Das Oerel-Interstadial war eine knapp 2000 Jahre dauernde Zwischenerwärmung der Weichsel-Kaltzeit. Es erfolgte zu Beginn des OIS 3 im Zeitabschnitt 58.300 bis 56.500 Jahre vor heute – noch vor den letzten starken Eisvorstößen des Weichsel-Hauptglazials.
Etymologie Die Typlokalität Oerel ist eine niedersächsische Gemeinde in der Samtgemeinde Geestequelle bei Bremervörde (Landkreis Rotenburg/Wümme). Oerel, früher oft auch Örel, leitet sich ab von Urhala bzw. Vrlaha – urkundlich erstmals erwähnt im Jahr 937.
Die Wortschöpfung Interstadial setzt sich zusammen aus dem Lateinischen Adjektiv inter mit der Bedeutung „zwischen, dazwischen“ und dem sächlichen Substantiv Stadial, abgeleitet vom Altgriechischen στᾰ́σῐς (stắsĭs) „Stand, Lage, Position, Stasis, Stillstand“. Sie bezeichnet somit die Zeit zwischen zwei Eishöchstständen.
Erstbeschreibung Das Oerel-Interstadial, auch Oerel Intervall, ist das erste Mittel-Weichsel Interstadial im Mittleren Pleniglazial und wurde im Jahr 1986 erstmals von Karl-Ernst Behre und Udo Lade beschrieben.
Der Torf des Oerel-Interstadials war aber bereits im Jahr 1965 von Willi Selle und Heinrich Schneekloth erwähnt worden.
Geographie Die Typlokalität des Oerel-Interstadials liegt inmitten von Oerel in der Füllung eines drenthezeitlichen Toteislochs – als drittes von vier Interstadialen in Superposition über dem Eemium. Der Typhorizont wird im Liegenden und Hangenden durch Sande begrenzt. Typusprofil ist das Profil OE 61 mit Profilbohrung und dem zugehörigen Pollendiagramm von Karl-Ernst Behre und Udo Lade (1986).
Allgemeine Einführung Das Isotopenstadium OIS 3 bzw. MIS 3 der Weichsel-Kaltzeit brachte zwischen 57.000 und 28.000 Jahre vor heute eine klimatische Verbesserung – im Vergleich zum vorangegangenen MIS 4 und dem darauffolgenden MIS 2. Während dieser relativ milderen Periode durchlebte die Menschheit eine sehr große Veränderung, wobei die Werkzeugtechniken des Mittleren Paläolithikums durch neue Herstellungsverfahren des Oberen Paläolithikums ersetzt wurden. Darüber hinaus erschienen erstmals Industrien basierend auf hartem Material tierischen Ursprungs (Elfenbein, Geweihstangen und Knochen). Erstmals wurden auch Kunstgegenstände angefertigt, wie Statuetten mit anthropomorphen und tierischen Wesenszügen, Schmuckobjekte, Werkzeuge und Waffen. Abris (Felsüberhänge) und Höhleninneres erfuhren künstlerische Ausgestaltungen.
Der kulturelle Übergang war global mehr oder weniger synchron erfolgt. Diese technologische Revolution wurde und wird bis jetzt mit dem Erscheinen des modernen Menschen (Homo sapiens) in Eurasien und der Verdrängung des Neandertalers – der noch vor 37.000 Jahren vor heute verschwinden sollte – in Verbindung gebracht.
Der Zeitabschnitt 57.000 bis 40.000 Jahre vor heute sah ab dem Beginn des MIS 3 eine signifikante Erwärmung, die sich durch drei gemäßigte Wärmeoszillationen auszeichnet – dem Oerel-Interstadial, dem Glinde-Interstadial und dem Moershoofd-Interstadial. In diesem Intervall gingen die Steinindustrien des Mittleren Paläolithikums ihrem Ende entgegen. Es kann jedoch nicht von einer Degeneration gesprochen werden, vielmehr handelte es sich um einen dynamischen Evolutionsprozess, der offensichtlich mit der Klimaverbesserung in Beziehung stand.
Zu Beginn des MIS 3 und des Mittleren Pleniglazials der Weichsel-Kaltzeit etablierte sich im Norden Deutschlands eine Steppentundra, die Rhein-Maas-Niederung in Richtung der Niederlande war jedoch mit Koniferenwäldern bestanden. Tau-Frost-Zyklen waren gestaltend für die Landschaften des Mittelweichsels. In manchen Gebieten entstanden daher seichte Thermokarstseen auf Schwemmebenen, anderweitig bildeten sich Frostrisse und auch Eiskeile, Kryoturbation setzte ein, und es kam gelegentlich zu stark wechselnden Sedimentations- und Abflussraten.
