Nikolai Wandruszka (* 1958 in Heilbronn) ist ein deutscher Historiker und Hufschmied. Er arbeitet zur mittelalterlichen Sozial-, Stadt- und Familiengeschichte Italiens, insbesondere zu Bologna, sowie zur genealogischen und prosopographischen Forschung. Seine Forschungsergebnisse veröffentlichte er in Monografien, Fachzeitschriften und Sammelbänden.

Studium und wissenschaftliche Tätigkeit Von 1978 bis 1983 studierte Wandruszka Neuere Geschichte, Mittelalterliche Geschichte und Kunstgeschichte an den Universitäten Tübingen und Wien. 1983 erlangte er an der Eberhard Karls Universität Tübingen den Grad eines Magister Artium im Fach Neuere Geschichte mit der Arbeit Zusammenhänge von Beamtentum und Militär in der k.k. Monarchie im Spiegel einer Familiengeschichte.

Nach einer mehrjährigen handwerklichen Ausbildung erhielt er von 1989 bis 1991 ein Promotionsstipendium des Evangelischen Studienwerks Villigst e. V. In diesem Zusammenhang absolvierte er 1990/91 einen Forschungsaufenthalt in Bologna. 1993 wurde er an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster mit der Dissertation Die Oberschichten Bolognas und ihre Rolle während der Ausbildung der Kommune (12. und 13. Jahrhundert) zum Dr. phil. promoviert.Nikolai Wandruszka: Die Oberschichten Bolognas und ihre Rolle während der Ausbildung der Kommune (12. und 13. Jahrhundert). Frankfurt am Main: Peter Lang, 1993, ISBN 3-631-45667-0. Zugleich Dissertation an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, 1993 (nachgewiesen im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek).

In seiner Forschung befasste sich Wandruszka zuletzt mit Fragen der Herkunft und Gleichnamigkeit historischer Personen, darunter Untersuchungen zur umstrittenen Herkunft des Grafen Ulrich I. von WürttembergNikolai Wandruszka: Zur Herkunft Ulrichs (I), Graf von Württemberg (ca. 1222–1265). Eine späte Antwort auf die Thesen von Hansmartin Decker-Hauff. In: Südwestdeutsche Blätter für Familien- und Wappenkunde (SWDB), Bd. 39, 2021, S. 13–30. sowie Studien zur Gleichnamigkeit mittelalterlicher Stadtbürger, etwa in der Arbeit Aus Wiesensteig (2025) zum Organisten Leonhard Kleber in Pforzheim und Ludwig Renz in Wiesensteig.Nikolai Wandruszka: „Aus Wiesensteig: Zum Problem von Herkunftsangaben und Gleichnamigkeit. Die Herkunft von Leonhard Kleber (ca. 1495–1556) und Ludwig Renz (ca. 1450/55–ca. 1512/14)“. In: Südwestdeutsche Blätter für Familien- und Wappenkunde (SWDB) 43, 2025, S. 161–179, ISSN 0172-1844.

Hufbeschlag und Fachpublikationen Nach dem Abschluss seines Magisterstudiums absolvierte Wandruszka eine Ausbildung zum Schmied und Hufschmied an der Hufbeschlaglehrschmiede E. Niemerg oHG in Münster. 1986 legte er die Gesellenprüfung ab, 1987 folgte die Prüfung zum staatlich geprüften Hufbeschlagschmied. Seit 1991 ist er als selbstständiger Hufschmied tätig; 1996 erwarb er den Meistertitel im Metallbauerhandwerk. Seit 2019 ist er Mitglied der Prüfungskommission an der Hufbeschlag-Lehrschmiede von Schleswig-Holstein.

