Schwuchtel ( Faggot) ist eine meist salopp und abwertend als Schimpfwort verwendete Bezeichnung für Schwule oder einen sich ‚weiblich‘ benehmenden Mann. Seltener kommt es als wertneutrale ironisierende Selbstbezeichnung vor, manchmal zur Differenzierung untereinander.Jody Daniel Skinner: Bezeichnungen für das Homosexuelle im Deutschen – Band II, Ein Wörterbuch, Die Blaue Eule, Essen 1999, ISBN 3-89206-903-4; Dissertation der Universität Koblenz-Landau 1998 Der Unterschied ist meist im Tonfall zu hören oder aus dem geschriebenen Zusammenhang zu entnehmen. Es gibt keine weibliche Entsprechung.Gabriele Scheffler: Schimpfwörter im Themenvorrat einer Gesellschaft, Tectum Verlag 2004, ISBN 3-8288-8172-6, S. 175

Schimpfwort Heranwachsenden Männern dient der Begriff in abgrenzender Funktion ihrer geschlechtlichen Identitätsbildung.

In der Erwachsenenwelt ist das Wort wohlbekannt. Der Entertainer Harald Schmidt bezeichnete während der Fußball-Weltmeisterschaft 1998 den Nationalspieler Jürgen Klinsmann als „Schwaben-Schwuchtel“ und „Warmduscher“. Die Äußerung führte zu einer juristischen Auseinandersetzung mit dem Deutschen Fußball-Bund, bei der Schmidt unterlag.Harald Schmidt darf Klinsmann nicht mehr schmähen: Nie wieder "Schwabenschwuchtel". In: Rhein-Zeitung, 21. Juni 1998.

Ebenso hält dieses Wort in die politische Rede Einzug. Bei seinem Grußwort zu einer CDU-Veranstaltung zum Thema Patriotismus im Juni 2006 in Lieske begründete der später wegen solcher rechtspopulistischen Äußerungen aus der CDU ausgetretene Bundestagsabgeordnete Henry Nitzsche die Notwendigkeit von Patriotismus, „um endlich vom Schuldkult runterzukommen“, damit „Deutschland nie wieder von Multi-Kulti-Schwuchteln in Berlin regiert“ werde.Verbalentgleisung: CDU-Parlamentarier kritisiert „Schuldkult“ und „Multi-Kulti-Schwuchtel“, Spiegel Online, 30. November 2006.Austritt aus der CDU: Nitzsche sieht sich als Buhmann verunglimpft, Spiegel Online, 15. Dezember 2006.

Auch in der politischen Presse wird das Wort inzwischen verwendet, sogar auf eine konkrete Person bezogen. In der rechten, der FPÖ nahestehenden Zeitung Zur Zeit bezeichnete der Autor Dimitrij Grieb – enger Mitarbeiter des FPÖ-EU-Abgeordneten Andreas Mölzer – im August 2007 den Life-Ball-Organisator Gery Keszler als Berufsschwuchtel.Dimitrij Grieb: Die Homoletten-Opfer-Lüge, Zur Zeit, Nr. 29–30/2007, 20. Juli–2. August 2007. Keszler klagte wegen Beleidigung, und Grieb wurde in erster Instanz freigesprochen. In erster Instanz hatte er sich damit verteidigt, dass Keszler „jemand ist, der ständig seine geschlechtliche Orientierung zur Schau trägt wie ein Adelsprädikat“, und es als „Stilmittel der Übertreibung“ und „umgangssprachlich im Kontext“ zu sehen sei. Außerdem meinte er: „Keszler gehört zu den obersten Zehntausend der Society. Damit muss er leben.“ Die Richterin begründete in ihrem Freispruch, dass die Bezeichnung zweifellos eine Beschimpfung und der gesamte Artikel „böse gegen Homosexuelle geschrieben“ sei. Sie sei aber „zu wenig beleidigend, um die Meinungsfreiheit außer Kraft zu setzen“, und Grieb habe nicht den Rahmen der freien Meinungsäußerung verlassen, die heutzutage sehr hoch gehalten werde. Des Weiteren stehe Keszler „massiv in der Öffentlichkeit“, „und ein Mensch, der so in der Öffentlichkeit steht, muss sich auch öffentliche Kritik gefallen lassen“., vienna.at, 15. Januar 2008 Eine Berufung vor dem Oberlandesgericht Wien führte zu einer Verurteilung Griebs zu einer Geldstrafe von 750 Euro wegen öffentlicher Beschimpfung gemäß § 115 StGB.„Berufsschwuchtel“ ist eine Beleidigung, diestandard.at, 24. Juni 2009.

