Marcus (auch Markus oder Markos) mit dem Beinamen , der Magier, war ein Gnostiker des 2. Jahrhunderts. Er hatte zeitweilig in Kleinasien, in der Provinz Gallia Lugdunensis und in Rom eine größere Anhängerschaft, die Markosianer. Die Theologie und die religiöse Praxis des Marcus lassen sich aus den Polemiken frühchristlicher Autoren rekonstruieren, namentlich aus Adversus haereses des Irenäus von Lyon und aus der Refutatio omnium haeresium des Hippolyt von Rom.

Leben Über das Leben des Marcus ist so gut wie nichts bekannt. Hieronymus (349–420) erwähnt, Marcus sei in Ägypten geboren.Hieronymus, Commentarii in Esaiam, XVII; Christoph Markschies: Valentinus Gnosticus? Untersuchungen zur valentinianischen Gnosis mit einem Kommentar zu den Fragmenten Valentins. Mohr, Tübingen 1992, ISBN 3-16-145993-8, S. 262, Anm. 20. Irenäus (etwa 130–200) spricht von ihm wie von einem Zeitgenossen.K. F. Rösgen: Das Hebräerevangelium. In: Zeitschrift für kirchliche Wissenschaft und kirchliches Leben 10 (1889), S. 561–578, hier S. 577. Die Niederschrift von Adversus haereses war etwa 180 abgeschlossen, und da er Marcus dort als etablierten Häresiarchen vorstellt, der bereits einige Gefolgsleute angesammelt hat, kann man annehmen, dass er in den 160er und 170er Jahren wirkte, vielleicht auch darüber hinaus.Niclas Förster: Marcus Magus. Kult, Lehre und Gemeindeleben einer valentinianischen Gnostikergruppe. Sammlung der Quellen und Kommentar. Mohr Siebeck, Tübingen 1999, ISBN 3-16-147053-2, S. 389 f. Eine Anekdote, die Irenäus kolportiert, deutet darauf hin, dass er in Kleinasien als Wanderprediger missionierte: Danach soll ihn ein dortiger Diakon in sein Haus aufgenommen haben, doch Marcus habe seine gutaussehende Ehefrau „an Leib und Seele verführt“, sodass sie sich ihm anschloss.Hans Leisegang: Die Gnosis. 4. Auflage, Alfred Kröner, Stuttgart 1955, ISBN 3-520-03205-8, S. 326.

Theologie Marcus war ein Vertreter der valentinianischen Gnosis: Hippolyt (ca. 170–235) schreibt, er habe seinen Lehrer Valentinus „nachgeahmt“, danach aber „selbst eine Vision erf[unden]“.Christoph Markschies: Valentinus Gnosticus? Untersuchungen zur valentinianischen Gnosis mit einem Kommentar zu den Fragmenten Valentins. Mohr, Tübingen 1992, S. 205. Nach dem italienischen Religionshistoriker Giovanni Casadio folgte Marcus hauptsächlich der östlichen Denkschule des Valentinianismus,Giovanni Casadio: Marcus the Magician, 2nd century. In: Wouter J. Hanegraaff, Antoine Faivre et al. (Hrsg.): Dictionary of Gnosis & Western Esotericism. Brill, Leiden/Boston 2005, ISBN 90-04-14187-1, S. 769. nach dem Theologen Niclas Förster dagegen verwendete er Motive der östlichen und der westlichen Schule gleichermaßen und verband sie mit Astrologie, griechischer Philosophie, heidnischen Mythen und nicht zuletzt mit neupythagoreischen Zahlenspekulationen und Gematrie.Niclas Förster: Marcus Magus. Kult, Lehre und Gemeindeleben einer valentinianischen Gnostikergruppe. Sammlung der Quellen und Kommentar. Mohr Siebeck, Tübingen 1999, S. 395 f.

Marcus behauptete, seine Lehren seien Offenbarungen, die er von verschiedenen höheren Wesen empfangen habe, etwa von Sige (Schweigen) und Aletheia (Wahrheit), den weiblichen Anteilen der obersten Tetraktys der Äonen. Sie hätten ihm die Entstehung des Pleroma enthüllt, der „Fülle“, das heißt, der geistigen Sphäre der gnostischen Theologie: Der unvordenkliche und unsagbare Urvater habe die dreißig Äonen, aus denen das Pleroma bestehe, emaniert, indem er das Wort aussprach, den Logos.Niclas Förster: Marcus Magus. Kult, Lehre und Gemeindeleben einer valentinianischen Gnostikergruppe. Sammlung der Quellen und Kommentar. Mohr Siebeck, Tübingen 1999, S. 391 f. Für die Schilderung der Kosmogonie griff Marcus auf das griechische Alphabet zurück: So sei das erste Wort, das der Urvater sprach, arché ( arché) gewesen, der Anfang. Nach diesem vierbuchstabigen Wort habe er drei weitere mit noch einmal vier, dann zehn und dann zwölf Buchstaben gesprochen, bis alle dreißig Laute vorhanden waren, die Marcus mit den dreißig Äonen gleichsetzt. Diese dreißig Wesenheiten hätten zu Anfang nichts voneinander gewusst, in sich aber bereits Unendlichkeiten enthalten, da der Buchstaben-Name jedes Äons seinerseits aus Buchstaben zusammengesetzt sei (Alpha etwa aus Alpha, Lambda, Phi und Alpha), deren Bezeichnungen wiederum ebenfalls buchstabiert werden können.Hans Leisegang: Die Gnosis. 4. Auflage, Alfred Kröner, Stuttgart 1955, S. 328 f.