Neben seiner praktischen Tätigkeit veröffentlichte Wandruszka Fachbeiträge zu biomechanischen und orthopädischen Fragestellungen des Bewegungsapparates des Pferdes. Thematisiert werden unter anderem spezielle Hufformen wie der sogenannte diagonale Huf, die er aus anatomischer und biomechanischer Perspektive untersuchte, sowie Fragen der Hufunterstützung und -bearbeitung, etwa im Zusammenhang mit der sogenannten Garnitur als flächenvergrößernder Maßnahme am Huf.Nikolai Wandruszka: „Der diagonale Huf“. In: Der Praktische Tierarzt 92, Heft 2, 2011, S. 133–139.Nikolai Wandruszka: „Der diagonale Huf“. In: 19. Hufbeschlagtagung (München 27. November 2010; Dortmund 4. Dezember 2010; Eutin 29. Januar 2011; Berlin 19. Februar 2011), S. 69–84; wiederabgedruckt in: Bodo Hertsch (Hrsg.): Rund um den Huf. Wissenswertes für Tierärzte, Hufbeschlagschmiede und Pferdehalter. Ausgewählte Beiträge aus 20 Jahren Hufbeschlagtagung, Bd. 1, 2011, S. 124–139.

Darüber hinaus setzte sich Wandruszka in fachlichen Veröffentlichungen mit alternativen Methoden der Hufbearbeitung auseinander, die seit den 1990er Jahren unter dem Begriff der Barhufbearbeitung verbreitet sind. Dabei behandelte er insbesondere Ansätze nach Strasser und Biernat und ordnete diese im Kontext tiermedizinischer und huforthopädischer Fachdebatten ein.Nikolai Wandruszka: Deutsche Huforthopäden unter der Lupe. In: European Farriers Journal – Der Huf – Infor Marechalerie, Nr. 108, 2004, S. 32–49.Nikolai Wandruszka: Theorie und Praxis der Hufzubereitung nach Jochen Biernat und Hiltrud Strasser aus der Sicht eines Hufschmiedes. In: 14. Hufbeschlagtagung für Hufschmiede und Tierärzte, 2005; wiederabgedruckt in: Bodo Hertsch (Hrsg.): Rund um den Huf. Wissenswertes für Tierärzte, Hufbeschlagschmiede und Pferdehalter. Ausgewählte Beiträge aus 20 Jahren Hufbeschlagtagung, Bd. 3. 2011, S. 165–175.

Prosopographische Forschung Ein Schwerpunkt von Wandruszkas Forschung liegt auf der prosopographischen, genealogischen und sozialgeschichtlichen Analyse der städtischen Oberschichten im mittelalterlichen Italien, insbesondere in Bologna. Ausgangspunkt sind seine Untersuchungen zur Entstehung der Kommune und zur Rolle führender Familienverbände, darunter die sogenannten capitanei, die als politisch, militärisch und sozial einflussreiche Gruppe an der Ausbildung städtischer Herrschaftsstrukturen beteiligt waren.

In diesem Zusammenhang befasste sich Wandruszka mit der sozialen Herkunft früher Juristen und mit den personellen Netzwerken, die für die Entstehung der Universität Bologna von Bedeutung waren, darunter Studien zur ersten Generation juristischer Lehrer den Quattuor Doctores.

Die Verbindung von Sozialgeschichte, Namensforschung und Genealogie bildet dabei einen zentralen methodischen Ansatz. Auf dieser Grundlage entstanden Studien zu bolognesischen Adels- und Senatorenfamilien; Wandruszka war zudem seit 1998 an dem mehrbändigen Projekt Famiglie senatorie di Bologna beteiligt.Gli inizi della famiglia Ranuzzi, in: Ranuzzi. Storia Genealogia e Iconografia (Le Famiglie Senatorie di Bologna, 2), hg. v. Giuliano Malvezzi-Campeggi, Bologna 2000, 5-20

Seine genealogisch-prosopographischen Analysen stützen sich unter anderem auf Untersuchungen zur Entstehung und Entwicklung von Familiennamen im mittelalterlichen Bologna.Nikolai Wandruszka: „Die Entstehung des Familiennamens in Bologna (12. und 13. Jahrhundert)“. In: Mélanges de l’École française de Rome. Moyen Âge 107/2, 1995, S. 595–625 (Tagungsband: Genèse médiévale de l’anthroponymie moderne: l’espace italien, Mailand 1994). Anlässlich des 750-jährigen Jubiläums der Befreiung der Leibeigenen in Bologna veröffentlichte er zudem einen Beitrag zu den Eigentümern der Leibeigenen im Liber Paradisus.Nikolai Wandruszka: I proprietari dei servi della gleba nel Liber Paradisus del 1256. In: Armando Antonelli, Massimo Giansante (Hrsg.): Il Liber Paradisus e le liberazioni collettive nel XIII secolo. Cento anni di studi (1906–2008). Venedig: Marsilio, 2008, S. 411–427.

