mini|Wolf-Heinrich Graf von Helldorff in der Uniform eines SA-Gruppenführers mini|Salonwagen von Compiègne, 1918. (Zeitgenössische Darstellung; Helldorf stehend, 6. von links) mini|Heinrich Himmler und Richard Walther Darré beim Rundgang auf der Grünen Woche 1939: Helldorff ist rechts hinter Himmler im Bild. Rechts vorn (mit Fliege) der französische Botschafter Robert Coulondre mini|Gruppenfoto (1932) anlässlich des Umbaus des Berliner Gauhauses. Im Vordergrund (v. l. n. r.) Hans Meinshausen, Karl Ernst, Helldorff, Joseph Goebbels, Karl Hanke, und Albert Speer im Hintergrund mittig
Wolf-Heinrich Julius Otto Bernhard Fritz Hermann Ferdinand Graf von Helldorff, oftmals fälschlich Wolf Heinrich Graf von Helldorf,Christian Faludi (Hrsg.): Die „Juni-Aktion“ 1938. Eine Dokumentation zur Radikalisierung der Judenverfolgung. Campus, Frankfurt am Main / New York 2013, ISBN 978-3-593-39823-5, S. 21 mit Anm. 64: Vergl. auch zur richtigen Schreibweise des Namens mit doppeltem ‚f‘ Helldorffs Unterschrift in der Personalakte Helldorff, BArch, PK-EO-114, n. f. (* 14. Oktober 1896 in Merseburg; † 15. August 1944 in Berlin-Plötzensee), war ein deutscher Rittergutsbesitzer und nationalsozialistischer Politiker, der seit den frühen 1920er Jahren für die NSDAP kämpfte. Er wurde 1933 Reichstagsabgeordneter und Polizeipräsident von Potsdam, ab 1935 von Berlin. Er knüpfte ab 1938 Kontakte zu Widerstandskreisen und wurde nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 hingerichtet.
Leben Wolf-Heinrich von Helldorff entstammte dem meißnischen Uradelsgeschlecht von Helldorff. Er war der Sohn des preußischen Rittmeisters Ferdinand von Helldorff (1869–?) und dessen erster EhefrauGothaisches Genealogisches Taschenbuch der Gräflichen Häuser. 1922. Fünfundneunzigster Jahrgang, Justus Perthes, Gotha 1921, S. 404. Dorothea, geborene von Holy-Poniecitz (1874–1948), Tochter eines Generals. Die Ehe der Eltern wurde 1926 geschieden. Wolf-HeinrichJahresbericht der Klosterschule Roßleben, einer Stiftung der Familie von Witzleben. Schuljahr 1909/10. Schulnachrichten, Band V (Namen der neu aufgenommenen Schüler. Ostern 1909), Jahrgang 1910. Programm Nr. 344. Verlag und Druck von Wilh. Sauer, Rossleben 1910, S. 16. ging auf das Gymnasium in Wernigerode und auf die Klosterschule Roßleben und ein Alumnat in Wernigerode.Albrecht Jordan: Statistische Mitteilungen. In: Fürstlich-Stolbergsches Gymnasium zu Wernigerode. Jahresbericht 1909/1910. Band 2 a: Verzeichnis der Schüler – Quarta. Verlag Hofbuchdruckerei Max Görlich, Wernigerode 1910, S. 12; ub.uni-duesseldorf.de
Helldorff diente mit Beginn des Ersten Weltkriegs als Fahnenjunker im Thüringischen Husaren-Regiment Nr. 12 und wurde im März 1915 zum Leutnant befördert. Er avancierte im Krieg zum Rittmeister und qualifizierte sich als Dolmetscheroffizier.Ted Harrison, S. 387. Als solcher war er bei den Ereignissen des Waffenstillstands von Compiègne anwesend und wurde von Matthias ErzbergerMatthias Erzberger: Erlebnisse im Weltkrieg. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart / Berlin 1920, S. 332; . auch als Kurier beauftragt.
Nach Kriegsende war er Angehöriger mehrerer Freikorps, darunter auch des Freikorps Roßbach. Wegen seiner Beteiligung am Kapp-Putsch floh er 1920 für einige Monate nach Italien.
mini|Rittergut Wohlmirstedt um 1860/61, Sammlung Alexander Duncker Zwischen 1921 und 1928 bewirtschaftete Helldorff sein Rittergut in Wohlmirstedt. Von 1924 bis 1928 war er Mitglied des Landtages für die NSFP in Preußen. Zum 1. August 1930 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 325.408);Bundesarchiv, R 9361-IX KARTEI/14610188. 1932 war Helldorff deren Fraktionsvorsitzender im Landtag.