Selbstbezeichnung und ältere Vorkommen Belegt ist das Wort in der Prostituiertensprache WiensOswald Wiener: Beiträge zur Ädöologie des Wienerischen, im Anhang zu:Josefine Mutzenbacher: Die Lebensgeschichte einer wienerischen Dirne, von ihr selbst erzählt, München 1970, S. 388: „päderast“ und Berlins.Heinz Küpper: Illustriertes Lexikon der deutschen Umgangssprache II, Stuttgart 1982–1984, „weibischer Homosexueller Berlin 1920 ff.“ Im Berlin der 1920er Jahre gab es einen Schwuchtelball als „Tanzabend Homosexueller“ und im Baseldeutsch gab es vor allem zwischen 1930 und 1955 das Spezialidiom Schwuchtle.Rudolf Suter (Hrsg.): Baseldeutschwörterbuch, Basel 1984 Ab 1975 wurde von Reinhard von der Marwitz in Berlin die Schwuchtel – Eine Zeitung der Schwulenbewegung herausgebracht.http://kenb.org/museum_Marwitz.html Reinhard von der Marwitz NachrufSusanne zur Nieden: Homosexualität und Staatsräson: Männlichkeit, Homophobie und Politik, Campus Verlag 2005, ISBN 3-593-37749-7, S. 93Annette Dröge, Volker N. Würtz: „männer“, „frauen“ und andere Menschen: Über Normen, Abweichungen …, Verlag Frauenpolitik 1977, S. 86 Aus dem Herausgeberkreis kamen dann die Gründer des 1977 eröffneten Schwulencafés Anderes Ufer. In der Szene gibt es auch die Bezeichnung der Schrankschwuchtel, also eine Person, die noch nicht ihr Coming-out gegenüber der Umgebung hatte und „im Schrank“ versteckt lebt. Es handelt sich um eine Lehnübersetzung aus dem englischen (to be) in the closet (zu deutsch „verheimlichen“), worauf auch der Ausdruck coming out (of the closet) („sich bekennen“) zurückgeht, beide ursprünglich ohne sexuelle Bedeutung, so dass beide Begriffe noch eher als im Deutschen allgemeine Verwendung finden.

Andere Bedeutungen in verschiedenen Mundarten In den Volksüberlieferungen aus dem Fürstenthum Waldeck von 1860 ist Schwuchtel unter der Bedeutung „leichtsinniger Mensch“ verzeichnet.Louis Curtze: Volksüberlieferungen aus dem Fürstenthum Waldeck, Verlag A. Speyer, Arolsen 1860, S. 501 (Online-Version)

Im Schlesischen bezeichnet Schwuchtel eine Schwätzerin, eine Art Dorfzeitung und eine dicke Frau. Der Schwüchtel ist ein dickleibiger Mensch und schwuchteln bedeutet herumtreiben.Walther Mitzka: Schlesisches Wörterbuch, W. de Gruyter 1962

Siehe auch

Liste queerfeindlicher Anschläge und Angriffe Schwulenwitz

Einzelnachweise

Weblinks

Schwuchtel im Homowiki – Eine Aktion von Aids Life, Trägerverein des Life Balls gegen Homophobie

Kategorie:Homosexualität Kategorie:Schimpfwort (Mann) Kategorie:Personenbezeichnung (Sexualität)