mini|hochkant|Razia Jan (2012)
Razia Jan (; * 5. Juni 1944 in Quetta, Britisch-Indien; † 20. Juli 2025 in Los Angeles) war eine afghanisch-US-amerikanische Unternehmerin und Bildungsaktivistin, welche die Stiftung Razia’s Ray of Hope und das Zabuli Education Center bei Deh’Subz gründete. Ihre Mädchenschule blieb trotz der Rückkehr der Taliban im Jahr 2021 und des landesweiten Verbots von Unterricht über der sechsten Klasse als Grundschule in Betrieb. Im Jahr 2012 wurde sie als eine der zehn CNN Heroes des Jahres ausgezeichnet.
Leben Jan wuchs im pakistanischen Quetta in einer liberalen, wohlhabenden Familie auf, in der Mädchen selbstverständlich zur Schule gingen und Freiheiten wie das Fahrradfahren genossen. Sie studierte Frühpädagogik am Mädchen-College in Quetta und setzte 1970 in Cambridge (Massachusetts) ihre Ausbildung fort, wo sie sich an der Lesley University einschrieb. In den 1980er-Jahren zog sie als Alleinerziehende ihren Sohn an der South Shore von Boston groß und baute den Betrieb Razia’s Tailoring and Dry Cleaners auf. Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 beteiligte sie sich an Hilfsaktionen, etwa mit Decken für Einsatzkräfte und Angehörige getöteter Rettungskräfte. Zugleich organisierte sie von Massachusetts aus umfangreiche Hilfslieferungen und verschickte binnen weniger Monate 30.000 Paar Kinderschuhe nach Afghanistan. So kehrte sie erstmals seit mehr als drei Jahrzehnten in ihre Heimat zurück und unterstützte Schulen, Waisenhäuser und Kliniken mit Sachgütern. In Deh’Subz, nordöstlich von Kabul, setzte sie mit Hilfe ihres Rotary-Netzwerks die Schenkung eines Grundstücks durch und begann – gegen anfängliche Skepsis der Dorfältesten – mit der Errichtung einer Mädchenschule. Das Zabuli Education Center öffnete 2008; Jan gewann die Gemeinde durch unermüdliche Gespräche und kleine, kluge Schritte, etwa indem die jüngsten Schülerinnen das Schreiben der Namen ihrer Väter erlernten. 2017 eröffnete in ihrem Umfeld ein kostenloses Frauenkolleg mit einem Hebammenprogramm. Jan starb am 20. Juli 2025 im Alter von 81 Jahren in ihrem Zuhause in Los Angeles an einem Herzleiden; sie hinterließ ihren Sohn Lars Jan, zwei Brüder und eine Enkelin.
Wirken Im Mittelpunkt ihres Wirkens stand der Aufbau und die Absicherung einer kostenlosen Schule für Mädchen, die sie mit beharrlicher Diplomatie gegen Widerstände etablierte; regelmäßige Inspektionen – bis hin zur täglichen Wasserprobe aus dem Schulhof-Schlauch – und das Bestehen auf Ordnung und Hygiene gehörten zu ihren Routinen. Der Erfolg beruhte auch auf ihrer Strategie, männliche Autoritäten einzubinden, etwa durch dauernden Austausch mit Dorfältesten und väterorientierte Anerkennungsgesten. Der Unterricht umfasste neben Lesen, Schreiben und Religion auch Englisch, Computer und lebenspraktische Fächer, und die Schule zählte Mitte der 2010er-Jahre bereits Hunderte Schülerinnen. Als Mädchen in der Pubertät verlobt oder verheiratet wurden, suchte Jan pragmatische Kompromisse, damit sie möglichst lange weiterlernen konnten. Nach der Machtübernahme der Taliban im Jahr 2021 musste die Schule die Sekundarstufe sowie das von ihr mitaufgebaute College schließen, während die Grundschule fortgeführt wurde. Der politische Kontext ist ein landesweites Verbot für Mädchenunterricht über der sechsten Klasse, das seit 2022 international kritisiert wird und fortbesteht. Für 2025 nannten Medien rund 800 eingeschriebene Schülerinnen. Weltweite Aufmerksamkeit erhielt die Arbeit zudem durch den PBS-Dokumentarfilm What Tomorrow Brings, der die Schule von den Anfängen bis zur ersten Abschlussklasse begleitet.
Einzelnachweise
Kategorie:Bildungsaktivist Kategorie:Afghanischer Emigrant in den Vereinigten Staaten Kategorie:Afghane Kategorie:Geboren 1944 Kategorie:Gestorben 2025 Kategorie:Frau