Thomas Walsingham OSB (gestorben nach 1422) war ein spätmittelalterlicher englischer Chronist. Seine Chronica maiora gilt als die bedeutendste erzählende Quelle für die englische Geschichte im späten 14. und frühen 15. Jahrhundert.
Thomas Walsingham war ein Benediktinermönch der bedeutenden Abtei von St Albans. Über ihn selbst wissen wir nur relativ wenig. 1364 wird seine Priesterweihe in St. Albans erwähnt, er wird wohl um 1340 geboren sein und verbrachte seine Zeit als Priester fast ausschließlich in der Abtei, studierte aber wohl in Oxford.Zu seinem Lebenslauf vgl. Introduction, in: St Albans Chronicle. The Chronica Maiora of Thomas Walsingham. Hrsg. von John Taylor, Wendy Childs und Leslie Watkiss. Band 1. Oxford 2003, S. XVIII ff. Von 1394 bis 1396 war er Prior in Wymondham, bevor er wieder nach St. Albans zurückkehrte. Er verfasste mehrere lateinische Schriften, darunter der Liber benefactorum (über Wohltäter der Abtei und andere Personen in dessen Wirkungskreis), eine Schrift zur Musiktheorie, ein Werk über die Äbte St. Albans (Gesta abbatum, eine Fortsetzung des Werks von Matthäus Paris) und ein historisches Werk zur Eroberung der Normandie durch die Engländer (Ypodigma Neustriae).Introduction, in: St Albans Chronicle. The Chronica Maiora of Thomas Walsingham. Hrsg. von John Taylor, Wendy Childs und Leslie Watkiss. Band 1. Oxford 2003, S. XXI ff. Walsingham war offenbar sehr belesen und beschäftigte sich auch mit klassischen antiken Texten. Dies sollte sein wichtigstes Werk beeinflussen, die Chronica maiora.
St. Albans hatte eine lange Tradition von Gelehrsamkeit, im 13. Jahrhundert entstanden hier auch mehrere Chroniken.Introduction, in: St Albans Chronicle. The Chronica Maiora of Thomas Walsingham. Hrsg. von John Taylor, Wendy Childs und Leslie Watkiss. Band 1. Oxford 2003, S. XV ff. Walsingham knüpfte daran an, wobei die Überlieferungslage für seine Chronik sehr kompliziert ist.Introduction, in: St Albans Chronicle. The Chronica Maiora of Thomas Walsingham. Hrsg. von John Taylor, Wendy Childs und Leslie Watkiss. Band 1. Oxford 2003, S. XXXV ff.; Introduction, in: St Albans Chronicle. The Chronica Maiora of Thomas Walsingham. Hrsg. von John Taylor, Wendy Childs und Leslie Watkiss. Band 2. Oxford 2011, S. XIX ff. So ist kein vollständiges Manuskript erhalten, das Werk ist vielmehr in einzelnen Teilen überliefert, die unterschiedlich lang bzw. vollständig sind, was die Erforschung lange Zeit erschwert hat. Daher wurde zunächst angenommen, dass um 1400 verschiedene Chronisten in St. Albans gewirkt hätten (woraus moderne Bezeichnungen für unterschiedliche Manuskriptteile entstanden, so Chronicon Angliae und Historia Anglicana),The Chronica Maiora of Thomas Walsingham (1376–1422). Hrsg. von David Preest, James G. Clark. Woodbridge 2005, S. 21. doch geht die Forschung nun weitgehend davon aus, dass die verschiedenen Manuskripte Teile eben einer großen Chronik sind und Walsingham dafür verantwortlich war.Vgl. Introduction, in: St Albans Chronicle. The Chronica Maiora of Thomas Walsingham. Hrsg. von John Taylor, Wendy Childs und Leslie Watkiss. Band 1. Oxford 2003, S. XXXIV f. und S. XLI ff.; The Chronica Maiora of Thomas Walsingham (1376–1422). Hrsg. von David Preest, James G. Clark. Woodbridge 2005, S. 10 ff. Für die Zeit nach 1393 ergeben sich jedoch stilistische Auffälligkeiten, so dass Walsingham für den späteren Teil Unterstützung heranzog und die Fertigstellung überwachte.Vgl. Introduction, in: St Albans Chronicle. The Chronica Maiora of Thomas Walsingham. Hrsg. von John Taylor, Wendy Childs und Leslie Watkiss. Band 2. Oxford 2011, S. XLII–XLVI. Die 2003/2011 publizierte Edition von John Taylor, Wendy Childs und Leslie Watkiss bezieht die ganze Breite der vorhandenen Manuskripte erstmals ein.