Geologie Die Typlokalität Oerel liegt im nördlichen Niedersachsen im Elbe-Weser-Dreieck. Dieses Gebiet gliedert sich etwa zur Hälfte in Niederungsbereiche, die von Mooren und vor allem von Marschen eingenommen werden, und zur anderen Hälfte in Geestbereiche, die im Drenthe-Stadium der Saale-Kaltzeit angelegt worden sind. Warthestadiales und weichselzeitliches Eis haben die Typregion nicht mehr erreicht. Die äußersten Randlagen des Weichseleises haben zu Oerel eine Mindestentfernung von rund 75 Kilometer und die des Wartheeises, prägnant markiert durch die Harburger Berge, noch eine Entfernung von rund 50 Kilometer. Von Gletschereis war das Elbe-Weser-Dreieck zuletzt anlässlich der jüngeren Vereisungsphase des Drenthe-Stadiums (Drenthe-2-Vorstoß) bedeckt.
Geologisch wird das Oerel-Interstadial an der Typlokalität durch einen Torf repräsentiert. Der Horizont besitzt nur eine Gesamtmächtigkeit von 79 Zentimeter und befindet sich 394 Zentimeter unter der Oberfläche. Er liegt in der Senke von Oerel und füllt dort ein drenthezeitliches Toteisloch.
Die elliptische, nur 180 × 80 Meter messende, senkenfüllende Torflage, schließt sich in Oerel unmittelbar östlich der Lamstedter Staffel an – eine jüngere Phase des zweiten Drenthe-Eisvorstoßes. Es handelt sich hierbei um einen Moränenrücken, genauer um eine Nord-Süd verlaufende Moränenüberschiebung, die ihren morphologischen Ausdruck in Erhebungen wie dem 36,7 Meter hohen Acker-Berg und dem 23,1 Meter hohen Hohen Oerel findet. Östlich der Senke folgt das 5 Kilometer breite, marschige Tal der Oste.
Stratigraphie Das Oerel-Interstadial (Weichsel Pleniglazial II oder abgekürzt WP II) ist das dritte von vier Interstadialen oberhalb des Eemiums. Im Liegenden sitzt es dem 52 Zentimeter mächtigen Schalkhof-Stadial aus niveofluviatilen Sanden auf und wird seinerseits im Hangenden vom 94 bis maximal 150 Zentimeter mächtigen Ebersdorf-Stadial überlagert, welches ebenfalls aus niveofluviatilen Sanden aufgebaut wird.
Das Oerel-Interstadial kann mit dem Grönland-Interstadial 16 (GI-16) assoziiert werden. Ihm war das recht lange Grönland-Stadial 18 (GS-18) vorhergegangen. Dazwischen legte sich eine klimatisch sehr unruhige Periode mit raschen kurzzeitigen Wechseln (GS-16, GI-16.2, GS-17.1, GI-17.1, GS-17.2 und GI-17.2). Auf das Oerel-Interstadial folgte das Ebersdorf-Stadial mit GS-16.1, sowie GI-15.2, GS-15.2, GI-15.1 und GS-15.1.
Feingliederung Das Weichsel-Pleniglazial begann laut Burchard Menke und Risto Tynni (1984) nach dem Odderade-Interstadial mit dem Schalkholz-Stadial, bezeichnet als WP I. Während des Schalkholz-Stadials waren hellgraue Feinsande abgelagert worden, deren Mächtigkeit recht schwankend ist – zwischen einigen Dezimetern und 1,90 Meter (im Typusprofil OE 61 waren 79 Zentimeter sedimentiert worden). Sehr wahrscheinlich war damals keine Vegetationsdecke vorhanden.
Über den Feinsanden folgte übergangslos der Torf des Oerel-Interstadials, der gleichzeitig eine klimatische Verbesserung anzeigt. Im Typusprofil im Zentrum der Oerel-Senke erreicht der Torf eine Mächtigkeit von 79 Zentimeter. Die Torfablagerung dehnte sich etwa 100 bis 200 Meter über das Zentrum der Mulde hinweg aus – wie mehrere Kernbohrungen zeigen konnten.
Flora Im unteren Abschnitt des Torfs ist nur wenig an mineralogenem Silt vorhanden, der Torf baut sich vielmehr vorwiegend aus braunen Laubmoosen wie Helodium blandowii auf, welche einen pH-Wert von 4,5 bis 5,5 anzeigen. Weitere Taxa sind Bauchiges Birnmoos (Bryum pseudotriquetrum), Herzblättriges Schönmoos (Calliergon cordifolium), Straminergon stramineum, Drepanocladus (Drepanocladus exannulatus), Kröten-Binse (Agathryon bufonium bzw. Juncus bufonius), Amblystegium riparium(bzw. Leptodictyum riparium), Mnium (Mnium punctatum), Schnabelriede (Rhynchospora alba) und Sphagnum recurvum. Anhand von Makroresten lässt sich eine örtliche Kräuterpopulation erkennen – bestehend vorwiegend aus Schnabel-Segge (Carex rostrata), Wasser-Segge (Carex aquatilis), Braun-Segge (Carex nigra) sowie (Carex rostrata/vesicaria). Nasse Abschnitte werden durch Sumpf-Blutauge (Potentilla palustris bzw. Comarum palustre) repräsentiert. Die im unteren Abschnitt vorhandenen Reste von Zwergbirken (Betula nana) dürften jedoch von außerhalb des Moors stammen.
