mini|Abteikirche des Klosters Himmerod in der Eifel (2005) Die Himmeroder Denkschrift, Langtitel Denkschrift über die Aufstellung eines Deutschen Kontingents im Rahmen einer übernationalen Streitmacht zur Verteidigung Westeuropas, war eine Geheime Bundessache vom 9. Oktober 1950 über mit Duldung der Westalliierten geplante westdeutsche Streitkräfte. Sie entstand im Auftrag des damaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer im Kloster Himmerod.

Hintergrund Koreakrieg Am 25. Juni 1950 hatte mit einem nordkoreanischen Angriff der Koreakrieg begonnen, der anfangs zu einer fast vollständigen Besetzung Südkoreas führte und dessen weitere Existenz bedrohte. Dabei war Nordkorea zwar von der Sowjetunion und der Volksrepublik China unterstützt worden, die militärischen Operationen hatten die nordkoreanischen Streitkräfte aber allein durchgeführt. Durch diesen Stellvertreterkrieg war im Kalten Krieg eine direkte Konfrontation der Supermächte UdSSR und USA vermieden worden. Es bestand die Sorge, es könne auch in Deutschland zu einem solchen Stellvertreterkrieg kommen, in dem Truppen der DDR die Bundesrepublik überrennen. Auch ein direkter Angriff der Sowjetunion wurde für möglich gehalten. In der westdeutschen Bevölkerung machte sich große Beunruhigung breit, unter anderem in Form von Hamsterkäufen.Norbert Wiggershaus: Deutschland 1950 – ein „zweites Korea“? Bedrohungsvorstellungen Bundeskanzler Adenauers nach Ausbruch des Korea-Krieges. Freiburg 1979, ISBN 3-7650-0818-4, auch erschienen in: Militärgeschichtliche Mitteilungen (MGM), Band 25, 1979.

Deutsche bewaffnete Kräfte mini|Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen nach 1945 Bereits am 1. Dezember 1946 hatte die Sowjetische Militäradministration in Deutschland mit dem Aufbau einer bewaffneten und militärisch organisierten Grenzpolizei begonnen, die zunächst der Deutschen Verwaltung des Innern (DVdI), später dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) unterstand. Im Oktober 1948 begann der Aufbau einer zunächst 10.000 Mann starken Truppe von 40 Bereitschaften mit je 250 Mann.

Nach Gründung der DDR am 7. Oktober 1949 wurden noch im selben Monat die Volkspolizeibereitschaften und -schulen in der Hauptverwaltung Ausbildung (HVA) des Ministeriums des Innern (MdI) zusammengefasst. Neben den der HVA unterstellten Polizeitruppen entstanden weitere bewaffnete Verbände. So war die Grenzpolizei des Landes Mecklenburg ab Januar 1950 für die Überwachung der Ostseeküste zuständig. Im Juni 1950 wurde die Hauptverwaltung Seepolizei (HVS) des MdI aufgestellt, die mit Küstenschutz-, Räum- und Spezialbooten ausgestattet wurde. Im Juli 1950 wurde beschlossen, im Rahmen der FDJ mit Unterstützung der Volkspolizei wehrsportliche Interessengemeinschaften zu bilden.Zeittafel zur Militärgeschichte der Deutschen Demokratischen Republik 1949–1984. Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1986 Im Westen ging man im Sommer 1950 von einer ostdeutschen Truppenstärke zwischen 53.000 (US-Schätzung) und 75.000 (westdeutsche Schätzung) aus, wobei bis 1952 ein Aufwuchs bis auf 300.000 Mann für möglich gehalten wurde.

Bis Sommer 1950 hatte damit auf breiter Grundlage der Aufbau militärischer Fähigkeiten in der DDR begonnen. Er wurde begleitet von einer aggressiven Propaganda der DDR-Führung, die beständig Parallelen mit dem Koreakrieg zog und eine solche Lösung für Deutschland öffentlich diskutierte. Ulbricht erklärte bei einer Parteiveranstaltung am 3. August 1950 im Friedrichstadtpalast, „Korea lehre, dass Marionettenregierungen früher oder später hinweggefegt würden, und deshalb werde man den Kampf führen, um die Nester der Kriegsprovokation zu liquidieren, so wie das in Süd-Korea geschieht“.Neues Deutschland, 5. August 1950 nach Norbert Wiggershaus: Deutschland 1950 – ein „zweites Korea“? Bedrohungsvorstellungen Bundeskanzler Adenauers nach Ausbruch des Korea-Krieges. Freiburg 1979, ISBN 3-7650-0818-4, auch erschienen in: Militärgeschichtliche Mitteilungen (MGM), Band 25, 1979, S. 103. Die Regierung Adenauer und die Westalliierten schätzten die militärischen Fähigkeiten der DDR allerdings als so gering ein, dass ein bewaffneter Angriff allein ihrer Truppen nicht vor 1952 zu erwarten sei.

