkow im November 1969 zum Ministerium für Automobilindustrie der UdSSR, wo er eine leitende Stelle für Konstruktion und experimentelle Aufgaben übernahm. Dort war er maßgeblich an richtungsweisenden Entscheidungen für den Aufbau und die Modellpalette des zukünftigen KamAZ-Werks und der sowjetischen Lkw-Dieselmotorenproduktion beteiligt. Im weiteren Verlauf seiner Karriere beschäftigte er sich vornehmlich mit alternativen Antriebskonzepten wie Elektro- und Erdgasfahrzeugen und schuf die organisatorischen und legislativen Rahmenbedingungen dafür, dass zum Ende der UdSSR etwa 300.000 Fahrzeuge mit Gasantrieb im Verkehr waren. 1986 wurde er Abteilungsleiter im Ministerium und behielt diese Stelle bis zur Auflösung 1992. Danach arbeitete er bis 2017 als Experte für die sowjetische und russische Automobilproduktion bei einem russischen Branchenverband der Automobilindustrie.Главному конструктору советского автопрома Анатолию Ивановичу Титкову – 100 лет. Gratulation des Verbandes der russischen Automobilhersteller zum 100. Geburtstag (russisch) Nach dem Tod seiner Frau Angelina Alexandrowna Titkowa zog er sich 2021 vollständig aus dem öffentlichen Leben zurück.

Neben seiner Arbeit als Ingenieur und im Ministerium der Automobilindustrie der UdSSR war Titkow ab 1956 in der Ausbildung von Fachkräften und in der Wissenschaft tätig. Bis 1970 arbeitete er nebenbei für das Polytechnische Institut in Tscheljabinsk, ab 1970 an der Staatlichen Technischen Universität Moskau („MAMI“). Dort hatte er ab 1990 eine Professorenstelle am Lehrstuhl für Automobiltechnik inne. Er veröffentlichte mehr als 50 wissenschaftliche Publikationen und nahm noch mit über 90 Jahren an wissenschaftlichen Tagungen teil.Вехи славной истории. Легендарному уральскому «Захару» исполнилось 75 лет! (russisch)

Anatoli Titkow wurden für seine Arbeit diverse Preise verliehen, darunter die höchste zivile Auszeichnung der Sowjetunion, der Staatspreis der UdSSR (1972), dreimal der Orden des Roten Banners der Arbeit (1966, 1971 und 1976) sowie von der DDR die Medaille der Waffenbrüderschaft (1970). Er starb drei Wochen nach seinem 100. Geburtstag im März 2024 in Moskau an den Folgen einer Krebserkrankung.Создатель грузовика "Урал" Анатолий Титков умер от рака в 100 лет (russisch)

Einzelnachweise

Literatur S. A. Pjankow: «УРАЛЬСКАЯ ТРЕХТОНКА»: ИЗИСТОРИИ ПРОИЗВОДСТВА И МОДЕРНИЗАЦИИ ГРУЗОВОГО АВТОМОБИЛЯ ЗИС-5 (1944–1957 гг.). Geschichte der Wissenschaft und Technik, Ausgabe 10/2019, Moskau 2019.

Weblinks УралЗИС-355М. Джентльмен удачи. Interview mit Anatoli Titkow zur Entwicklung des UralZIS-355M (russisch)

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