Die weitere Schöpfung schildert Marcus weniger genau, doch nimmt man an, dass er hier den bekannten valentinischen Gedankengängen folgte: Einer der Äonen sei kurzzeitig aus dem Pleroma abgefallen und habe, bevor er zurückgeholt wurde, seine negativen Leidenschaften zurückgelassen, aus denen dann der Demiurg entstanden sei, der Erschaffer der physikalischen Welt. Diese sei nach dem Vorbild des Pleroma geschaffen worden, da der Demiurg aber nie dort gewesen sei, sei sie sehr unvollkommen.Niclas Förster: Marcus Magus. Kult, Lehre und Gemeindeleben einer valentinianischen Gnostikergruppe. Sammlung der Quellen und Kommentar. Mohr Siebeck, Tübingen 1999, S. 392 f.

Einige Menschen hätten in sich einen Rest des Pleroma, das Pneuma (, „Geist, Hauch, Luft, Atem“), weswegen sie sich in dieser Welt fremd fühlten und sich nach dem Pleroma sehnten, ohne es zu kennen. Ihre Erlösung erfolgt nach Marcus durch Jesus Christus, der sie zur Erkenntnis () ihres göttlichen Ursprungs führt. Die eigentliche Erlösungstat war für Marcus die Vereinigung des Menschen Jesus von Nazaret mit dem aus allen dreißig Äonen entstandenen Christus in Gestalt einer Taube. Dies sei während der Taufe Jesu geschehen – Marcus deutet hier die Erzählung der synoptischen Evangelien um.Niclas Förster: Marcus Magus. Kult, Lehre und Gemeindeleben einer valentinianischen Gnostikergruppe. Sammlung der Quellen und Kommentar. Mohr Siebeck, Tübingen 1999, S. 393 f. An die Person Jesu Christi knüpfte Marcus ausführliche numerologische Spekulationen: Da im Griechischen jeder Buchstabe auch eine Bedeutung als Zahlzeichen hat, errechnete er aus den Buchstaben des Namens Jesus () die Summe 888, die er zudem mit den 30 Äonen des Pleroma und dem Alpha und Omega (ergibt 801) aus verband. Besondere Bedeutung wies er auch der Zahl sechs zu, da laut der Mensch am sechsten Schöpfungstag erschaffen wurde, der Name Jesus im Griechischen sechs Buchstaben hat, er die sechste Person bei der Verklärung des Herrn war (nach den drei Jüngern, Moses und Elias) und am sechsten Tag zur sechsten Stunde gekreuzigt worden sei.Hans Leisegang: Die Gnosis. 4. Auflage, Alfred Kröner, Stuttgart 1955, ISBN 3-520-03205-8, S. 333–339. Die Passion Jesu selbst ist für Marcus soteriologisch aber bedeutungslos. Nach dem Zeugnis des Agapios von Hierapolis, eines arabisch schreibenden christlichen Gelehrten des 10. Jahrhunderts, erklärte er die Kreuzigung vielmehr als Racheakt der 360 Götter, die jeweils für einen Grad des Tierkreises stünden, da sie nicht mehr verehrt worden seien.Niclas Förster: Marcus Magus. Kult, Lehre und Gemeindeleben einer valentinianischen Gnostikergruppe. Sammlung der Quellen und Kommentar. Mohr Siebeck, Tübingen 1999, S. 49 ff.

Für die Zeit, wenn alle Pneumatiker ins Pleroma zurückgekehrt seien, prophezeit Marcus eine Apokatastasis, einen Weltbrand, der alle Materie vernichten werde. Ein Weltgericht war in seiner Eschatologie nicht vorgesehen.Niclas Förster: Marcus Magus. Kult, Lehre und Gemeindeleben einer valentinianischen Gnostikergruppe. Sammlung der Quellen und Kommentar. Mohr Siebeck, Tübingen 1999, S. 203 und 416.