Die genealogische Perspektive wurde in späteren Arbeiten auf andere europäische Kontexte ausgeweitet, insbesondere auf die Familien- und Herkunftsforschung zu Christine de Pizan, deren soziale Verortung zwischen Stadt und Umland er anhand familiärer Netzwerke und adliger Abstammungslinien untersuchte.Nikolai Wandruszka: Famille et parenté de Christine de Pizan. In: Dominique Demartini, Claire Le Ninan (Hrsg.): Genèses et filiations dans l’œuvre de Christine de Pizan. Paris: Classiques Garnier, 2021, S. 297–313.

Publikationen (Auswahl)

Monografien Die Oberschichten Bolognas und ihre Rolle während der Ausbildung der Kommune (12. und 13. Jahrhundert), 1993. Christine de Pizan: Familie, Herkunft und sozialer Hintergrund, 2023.Nikolai Wandruszka: Christine de Pizan: Familie, Herkunft und sozialer Hintergrund (= Studien zur Geschichtsforschung des Mittelalters, Nr. 46). Hamburg: Verlag Dr. Kovač, 2023, ISBN 978-3-339-13560-5. Das Archiv der Verbindung Saxonia. Bestandsrepertorium, 1983.

Beiträge zur mittelalterlichen Sozial- und Stadtgeschichte Städtische Sozialstruktur und „Inurbamento“ in Bologna am Beispiel der Capitane von Nonantola (11.–14. Jahrhundert), 1996.Nikolai Wandruszka: Städtische Sozialstruktur und „Inurbamento“ in Bologna am Beispiel der Capitane von Nonantola (11.–14. Jahrhundert). In: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 76 (1996), S. 1–63, hg. vom Deutschen Historischen Institut in Rom. Tübingen: Max Niemeyer Verlag, ISSN 0079-9068. Die soziale Herkunft bologneser Juristen (12.–14. Jahrhundert). Zur Bedeutung des Adels für die Anfänge der Universität, 2007.Nikolai Wandruszka: Die soziale Herkunft bologneser Juristen (12.–14. Jahrhundert). In: Andreas Bauer, Karl H. L. Welker (Hrsg.): Europa und seine Regionen: 2000 Jahre Rechtsgeschichte. Böhlau, Köln u. a. 2007, S. 157–186, ISBN 978-3-412-13804-2. Die Revolte des Popolo von 1228 in Bologna, 1997.Nikolai Wandruszka: Die Revolte des Popolo von 1228 in Bologna. In: Thomas Scharff, Thomas Behrmann (Hrsg.): Bene vivere in communitate. Beiträge zum italienischen und deutschen Mittelalter. Münster 1997, S. 49–63, ISBN 978-3-89325-470-5.

Prosopographische und familiengeschichtliche Studien Familial traditions of the de Piçano at Bologna, 2002.Nikolai Wandruszka: Familial traditions of the de Piçano at Bologna. In: Angus J. Kennedy u. a. (Hrsg.): Contexts and Continuities. Proceedings of the IVth International Colloquium on Christine de Pizan (Glasgow, 21–27 July 2000). Bd. III. Glasgow 2002, S. 889–906. Die Grafen von Panico und die Kommune von Bologna (11.–13. Jahrhundert), 2000.Nikolai Wandruszka: Die Grafen von Panico und die Kommune von Bologna (11.–13. Jahrhundert). In: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 80 (2000), S. 30–52, hg. vom Deutschen Historischen Institut in Rom. Tübingen: Max Niemeyer Verlag, ISSN 0079-9068. Famille et parenté de Christine de Pizan, 2021.

Biodynamik des Hufes Der diagonale Huf, 2011. Deutsche Huforthopäden unter der Lupe, 2004. Theorie und Praxis der Hufzubereitung nach Jochen Biernat und Hiltrud Strasser aus der Sicht eines Hufschmiedes, 2011.

Weblinks https://www.wandruszka-genealogie.eu/ http://www.wandruszka-hufbeschlag.de/

Einzelnachweise

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