Die Bundesrepublik Deutschland besaß 1950 keine eigenen bewaffneten Kräfte, lediglich die Bundesländer verfügten über Bereitschaftspolizeien. Im Frühjahr 1950 hatten die Vereinigten Stabschefs der alliierten Streitkräfte in Deutschland die Forderung erhoben, unter dem Namen „Staatsschutz“ eine Bundespolizei von 5.000 Mann aufzustellen.Artikel Bundesgrenzschutz Im Jahr 1951 wurde mit dem Aufbau des Bundesgrenzschutzes begonnen. Eine Besonderheit bildeten die alliierten Dienstgruppen, in denen 1950 etwa 145.000 Deutsche beschäftigt waren. Für Sicherheitsaufgaben an den Küsten wie etwa die Seeminenbekämpfung gab es kleinere deutsche Seeverbände mit etwa 1600 Mann unter alliierter Führung.

Truppen des Ostblocks und der Westalliierten Vor diesem Hintergrund wären für einen Krieg in Deutschland und Europa vor allem die Kräfte der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs und ihrer Verbündeten ausschlaggebend gewesen.

mini|Der Kampfpanzer T-54 wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in die Rote Armee eingeführt Nach verschiedenen westlichen Schätzungen verfügte die Sowjetarmee 1950 über eine Friedensstärke von 175 Kampfdivisionen, 30 Flak- und Artilleriedivisionen und zwischen 25.000 und 60.000 Kampfpanzer. Der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland rechnete man 22 Kampfdivisionen mit 6000 Panzern, sechs bis neun Flak- und zwei bis drei Artilleriedivisionen zu. Man ging davon aus, dass in der DDR 328.700 Mann stationiert waren, davon 270.000 bei den Landstreitkräften.

Die Westalliierten hatten nach dem Kriegsende in Europa 1945 ihre Truppen in Deutschland erheblich reduziert. Die stärksten Kampfverbände waren in verschiedenen Konflikten in Übersee gebunden, wie etwa dem Indochinakrieg. 1950 befanden sich noch etwa 170.000 amerikanische, britische und französische Heeressoldaten in Deutschland, von denen ein erheblicher Anteil Verwaltungsaufgaben der Besatzungstruppen wahrnahm und für Kampfaufgaben ungeeignet war. Die Ausstattung der meisten Truppen war nicht modern. Nach Einschätzung der westdeutschen Regierung verfügten die Alliierten an Kampftruppen über je zwei amerikanische und britische Divisionen und einige kleinere französische Verbände. In den Heimatländern standen kaum Truppen für eine schnelle Verlegung nach Deutschland zur Verfügung.

mini|Eine MiG-15, von denen die Sowjetunion zu Beginn des Koreakriegs etwa 100 Maschinen besaß Die Einschätzung über die Stärke der Luftstreitkräfte war sehr unsicher, weil deren Kräfte sehr viel schneller hätten verlegt werden können. Man rechnete den sowjetischen Luftstreitkräften und den Seefliegerkräften etwa 20.000 Flugzeuge, darunter 5000 Düsenflugzeuge, zu. Es wurde von einer erheblichen Unterlegenheit des Westens ausgegangen.

mini|links|Ein U-Boot der Whiskey-Klasse, von der ab 1948 in der UdSSR 215 Stück gebaut wurden Anders verhielt es sich bei den Kriegsflotten, bei denen die westlichen Kräfte denen der Sowjetunion in erheblichem Maße überlegen waren. Sorge bereiteten nur die vermuteten 250 U-Boote der sowjetischen Marine, die gegen westliche Verstärkungstransporte nach Europa zum Einsatz gebracht werden konnten.