Kultus und Gemeindeleben Marcus und seine Anhänger verstanden sich als Christen und nahmen zunächst an Gemeindeleben und Gottesdienst der frühchristlichen Gemeinden teil. Innerhalb dieser Gemeinden bildeten sie Sonderzirkel mit eigenen Ritualen und Sakramenten. Der Initiationsritus der Markosianer umfasste ein Weinwunder, bei dem sich vor den Augen der versammelten Gläubigen Weißwein in Rotwein verwandelte und dann getrunken wurde. Dies sollte zeigen, dass Charis (, „Gnade“), der höchste weibliche Äon, ihr Blut herabregnen lasse; mit diesem Ritual wurde der Initiand mit der Charis bzw. mit seinem Schutzengel verheiratet und mit der Gabe der Weissagung ausgestattet.Niclas Förster: Marcus Magus. Kult, Lehre und Gemeindeleben einer valentinianischen Gnostikergruppe. Sammlung der Quellen und Kommentar. Mohr Siebeck, Tübingen 1999, S. 400 f. Worauf diese angebliche Weissagung zurückzuführen war, ist nicht geklärt. Giovanni Casadio vermutet, dass Marcus eine Art Hypnose beherrschte, Niclas Förster denkt an Hyperventilation der Betroffenen.Niclas Förster: Marcus Magus. Kult, Lehre und Gemeindeleben einer valentinianischen Gnostikergruppe. Sammlung der Quellen und Kommentar. Mohr Siebeck, Tübingen 1999, S. 25 und 401. Da alle Gemeindemitglieder somit weissagen konnten, wurde bei ihren Zusammenkünften gelost, wer es tun sollte.Klaus Koschorke: Eine neugefundene gnostische Gemeindeordnung. Zum Thema Geist und Amt im frühen Christentum. In: Zeitschrift für Theologie und Kirche 76, Heft 1 (1979), S. 30–60, hier S. 36.

Ein Vereinigungssakrament der Markosier war auch das „Brautgemach“ (, Nymphon), bei dem sie sich symbolisch mit der Charis vereinigten. Ein ähnliches Ritual wird im gnostischen Philippusevangelium beschrieben, einer der 1945 gefundenen Nag-Hammadi-Schriften.Niclas Förster: Marcus Magus. Kult, Lehre und Gemeindeleben einer valentinianischen Gnostikergruppe. Sammlung der Quellen und Kommentar. Mohr Siebeck, Tübingen 1999, S. 105 f.

Ein weiteres Sakrament der Markosianer war eine zweite Taufe, mit der die Gläubigen zu Pneumatikern werden sollten. Sie nutzten dabei eine trinitarische Taufformel, die aber von („Tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“) abwich:

Am wichtigsten war den Markosianern das Sterbesakrament, die „Erlösung“ ( Apolýtrōsis). Dabei wurden dem Sterbenden auf dem Totenbett die geheimen Passwörter mitgeteilt, mit denen er mit Hilfe des Äons SophiaDie Lehre des Marcus unterscheidet sich hier von der des Valentinus, der von einer guten und einer bösen Sophia erzählt; Marcus scheint nur eine Sophia zu kennen. Christoph Markschies: Valentinus Gnosticus? Untersuchungen zur valentinianischen Gnosis mit einem Kommentar zu den Fragmenten Valentins. Mohr, Tübingen 1992, S. 373, Anm. 272. dem Totengericht des Demiurgen entkommen und unbeschadet ins Pleroma zurückkehren konnte.Niclas Förster: Marcus Magus. Kult, Lehre und Gemeindeleben einer valentinianischen Gnostikergruppe. Sammlung der Quellen und Kommentar. Mohr Siebeck, Tübingen 1999, S. 401 f. Laut Hippolyt von Rom, der etwa fünfzig Jahre nach Irenäus schrieb und die Markosianer aus eigener Anschauung kannte, erfolgte die Spende dieses Sakramentes durch einen Bischof. Daraus kann man schließen, dass die Markosianer aus den orthodoxen Gemeinden, in deren Mitte sie sich anfangs ausgebreitet hatten, ausgeschlossen worden waren und eine eigene Gemeindeorganisation gegründet hatten. Diese Organisation scheint sich in mehrere Einweihungsgrade gegliedert zu haben. Darauf deutet auch ein eigenes Ritual für die (erste) Taufe hin, das bei Hippolyt überliefert ist: Im 3. Jahrhundert wurden also auch Heiden aufgenommen, die vorher nicht Mitglied einer christlichen Gemeinde gewesen waren.Niclas Förster: Marcus Magus. Kult, Lehre und Gemeindeleben einer valentinianischen Gnostikergruppe. Sammlung der Quellen und Kommentar. Mohr Siebeck, Tübingen 1999, S. 403 f.

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