Helldorff gewann im Sommer 1932 den späteren Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop, nach dessen eigenen Aussagen, für den Nationalsozialismus.VJZ Zitat, u. a. In: Schicksalhafte Verhandlungen, In: Rudolf (von) Ribbentrop: Mein Vater Joachim von Ribbentrop. Erlebnisse und Erinnerungen. Ares Verlag, Graz 2008, ISBN 978-3-902475-42-8, S. 29 (deutsch). Englisch ders.: My Father Joachim von Ribbentrop. Hitler’s Foreign Minister. Experiences and Memories. Pen & Sword Military, Yorkshire / Philadelphia 2019, ISBN 978-1-5267-3925-4.; 2. Auflage: Online-Ressource, 2020. Unpagniert. ISBN 978-1-5267-3926-1. Bereits 1931 war er der SA beigetreten und fungierte als SA-Führer in Berlin, im Sommer des gleichen Jahres für sechs Wochen als Leiter der SA-Gruppe Berlin-Brandenburg. Dort organisierte er am 12. September 1931, lange vor der Machtübertragung, den antisemitischen Kurfürstendamm-Krawall von 1931. Im darauf folgenden Strafverfahren kam Helldorff, der von Roland Freisler verteidigt wurde, mit einer geringen Strafe davon.
Im Jahr 1933 wurde ihm (formell) die SS-Führung von Berlin-Brandenburg anvertraut.Diese Behauptung ist in der sekundären Sampleliteratur vielzitiert. Ein wissenschaftlicher Beleg kann sich nur in den Restbeständen im ehem. BDC, jetzt BArch, zu den regionalen SS-Einheiten und ihren Führern in Berlin-Brandenburg zuordnen, siehe Standarten 6, 15, 42, 75, 80 etc. In dieser Funktion gab er angeblich die Parole heraus, dass für jeden getöteten Nationalsozialisten jeweils zehn Marxisten zu sterben hätten. Er wurde bei den Wahlen im März 1933 in den Reichstag gewählt und gleichzeitig zum Polizeipräsidenten von Potsdam ernannt. Unmittelbar nach dem zweiten Kurfürstendamm-Krawall im Juli 1935 musste der Polizeipräsident in Berlin, Magnus von Levetzow, zurücktreten und wurde durch Helldorff ersetzt. Er war General der Polizei und erreichte in der SA den Rang eines Obergruppenführers; in der SS erhielt er den gleichen Dienstgrad als Ehrenrang.
Verschuldung Helldorff verlor 1928 sein ererbtes Rittergut. Sein Bankrott war nicht allein durch den Verfall der Agrarpreise zu erklären, vielmehr hatten Wettschulden und verschwenderischer Lebenswandel mit dazu beigetragen. Es wurde kolportiert, Helldorff habe sich bei Erik Jan Hanussen, dem bekannten jüdischen Hellseher, verschuldet und sei von ihm abhängig. Im BArch ist aus dem Jahr 1935 ein Schreiben Helldorffs erhalten geblieben, gegengezeichnet von Hitler und Göring, wo er nach Selbstangaben offene Verbindlichkeiten von 20.000 bis 25.000 Reichsmark angibt.Gerd R. Ueberschär, Winfried Vogel: Dienen und Verdienen. Hitlers Geschenke an seine Eliten. Neuausgabe, In: Walter H. Pehle (Hrsg.): Die Zeit des Nationalsozialismus. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-596-14966-5, S. 135, S. 214. Auch als Polizeipräsident machte Helldorff durch Spielschulden, Luxuskäufe, unbezahlte Rechnungen und Mietschulden von sich reden; es kam sogar zu Gehaltspfändungen. Mehrfach erhielt Helldorff zur Entschuldung zinslose „Darlehen“ in beträchtlicher Höhe, die ihm aus Parteikassen gezahlt wurden und die er nicht zurückzahlen musste.Ted Harrison: „Alter Kämpfer“ im Widerstand. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 45 (1997), München 1997, S. 399 ff.