Walsinghams Chronik knüpfte an das Geschichtswerk des Matthäus Paris und den anschließenden Fortsetzungen (ab 1272) an.Introduction, in: St Albans Chronicle. The Chronica Maiora of Thomas Walsingham. Hrsg. von John Taylor, Wendy Childs und Leslie Watkiss. Band 1. Oxford 2003, S. XXXIII ff. Die Zeit von 1376 bis 1422 schilderte Walsingham eigenständig. Für diesen Zeitraum ist er die wichtigste erzählende Quelle für England, wobei bedeutende Ereignisse (wie das Good Parliament von 1376, der Bauernaufstand von 1381 in England oder die Geschehnisse um John Wyclif) vor allem dank seiner Schilderung genauer nachvollziehbar sind, die zudem teilweise einzigartige Informationen enthält.Introduction, in: St Albans Chronicle. The Chronica Maiora of Thomas Walsingham. Hrsg. von John Taylor, Wendy Childs und Leslie Watkiss. Band 1. Oxford 2003, S. LXXI ff. In der Forschung wird seine Chronik daher sehr geschätzt und gilt als zuverlässig. Walsingham stützte sich offenbar auf gute Quellen, darunter Zeitzeugen und schriftliche Quellen.The Chronica Maiora of Thomas Walsingham (1376–1422). Hrsg. von David Preest, James G. Clark. Woodbridge 2005, S. 15 ff.
Die Chronik entstand in Etappen, so wurde sie in den 1390er Jahren überarbeitet.Vgl. Introduction, in: St Albans Chronicle. The Chronica Maiora of Thomas Walsingham. Hrsg. von John Taylor, Wendy Childs und Leslie Watkiss. Band 1. Oxford 2003, S. LII ff. Doch eine frühe Fassung zirkulierte offenbar bereits Ende der 1380er Jahre und war recht verbreitet.The Chronica Maiora of Thomas Walsingham (1376–1422). Hrsg. von David Preest, James G. Clark. Woodbridge 2005, S. 19. Mehrere Chronisten haben sich für den behandelten Zeitraum Ende des 14./Anfang des 15. Jahrhunderts auf Walsinghams Schilderung gestützt.The Chronica Maiora of Thomas Walsingham (1376–1422). Hrsg. von David Preest, James G. Clark. Woodbridge 2005, S. 20.
Ausgaben und Übersetzungen St Albans Chronicle. The Chronica Maiora of Thomas Walsingham. Hrsg. von John Taylor, Wendy Childs und Leslie Watkiss. 2 Bände. Oxford University Press, Oxford 2003 (Band 1) / Oxford 2011 (Band 2). [Edition mit englischer Übersetzung und umfangreicher Einleitung] The Chronica Maiora of Thomas Walsingham (1376–1422). Hrsg. von David Preest, James G. Clark. Boydell Press, Woodbridge 2005. [englische Übersetzung, die auf teils anderen Manuskripten basiert als die oben genannte Edition von Taylor/Childs/Watkiss]
Literatur James Clark: Thomas Walsingham Reconsidered. Books and Learning at the late-medieval St. Albans. In: Speculum 77 (2002), S. 832–860. Antonia Gransden: Historical Writing in England. Band 2. Cornell University Press, Ithaca (New York) 1982, S. 118 ff.
Anmerkungen
Kategorie:Chronist Kategorie:Autor Kategorie:Literatur (15. Jahrhundert) Kategorie:Historiker des Mittelalters Kategorie:Literatur des Mittelalters Kategorie:Engländer Kategorie:Geboren im 14. Jahrhundert Kategorie:Gestorben im 15. Jahrhundert Kategorie:Mann