Oberhalb von 433 Zentimeter ereignete sich ein definitiver Wechsel. War im unteren Abschnitt (473 bis 433 Zentimeter) die Dekompositionsrate noch hoch, so kam es jetzt zusammen mit einem deutlichen Anwachsen von Torfmoosen (Sphagnum) zu einer weitaus besseren Erhaltung pflanzlicher Überreste. Der pH-Wert wurde saurer, jedoch deuten Taxa wie Spitzblättriges Spießmoos (Calliergonella cuspidata) und Sumpf-Streifensternmoos (Aulacomnium palustre bzw. Comarum palustre) auf Störungen hin. Hierauf verweist auch das Sparrige Sumpfmoos (Paludella squarrosa), das bei einem pH von 4,6 bis 6,7 gedeiht, einen hohen Ca++-Gehalt von 5,1 bis 21,5 Milligramm/Liter benötigt und kein stagnierendes Wasser verträgt. Das Rundliche Torfmoos (Sphagnum teres) wird ab jetzt häufig, auch Homalothecium (Camptothecium nitens), Campylium, Meesia longiseta, (Mnium cinclidioides), Wacholder-Widertonmoos (Polytrichum juniperinum), Sphagnum-Kapseln und (Sphagnum imbricatum) treten auf.
Von zirka 415 Zentimeter aufwärts setzt ein Übergang zu nahezu ombrotrophischen Verhältnissen ein – erkennbar an sehr gut erhaltenen Moosüberresten wie beispielsweise Sphagnum und Strohmoos (Straminergon stramineum). Sehr häufig ist jetzt insbesondere das Scheiden-Wollgras (Eriophorum vaginatum) und später dann das Torfmoos (Sphagnum imbricatum). Letzteres Taxon zeigt seine Hochmoorvarietät, charakterisiert durch eine typische Rippenbildung über die ganzen Blätter hinweg. Die Aufbeulungen im Hochmoor waren wahrscheinlich mit Schwarzer Krähenbeere (Empetrum nigrum) bewachsen, von dem viele Samen gefunden wurden, sowie von der Besenheide (Calluna vulgaris). Im Pollendiagramm zeigen beide Taxa, besonders aber Empetrum, sehr hohe Werte im oberen Abschnitt des Torfs. Recht selten ist das Taxon Stellaria. Auch Kerne der Echten Bärentraube (Arctostaphylos uva-ursi) wurden angetroffen.
Mit Ausnahme der sehr häufigen Zwergbirke (Betula nana) wurden im Oerel-Interstadial keinerlei weitere Baumreste, insbesondere Birken angetroffen. Die sehr zahlreichen Blätterfunde von Zwergbirken in den oberen Abschnitten deuten darauf hin, dass diese Sträucher im Moor selbst heimisch waren. Wahrscheinlich waren Zwergbirken auch in der umliegenden Strauchtundra beheimatet.
Der Oerel-Torf wird schließlich ganz scharf von der nächsten Sandlage zugedeckt.
Fauna mini|hochkant=1.6|Der Dickmaulrüssler Otiorhynchus ligustici
Im unteren Abschnitt zwischen 450 und 430 Zentimeter wurden insgesamt 30 Insektenarten registriert. Darunter am schattigen Boden zwischen nassen Blättern lebende Käfer wie beispielsweise der Bartläufer Leistus rufescens (lebt insbesondere entlang kleinen Bächen und Erlensümpfen) und auch der Laufkäfer Patrobus atrorufus. Der Grabkäfer Pterostichus diligens beschränkt sich ebenfalls auf Nasshabitate, vor allem auf Uferzonen oligotrophischer und dystrophischer Seen und auf Sphagnum-Moore. Dem entgegengesetzt zieht der Kahnläufer Calathus melanocephalus einigermaßen trockenen Boden mit relativ spärlicher Bewachsung vor, wie beispielsweise Trockenwiesen, Graslandschaften, Dünen und Heiden. Von Bedeutung ist der Glanzflachläufer Agonum consimile, der ein rein nördliches, paläarktisches Taxon darstellt und vor allem in der Birkenzone Skandinaviens vorkommt. Agonum consimile findet sich in moosreichen Sümpfen, die weitgehend von Seggen (Carex) und Wollgräsern (Eriophorum) dominiert werden.