Antisemitismus Helldorff hatte sich frühzeitig bei Übergriffen gegen Juden hervorgetan. Im März 1933 leitete er eine Gruppe von SA-Leuten, die das Krankenhaus Am Urban stürmten und den ärztlichen Direktor Hermann Zondek sowie weitere jüdische bzw. kommunistische Ärzte eigenmächtig absetzten. In seiner amtlichen Eigenschaft war Helldorff „ein eifriger Befürworter schärferer legaler Verfolgungsmaßnahmen“Ted Harrison: „Alter Kämpfer“ … In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 45 (1997), München 1997, S. 405. gegen Berliner Juden. Joseph Goebbels notierte am 2. Juli 1938 im Tagebuch: Helldorff erließ im Juli 1938 „Richtlinien für die Behandlung von Judenangelegenheiten“, die in 76 Punkten kleinlichste Verwaltungsschikanen enthielten: Vorladungen vornehmlich am Sabbat, schärfere und häufigere Kontrollen, Verwaltungsgebühren zum Höchstsatz.Dokument 68, In: Susanne Heim (Hrsg.): Deutsches Reich 1938 – August 1939. In: Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945, Band 2; München 2009, ISBN 978-3-486-58523-0. Goebbels schrieb darüber: Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Bearb. von Elke Fröhlich. Teil 1: Aufzeichnungen 1923–1941. Band 5: Dezember 1937 – Juli 1938. K. G. Saur, München 2000, ISBN 3-598-23735-9, S. 396 (27. Juli 1938) / Datum irrtümlich 22. Juli 1938 bei Longerich, ISBN 3-492-03755-0, S. 183 / Goebbels’ Schreibweise Helldorff wird von Fröhlich stets in Helldorf geändert. Ab 1938 erpresste er von emigrationswilligen Berliner Juden die sogenannte Helldorff-Spende, bevor er ihnen ihren zuvor konfiszierten Reisepass aushändigen ließ.
Im Gegensatz dazu steht das nachsichtige Urteil des Schriftstellers und NSDAP-Mitglieds Hans-Otto Meissner, Helldorff habe Zitiert nach Ted Harrison: „Alter Kämpfer“ … In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 45 (1997), S. 407. Auch andere Zeitzeugen bestätigen, sie hätten bei Helldorff erfolgreich für jüdische Freunde interveniert. Allerdings gibt es Anhaltspunkte, dass Helldorff dafür Geld verlangte. Um 1937 wurde Helldorff einmal von einem SA-Mann angezeigt, weil er sich zusammen mit seinem Schwager Wedego von Wedel bei einem jüdischen Zahnarzt behandeln ließ, woraufhin Heinrich Himmler Ermittlungen zum Wahrheitsgehalt der Anschuldigungen einleitete, der sich bestätigte. Nachteilige Konsequenzen für Helldorff oder seinen Schwager sind jedoch nicht feststellbar.Wolf Christian von Wedel Parlow: Ostelbischer Adel im Nationalsozialismus. Familienerinnerungen am Beispiel der Wedel. In: Formen der Erinnerung. Band 64; Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017, ISBN 978-3-8470-0758-6, S. 50 m. Anm. 164.
Während des Krieges beteiligte sich die Berliner Polizei unter Helldorffs Leitung an der Deportation deutscher Juden.
Kontakte zum Widerstand Helldorff hatte über seinen Untergebenen Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg, mit dem er befreundet war, Kontakte zu hohen Offizieren der Wehrmacht. Er zeigte sich empört über die Intrigen bei der Blomberg-Fritsch-Krise und spielte der Wehrmachtführung entlastendes Material zu, das von der Gestapo zurückgehalten wurde. Angesichts der drohenden Kriegsgefahr knüpfte er 1938 Kontakte zu Ludwig Beck und Erwin von Witzleben. Helldorff gab später Geheimberichte des Sicherheitsdienstes an Hans von Dohnanyi weiter, in denen die Massenerschießungen in Polen dargestellt waren. Auch zu Friedrich Fromm und Friedrich Olbricht hatte er Verbindung. Mit Claus Schenk Graf von Stauffenberg traf er sich im Jahre 1944 mehrfach.
Die Verschwörer überschätzten allerdings die Möglichkeit, über Helldorff den Polizeiapparat nutzen oder auch nur neutralisieren zu können. Helldorffs zögerliche Haltung beim Staatsstreich kann dahin gedeutet werden, als wollte er sich nach beiden Seiten absichern. Allerdings muss offenbleiben, ob denn seinen Anordnungen überhaupt Folge geleistet worden wäre.Ted Harrison: „Alter Kämpfer“ … In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 45 (1997), S. 415 f., 423.
Tod mini|Erste Seite des Urteils des Volksgerichtshofs, die weiteren Angeklagten sind Bernhard Klamroth, Hans Georg Klamroth, Egbert Hayessen, Adam von Trott zu Solz und Hans Bernd von Haeften Wegen seiner Teilnahme an der Verschwörung vom 20. Juli 1944 wurde Helldorff vom „Volksgerichtshof“ unter Roland Freisler zum Tode verurteilt. Die Reaktion auf Helldorffs „Verrat“ war überaus heftig. Goebbels klagte wiederholt über den Undank des Verräters, den er gefördert und dem er aus einem Geheimfonds ein Gut von 500 Morgen Land geschenkt habe. Heinrich Himmler zählte 1944 bei seiner Rede vor den Gauleitern Helldorff an erster Stelle unter den Verschwörern auf.Die Rede Himmlers vor den Gauleitern am 3. August 1944. (Dokumentation) In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 1953, 1, S. 380; ifz-muenchen.de (PDF; 5,3 MB).