Lusern (auch Lusérn geschrieben; die Betonung des Wortes liegt auf der zweiten Silbe), italienisch Luserna, ist eine italienische Gemeinde (comune) mit Einwohnern (Stand ), Provinz Trient, Region Trentino-Südtirol. Sie gehört der Talgemeinschaft Magnifica Comunità degli Altipiani Cimbri an.
Lusern ist eine der bekanntesten und am besten erhaltenen deutschen Sprachinseln der Zimbern in Oberitalien. 90 % der Bevölkerung spricht die bairische Varietät Zimbrisch.Webseite der Gemeinde Lusern, abgerufen am 22. Juli 2014
Geographie mini|Lage der Gemeinde Lusern in der Provinz Trient Lusern liegt auf einer Höhe von auf einem östlichen Ausläufer der Hochebene von Lavarone (deutsch: Lafraun, zimbrisch: Lavròu) etwa 600 Höhenmeter über der Astico-Schlucht, südlich des oberen Valsugana und des Caldonazzosees.
Die Hochebene von Lusern umfasst ca. 20 Quadratkilometer, wovon nur etwa acht zur Gemarkung der Gemeinde Lusern (zimbrisch: Kamou vo Lusern) gehören. Teile der Hochebene von Lusern gehören zur Gemarkung der Gemeinden Lavarone, Levico Terme und Caldonazzo. Die Hochebene ist leicht wellenförmig, die Berge am Nordrand der Hochebene erreichen nicht ganz 2000 Meter (höchster Berg: Cima Vezzena, ).
Lusern lässt sich als Straßendorf charakterisieren, darüber hinaus gibt es eine Vielzahl an isolierten kleinen Weilern, die als Baite (Hütten) bezeichnet werden. Die größte Gruppe dieser Weiler ist Bisele (Oberhäuser, Unterhäuser, Galen). Im Lauf der Jahrhunderte wurden Gefälle eingeebnet und eine größere Zahl von terrassenförmigen Feldern und Gemüsegärten angelegt.
Das Klima ist vom Hochgebirge geprägt: Niederschlag ca. 1200 Millimeter pro Jahr, lange Winter mit viel Schnee. Die Wälder sind Mischwälder. Vorherrschend sind Weiß-Tannen, Rottannen, Rotbuchen und Lärchen. Der Pilzreichtum der Wälder lockt im Sommer und Herbst viele Pilzsammler an, was die Luserner nicht immer gerne sehen.
Erreichbar ist der Ort entweder von Südosten über Asiago (zimbrisch: Sleghe) und den sehr einfach zu befahrenden Vezzena-Pass (zimbrisch: Vesan/deutsch: Wiesen) oder von Nordwesten über Pergine, Calceranica und Lavarone (zimbrisch: Lavrou/deutsch: Lafraun) (der einfachste, aber etwas umständliche Weg) oder aber von Levico Terme über den im 19. Jahrhundert von österreichischem Militär angelegten Kaiserjägersteig (ital. Monterovere), einer sehr schmalen (mit nur wenigen Ausweichstellen) und steilen, asphaltierten Bergstraße mit engen unbeleuchteten Tunneln, aber mit atemberaubender Aussicht auf die Valsugana und den Caldonazzosee: der kürzeste, aber abenteuerlichste und nur für Schwindelfreie geeignete Weg.
Ortsteile Zur Gemeinde Lusern gehören die Fraktion Tetsch (Tezze) sowie die Ortschaften Lait (Rivetta) und Bisele.
Geschichte Die ersten prähistorischen Dörfer Auf dem „Pletz von Motze“, einer Stelle etwa 500 m nördlich des Luserner Ortsteils Tetsch (Tezze), fanden Archäologen bei Ausgrabungen Keramikscherben und Reste alter Kupfer-Schmelzöfen, die auf ca. 1200 v. Chr. datiert wurden. Noch ältere, jungsteinzeitliche Spuren finden sich in Form von Menhiren und einem Altar- oder Opferstein oberhalb der Häuser von Bisele, in der Nähe der Alm Malga Costesin, auf der nahe gelegenen Hochebene von Vesan (Altipiano di Vezzena). Bis Anfang des 13. Jahrhunderts gibt es keine weiteren archäologischen oder schriftlichen Hinweise, die eine Besiedlung des Gebiets zwischen dem Asticotal im Süden und dem Valsugana im Norden bezeugen würden.siehe dazu: Ausstellung Ori delle Alpi im Castello del Buonconsiglio, Trient, 1997. KOMPASS Wander- und Radtourenkarte Nr. 631. Ulrich Mößlang's Reisebericht und Bilder über Menhire, Dolmen und Opferstein.