mini|Westlicher und sowjetischer Machtbereich in Europa Bei den Atomwaffen hatten die USA seit 1945 ein Monopol besessen, das den europäischen Verbündeten als ausreichender Schutz gegen die Überlegenheit der konventionellen sowjetischen Streitkräfte ausgereicht hatte. Nach dem ersten erfolgreichen Atomwaffentest der Sowjetunion 1949 veränderte sich diese Lage. Es war absehbar, dass die Sowjetunion in absehbarer Zeit mit ihren Waffen das amerikanische Potenzial kompensieren würde. Damit wurden ihre konventionellen Kräfte zu einer Bedrohung Westeuropas. Nach westlicher Einschätzung waren sie in der Lage, eine Offensive bis zum Atlantik zu führen. Für Deutschland besonders bedrohlich war die Tatsache, dass die Alliierten die Verteidigung am Boden erst entlang des Rheins aufnehmen wollten. Damit wäre bei einem sowjetischen Angriff praktisch die gesamte Bundesrepublik sofort dem Gegner in die Hände gefallen.

Nach Ausbruch des Koreakrieges wurde vor allem diskutiert, wie groß die Gefahr eines unmittelbaren Angriffs durch die Sowjetunion sei und ob die Volkspolizei der DDR schon einen Stellvertreterkrieg wie in Korea führen könne. Adenauer erhielt zu beiden Fragen unterschiedliche Bewertungen. Auf westlicher Seite hielt man es jedoch für am wahrscheinlichsten, dass im Angriffsfall zunächst Verbände der Volkspolizei gegen die Bundesrepublik Deutschland eingesetzt werden sollten, denen bei Bedarf sowjetische Kräfte folgen würden. Bis 1952 würde aus der Volkspolizei eine Volksarmee entstehen, die zu derartigen Operationen in der Lage sein werde. Ebenfalls für 1952 erwartete man ein nukleares Patt, das die Bedeutung konventioneller Kräfte erheblich verstärken würde. Damit verblieben für Gegenmaßnahmen nur zwei Jahre Zeit.

Möglichkeiten zur Stärkung der westeuropäischen Verteidigung

Vor diesem Hintergrund stellte sich die Frage, wie Westeuropa gegen die überlegenen konventionellen sowjetischen Streitkräfte verteidigt werden könne. Dabei war auch zu klären, wie sich Westdeutschland als bevölkerungsreichster Staat Westeuropas an dessen Verteidigung beteiligen sollte, während noch immer Demilitarisierungsmaßnahmen stattfanden. Die deutsche Wiederbewaffnung war nicht nur eine praktisch-militärische, sondern vor allem eine politische und psychologische Frage. Bundeskanzler Konrad Adenauer hatte bereits früh nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland erkannt, dass deren Souveränität in erheblichem Maße davon abhängen werde, wie stark sie sich an der europäischen Verteidigung mit eigenen Truppen beteiligen würde.

Für eine solche Beteiligung zeichneten sich verschiedene Optionen ab, wobei eine nationale deutsche Wehrmacht sowohl von deutscher Seite als auch in der europäischen Öffentlichkeit ausgeschlossen wurde. Eine Option war die Schaffung einer so genannten Bundesgendarmerie als stark bewaffneter Polizeitruppe mit bis zu 60.000 Mann. Tatsächlich bewilligten die Alliierten die Aufstellung einer solchen später als Bundesgrenzschutz bezeichneten Truppe mit zunächst 30.000 Angehörigen. Außerdem wurde die Möglichkeit erwogen, die Alliierten Dienstgruppen auszubauen.

Adenauer bestand auf einer alliierten Anfrage als Voraussetzung für deutsche Überlegungen über einen Verteidigungsbeitrag. Diese Anfrage beschloss der Nordatlantikrat am 19. September 1950. Am gleichen Tage verabschiedeten die Außenminister der USA, Großbritanniens und Frankreichs ein Kommuniqué, in dem praktisch der Zusammenhang zwischen Wiederbewaffnung und Souveränität Deutschlands anerkannt wurde. Neben Lockerungen des alliierten Besatzungsrechts wurde angeboten, einen Angriff auf die Bundesrepublik Deutschland wie einen Angriff gegen sich selbst zu behandeln. Dieses Angebot war faktisch eine Garantieerklärung für die Sicherheit Westdeutschlands.

Die Himmeroder Expertengruppe