Zimbrische Kolonisierung Das zehn Kilometer westlich gelegene Folgaria wird erstmals 1208 im „Codex Wangianus“, dem Urkundenbuch des Hochstifts Trient, genannt. Darin ist für den 16. Februar 1216 vermerkt, dass der „Bischof Friedrich von Trient … dem Odolricus und dem Henricus de Posena (Ulrich und Heinrich von Bozen) die Höhen von … Folgaria bis Centa (verleiht), … um dortselbst wenigstens 20 neue Höfe zu gründen und Arbeiter dahin zu berufen, welche das ganze Gebiet auftheilen, urbar machen und davon dem Bischof Zins zahlen sollen“. In diesem Zusammenhang entstand die Ansiedlung Lavarone auf der gleichnamigen Hochebene zwischen dem Sommo-Pass und Centa. Die heutige Gegend von Lusern wurde wiederum von Leuten aus Lavarone besiedelt, die den sonnigen Südhang der Costa Alta als Sommerweide nutzten, bevor sie sich ständig dort niederließen. Die Ansiedlung Lusern wird erstmals 1442 in einer Urkunde erwähnt, in der ein gewisser Biagio aus Asiago erklärt, dass er 55 Golddukaten erhalten habe, die ihm Herzog Friedrich für den Kauf von vier Höfen in Lusern geschuldet hatte. 1487 besetzte die Republik Venedig das Gebiet von Lusern, worauf die Gemeinde Lavarone anfragte, „di poter godere ancora il monte di Luserna“, also „weiterhin den Berg von Lusern nutzen zu dürfen“. Eine Aufstellung der Pfarrei Brancafora (bei Piedemonte) im Asticotal, zu deren Sprengel Lusern lange Zeit gehörte, zählt 1698 die Namen Nicolussi, Gasperi und Oseli auf. Diese weisen auf gleichlautende Hofnamen im Ostteil von Lavarone hin. Den Familiennamen Nicolussi oder Gasperi – mit verschiedenen Beinamen zur Unterscheidung – tragen heute noch rund 90 % der Bevölkerung. Der weiter vorkommende Familienname Pedrazza kam erst später, vermutlich durch Einheiratungen aus dem Val Terragnolo, hinzu.siehe dazu: Codex Wangianus: Urkundenbuch des Hochstifts Trient, No. 132, Folgaria und Centa, pp. 304–306 Reich, Desiderio: Notizie e documenti su Lavarone e dintorni, Trient, 1910, pp 127/128, p 216, p 222 Anm. 159. KOMPASS Wander- und Radtourenkarte Nr. 631. Terragnolo: Weiler Pedrazzi im Terragnolo Tal südlich von Serrada. Bacher, Josef: Die Deutsche Sprachinsel Lusern, Innsbruck, 1905, S. 25.
Entstehung des Namens Lusern Während nahezu alle Flurnamen auf dem Gemeindegebiet wie auf angrenzenden Flächen auf bairisch-mittelhochdeutsche bzw. zimbrische Begriffe zurückzuführen sind, ist der Name Lusern bzw. Luserna eindeutig romanisch. In venezianischen Urkunden wird der Ort immer als Liserna bezeichnet (Betonung auf der zweiten Silbe). Auf Ladinisch bedeutet lize, auf Italienisch liscio, glatten, schlüpfrigen Untergrund. Im Tirolerischen steht Lizum (Betonung auf der zweiten Silbe) für hochgelegenen Almboden am Talschluss. Glatter, schlüpfriger Almboden trifft auf die Gegebenheit vor Ort exakt zu.siehe dazu: Reich, Desiderio: Notizie e documenti su Lavarone e dintorni, Trient, 1910, p 160. Tyroller, Hans: Grammatische Beschreibung des Zimbrischen von Lusern, Stuttgart, 2003, p 6.
mini|Platz / Piazza Guglielmo Marconi
Die selbständige Gemeinde Lusern entsteht Am 7. Oktober 1715 wurde die erste Kirche in Lusern geweiht. Eine eigene Pfarrei wurde aber erst 1745 zugebilligt; die Luserner Taufmatrikel beginnen am 7. Oktober 1745. Bis dahin waren alle kirchlichen Bräuche und Notwendigkeiten von der Taufe bis zur Beerdigung in Brancafora im Asticotal zu erledigen. Das sind über 800 m Höhenunterschied auf steilen, schwierigen Wegen – bei jedem Wetter, im Sommer wie im Winter. Am 4. August 1780 erfolgte nach Grenzstreitigkeiten die verwaltungsmäßige Trennung zwischen der „Magnifica Comunità di Lavarone“ (Herrliche Gemeinschaft von Lavarone) und der „Onoranda Vicinia“ (Geehrte Nachbarschaft) Lusern. Der Ort verzeichnete damals rund 250 Einwohner. Seither ist Lusern eine eigenständige Gemeinde. Im August 1911 wurde ein großer Teil des Dorfes, dessen Häuser (wie heute) mit Holzschindeln gedeckt waren, durch einen Brand zerstört.Vgl. den Kurzbericht der Bozner Nachrichten vom 25. August 1911, S. 5 (Digitalisat). Das Dorf wurde mit österreichischer Hilfe (Spendenaufruf) rasch wieder aufgebaut.siehe dazu: Bacher, Josef: Die Deutsche Sprachinsel Lusern, Innsbruck, 1905, S. 25. Prezzi, Christian: Luserna Isola Cimbra, Lusern, 2002; Die Einwohnerzahl von Lusern stieg bis 1910 auf 940 an. Reich, Desiderio: Notizie e documenti su Lavarone e dintorni, Trient, 1910, pp 228–229.
Lusern und der Erste Weltkrieg mini|Lusern 1918 Das österreichisch-ungarische Militär ließ das Werk Lusern oberhalb des Ortes als eines von sieben schweren Befestigungsanlagen zwischen dem Monte Maggio im Südwesten und dem Pizzo di Levico (Spitz Verle) im Nordosten an strategischen Punkten entlang der damaligen Reichsgrenze errichten. Der Bau des Werkes Lusern war für die Einwohner Luserns eine gute Verdienstquelle: zwischen 1908 und 1912 waren alle arbeitenden und helfenden Hände des Orts zur Herstellung dieses Bauvorhabens aufgerufen. Als Italien am 23. Mai 1915 in den Ersten Weltkrieg eintrat, lag Lusern unmittelbar an der Grenze und damit an der Front zwischen Italien und Österreich-Ungarn. „Am 25. Mai, Pfingstdienstag, gegen halb vier Uhr morgens“, schrieb Pfarrer Josef Pardatscher in seinem Tagebuch, „begannen die Kanonen zu donnern, unsere und jene von der anderen Seite, Verena und Campolongo“. „Unsere Kanonen“ – das waren die Geschütze des Panzerwerks Lusern.
In den drei Tagen vom 25. bis 28. Mai 1915 wurde das Werk Lusern von rund 5000 italienischen Granaten mit Geschosskalibern bis zu 28 cm getroffen und fast sturmreif geschossen. Intensiver Beschuss des Werkes war ferner vom 15. bis 28. August 1915 und vom 9. April bis 20. Mai 1916 zu verzeichnen. Das nur einen Kilometer entfernte Dorf Lusern blieb von diesen Kampfhandlungen nicht verschont. Die Bevölkerung musste das Dorf unverzüglich verlassen und konnte nur das Allernotwendigste mitnehmen. In Lusern und Umgebung blieben nur die dienstverpflichteten Soldaten (Standschützenkompanie Lusern) und Arbeiter sowie, als Feldkurat, der letzte deutsche Pfarrer von Lusern, Josef Pardatscher aus Salurn.
Die Luserner fanden in verschiedenen Dörfern bei Aussig im nördlichen Böhmen Unterkunft und konnten erst im Januar 1919 in ihr völlig zerstörtes Dorf zurückkehren. Das einzig erhaltene Gebäude war das einstige österreichische Zollamt, das auch heute noch am Dorfrand steht. Durch den Vertrag von Saint-Germain war Südtirol an Italien gekommen. Finanzielle Mittel der nun italienischen Regierung erleichterten den Wiederaufbau und den Neuanfang. Die ursprünglich im Ortszentrum stehende und zerstörte Kirche (St. Antonius) wurde unterhalb des Dorfes, zum Ortsteil Tetsch hin, neu gebaut (1920–1923 das Kirchengebäude; 1928–1929 der Turm). Durch den Wiederaufbau und eine gewisse Prosperität in den 1920er Jahren wuchs die Bevölkerung Luserns auf 1200 Einwohner an, nahm aber u. a. bedingt durch die Weltwirtschaftskrise und Abwanderungen auf 850 Bewohner im Jahr 1935 ab.siehe dazu: Tagebuch des Pfarrers von Lusern, Josef Pardatscher, in: Dar Foldjo (Zeitschrift der Gemeinde Lusern), Dezember 2008, S. 16. Befestigungswerke in den Gebieten Folgaria, Lavaone und Lusern: Werk Serrada, Werk Sommo, Werk Sebastiano, Werk Gschwent, Werk Lusern, Werk Verle und der Beobachtungsposten auf dem Pizzo di Levico (Spitz Verle). . Zur Bauzeit des Werks Lusern: Grestenberger nennt eine Bauzeit von 1907 bis 1910 in: Grestenberger, Erwin Anton: K.u.K. Befestigungsanlagen in Tirol und Kärnten 1860–1918, Wien 2000, p. 152. Dokumentationszentrum Lusern: Die Zimbrische Sprachinsel Lusern, Einblick in die südlichste der deutschsprachigen Gemeinden, 2. Auflage, 2002, p 39, p 71. Dokumentationszentrum Lusern: Folgaria, Lavarone, Luserna 1915–1918, Tre anni di guerra sugli Altipiani nelle immagini dell' archivo fotografico Clam Gallas Winkelbauer. Lusern, 2005, pp 97/98 und p 135. Zur neuen politischen Aufteilung nach dem Ersten Weltkrieg: Vertrag von St. Germain. .
Die Option 1939